Fitness in Pink

Vor einigen Jahren bekam ich Post von einem Fitnessstudio, welches seine erste Filiale in der Stadt eröffnen wollte. Fitness für Frauen. Eigentlich wäre dieser Werbebrief ein Fall fürs Altpapier, aber die anbei liegende Gewinnkarte + der baldige Urlaub auf Fanø + der Gewissensengel und auch der Geldmangel machten es mir schwer, da NEIN zu sagen. Breit gequatscht von meinem Engel im Kopf füllte ich die Gewinnkarte aus und suchte nach einer Briefmarke. „Das Schicksal steht wohl nicht auf Bewegung.“, dachte ich, als ich keine passende Marke fand. Ich ließ mich süffisant lächelnd aufs Sofa fallen, steckte die fertig ausgefüllte Karte in den Zeitschriftenstapel und streckte die Beine aus. Das war wohl nix.

Dann fand allerdings mein mit einem guten Ordnungssinn ausgestatteter Mann die gut versteckte Karte in dem Zeitschriftenstapel, klebte eine Briefmarke drauf und schickte die blöde Karte weg. Als Hauptgewinn wurde eine einjährige kostenlose Mitgliedschaft angepriesen, na denn….?

Eine Woche später rief mich eine Mitarbeiterin des Studios an. Ich hätte zwar noch nichts gewonnen (das Gewinnspiel endete erst nächste Woche), aber sie würde mich gerne einladen, um mich mal kostenlos im Studio umzusehen. „Mittwoch um 15:00 Uhr?“

Mittwoch 15 Uhr. Vor dem Eingang des Studios hängen pinkfarbene Luftballons. Auf einem Schild daneben steht „15% Ermäßigung wenn Sie sich heute noch anmelden!“. Daneben sind rosa Herzchen gemalt. Ich mag das nicht. Es ist mir zu klischeehaft. Pinke Ballons und rosa Herzchen, um die Frauen ihn dieses Studio zu locken. Um mich zu ködern, hätten sie Schweineschnitzel auf jede Treppenstufe legen müssen! Panierte wohlbemerkt. Nach 20 Treppenstufen und mindestens 30 pinken Ballons stehe ich vor der Glastür und entdecke in einem fast leeren Studio zwei Mitarbeiterinnen hinter einem sehr großen Schreibtisch. Außer den beiden ist keine Person dort zu sehen. Nur ein paar Fitnessgeräte, flauschige Teppiche in pink und Orchideen schmücken – ausser den beiden Frauen – den Raum. Als wäre ich Claus Strunz der Fitnessguru schauen mich beide plötzlich erschrocken durch die Glastür an. Mit Besuchern hätten die beiden wohl nicht mehr gerechnet, denke ich hämisch, doch dann erkenne ich den wahren Grund ihrer Aufgeregtheit: Eine der beiden versucht schnell eine Tüte vor mir zu verstecken. Es ist eine Tüte vom Bäcker. Es gelingt ihr zwar die Tüte schnell zusammenzuknüllen und in den Papierkorb unter sich zu werfen, aber die Puddingschnecke die darin war und die sie nun auf ihrem Schoß balanciert, habe ich längst erkannt. Außerdem hat der Papierkorb Löcher und ich kann die Tüte darin immer noch genau als die von Bäcker Leck – wo alles schmeckt – erkennen.

„Pause muss ja jeder mal machen.“, sage ich gönnerhaft und gebe ihr Zeit, damit sie ihren Mund leerkauen kann. Sie will fachfrauisch wirken und schlägt den Wochenplaner auf. „Ich muss jetzt erst mal nach ihrem Termin schauen.“, sagt sie und starrt auf die leeren Seiten des Wochenplaners an dem nur unter dem Wochentag Mittwoch ein Termin – nämlich meiner – steht.

Wir setzten uns auf die Stühle zum Gespräch. Sie fragt mich, ob ich was trinken möchte. „Gerne!“, sage ich und wirke sehr brav. „Was möchtest du denn trinken?“ Da es für ein Bier noch zu früh ist und sie Sekt wahrscheinlich nur zum Tag der offenen Tür ausschenken, sage ich, dass ich gern ein Wasser hätte. „Wir haben hier auch gar nichts anderes.“, lacht sie laut los und ich lache mit. „Hat hier jemand etwa Wasser besteeeeellt?“ fragt ihre Kollegin aufgeregt, reißt ihre Augen weit auf und kichert wie ein Teenager, der gerade seinen Schwarm entdeckt. So, wie sie es sagt, könnte man meinen, es sei der Geheimcode für den Stripper, der gleich aus einer Torte springt. (Hat hier etwa jemand einen Polizisten bestellt?) Dabei schenkt sie uns nur Wasser aus einem Krug ein, der aussieht wie eine Blumenvase. Mit den Worten „Ich lass euch dann mal allein.“ verlässt sie das Zimmer und ich bin allein mit Frau Fitti.

