Schwimmbad Rattatong

Original-Steph-Bild von 1984

Der Sommer ist vorbei und auch wenn er gerade noch ein kurzes Gastspiel gibt, denke ich an die Zeit zurück, als ich Kind mit Freunden den Sommer über gefühlt jeden Tag im Schwimmbad war. Ich hatte wie fast jedes Kind eine Saisonkarte die – anders als die Busfahrkarte oder der Schulatlas – von mir gehütet wurde, wie ein wertvoller Schatz.

Der erste Ferientag war da und schon ging es ans Tasche packen. Badeanzug, Bastmatte, Handtücher, Duschgel und ein bisschen Kleingeld für die obligatorischen Pommes reichten, um uns als Kinder glücklich zu machen. Die Bastmatte besaß fast jeder. Sie roch ein wenig nach altem Stroh und hatte eine türkise Umrandung. Außerdem war sie Ausdruck dafür, kein Kleinkind mehr zu sein. Denn wer wollte von den gleichaltrigen Freunden ausgestreckt auf einem Micky Maus Handtuch liegend gesehen werden?

Die Strecke zum Schwimmbad führte durch ein kleines Waldstück, in dem ein einzelnes Haus stand. Dort befand sich eine Gaststätte mit dem irreführenden Namen „Zum Fuldablick“. Zur Fulda konnte dort keiner blicken, denn das Haus stand ja im Wald. Das war uns aber egal, denn unsere ganze Aufmerksamkeit galt der Rückseite des Gebäudes, genauer gesagt dem kleinen Fensterchen, welches sich rasch öffnete, wenn man die Klingel betätigte. Genau unter dem Fenster im Inneren befand sich nämlich die Eistruhe mit all ihren Schätzen. Ich kann mich an keinen Heimweg vom Schwimmbad erinnern, bei dem wir nicht dort Halt machten.

Zunächst galt unsere Begeisterung allerdings dem Freibad. Am kleinen Kassenhäuschen musste man seine Eintrittskarte zeigen und trotzdem warten, denn es gab immer Menschen vor einem, die keine Saisonkarte hatten und somit mühsam ihr Kleingeld aus der Tasche kramen mussten. Hippelig wie ein Duracellhäschen mit frischen Batterien im Gehäuse trippelte ich aufgeregt auf der Stelle und konnte es einfach nicht erwarten, das Drehkreuz zu passieren. Die Geräusche des Bades werde ich nie vergessen. Das „Rattatong“, wenn jemand vom 3 Meter Brett sprang, die juchzenden Schreie der Spaß habenden Kinder, die Pfiffe des Bademeisters, wenn mal wieder jemand vom Beckenrand sprang. Irgendwo ging immer ein Fön an, Beflippfloppte Füße gingen quietschend durchs Gelände, es roch nach Chlor und Sonnencreme. Das Leben war schön.

Wenn man die beste Freundin erblickt hatte, breitete man die Matte neben ihrer aus, zog sich um und rannte durch das dichte Gras endlich Richtung Wasser. Dabei wurde man kurzzeitig ausgebremst, denn jeder Weg zu allen Schwimmarenen führte durch ein kleines Becken, in dem eiskaltes Wasser und eine Dusche stand. Tausende Grashalme, die darin schwammen, zeugten davon, dass wir nicht die ersten waren, die heute hier schwimmen gehen wollten. Wie Störche staksten wir durch die kalte Brühe, um uns anschließend wie die Irren ins große Wasser zu werfen. Wir rutschten, sprangen, tauchten, glucksten und jubelten.

Eine Stunde später standen wir mit blauen Lippen auf der Bastmatte und versuchten darauf nicht auszurutschen, während wir uns schnell den zweiten, trockenen Badeanzug anzogen, um anschließend am überdachten Schwimmbadkiosk eine Portion Pommes oder eine Tüte Waffelbruch zu kaufen. Der Waffelbruch war wirklich toll. Eine total verklebte Masse mit ein bissi Waffel dazu. Als hätte man ein paar Schaumküsse einfach ein paar Wochen in der Sonne stehen gelassen und eingetütet. Badelatschen hatten wir nicht, denn diese nicht zu tragen galt für uns als der Inbegriff der Freiheit. Sätze wie: “Ich habe mir nicht die Füße an der Antifußpilzdusche abgesprüht!“ ließ uns als Rebellen da stehen, die wir gerne sein wollten. Da gehörte es nun mal dazu, dass man mit nackten Füßen über wetschelige Pommes lief, die einem anderen vorab aus der Tüte fielen. An diese Tüten erinnere ich mich so gut. Sie waren aus Papier. Noch zitternd vom langen Bad standen wir an diesem Kiosk und warteten ungeduldig darauf, dass die Pommesfrau uns die heißen Fritten in die kleine Dreieckstüte füllte. Mit einer Hand hielt ich die Tüte, mit der anderen beschützte ich sie, damit auch ja nix dieser wertvollen Nahrung auf dem Weg zurück zur Badematte auf der Wiese verloren ging.

