Sturmtief oder: Warnstufe gelb, gelb, gelb

Zu aller erst: Ralf ist ein Küstenkind. In Lübeck an der Ostsee geboren, weiß er, wie man mit dem Wetter umgeht. Das beinhaltet allerdings nicht, seine Frau mit entsprechender Kleidung zu beschenken. Als neues Licht an der Küste (Zugezogene) wollte ich immer einen gelben Regenmantel haben. Einen der innen blau gefüttert war und außen wachstuchähnlichen Stoffes und eben gelb. Das gute Teil kam wenig später mit der Post. Die Freude war schnell vergelbt. Innen war die Jacke nicht blau gefüttert. Eigentlich war sie gar nicht gefüttert. Sie sah verhungert aus. Von innen. Ich drehte und wendete sie mehrere Male, weil ich dachte, es sei vielleicht doch eine Wachstuchtischdecke. Aber zieht gelb nicht die Mücken an? Ich rätselte.

Dann kam der erste Sturm, den ich als eingebürgertes Nordlicht erleben durfte. Stündlich informierte ich mich darüber, was zu tun sei und was man lieber lassen sollte. Eine Checkliste half mir bei den Vorbereitungen. Alles, was auf dem Balkon lose rumliegt, reinholen. Check. Nicht unter Bäumen hergehen. Check. Sein Auto nicht unter Bäumen parken. Check. Wäsche reinholen. Check. Mülltonnen festmachen. Ääääää…ach da wird schon nix passieren. Ich muss dazu sagen, dass ich mich da schon eine Stunde lang zu Hause befand, denn mein Büro lag an der Wasserkante. Alle Nachbarn zogen die Schotten hoch und „verrammelten“ ihre Läden, in dem sie die Holzbretter in die Aufhängung vor ihren Türen festmachten. Schotten dicht.

Ich fühlte mich gut gewappnet und bestens vorbereitet, als mein kranker Nachbar plötzlich klingelte und fragte, ob ich ihm etwas aus der Apotheke besorgen könne. Er dachte wohl, ich sei eh schon unterwegs, denn ich hatte bereits meine gelben Gummistiefel an. Warum ich die trug, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil ich gut gerüstet sein wollte?

Ich freute mich, ihm helfen zu können und noch mehr, meine gelbe Regenjacke endlich ausprobieren zu können. Der Moment war gekommen: Ich holte das gelbe Teil aus dem Schrank, schlüpfte hinein, zog den Reißverschluss hoch und ……..hatte plötzlich den Reißverschlusszieher in der Hand. Ja logisch, wo sonst, werdet ihr denken. Er war aber nicht mehr an der Jacke. Ich hatte nur noch diesen, wie heißt es denn? Diesen Zipper in der Hand. Das war ziemlich blöd, denn ich konnte die Jacke nun nicht mehr öffnen. Aber da ich ja eh zur Apotheke wollte, war das nicht so schlimm. Ich könnte mich später noch darum kümmern, wieder aus der Jacke zu kommen.

Mit dem Wissen, etwas Gutes für den Nachbarn zu tun, stiefelte ich glücklich die Treppe hinunter, öffnete die Haustüre und bekam einen ersten Eindruck des Sturmes, denn die Tür ließ sich nur mit Mühe öffnen. Als ich es schaffte, durch einen Spalt hinauszuschlüpfen, krachte sie sogleich wieder zu. Sie spuckte mich quasi aus und rief mir hämisch ein „Viel Glück“ hinterher. Schnelles Tasten an der Rocktasche folgte. Hatte ich meinen Schlüssel eingesteckt? Hach gut, er war da. Also stapfte ich los.

