Mülleimer

Sie haben Sorgen, Kummer, Nöte? Sich beim Hausbau verspekuliert oder Streit mit ihrer besten Freundin? Erzählen sie es der Frau, die ihre Kinder tagtäglich betreut. Der Erzieherin ihres Vertrauens!

Sagen sie jetzt bloß nicht, dass das nicht ginge. Legen sie einfach alle Scheu ab und tun es wie die anderen Mütter. Beanspruchen sie die Restspeicherkapazität des Erzieherinnengehirns und „müllen“ dieses mit allem voll, was sie so beschäftigt. Haben sie keine Angst. Erzieherinnen sind sozial eingestellt und haben immer ein offenes Ohr. Außerdem kann es den ewigen Basteltanten ja gar nicht schaden, wenn sie zwischen Bauklötzchen und Bilderbüchern mal etwas vom realen Leben mitbekommen. Die sind für ein bisschen Abwechslung vielleicht sogar dankbar!?

Wer nach dem Lesen dieses oberen Abschnittes immer noch empört die Hände in die Hüften stemmt und innerlich köchelt, der muss entweder den selben Beruf wie ich ausüben oder ein Mensch mit Sinn und Verstand sein. (Natürlich geht auch beides.)

Ich weiß gar nicht, wann es anfing, dass Eltern (meistens Mütter) damit anfingen, mir von Problemen zu erzählen, die ich eigentlich nicht hören wollte. Dazu muss gesagt werden, dass von den meisten Eltern eh schon mehr weiß, als sie glauben. Kinder erzählen viel!

Ich kann mich noch recht gut erinnern, wie Aaron damals in der Kuschelecke lachend ein Kissen umschlang und Gesten zeigte, die er eindeutig im Schlafzimmer seiner Eltern gesehen haben musste. Der Verdacht erhärtete sich, als er dem Kissen beim Liebkosen immer wieder „Oh ja, Heinzelmann!“ zurief. Sein Vater heißt Heinz.

Auch Vanessa gab viel vom häuslichen Miteinander preis. Wir saßen gemeinsam beim Mittagessen, als sie unverblümt erzählte, dass ihr Vater die Schimpftiraden der Mutter immer mit „Bleib mal cool, Babe!“ kommentieren würde. Warum die Mutter schimpfte, wollte sie allerdings nicht verraten.

Kurz und gut: Ich weiß also eh schon immer mehr, als ich eigentlich wissen will. Das hindert so manche Mütter aber nicht daran, mir ungefragt einfach alles zu erzählen. Bevorzugterweise natürlich ihre Probleme. Ich scheine wie ein Automat zu sein, in den man einfach reinspricht. Antwort unerwünscht.

Wie an diesem einen Tag im Sommer… Die Kinder toben im Garten und ich beobachte das bunte Treiben.Es ist Abholzeit und so wird die lange Warteschlange vor der Rutsche immer kleiner. Sentas Mutter kommt, um Senta abzuholen und sieht, wie ihre Tochter freudig im Sandkasten spielt.

„Hallo!“, begrüßt sie mich und stellt sich neben mich. Beide haben wir den Blick auf Senta und ihre neue Freundin Larissa gerichtet. „Wie schön die beiden miteinander spielen.“, sage ich und lächle. „Ja.“, sagt Sentas Mutter und schaut verträumt auf die Sandkuchen backenden Mädchen. „Mein Mann betrügt mich, und das immer mehr.“ Mir klappt vor Schreck die Kinnlade runter. Weil ich sicher gehen will, dass ich richtig gehört habe, frage ich noch einmal nach. Ich meine, es könnte ja auch sein, dass sie „Mein Mann bemüht sich und das immer mehr.“ Gesagt hat. Aber nein, ich hatte schon richtig verstanden. Ihr Mann ging seit einiger Zeit fremd. Ohne irgendeine Reaktion von mir abzuwarten, erzählt sie weiter. Dass dieser Fehltritt ja nicht das erste Mal gewesen sei und er auch schon gar nicht mehr versuche, seine Liebschaften mit den diversen Frauen geheim zu halten.

Ich stand zwar immer noch mit offenem Mund neben ihr, aber hatte meinen Blick von den Mädchen abgewendet und starrte sie (entsetzt) an. Sie berichtete weiter und das mit einer solch monotonen Stimmlage, dass man glauben konnte, sie würde davon erzählen, was sie heute morgen beim Schlachter eingekauft hatte. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte und so bestand mein Wortschatz in diesen Minuten nur aus „Wirklich???“, „Oh nein!“ und „Meine Güte!“.

So spontan diese Unterhaltung begann, so abrupt war sie ebenfalls wieder beendet. „Da ist mein Mann.“, sagte sie und verabschiedete sich schnell von mir. Alle anderen Kinder waren inzwischen abgeholt und so fand ich mich plötzlich allein im Garten wieder. Wie ein Kaktus in der Wüste.

Kopfschüttelnd ging ich ins Haus, holte meine Tasche und machte mich auf den Heimweg. Das „Fremdgeh-Statement“ begleitete mich gedanklich mehr, als mir lieb war. Das ganze Wochenende bekam ich es nicht mehr aus meinem Kopf. Schlimmer noch: Ich wurde misstrauisch.

„Wo warst du die ganze Zeit?“ fragte ich Ralf, als er durch die Haustür kam. „An der Arbeit, wie immer.“ Sagte dieser erstaunt und fragte mich, was denn los sei. „Ach, Arbeit!“ schimpfte ich vor mich hin. Dennoch konnte ich nicht anders und stichelte gegen meinen treuen und lieben Mann. „Du arbeitest wahrscheinlich immer nur bis 12:00 Uhr und verbringst den Rest bei deiner Zweitfrau und den drei Kindern, die du mit ihr hast!“ „Ach Süße,“ sagte Ralf und strich mir liebevoll über die Schulter, „du hast FEIERABEND!“.

