Debbie

Meine Depression habe ich Debbie getauft, und dagegen kann sie gar nichts machen. Man mag es für total bescheuert halten, dass ich meiner Erkrankung einen Namen gebe, aber mir hat das im ersten Schritt schon mal sehr geholfen, denn mit dem Namen habe ich ihr und mir schon mal den Schrecken genommen.

Seit sie mich begleitet, haben wir beide einiges durchgemacht. Sie hing teilweise wie eine Klette an mir, und das war nicht schmeichelhaft, sondern öde und grau und Kräfte raubend. Ich hatte wirklich keine Lust darauf, dass sie es sich in meinem Kopf breit macht, wie in einer ausstaffierten 10-Zimmer-Luxus-Villa mit bestem Ausblick auf das, was sie mir noch alles vermiesen will und so begann ich damit, sie mit völlig anderen Augen zu sehen.

Menschen, die wie ich an einer Depression erkrankt sind, werden das Phänomen kennen, dass die negativen Gedanken zunehmen, während die positiven kaum wahrgenommen werden, obwohl sie ja da sind. Vielleicht sogar im Übermass, aber sie können nicht durch diese dunkle Wolke durchdringen. Alles lullt sie ein, die Debbie.

Irgendwann fing ich an, sie nicht mehr als Bedrohung zu sehen, sondern als Gast. Ich sprach sogar zu ihr, und so sagte ich eines Tages: „Ich habe es akzeptiert, dass du zur Zeit in mir wohnst. Aber mein Gehirn wird eine Bruchbude für dich sein und keine 5 Sterne Villa. Ich werde dich nicht pflegen, dir keine frischen Handtücher rauslegen oder dir ein Bett bereiten. Du heißt jetzt Debbie statt Depression. Und Angst machst du mir schon mal gar nicht. Wenn du meinst, mich zur Strecke bringen zu können, kennst du mich nicht gut genug und ich werde dir keine Chance geben, dies zu lernen. Du bist jetzt da und dienst mir nur, um meine Fähigkeiten im Umgang mit dir zu verbessern, denn eines ist wohl mal klar: Herrin dieses Hauses namens Hirn bin immer noch ich und das wird so bleiben!“

Wenn ich früher in die Küche ging oder ein anderes Zimmer unserer Wohnung betrat, war sie schon da. Debbie. Wenn ich aufwachte, stand sie schon fertig angezogen und zu jeder Schandtat bereit in unserem Schlafzimmer. Überall nur sie. Was für ein blödes Weib. Ich gebe zu, dass ich zu Beginn wirklich Angst vor ihr hatte. Was würde sie mir noch antun? Was würde sie mir nun noch rauben, wo sie schon so viel von mir abgesaugt hatte? Auch wenn es hier mitunter nicht so klingen mag, ich hatte einen riesigen Respekt vor ihr und wußte selbst nicht, wo die Reise hingeht. Allerdings war sterben keine Option. Wie würde unsere verstorbene Tochter Nele es wohl finden, wenn ich kampflos einfach aufgegeben hätte? Die Antwort dafür gab ich mir selbst: Sie würde es nicht verstehen können.

Auch wenn ich sonst privat eher als kleine Chaotin gelte – in meinem Beruf war ich immer aufgeräumt, klar im Verstand, handlungsfähig und arbeitete lösungsorientiert, verantwortungsbewusst und äußerst engagiert. Das waren also Ressourcen, die ich hatte und die ich nun unbedingt wieder haben wollte. Das WIE wusste ich in der Therapie schon. Ich dürfte ihr nicht all zu viel Aufmerksamkeit schenken. Sie nicht füttern und ihr lebenslanges Bleiberecht für Umme einräumen. Ich stellte sie mir bildlich als großes schwarzes Ungeheuer vor. Als großes, schwarzes Ungeheuer mit einem giftgrünen Halstuch, auf dem viele bunte Punkte abgebildet waren. Das half mir, den Schrecken von ihr zu nehmen, denn wer kann schon unheimlich aussehen, wenn er ein solch lustig schönes Tuch umbindet?

