Geräusche aus dem Hinterhof oder: So riecht der Frühling

Seit mehr als 14 Tagen werden wir hier im Norden täglich mit Sonnenschein und warmen Temperaturen beschenkt. Die Ostsee sieht aus, als hätte jemand Diamanten darüber gestreut und alles, wirklich alles ist einfach nur schön. 😉

Zum einen können wir wieder barfuss laufen. Die Sockenschublade bleibt seit Wochen unberührt und manchmal, in der Nacht, höre ich die geringelten und gepunkteten, die bunten und unifarbenen Strümpfe leise jammern. Ralf sagt zwar, ich spinne, aber ich denke, er hört nur nicht richtig hin. ❤

Barfuss laufen ist super, hält allerdings auch einige Gefahren bereit. Wir leben in einer Altbauwohnung mit Stuck an den Decken und Holzböden, die knarren, wenn man sie betritt. Die Dielen sind weit mehr als 100 Jahre alt und die Fugen dazwischen an manchen Stellen 2 mm breit. Warum ich so ins Detail gehe? Mein Mann hatte neulich Geburtstag und ich wollte meine Freude darüber und meine Liebe zu ihm durch alles sichtbar machen. Was könnte da besser passen, als Hunderte kleiner Herzen wie Konfetti über den Geburtstagstisch und die Essenstafel zu streuen?

Trotz intensiven Einsatzes unseres Staubsaugers hatten wir noch Tage später was davon. Ich fand es lustig zu sehen, wie sich die kleinen Herzchen vom Esszimmer ihren Weg in all die anderen Räume bahnten und musste laut lachen, als ich eines Morgens mit einem Herzen auf der Wange aufwachte. Das selbige verging mir allerdings, als ich nachts aus dem Bett musste… In der eigenen Wohnung findet man sich ja auch im Dunkeln bestens zurecht, das war also kein Problem. Doch dann… ein Schritt, ein stechender Schmerz , ein kurzer Schrei und schon schaltete der Ehemann das Licht an, stand neben mir und fragte was los sei. Und folgendes war los: Eines der Herzchen hatte sich hochkant in den Fugen versteckt und als ich nun drüber lief, steckte es in meiner Fußsohle. Das tat weh und ich war froh, keine schlimmere Verletzung davon getragen zu haben, denn wie sollte ich das einem Fremden erklären? „Ich hab mir die Fußsohle an einem Herzen aufgeschlitzt“. „Äähm, trinken Sie?“

Zurück zum Frühling, der so wunderbar ist, dass er fast schon ein Sommer ist. Ein Sommerling. Die Fenster unserer Wohnung stehen alle sperrangelweit auf, das Bettzeug hängt aus dem Fenster, um uns abends mit seinem naturfrischen Duft in den Schlaf zu wiegen, die Samen in den Balkonkästen gedeihen prächtig und werden sich bald zu einem wahren Bienenparadies verwandeln, und ich rieche dank Bodylotion mit Kokosduft so lecker nach Schwimmbad, dass ich mir selbst in den Arm beißen könnte . Aber das beste ist, dass im Hinterhof wieder alles zum Leben erwacht ist. Wir haben dort viele Nachbarn und alle scheinen den Sommerling genauso zu genießen wie wir. 😉 🙂

Herr A. liegt ab 16:00 Uhr immer in seinem Liegestuhl und lässt die Welt die Welt sein. Nicht stört ihn, nichts kümmert ihn. Die Fussball begeisterten Kids ebenso wenig wie der Rasenmäher von Herrn B., der immer etwas zu tun findet und für alles in seinem Garten ein elektrisches Gerät hat. Er zersägt Holz, trimmt den Rasen, häckselt Holz und wenn er es derzeit dürfte, würde er auch die Hecke schneiden. Letzteres endete in einem kleinen Debakel, da er in seiner Schneidewut das Kabel seiner elektrischen Heckenschere durchgesäbelt hat. Ich fand seine Geräteliebhaberei schon immer merkwürdig, aber er tat mir auch leid, wie er plötzlich so da stand: Das durchgeschnittene Kabel in der einen Hand, die stromfressende Heckenschere in der anderen, dazu prangte ein riesengroßes Fragezeichen auf seiner Stirn. Aus dem offenen Fenster wollte ich ihm zurufen, dass er doch einfach die Geflügelschere benutzen soll, denn eine solche hatte er sicher und ….also wenn ich er wäre, hätte ich die schon längst für alles benutzt statt meinen Geräteschuppen mit diesem Sammelsorium an Geräten zu bestücken. 😉

Herr A. liegt also zur Zeit täglich in seinem Stuhl mit Liegefunktion und stört sich an nichts und niemanden. Inzwischen sieht er leicht verbrutzelt aus. Wie eine Bratwurst ohne Brötchen, denn er trägt kein Shirt. Ob er eine Hose trägt, weiß ich nicht, denn ein Baum versperrt mir die Sicht – und das ist sicher auch gut so.

