Frühjahrsputz

„Wollen wir am Montag nicht mal einen Frühjahrsküchenputz unternehmen“? fragte ich Ralf und bekam ein Kopfnicken zur Antwort.

Am Freitag hatte ich mich für diese Idee noch selbst bejubelt, doch jetzt am Montag stand mein innerer Schweinehund „Piggy“ neben mir und beleidigte mich unentwegt. „Hey Frau was stimmt nicht mit dir, hää? Hast du sie noch alle? Wir könnten schön auf dem Sofa chillen, aber nein… Sag mal was soll der Mist?“ Piggy, der eigentlich Fat Pig heißt, war außer sich und je länger ich ihm zuhörte, konnte ich es selbst nicht fassen, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Wie war es eigentlich dazu gekommen? WIE? WIE? WIE? Ich überlegte. Und schwupps, kam mir die letzte Feierlichkeit in unserer Wohnung wieder in den Geist zurück. Wie ich auf einem Stuhl stand, um dieses Tortendings vom Küchenschrank zu holen….Wie meine Schwiegermutter mit einer selbstgebackenen Torte in der Hand hinter mir stand und mir bei meinem Bergungsversuch dieses Tortendings erwartungsvoll zuschaute… wie ich das Tortendings nicht vom Schrank bekam, weil es, ACHTUNG, festklebte. Mein Gott, war mir das peinlich. „Ähem, du kannst dich ja schon mal ins Esszimmer setzen, ich mach das schon.“ sagte ich. „Und was ist mit der Torte?“ „Ja, ach, die kann sich auch setzen, ich kriege das schon hin“. Die Verwirrtheit über das festgeklebte Tortendings hatte mir den Verstand vernebelt. Oder gar verklebt? 😉

Wir sind ein sauberer Haushalt, das sei mal vorneweg gesagt. Unsere Altbauwohnung mit hohen Decken, Stuck an den Wänden und Holzdielen, putzen wir jede Woche. Jedoch meist in Körperhöhe und wir sind nun mal kleine Leute. Im Ernst, die Ablagefläche auf dem Schrank unserer Einbauküche hat mich bisher wenig interessiert. „Dass es da oben zu klebrig zugeht, zeugt davon, dass ich ja auch immer so viel leckeres Essen koche!“ sagte ich und drehte mich zu meinem hageren, äußerst dünnen Ehemann, der irgendwie hungrig aussah, um und sah, dass er mir schon wieder bejahend zunickte. 😉

Am Montag standen all die Dinge, die wir für den frühlingshaften Putz gekauft hatten, wie Mahnmale vor mir auf dem Küchentisch. Der extrastarke Fettlöser in der praktischen Sprühflasche, die noch harten gelben Putzschwämme, die erst nach ein paar mal Nutzen bequem in der Handhabung sind – dann aber ausgetauscht werden müssen, die weichen Tücher und Küchenrollen. Nicht nur die oberen Schränke, nein die ganze Küche sollte nun auf links gedreht werden. Alles raus, alles auswischen, ausmisten und neu einräumen. Es würde also auch eine neue Chance werden können, endlich mal alles neu zu ordnen und mehr Platz zu haben. Ein klitzekleines Gefühl von Motivation keimte in mir. Um mich bestens einzustimmen, gab es zum Frühstück ein Brot mit Honig. Schön klebrig wie der Küchenschrank

Während Ralf mit dem extrastarken Fettlöser in der Sprühflasche, einem Tuch und Schwamm auf die Leiter stieg (jaaa, wir sind wirklich klein, aber unsere Decken auch wirklich hoch), räumte ich die Schränke aus.

Nach dem ersten hatte ich schon keine Lust mehr. Das Schwein sprach wieder mit mir. Ob ich das mal meinem Therapeuten melden müsste?

Es boxte mich in die Seite und flüsterte mir ins Ohr, wie schön man jetzt doch den ganzen Kram sich selbst überlassen könne. „Naa, Sofa?“ fragte es mich und klimperte mir mit seinen Schweinewimpern fast schon verführerisch zu. Ich blickte zu Ralf, der auf der Leiter stehend schwer beschäftigt war, die oberen Schränke zu säubern und wußte, dass ich ihn nicht alleine lassen wollte. Wir würden das schon schaffen. 🙂