Früher war das Ungeheuer überall um mich herum. Nun aber schenkte ich ihm kaum mehr Aufmerksamkeit. Wenn ich die Küche betrat und Debbie wieder da war, erschrak ich nicht. Ich sagte: „Ach hi, auch hier?“, nahm mir meinen Joghurt aus dem Kühlschrank und ging wieder. Tauchte sie dann im Wohnzimmer auf, sagte ich ihr, dass ich sie zwar sehe, sie mich aber gerade stören würde, weil ich einen tollen Film sah und den nun endlich mal genießen wolle. Stand sie nachts an meinem Bett, schob ich sie mit der Hand zur Seite, ging an ihr vorbei ins Bad, um Dinge zu tun, die man im Bad eben tut und legte mich wieder schlafen. Das klingt zu einfach? Nun, das war es nicht. Mitunter brauchte es ein Hörspiel aus meiner Kindheit oder auch mal eine Tablette Hoggar, um wieder in den Schlaf zu finden, aber es ging, weil ich mich nicht mit allem, was ich hatte, ständig und verzweifelt um sie kümmerte.

Therapieansatz Metakognitives Training

Die Depression ist nun mal kein kleines Kind, um das wir uns ständig kümmern müssen. Sicher möchte sie beachtet werden, aber eben auch nur das. Beachtet. Solch ein Biest kann man nur mithilfe von Profis zähmen, und so fand ich mich nach der Diagnose im April 2016 auch schnell in einer Klinik ein. Nur am Tage und nur einmal in der Woche, aber es war ein Anfang. Das Wichtigste für mich war nämlich, zu sehen, dass es auch andere Betroffene gibt und ich nicht völlig alleine auf weiter Flur stehe. All die Dinge, die sie erzählten, kannte ich selbst auch bestens und so fühlte ich mich für’s erste schon mal nicht mehr wie eine Außerirdische. Konzentrationsstörungen, Ein- und Durchschlafprobleme, kein Empfinden wie Freude, Lust oder Glückseligkeit. Dafür gruselige Grübelgedanken, die mich am Tag und in der Nacht beschäftigten.

Die Energielosigkeit war mir ebenfalls neu, als ich Debbie kennenlernte. Der ganze Schwung, den ich von mir kannte und liebte, war auf ein mal nicht mehr da. Auf einmal? Das stimmt nicht so ganz, es schlich sich ein und steigerte sich hoch. Plötzlich war ich, die dafür bekannt war überall mitzumischen, sich zu engagieren und „Dinge anzupacken“, endlos müde. An einem Tag erlebte ich mich selbst so fremd, als ich das Bett aufschüttelte und mich danach erst mal hinsetzen musste, um das andere Bett ebenfalls in Ordnung zu bringen. Meine Erschöpfung war körperlich spürbar. Es war, als hätte ich Schuhe aus Beton an und von oben würde mich jemand immer wieder unter Wasser drücken. Das war nur ein Moment, in dem ich heulend auf dem Boden saß und mir mein altes Leben zurück wünschte.

Ich bin immer noch sehr froh darüber, die schnelle Hilfe durch das ZIP (Zentrum für Integrative Psychiatrie) bekommen zu haben. Denn es ist ja so: Auf einen Platz bei einem Therapeuten wartet man noch immer sechs bis acht Monate. Beim ZIP am UKSH bekam ich allerdings sehr schnell einen Platz, um mich auszutauschen, hatte Einzelgespräche und durfte an einer neuen Methode, nämlich der des Metakognitiven Trainings teilnehmen.

Was sich so kompliziert liest, ist im Grunde sehr einfach in der Ausübung: Mein Therapeut ließ eine CD mit vielen Geräuschkulissen, die alle durcheinander waren, laufen und ich hörte zu. Da war eine Kirchenglocke, die erklang, Vögel, die zwitscherten, Autos fuhren vorbei, Menschen unterhielten sich, Hunde bellten. Auf Zuruf meines Therapeuten sollte ich mich nun immer auf eines dieser vielen Geräusche konzentrieren. Zwei Minuten lang nur die Glocke hören, obwohl die Autos umher fuhren, die Vögel bellten und die Hunde zwitscherten. Halt, da war ein Konzentrationsfehler drin.

Der Sinn dahinter: Wer sich auf ein Geräusch fokussieren kann, wird später auch früher merken, wenn die gruseligen Grübelgedanken wieder im Anmarsch sind, und kann sie stoppen. Quasi eine Alarmanlage für das eigene Gehirn.

Rote und Grüne Schweine

Ich habe gelernt, dass es sehr wohl positive wie auch negative Erlebnisse gibt (na, das wusste ich schon vorher) und mein depressives Gehirn gerade nur die negativen sieht. Weil ich ein Mensch bin, der visuell besser lernt, habe ich mir vorgestellt, ich hätte zwei kleine Schweinchen im Kopf. Dabei ist das eine das Posischwein. Das Posischwein ist immer positiv. Es hat eine grüne Farbe und erfreut sich an so vielem. Es freut sich, weil die Sonne scheint, ich endlich wieder barfuss durch die Wohnung laufen kann, der Busfahrer heute morgen so nett war, der Joghurt, den ich gern habe, heute 50 % reduziert war… Darüber hinaus hängt mein buntes Kleid frisch duftend im Schrank, im Radio läuft mein Lieblingslied und mein Mann liebt mich so sehr, dass es einfach nur schön ist. (PS: Ich liebe ihn genauso sehr.)