Apropos Würstchen. Familie C. hat den Grill angeworfen. Der zarte Duft von erhitzter Holzkohle weht durch den Hof und vertreibt den Geruch des frisch gemähten Rasens von Herrn B.. Die drei Kinder von Familie C. haben ihren Onkel auf dem Trampolin eingesperrt. Das riesengroße Hüpfding ist sicherheitshalber mit einem Netz rundherum versehen, damit kein Kind rausfallen kann. Was zur Sicherheit der Kinder gedacht war, wird nun für den Onkel zur Falle, denn die Kinder haben den Reißverschluß zu gemacht und lassen ihn da drin jetzt schmoren, während die Steaks auf dem Grill schon fertig sind. Die beiden älteren haben ihren jüngsten Bruder mit im Trampolingefängnis gelassen und ihn angestachelt, ständig zu hüpfen, was dieser nun auch tut. Der arme Onkel kann dadurch nicht einfach so aus dem Trampoknast ausbrechen. Durch das Gehüpfe seines Neffen wird er immer wieder wie ein Pfannkuchen in der Pfanne in die Höhe geworfen und wieder aufgefangen. Poing, poing, poing.. So muss sich ein Hühnchen im Thermomix fühlen, denke ich, als ich ihn da so sehe. 😉

Das junge Nachbarpärchen D. hat mal wieder die Wäsche auf dem Balkon aufgehängt. Sie sind noch neu hier in der Nachbarschaft und scheinbar auch im Norden. Denn hier würde niemand seine Wäsche ohne Wäscheklammern einfach auf die Leine hängen. Als vor 2 Wochen ein kurzes Gewitter die Sonnentage für 3 Stunden unterbrach, war ihre Wäsche nicht mehr weiß, sondern vom Pollenstaub und Regenwasser völlig gelb. Wenn beide nicht bei der Post arbeiten, müssen sie ihre Wäsche nochmal waschen. Aktuell hat eine kleine Windböe die Unterhose des Mannes von der Leine gefegt. Sie hängt nun bei Herrn A. im Baum. Ich würde ja gerne den Tipp geben , sich bei Herrn B. eine Astschere auszuleihen, um den Schlüpper aus dem Baum zu klauben, habe aber ganz andere Sorgen… 😉

Unser Bett ist weg! Also nicht das ganze Bett, so gewaltig sind die Windböen im Norden nun auch nicht, aber das Bettzeug hängt nicht mehr aus dem Fenster. Auf dem Bett ist es aber auch nicht. Auch ohne Brille kann ich erkennen, dass es drei Stockwerke unter uns auf der Wiese vor dem Haus, in dem wir wohnen, liegt. Oder warum sollte das Gras plötzlich weiß-gelb gestreift sein? Während der beste Ehemann nach unten geht und die Bettwäsche wieder nach oben holt, versuche ich einer Fliege wieder nach draußen zu verhelfen. Das ist doch wirklich ein Phänomen oder? Sobald es wärmer wird, finden sich Fliegen in der Wohnung, die – trotz geöffnetem Fenster – nicht mehr den Weg nach draußen finden. Nicht nur Fliegen, auch Bienen und andere flugtaugliche Kleintiere verhalten sich völlig „döschig“ und prallen immer wieder an die geschlossenen Oberfenster oder umschwirren tausendmal den Kronleuchter, statt einfach wieder nach draußen zu fliegen. Nerv!

Ach, wo wir gerade beim Thema „nerven“ sind… Es gibt da den einen Vogel, der mir jeden Morgen wirklich auf den Wecker geht. Ich liebe Tiere und mag das Gezwitscher unglaublich gerne. Aber dieser eine Vogel…… 🙂

Selbst Ralf als Sohn eines erfahrenen Hobbyvogelkundlers und Naturschützers ist genervt und kann mir auch nicht sagen, wie der Vogel heißt. Zugegeben, es würde mir auch nichts nützen, zu wissen wie der Nervvogel heißt, aber vielleicht könnte ich ihn mit seinem anhaltenden monologen Tönen, die er von sich gibt (Piep po Piep po Piep po piep po) einfach besser verstehen. Ich hab ihn jetzt den „Monologvogel“ genannt.

Wie schön sich hingegen doch der Buchfink anhört.

„Was ist das für ein Vogel? “ fragte ich meinen Mann irgendwann und er, der durch unzählige Spaziergänge als Jugendlicher mit seinen Eltern wahrscheinlich genug hatte, sagte mir, dass es der „Vier Bier“ Vogel sei. Nicht das jemand denkt, mein Ehemann habe genug von der Vogelwelt. Er ist ein begeisterter Natur – und Umweltschützer. Als angehender Erwachsener war ihm halt anderes wichtiger.

Der Vierbiervogel jedenfalls erheitert uns jeden Tag. Der Monologvogel auch, aber anders.

Gerade jetzt klappert das Besteck bei Familie C.

Eine Ketchupflasche wird gedrückt und geschüttelt. Der Onkel auf dem Trampolin auch. Herr A. brutzelt weiterhin auf seinem Liegestuhl vor sich hin, Herr B. hat den Kärcher rausgeholt, um den Grünspan von seiner Terrasse zu entfernen. Das Paar D. wird erst morgen merken, dass ihre Wäsche zwar sauber, aber auch in allen Nachbargärten verteilt rumliegt. Ich könnte Tipps geben, wo Oberhemden und Schlüpper liegen, will aber auch nicht aufdringlich sein.

Der Abend kommt und ich lasse alle Geräusche und Eindrücke, die ich den Winter über so vermisst habe und die mich so an den Sommer erinnern, für heute Revue passieren…

Der röhrende Rasenmäher, der Duft von frisch gemähtem Gras …. der Ast am Apfelbaum, der knarrt, wenn eines der Kinder die Schaukel, die ihm angeheftet ist, nutzt, das Gezwitscher und Geflatter der Vögel, das Flugzeug, das mit einem Werbesloganbanner seine Kreise über uns zieht. Das Geräusch, wenn ein Heißluftballon den Gasheizer benutzt, um seinen Passagieren die Welt von oben zu zeigen. Ein Schiff tutet im Hintergrund.

All das und mehr macht mir eine große Lust auf das, was kommen wird….

Ich wünsche euch einen zauberhaften Sommer ❤

Liebste Grüße Steph

3 Kommentare zu „Geräusche aus dem Hinterhof oder: So riecht der Frühling

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