Nach dieser leckeren Mahlzeit, die wir schon deswegen so liebten, weil es daheim selten so was Ungesundes gab, cremten wir uns gegenseitig mit Sonnencreme ein. Das diente eigentlich mehr der erzieherischen Moral, denn längst hatten wir beschlossen, uns wieder ins Wasser zu stürzen, obwohl das ja eigentlich verboten war. Wenn man alleine mit der Freundin im Freibad ist, sich also ohne erwachsene Person mal ganz cool fühlen kann, dann lässt man ein paar Dinge Revue passieren. Was habe ich heute alles getan, was ich tun sollte? Was tat ich, was ich nicht tun sollte? Barfuss über Pommes laufen, die Desinfektionsfußdusche ignorieren, trotz blauer Lippen im Wasser bleiben… die Liste der gebrochenen Gebote war schon ziemlich lang für erst eine Stunde Aufenthalt, deswegen cremten wir uns wenigstens mit Sonnencreme ein.

Wir brauchten keine Uhr, um zu wissen, wann wir gehen mussten. Dafür gab es Anzeichen: Wenn in dem Duschbecken das eiskalte Wasser warm und kaum noch zu sehen war, weil inzwischen 100qm Wiese dort drin rumschwamm zum Beispiel. Wenn man wusste, dass es heute keine zweite Portion Pommes rot-weiß geben würde, weil der Kioskbetreiber die Stühle, deren Sitzfläche aus Gummibändern bestand, schon zusammenschob. Eindringlichstes Zeichen für den eigenen Abgang war jedoch der kleine braune Haufen, der irgendwann im Nichtschwimmerbecken mit der tollen Rutsche einsam seine Runden drehte. Dann war es Zeit für den Nachhauseweg, welcher wieder durch den Wald führte.

An der großen Eistafel an der Rückseite des Gebäudes „Am Fuldablick“ studierten wir zunächst intensiv die Angebote und zählten das übrig gebliebene Geld, bevor wir uns entschieden. Dazu hatte uns die Kioskfrau fremd erzogen. Sonst war es nämlich so, dass wir wie verrückt die Klingel betätigten, unwissend, dass sie dieses Eisfenster nicht hauptberuflich bediente. Die Sonne scheint, damit wir es warm haben, dachten wir und verloren keinen Gedanken daran, dass diese kleine Luke nur ein Miniverdienst für das Geschäft war. Hinten in der Kneipe waren Kunden, die mehr konsumierten, als 30 Pfennige für ein Minimilk-Eis. In unseren Anfangszeiten klingelten wir sie uns zum Fenster und wenn sie dann gelangweilt fragte, was wir wollen, fuhren wir im Zeitlupentempo über die Eistafel und überlegten… Ihre Brillengläser waren längst beschlagen, denn die Kühltruhe stand bereits offen. Ich weiß nicht warum wir so lange überlegen mussten. Auf der Eistafel war doch schon lange folgendes klar: Alles was oben links und rechts in der Ecke stand, war sündhaft teuer. Das waren Eisbecher mit echten Kirschen und Waffeln aus Plastik. In der Mitte waren Fotos von Eissorten abgebildet, die man meist nicht mochte. Dolomiti oder Flutschfinger oder irgendwas mit Obst drin. Mein Begehr war meist das Ed von Schleck, aber auch bei einem Twister oder Braunem Bär war ich nicht abgeneigt. Leider reichte das Restgeld vom Schwimmbad bei mir nur noch für ein Minimilk. Aber bei guten Freunden darf man ja gerne auch mal für ’ne Minute deren Eis halten, während sie das Portmonnaie wieder in ihrer Tasche verstauen.

Die Eisfrau hatte uns in all den Jahren gut erzogen. Wir wussten, dass wir sie erst herbeiklingeln durften, wenn wir wussten, was wir wollten. Und dann ging auch alles immer sehr schnell. Ringeling, Ritsch ratsch bumm klack. Übersetzt: Wir klingelten, sie kam herbei, zog das Fenster hoch, öffnete die Eistruhe, gab uns das Gewünschte und zählte das von uns bekommene Geld, um es klimpernd in die Kasse fallen zu lassen.

Der Heimweg war stets schön.

Was mir dabei auffällt: Nach einem Tag im Freibad waren wir nicht mehr hibbelig, aufgeregt und voller Energie. Schon bei der Eisfrau auf dem Nachhauseweg konnten wir plötzlich abwarten, denn sie erschien nicht immer auf das erste Klingeln hin. Es war, als hätten wir uns an jenen Tagen komplett allem hingegeben, was unser Körper, unsere Energie hergab. Alles rauslassen. Keinen Gedanken an die Schule, den Lernstress, nicht gemachte Hausaufgaben und dem Schulatlas. Von der Busfahrkarte ganz zu schweigen

Es waren immer schöne Sommer mit rattatong, vor Freude quietschenden Kindern und dem Eis auf dem Nachhauseweg.

4 Kommentare zu „Schwimmbad Rattatong

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