Das rote Schwein hingegen hat die Farbe rot und ist ein Magnet für alles schlechte. Es heißt Blödheitsschwein und macht mir alles madig. Es sagt Sachen wie: „Wird ja auch mal Zeit, dass die Sonne scheint, war ja lange genug schlechtes Wetter. Bleibt bestimmt auch nicht so. Da hinten sehe ich schon Wolken aufkommen.“ „Barfusslaufen? Schau dir deine Füße mal an. Der Hallux Valgus in seiner vollendeten Form. Hast es immer noch nicht geschafft, dir neue Einlagen zu besorgen, was? Versagerin!“ „ Der Busfahrer war nett? Na wenn der mal nicht auf Droge war!“ „Reduzierter Joghurt…. na dann mal viel Spaß auf dem Klo die nächsten Stunden!“ „Passt du in das Kleid, das du so magst, überhaupt noch rein? Lässt dich ja schon ganz schön gehen, nee?“ „Im Radio läuft dein Lieblingslied? Die spielen auch den ganzen Tag nur Schrott.“ Tja, so ist es, das rote Schwein. Es saugt alles Negative auf und legt es mir in Dauerschleife auf´s Gehirn.

Seit ich das weiß und zusätzlich an meinem hauseigenen Alarmsystem arbeite, kann mir das rote Schwein kaum noch was anhaben. Mir tat das grüne Schweinchen so leid, denn es schien zu verhungern, während das Blödheitsschwein von mir selbst stets gefüttert wurde. Wir beide führten Dialoge, die mich dazu brachten, mich noch schlechter zu fühlen, es war ein Graus.

Alles in einem war das ein guter Anfang. Eine Depression ohne Aufsicht, beziehungsweise professionelle Begleitung zu erleben, halte ich für gefährlich und fahrlässig. Dauerschaukeln. Vom Hin und her kommt man nämlich auch nicht weiter. Zum Glück leben wir in einem Land, in dem es Hilfe für psychisch Erkrankte gibt. Man muss sie nur abrufen, die Hilfe.

Ich werde die nächste Zeit schreiben, wie es danach weiterging. Allein die Tatsache, dass ich hier nun sitze und dies schreibe, soll zeigen, dass es mir um so vieles besser geht. Weil ich Hilfe annahm und wisst ihr was? Ich würde es jederzeit wieder tun!

Aufgeben ist keine Option.

Niemals.

Standing Ovations für jeden, der sich Unterstützung holt.

Dankbare Grüße

Steph

8 Kommentare zu „Debbie

  1. Du hast mir aus der Seele gesprochen,mir geht es genau so und vielen anderen auch.Das hast du ganz großartig ausgedrückt,wie man sich mit Depressionen fühlt,ich bin sehr stolz darauf wie du damit umgehst und darüber schreibt.Mach weiter so.

    Gefällt 1 Person

  2. Moin Stephi,

    wie toll, dass du so offen und humorvoll dieses düstere Thema beschreibst! Du ahnst bereits: es ist mir sehr bekannt… anfangs unter dem ‚Arbeitstitel‘: der schwarze Hund – doch da ich Hunde liebe – wurde mittlerweile eine dunkle Krake daraus. Wenn du magst, lass uns doch mal wieder einen Kaffee trinken in Lübeck! Denn hey, wir kennen uns von der Arbeit 😉 NAH dran Lübeck!!! Jenny schickt dir gerne meine Nummer 🙂 Ich freue mich drauf!!!

    Take care und lass es dir gut gehen 💚

    Marlen

    Gefällt 1 Person

    1. Moin Moin Marlen,
      dass ich jederzeit Offenherzigkeit besitze, weißt du ja 😉 Ich danke dir für dein Lob, welches mir viel bedeutet. Diese Krankheit hat so viele Facetten, so viele Mensche leiden darunter und so wenig wird darüber gesprochen, wie ich finde. Das mag und will ich nicht hinnehmen. Deswegen werde ich darüber schreiben. Dem Schweigen ein Ende setzen , in großer Hoffnung etwas getan zu haben. Gegen das Schweigen. Und anderen zu helfen.
      Liebe Grüße Steph

      Gefällt 1 Person

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