Er hatte Recht. Ich kann manchmal einfach sehr schlecht abschalten und mache mir über so manche Problemchen „meiner“ Eltern mehr Sorgen als sie selbst. Das sollte ich am Montagmorgen schmerzlich zu spüren bekommen. „Senta ist abgemeldet worden.“, empfing mich meine Chefin und machte sich daran, den Kopierer mit einem Stapel Papier zu füttern. „Die Eltern haben sich eine Eigentumswohnung gekauft und ziehen weg!“ fuhr sie fort und schimpfte leise wegen der Papier-Einfüll-Schublade, die sich mal wieder verhakte.

Na toll! Mich erst zulabern wegen ihrer Eheprobleme und anschließend den Kaufvertrag für ‚ne Hütte unterzeichnen.

„Da hätte ich mir das Zuhören auch sparen können!“ rief ich meiner Chefin zu, aber die wusste natürlich nicht, was ich damit meinte. Meine Wut darüber war gerade verraucht, als ich im Flur die im achten Monat schwangere Frau S. traf. Nett wie ich bin, erkundigte ich mich nach ihrem Befinden und schaute dabei auf ihren dicken Bauch. Sie holte erst einmal tief Luft und stieß anschließend einen langgezogenen Stoßseufzer aus. „Aaaaaaaaaaaaaach!“ Ich stand neben ihr und wartete geduldig ab, wie sie ein zweites Mal staubsaugerähnlich Luft einsog und in jammerigen Ton sagte: „Mir tut meine Scheide weh!“

Tja. Mmmmh.

Was sagt man in einem solchen Moment? Ein Satz wie „Beschweren sie sich bei ihrem Mann – der ist ja schließlich für den Umstand verantwortlich!“ wäre vermutlich ebenso unangebracht wie die Aktion, ihr eine 100er-Schachtel Kondome in die zarte Hand zu drücken.

Ich beließ es bei „Das ist natürlich nicht so schön.“ Und war froh, dass Clara mich just in diesem Moment am Hemdärmel zupfte und aufgebracht erzählte, ich müsse dringend mal in die Gruppe kommen, weil Samuel gerade dabei wäre, die Puppen mittels einer Schere zu frisieren.

Eheprobleme, Scheidenprobleme… Auf dem Nachhauseweg hatte ich Zeit, um darüber nachzudenken. Dabei stellte sich mir die Frage, wie manche Menschen nur so offenherzig reden können?! Ich mein’ – ich bin schließlich nicht die beste Freundin dieser Mütter, und unser Kontakt beschränkt sich meist auf fünf Minuten am Morgen und fünf Minuten am Mittag. Abgesehen davon gibt es Sachen, die ich nicht einmal meiner besten Freundin erzählen würde. Dass ich zum Beispiel inzwischen so viel Hornhaut an den Fersen habe, dass manchmal auf dem Weg zur Arbeit denke, ich würde Stöckelschuhe tragen. Oder dass ich neulich morgens aufgewacht bin, schlaftrunken in die falsche Schublade unserer Kommode gegriffen habe und erst an der Arbeit bemerkte, dass ich eine Unterhose meines Mannes trage. (Hatte mich schon gewundert, dass ich „vorne“ noch so viel Platz habe.)

Nein, ich war echt fassungslos. Weil wir zu Hause kein Brot mehr hatten, steuerte ich auf dem Heimweg gleich den Bäckerladen an. Während ich in der Schlange wartete, überlegte ich schon wieder. Wie würde wohl der Verkäufer reagieren, wenn ich ihm gleich unbeschwert davon erzählen würde, dass ich heute den Schlüpfer meines Mannes trage? Würde er sich mit einem Finger gegen die Stirn tippen, um mir somit klar zu machen, dass ich ‚nen Vogel hätte oder würde er mit zittrigen Händen die 110 in sein Geschäftstelefon tippen? Ich wollte es lieber nicht in Erfahrung bringen und bezahlte stumm mein Kürbiskernbrot.

Die Mitteilungsgier der Eltern kennt keine Grenzen. Um die Kinder selbst geht es in den wenigsten Fällen.

Herr M. holt regelmäßig seinen Enkel vom Kindergarten ab und ebenso regelmäßig erzählt er von seiner Schwiegertochter. Diese sei ein Aas und zu blöd zum Kinder erziehen. „Meine Schwiegertochter wird auch immer fetter!“, sagte er damals, als wir uns das erste Mal sahen. Seitdem vergeht kein Tag, an dem er nicht übelst über sie herzieht. Ich höre das schon gar nicht mehr. Wenn er mal wieder über sie lästert (und das macht er täglich), stelle ich mir vor, ich sei ein großer, eckiger Kasten. Auf meiner Kastenstirn prangt anstatt meines linken Auges ein runder Knopf, auf dem ZUHÖREN steht. Auf dem anderen Knopf, rechts daneben steht ANTWORTEN. Der Zusatzknopf sitz in Höhe meiner Nase. START prangert auf ihm. Ich bin nämlich nicht nur ein Kasten, ich bin ein „Laber-mich-voll“-Automat. Man muss nur auf ZUHÖREN und anschließend auf START drücken und ich mache, wie mir befohlen wurde. Leider ist in den ganzen Jahren der ZUHÖREN-Knopf schon leicht abgewetzt. Ebenso wie der START-Schalter. Nur der ANTWORTEN-Knopf, der ist noch wie neu…

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