Eier und Zähne

Ralf und ich waren einkaufen. Als ich zwei Päckchen Färbetabletten für Ostereier in den Wagen warf, sah ich ihn schmunzeln. „Warum lachst du?“ fragte ich und blieb stehen. „Naja, es erinnert mich an deine vielen Färbeaktionen mit denen du selten zufrieden warst.“, antwortete er.

Und ja, da war doch was…

Entweder waren die Eier nach dem Tauchbad im Färbemittel zu dunkel, zu hell oder hatten eine Färbung, die nun wirklich keinen Apettit auf ein hartgekochtes Ei machen. Und dann noch diese Metallicfarbe, die ich mal ausprobiert hatte. Man durfte sie nur mittels eines Plastikhandschuhs auftragen. In der Küche roch es wie in einer Chemiefabrik und nicht nur das: Die Farbe war äußerst klebrig, sodass ich irgendwann mit einem Ei im Handschuh in der Küche stand und laut nach meinem Mann rief. „Das Ei klebt mir am Handschuh fest!“ jammerte ich und Ralf hatte große Mühe, nicht laut loszulachen, um mich aus meiner misslichen Lage zu befeien. Ach ja, das war schon ein Erlebnis.

Was diese Färbetabletten angeht, habe ich echt eine Macke. Wie im Zwang kaufe ich sie immer wieder, obwohl ich sie dann doch nicht nutze. „Man kann damit Reiswaffeln färben, sodass sie aussehen wie eine Scheibe Wassermelone.“, versuchte ich meinen Mann zu begeistern. Der hatte allerdings schon bei dem Wort Reiswaffeln aufgehört, mir zuzuhören.

Im Kindergarten war es prima, solche „Buntmachertabletten“ in der Bastelschublade zu haben, denn für viele Expermimente eignen sie sich wirklich gut. Das Wasserflaschenxylophon kam bei den Kindern jedenfalls gut an und auch das Experiment, bei der wir mittels dieser Farbe einer weißen Nelke Farbe einhauchten, war ein toller Erfolg.

Während Ralf sich nun mit Stirnrunzeln sicherlich überlegte, wie er mich in ein paar Tagen nach blöden Eierfärbeunfällen trösten und aufbauen könnte, dachte ich an etwas ganz anderes zurück und das war die Grundschule…

Seit sechs Wochen ging ich in die erste Klasse der Johann Wolfgang von Goethe Schule. Alles in meinem neuen Alltag war noch schön und aufregend. Da kam es, dass wir Schüler*innen von unserer Klassenlehrerin Frau Koller dazu aufgerufen wurden, uns auf dem Platz vor der Turnhalle einzufinden. Ich bekam einen heftigen Schrecken, denn Sport stand doch gar nicht auf dem Programm und mein Turnbeutel lag irgendwo daheim herum. Als Kind der 1b wollte ich nichts falsch machen und nun stand ich da und schaute auf mich selbst herab… um gleich wieder ins Lachen zu kommen, denn ich hatte gerade bemerkt, dass ich die gleichen Anziehsachen trug wie bei meiner Einschulung. Mein schöner Pullover in Pastellgelb mit dem blauen Elefanten darauf, die hellblaue Cordhose mit dem Reißverschluss, an dem ein Kleeblatt baumelte. All das machte mich schon wieder fröhlich, und so reihte ich mich mit meiner Freundin Hand in Hand in die Schlange ein, um unserer Klassenlehrerin auf den Platz vor der Turnhalle zu folgen.

Als wir dort eintrafen, ging ein Raunen durch die Menge. Dort stand ein LKW mit einem angekoppelten Anhänger. Dieser Anhänger war ein großer Container und sah sehr spacig aus mit all den Sternen darauf. Was das wohl war? Wir rätselten untereinander und als das Tuscheln zu laut wurde, klatschte unsere Lehrerin in die Hände und sagte, wir sollen nun nach und nach zu zweit in den Container eintreten. Mein Mitschüler Daniel weinte. Er hatte Angst vor dem, was sich darin befinden könnte und auch mir wurde ein bisschen mulmig. „Kann ich nicht mit Daniel darauf warten bis die ersten wieder herauskommen?“ fragte ich Frau Koller und spürte ihre Hand in meinem Rücken mit der sie mich die Treppe hinaufschob. Vor mir waren schon vier meiner Klassenkamerad*innen im Inneren des Containers verschwunden. „Was ist, wenn das ein LKW von Außerirdischen ist und diese uns nun entführen wollen?“ fragte mich Daniel und sah dabei sehr blass aus im Gesicht. „Ach Quatsch mit Soße, die entführen doch keine Kinder aus der ersten Klasse!“ sagte ich und konnte dazu beitragen, dass sich seine Gesichtsfarbe kurz von weiß in hellrosa änderte. „Aaaaaber“, fuhr ich fort, „man sollte sich trotzdem ein bisschen doof stellen, denn vielleicht denken die, dass es unter uns Kindern welche gibt, die voll schlau sind und die haben sie bestimmt am liebsten“. „Essen die uns?“ „Nö, dafür kommen die den langen Weg nicht her. Das ist für die ja nur ein Happs und schon sind sie wieder hungrig. Die wollen nur wissen wie klug man ist.“ Und schon wieder wurde Daniel blass.

