Kichernde Kröten und grillende Rehe

Seit Jahren verbringen wir unseren Sommerurlaub im Südwesten Dänemarks, auf der Insel Fanø. An Regentagen haben wir ein festes Ritual, denn dann fahren wir mit der Fähre auf das Festland nach Esbjerg, um uns dort die Stadt anzusehen, einzukaufen und zu essen.

Nach Esbjerg zu fahren ist für uns also nur eine Option an Regentagen. Eigentlich. Denn nun kam es, dass Ralf an einem sonnenreichen Tag auf’s Festland wollte, und obwohl ich wenig Muße hatte, standen wir eine Stunde später gemeinsam auf der Fähre. Wie immer, wenn ich auf etwas keine große Lust habe, motivierte Ralf mich und versuchte mich unermüdlich zu begeistern. Ich muss wohl sehr genervt ausgesehen haben, denn er lief vor mir her, zeigte auf einen Betonblumenkübel in der Fußgängerzone, schnüffelte an den Blumen und fragte mich, ob das nicht unendlich schön sei? Und überhaupt… die neuen Pflastersteine, die bunten Schaufenster der Geschäfte, die vielen Angebote. Ich muss zugeben, dass die Zone besser aussah als im letzten Jahr, wo sich Baustelle an Baustelle reihte und in vielen Geschäften der Leerstand regierte. Aber noch immer war ich nicht sonderlich motiviert auf dieser Tour.

Zugegeben, es ist etwas ganz anderes, Esbjerg mal nicht im Regen, sondern im strahlenden Sonnenschein kennenzulernen, aber in Gedanken war ich am Strand und sammelte dort die kostenlosen Angebote aus dem Sand auf. Ich erinnerte mich, wie wir hier vor Jahren unsere Ringe kauften, um unser JA-Wort zu erneuern und um neue Ringe zu tauschen. Der Juwelier, bei dem wir die Ringe kauften, war nicht nur supernett, er war auch auf eine ganz besondere Art süß. Aus einem Kuddelmuddel aus Englisch, Dänisch und seiner Muttersprache (geschätzt arabisch) zeigte er uns sehr viele Ringe und war auch dann noch freundlich, als wir unser Budget erklärten, welches nicht viel hergab.

Er wollte auf keinen Fall, dass wir die Ringe im Wasser verlieren, weswegen er anpasste, prüfte und probte. Zwischendurch verschwand er hinter einem Vorhang und kam mit einer Schachtel „After Eight“ wieder. Mit nervösen Fingern holte er zwei Täfelchen aus der Packung und überreichte sie uns. „Mmmmh, delicious, thanks!“ sagten wir artig und grinsten uns an. Er war echt lieb. Am liebsten hätte ich jetzt, Jahre danach, eine Packung „After Eight“ gekauft, wäre in seinen Laden gegangen und hätte mich nochmals bedankt plus ihm das After Eight überreicht. Aber der Laden war leider zu.

Wir gingen weiter die Fußgängerzone entlang und gingen hier und da mal in die Geschäfte hinein. Am Ende liefen wir direkt auf das neue Einkaufszentrum zu, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Irgendwas mit B.

Bombastisch kann der Name nicht gewesen sein, denn so riesengroß das Zentrum auch war, es fanden sich außer vielen Klamottenläden wenig Neues, wenig, was uns begeistert hätte und wenig, was es nicht auch in der Fußgängerzone gab. In einem der unteren Geschäfte lief Ralf von einem Kleiderständer zum nächsten, um Klamotten, die für mich in Frage kommen könnten, genauer unter die Lupe zu nehmen. Keine Sorge, ich suche mir meine Kleider schon selber aus. Ralf aber kennt meinen Geschmack und wollte meine Laune heben, indem er schon einmal etwas aussuchte, was mir gefallen könnte. Wir fanden zwei Teile, bezahlten diese und als der Bezahlvorgang abgeschlossen war, sagte Ralf, dass die Kassiererin uns sicher für Dänen hielt, da wir den kleinen dänischen Sprachschatz, den es braucht, um etwas zu bezahlen, gut beherrschten.

Wir verließen den Laden als es plötzlich laut piepte. Ohne Frage, das war ein Piepen, das einem sagte: „Ihr habt geklaut und ich weiß es!“ Die Leute die in dieser Einkaufspassage entspannt auf Sesseln saßen oder genüsslich an ihrem Eis leckten, starrten uns mit offenen Mündern an. Vorbeigehende blieben stehen, Kinder zeigten mit den Fingern auf uns und die Kassiererin bat uns, nochmals in den Laden zu kommen. Auf Englisch erklärten wir, dass wir nichts getan hätten und zeigten unaufgefordert den Inhalt unseres Rucksacks. Sie nickte freundlich und ließ uns gehen.