Sie beginnt die Fragestunde und unser Termin endet fast, bevor er wirklich begonnen hat. Sie fragt: „Waren Sie schon einmal in einem Fitnessstudio?“, und als ich verneine, fragt sie mich fast schon provozierend: „Warum nicht?“ „Weil ich kein Geld dafür habe.“ „Aber wofür arbeiten sie dann?“ Im Ernst? Das ist ihre Frage? Ich könnte jetzt zwei Dinge tun: 1. gehen. 2. Eine langatmige Debatte mit ihr führen, warum man arbeiten geht. Ich entscheide mich für die abgespeckte (hihi, Speck) Variante und sage: „Ich arbeite in einem sozialen Beruf, da verdient man nicht die große Kohle – diese Arbeit leistet man aus Idealismus und Leidenschaft.“ Frau Fitti nickt gekünstelt verständnisvoll. Seit sie weiß, was ich beruflich mache, lässt sie in jeden ihrer Sätze das Wort SOZIAL einfließen. „Wir sind hier alle so sozial, ich zocke keinen ab, dafür bin ich zu sozial…usw. Während sie so vor sich hinredet, überlege ich, was passiert wäre, hätte ich gesagt, ich wäre Metzgereifachverkäuferin. Hätte sie dann gesagt: „Wir lieben Fleisch, unsere Fitnessgeräte nennen wir scherzhaft Schlachtbank, überhaupt lieben wir dicke Schenkel!“ ?

Wir sind beim Preis angelangt und der Traum eines gestählten Körpers verfliegt, denn Frau Fitti verlangt Unsummen von wöchentlich 20 € plus eine Anmeledegebühr von 299 € dafür. Weil sie merkt, wie ich Schnappatmung bekomme und mir mit ihrem Flyer Luft zufächle, wendet sie das an, was sie wahrscheinlich in ihrem einwöchigen Fortbildungsseminar gelernt hat. Sie macht einen auf Kumpel und sagt Sachen wie: „Für dich mache ich jetzt eine Ausnahme.“ und „Mir egal, was mein Chef dazu sagt, aber du bekommst jetzt einfach 30% Ermäßigung!“ („…und weil ich heute so großzügig bin, gibt’s noch ’nen Gummibaum mit drauf!“, ergänze ich in Gedanken…

Ich kenne solche Sprüche sonst nur von Autoverkäufern… Wir vereinbaren, dass ich mich am Freitag bei ihr melde. An besagtem Freitag bin ich total aufgeregt, denn ich weiß, dass ich nicht zu ihr in das weichgespühlte Studio will. Ich mag keine Studios nur für Frauen. Das ist, als würde man jedem Mann suggerieren, dass er ein gaffend blaffender Typ sei, der sich nur ins Fitnessstudio begibt, weil er Frauen begaffen will. Zudem mag ich es nicht, dass die es sich so einfach machen und denken: „Pink liebt jede Frau – ja genau, und dazu noch Herzen in rosa – genau – wir sind so super!“ Kreisch…

Ich wusste also , dass ich die Fitnessfrau am Freitag nicht zurückrufen wollen würde. Aber was war mit ihr? Wenn ich nicht anrief, würde sie mich anrufen und ich müsste ihr eine Absage erteilen. Das könnte ich auch nicht. Ich bat Ralf um Hilfe. Er sagte , dass sie es schon merken würde, wenn ich nicht zurückrief. War er wirklich so naiv? Die Frau würde doch Provision bekommen und allein deswegen nicht so schnell aufgeben. Hach, sie würde am Samstag bei uns auf der Matte stehen und fragen warum – wieso – weshalb – ich keine Kundin werden würde. „Sie hat doch meine Adresse!“, rief ich halb verzweifelt.

Doch dann hatte ich DIE Idee: Ralf sollte ihr einfach sagen, dass ich eine Halbirre sei, der man keinen Vertrag anbieten dürfe, da ich Fitnessstudios gandenlos ausnehme. Das wollte er nicht.

War aber auch egal, da sich Frau Fitti nicht mehr gemeldet hat. Eine Freundin, die noch nie schwanger war und trotzdem einen hübschen Bauch hat, sagte mir: „Ich werde doch nichts an meinem Bauch ändern – weißt Du, was der mich gekostet hat?“

Ich fang‘ jetzt trotzdem mal an mit den Sit-Ups. Nur für mich. Es ist schön, dass mich alle (Ralf vor allem, aber auch alle meine Freunde) mich nie an meinem Gewicht messen.

Allerliebste Grüße Steph

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