Durch meine eigene Phantasie hatte ich mich da so sehr reingesteigert, dass ich es nun wissen wollte! Was befand sich in dem Container? Mit festen Schritten erklomm ich die Metalltreppe und riet Daniel, sich gut an mir festzuhalten. Dann traten wir ein und sahen erst einmal: Nichts. Denn es war dunkel. „Riechst du das?“ fragte ich ihn, während ich schnüffelte wie ein Trüffelschweinchen. Doch Daniel hatte solch große Angst, dass ich es für besser hielt, meine Eindrücke für mich zu behalten, was mir äußerst schwer fiel.

Durch die Dunkelheit kam eine Gestalt auf uns zu. Das Gesicht konnte man kaum erkennen, denn der oder die jenige hatte dort, wo man den Mund vermutet, eine Maske auf. Daniel schrie ängstlich auf und hatte seine Hände so fest in meinem Pullover vergraben, dass ich kaum mehr einen Fuß vor den anderen setzen konnte. „Die Außerirdischen!“ kreischte er und machte sich hinter meinem Rücken klein. Ich konnte selbst gar nichts sagen, so gespannt war ich, was nun passieren würde.

Das Monstrum mit der Maske bewegte sich weiter auf uns zu, schüttelte uns die Hand und befahl, dass wir ihm folgen sollten, was wir sogleich taten. Die Bereiche des Containers waren durch Vorhänge abgetrennt, somit wussten wir nicht, was sich dahinter abspielte. Ich hörte meine Schulkameraden, die sich hinter dem Vorhang befanden und die Geräusche, die sie von sich gaben, waren nicht sehr beruhigend. Sie schrien, quiekten und sagten Sätze wie: „ Boah ist das gruselig!“ oder „ So rot?“

Die Person mit der Maske wandte sich an Daniel und mich und sagte etwas. Wir verstanden kein Wort. Gut für Daniel, denn der wollte gar nichts mehr hören. Und ich tat so, als wäre ich doof. Denn so richtig dumme Leute würde man da oben im Weltraum nicht haben wollen. Pah, wie klug ich doch war! Die Maskenperson jedoch schien ein wenig genervt. Sie schob mit einer Handbewegung ihre Maske hoch und gab sich als völlig normale Frau zu verstehen. „Hallo ihr beiden, ich bin Zahnarzthelferin und will euch mit meinen Kollegen etwas über gesunde Mundhygiene erzählen.“

Daniel war so erleichtert, dass ich Sorge hatte, er würde sich vor Entspannung nun einpieseln. „Ach wenn das so ist!“, rief ich großherzig und folgte ihr hinter den Vorhang. Dort waren viele Spiegel aufgebaut. Man sah ein Waschbecken, Plastikbecher und ein Licht, dass ich so noch nie gesehen hatte. Es war, wie ich Jahre später erfahren würde, ein Schwarzlicht. Die Aufgabe war leicht: Wir sollten uns eine rote Tablette in den Mund schieben, sie allerdings nicht runterschlucken, sondern im Mund so oft es geht hin und her bewegen. Na, soweit kommt’s noch, dass man Tabletten in den Mund nimmt, von denen man nicht weiß, was sie bewirken sollen. Ich war dagegen. Und dann erfolgte etwas, von dem ich nicht gedacht hatte, dass es möglich war: Angsthasendaniel legte sich die Pille auf die Zunge, machte komische Bewegungen mit seinem Mund und entblößte seine Zähne anschließend vor einem der vielen Spiegel. „Iiiiiih!“ rief ich, als ich sah, wie seine Zähne unter dem Schwarzlicht plötzlich sehr rot leuchteten. Er sah aus wie ein Werwolf im Kindergartenalter.

Nun verstand ich die Sätze der Kinder vor uns viel besser, und auch Frau Maske-Mundschutz erklärte uns nun, was der Sinn hinter dieser Aktion war. Zahngesundheit war das Stichwort. Mit dieser Färbetablette sollten wir sehen, wo wir unsere Hauer in Zukunft besser putzen könnten.

Ich gebe zu, ich war ein wenig enttäuscht. So viel Aufregung um solch ein Thema? Zahn- und Mundhygiene hatte ich von meiner Mutter bestens gelernt. Auf meiner Zahnbürste waren ein Regenbogen und das Wort Schatzi abgebildet. Es gab hier nichts, was ich nicht schon wusste. Ein bisschen beleidigt war ich schon. So viel Tamtam um nichts? Doch dann entdeckte ich unter dem Schwarzlicht, wie der Elefant auf meinem Pulli sensationell leuchtete. Man konnte sogar die Wassertropfen sehen, die er um sich herum spritzte. In der normalen Welt ohne das Licht konnte man das so genau niemals sehen! Ich war schwer begeistert und stand noch lange vor dem Spiegel, der eigentlich für ganz andere Erkentnisse bestimmt war. Irgendwann schmissen sie mich aus dem Container, denn sie wollten wieder nach Hause fahren oder fliegen. In den Weltraum oder in das Gesundheitsamt. Wer weiß ?

Nächste Woche also wieder Eierfärben. Mit Färbetabletten. Notiz an mich: Nicht in den Mund, sondern in die Essigsoße müssen die Tabletten.

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