Kaum waren wir über der Türschwelle, piepte es schon wieder. Eine Frau vergaß an ihrem Eis zu lecken – sie war zu beschäftigt, uns böse anzugucken und den Kopf zu schütteln. Während ihre Frisur noch hin und her wackelte vom vielen Kopfschütteln, war mein Kopf inzwischen tiefrot und glich einer überreifen Tomate. Wir dackelten wieder in den Laden und Ralf sagte auf Englisch, dass es vermutlich an der Zigarettenschachtel lag, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten und die ein Plastikteil als „Anti-Klau“-Dings aufgeklebt hatte. Die Kassiererin blieb immer noch nett und sie glaubte uns. Allerdings war unsere „Hihi! Die hat uns bestimmt für Dänen gehalten“-Freude nun futsch!
Völlig erschöpft ließen wir uns in einem Schnellrestaurant im Erdgeschoß nieder und bestellten eine Kleinigkeit zu essen. Wir ärgerten uns nicht mehr über das eben Geschehene, denn der „wilde Hund und seine Gang“ betraten den Laden. Er hieß natürlich nicht so, ich hatte ihn so getauft, als ich ihn vor einer Woche auf Fanø entdeckte. Er war geschätzte 15 Jahre alt und fiel besonders dadurch auf, dass er einen Ring durch die Nase hatte.

Keinen kleinen Piercing-Ring, sondern einen Ring unterhalb der Nasenlöcher, so wie sie Rinder auf der Weide tragen. Sein Hals war über und über mit Tattoos übersät, von denen viele aussahen, als wären sie mit Kugelschreiber aufgemalt. Er hatte mehr Ringe an den Fingern als der verstorbene Karl Lagerfeld und Harald „Pompööös“ Glööckner zusammen, und es war ein Wunder, dass er noch den aufrechten Gang gehen konnte, denn mindestens fünf Ketten baumelten um seinen jugendlichen Hals.

Im Schlepptau hatte er seine zwei Freunde. Der eine mit einem langen Mantel, der andere mit Schirmmütze und Jogginghose. Schon vor einer Woche auf Fanø erweckten die Drei den Eindruck, als wollten sie anderen Angst einflößen mit ihrem Aussehen und ungehobeltem Verhalten. Aber genauso wenig, wie das auf Fanø funktionierte, klappte das hier in Esbjerg. Man fand die Drei harmlos und sah schmunzelnd darüber hinweg, als sie ihre mitgebrachten Getränkedosen unerlaubt aufschnalzen ließen. Und auch ihre Versuche, extra böse zu gucken, lockten bei vielen, die die Drei sahen, nur ein verzücktes Lächeln hervor, fast so, als wenn man die Tür öffnet und ein Korb Welpen davor steht…

Ich war inzwischen müde und erinnerte mich, dass ich ja gar nicht in Esbjerg sein wollte. Meine Laune sank erneut, aber Ralf wollte noch gerne zu Føtex gehen, und das konnte ich ihm auf keinen Fall verwehren. Er tat soooo viel für mich, da musste das jetzt noch mit drin sein! Ich ignorierte die Tatsache, dass mein Fußknochen in den Schuhen scheuerte ebenso wie den Zustand, dass ich dringend mal auf Toilette musste, und begleitete Ralf zu Føtex. Er schaute hier, er schaute da und kaufte das ein oder andere Ding, das man in Deutschland nicht bekam. Wie zur Belohnung, dass ich so lange durchgehalten hatte, ging er anschließend zielstrebig zu einem Geschäft gegenüber und kaufte das Kleid, welches ich auf dem Hinweg bewundernd vom Kleiderhaken genommen und prüfend an mich gehalten hatte. Apropos an mich halt: Meine Blase war an ihrer Füllhöhe angekommen.

Mein Problem: Ich „kann“ nicht auf öffentlichen Toiletten. Also stand ich mit einem X in den Beinen an der Fähre, die uns nun wieder nach Fanø bringen sollte.