Beim Ausräumen der Schränke kam einiges zu Tage, was mir entweder unbekannt oder zu bekannt war. Am meisten ärgerte ich mich über Dinge, die wir nie benutzten, aber denen wir dennoch Platz einräumten. Ich kann an keinem Finger abzählen, wann wir mal das Waffeleisen in der Nutzung hatten. Der Sandwichmaker hingegen war in ständigem Gebrauch und stand ganz hinten, wo man schlecht ran kam. Ich erinnerte mich, wie in unserer Familie einmal eine Diskussion aufbrach, in der es um Küchengeräte ging, die man sich anschaffte, aber irgendwann nicht mehr benutzte. Es fielen Begriffe wie: Zentrifuge, Besteckkarussell, Friteuse, elektrische Kaffeemühle, Nudelmaschine, Bohnenschneider und Zwiebelhacker. „Oder denkt nur mal an den Ananasschneider!“ rief ich, um auch etwas zur „Dinge die man nicht mehr braucht- Runde“ einzuwerfen. „Ähem, den Ananasschneider habe ICH euch mal geschenkt.“ sagte meine Schwiegermutter und brachte die Runde zum Schweigen. Alle starrten mich an. Die Stille, die entstand, war hörbar. „Ach sooooho, ich dachte, wir reden über Sachen, die heute unverzichtbar sind.“ versuchte ich mich zu retten, aber nein, die Party war vorbei. Der Drops gelutscht. Die Messe gelesen. Der Wal geritten. Der Zug abgefahren. Aber zum Glück war noch Kuchen da, denn ich mir schließlich alleine einverleibte

Zurück zum Küchenchaos und Frühjahrsputz. Ich fand Partyspieße mit bunten Papageien, verschollen geglaubte Keksdosen, die Anleitung für unsere Heizung, den berühmten Ananasschneider und einen Schüttelbecher ohne Deckel. Was soll man mit einem Schüttelbecher ohne Deckel anfangen? Zack, flog dieser schon mal in den Mülleimer. Es folgten weitere Dinge wie ein abgelaufenes Gewürz, Teebeutel, eine nicht mehr zu reparierende Eieruhr und anderes. Der Platz im Schrank wuchs plötzlich und feuerte mich an weiterzumachen. Ralf war mit seiner Leiter auch schon ein gutes Stück weiter gekommen und hievte die vielen Glasvasen vom Schrank die wir alle schnell mal in die Spülmaschine steckten.

„Hey, das geht ja flott wie´s Brezelbacken!“ rief ich in Richtung Ralf, der da oben wienerte, als wäre er der Barkeeeper einer Nachtbar. „Probleme? Ich bin ein guter Zuhörer1!“ Hahaha.

Das Chaos wurde weniger, der Mülleimer voller und die Schränke leerer.

Ich arbeitete mich zu unserer Gruschelschublade vor. Kennt das jemand? Hat noch jemand so etwas? Ich habe diese Idee von meiner Großmutter und brauche immer eine Gruschelschublade, in der sich alles findet: Adressbuch, Haushaltsgummis, Jojo, Kreisel und eine Ü-Ei Figur, Geschenkband, Blumensamen, Ostereierfärbetabletten, beschriftbare Etiketten, Zauberstift, Flummi und anderes Zeug. Ich öffnete diese lustige Schublade, um sie gleich wieder zu schließen, denn hier heraus würde ich alles noch gebrauchen können! Aber was war das? Etwas Unbekanntes, leuchtend gelbes fand sich darin. War das ein Deckel? Oh ja, es war der Deckel des Schüttelbechers. Wo hatte ich den noch hingetan…? Tja, manchmal sollte man nicht so übereifrig an die Dinge rangehen.

Am Ende des Tages war alles so sauber, dass ich am liebsten eine Stadtrundführung durch unsere Küche angeboten hätte. Aber wer will schon sehen, wie es auf dem Schrank glänzt? Trotzdem fand ich den Gedanken lustig, eine solche Tour zu moderieren. „ Und hier, meine Damen und Herren, sehen Sie eine unberührte Gruschelschublade aus dem Jahr 2009. Fast unberührt trotz ständiger Benutzung. Man kann nicht zählen, wie viele Kinder durch Inhalte dieser Schublade glücklich wurden. Wenn sie mir weiter folgen würden…dieses Nudelholz mit der Inschrift „Female Trouble“ wurde von der Besitzerin nur zum Ausrollen von Keks oder Kuchenteig genutzt, denn sie lehnt jegliche Formen der Gewalt strikt ab. Im nächsten Schrank finden sie einen Eierschneider in Gitarrenform, gleich neben den Untersetzern in Mini Schallplattenform, da der Besitzer ein großer Musikliebhaber ist. Wenn ihnen die Führung gefallen hat, dürfen sie sich noch eine Kleinigkeit aus der Gruschelschublade aussuchen oder etwas hineintun.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 😉 🙂 😉

Nachtrag: Nächste Woche ist das Esszimmer dran. Und wenn es Sommer wird, werde ich jeden Tag Ananas essen, um diesen tollen Schneider zu benutzen Dem Schüttelbecher weine ich nicht hinterher, eher dem leckeren Vanille- Roibuschtee, der schneller abgelaufen war, als ich dachte. Wir haben es geschafft, und auch wenn Ralfs Haut sich von den Händen pellte, da der extra starke Reiniger sicher nicht ohne Handschuhe benutzt werden sollte, so sind wir kaputt aber zufrieden mit dem was wir geschafft haben. – Ende- vorerst

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s