Die erste Windböe erfasste mich und ich blieb kurz stehen, um sie auszuhalten. Ich kam mir ein bisschen so vor, als würde ich auf einem Motorrad sitzen und bei voller Fahrt kurz das Visier des Helmes öffnen: Zu viel Luft strömte mit irrer Geschwindigkeit in meine Lungen. Als die Böe weg war, grinste ich und sagte mir in Gedanken Sprüche auf, die ich hier im Norden schon so oft gehört hatte: „Wind ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben“, „Watt mut, dat mutt“ usw. Dann kam die zweite Böe und ich überlegte ernsthaft, mich an einem Laternenpfahl festzuhalten. Auch überstanden. Die dritte Böe allerdings tat etwas, mit dem ich so gar nicht gerechnet hatte… Sie blies mir so heftig in den gelben Regenmantel, dass dieser plötzlich in der Mitte aufriss.

Als Erzieherin, die jahrelang in Kindergärten tätig war, kannte ich das Phänomen. Reißverschluß ist zu, aber mitten drin in der Linie reißt die Jacke auf. Ich erschrak, während die Bauarbeiter, die mich gerade beobachteten, schmunzeln mussten. Da stand ich nun im Sturm und sah aus wie eine Banane, die man gerade aus der Schale befreit hatte! Man muss sich das mal vorstellen: Der Wind kam von vorn, weswegen ich gebückt ging, und dann reißt die Jacke in der Mitte des Körpers auf. Ich wusste nicht mehr, wo ich meine Hände haben sollte. Nur noch ein paar Schritte bis zur Apotheke. Dort wurde ich gefragt, ob ich zu der Rezeptabholung noch ein paar Traubenzucker haben wollen würde. „Das ist lieb von Ihnen, aber heute nix gelbes mehr.“ sagte ich und schob die Traubenzuckerbonbons mit Zitronengeschmack wieder zurück. „Ach, obwohl, für meinen Nachbarn dann doch.“ sagte ich, zog mir wieder die gelbe Kapuze über und entschwand durch die Tür, um endlich nach Hause zu gehen. Die Bauarbeiter schmunzelten erneut, als ich an ihnen vorbei ging und ich konnte es ihnen nicht verübeln.

Als ich wieder zu Hause war, versuchte ich mich aus der gelben „Wachstuchtischdecke“ zu pellen. Das war nicht so einfach, denn auch, wenn der Reißverschluß total versagt hatte, hatte ich keinen „Griff“/ keinen Zipper mehr, um die Jacke oben und unten zu öffnen. Ich hüpfte und strampelte, schimpfte und fluchte und hatte mich nach gefühlten zehn Minuten befreit. Bei der TV Show „Let´s Dance“ hätte ich mit dieser Nummer vielleicht sogar noch einen Preis gewonnen. Ich knüllte das gelbe Ding zusammen und schmiss es in die letzte Ecke meines Schrankes.

Befreit und zufrieden und brachte ich dem Nachbarn die Medikamente, bevor ich mich selbst auf meine tolle Holzbank begab. Diese hat mir Ralf selbst gezimmert nach Vorbild der dänischen Häuser, in denen man gerne mit Kissen auf der Fensterbank sitzen kann. Unsere Fensterbänke sind sehr schmal, deswegen ist diese selbstgebaute Verlängerung mit Kissen von Ralf einfach wunderbar. Ich konnte nun mit einer Tasse heißen Tee auf einer Bank vor dem Fenster zuschauen, was die Natur so treibt.

Fazit: An diesem Tag flogen gelbe Säcke über die Straßen und behinderten Autofahrern die Sicht. Die Deckel der Altpapiertonnen gingen auf und zu, was zur Folge hatte, dass Zeitungen quer durch die Gegend flogen. Bei dem Sturm auf Fanø war ich froh, dass Ralf so umsichtig war und alles im Garten fest machte. Insbesondere die Fahrräder, den Heckträgers für die Räder und andere Dinge, die plötzlich fliegen könnten. Gartenstühle, Tische…

Nach diesem Debakel mit dem gelben Regenmantel habe ich von Ralf ein wunderschönes, aber auch (für uns) teures Stück zum Geburtstag bekommen. Meinen roten Mantel mit weißen Punkten (innen gefüttert) trage ich bei Wind und Wetter stolz wie Bolle.

Passt gut auf euch auf. Jeden Tag – nicht nur bei Sturm.

Herzlichst

Steph

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