Schon der Weg zur Fähre war eine abenteuerliche Reise für eine Frau mit voller Blase…. Ein Mann hielt einen Gartenschlauch und bewässerte mit diesem die tollen Blumenkübel, eine Frau schüttete einen Eimer mit Putzwasser in den Gulli, ein Kind warf einen mit Wasser gefüllten Ballon auf den Gehweg, wo er mit einem großen „Platsch“ landete und alles Wasser aus ihm spritzte. „Aber jetzt wird alles gut, gleich kommt die Fähre und dann…“, versuchte ich mich im Geiste zu beruhigen und meine mentale Stärke gegenüber meinen Körper aufzuzeigen. Doch die Fähre kam nicht – sie fiel aus! Ich stellte meine Tüte mit dem neuen Kleid auf die Sitzbank im Fährgebäude und lief auf und ab. Jeder Stillstand könnte meiner Blase signalisieren, dass sie bald loslassen könnte und das wollte ich ihr auf KEINEN Fall suggerieren.

Endlich, die Fähre kam und ich versuchte mich auf etwas anderes als mein inneres Organ zu konzentrieren. Vielleicht mein schmerzender Fußknochen? Ach nee, auch doof! Also etwas ganz anderes. „Weine nicht, wenn der Regen fällt…“ kam mir in den Kopf und ich versuchte dieses Lied, das ich noch nie mochte, wieder los zu werden. Kurzum: Es ist schwer, wenn man mal muss, eine Fähre zu betreten, an deren Wand unaufhörlich das Wasser schwappt…

Auf Fanø angekommen gingen wir zu den Fahrrädern, mit denen wir wieder zu unserer Ferienwohnung fahren wollten. „Mit einer vollen Blase auf´s Fahrrad? Viel Spaß!“ rief mir die Stimme meines Arschengels aus dem Kopf zu. „Keine Sorge, du schaffst das locker!“ sagte der liebe Engel, wobei ich das Wort „locker“ in diesem Moment nicht so gerne hörte. Mit winzig kleinen Schritten, zu denen man im deutschen „Gänsefüßchen“ sagt, schritt ich langsam zu den Fahrradständern, als Ralf plötzlich fragte, wo denn meine Tüte mit dem neuen Kleid sei?

„Bestimmtindemrucksack“, presste ich hervor – es kam mir vor, als könnte ich auch jetzt nicht mehr reden vor lauter „mal müssen“. Doch Ralf erkannte den Fehler. „Du hast die Tüte drüben im Gebäude noch gehabt und dann nicht mehr“, kombinierte er, um anschließend zu dem Schluß zu kommen, dass ich sie dort vergessen hatte. OH NEIN!!! Weil Ralf meine Lage längst kannte, beschloß er, alleine sofort umzukehren, um mit der gleichen Fähre nochmals zurückzufahren und das Kleid wiederzuholen. Mein Held! Ohne große Worte verabschiedeten wir uns und ich radelte so schnell wie nie zu unserer Ferienwohnung. Wenn jemand zu diesem Zeitpunkt die auf der Insel installierte Webcam aufgerufen hätte, hätte er nur einen roten Blitz erkannt, der in nullkommanix ohne Rücksicht auf Verluste durchs Bild fuhr. Fuhr? Raste!!!

Die nächsten Momente sind nicht mehr in meinem Gedächtnis. Irgendwie muss ich die Tür, die immer klemmt, aufbekommen, meine Schuhe von mir geschmissen und mit einem Schritt, wo sonst fünf nötig waren, das Badezimmer erreicht haben. In meinem Kopf stimmte ein Engelschor ein Halleluja an, ich hörte Glocken bimmeln und einen Druck von mir weichen, der seinesgleichen sucht… Erst da bemerkte ich sie. Und sie mich.
Eine Kröte saß auf dem gefliesten Fußboden und starrte mich an.

Ich saß auf dem Rand der Klobrille und starrte sie an. Ich kann eigentlich nicht, wenn jemand guckt! Minuten vergingen. „Was sie wohl denkt?“ ging mir durch den Kopf. „Was macht die große Frau da?“ war vielleicht ihr Gedanke. Ich habe keine Angst vor Tieren, aber eine Kröte anfassen war nicht so meins. Meine Blase hatte ich längst zivilisiert entleert, als sie immer noch dort saß. Ich ließ alle Türen auf und wollte sie mit kleinen Hüpfern, die ich ihr vormachte, aus dem Haus locken. Stattdessen grinste sie sich vermutlich halb tot und wollte keine Minute meines Unterhaltungsprogramms verpassen. Irgendwann kam Ralf heim und brachte die Kröte sachte dorthin, wo sie sich sicher wohler fühlte – in den Garten.

Nach all den Schocks erzählte mir Ralf, wie er mein Kleid wiederbekommen hatte. Der Arme hatte im Fährhaus nachgefragt, wo ihm der dortige Mitarbeiter sagte, es gäbe kein Kleid. Also ging mein Held nochmals in die Fußgängerzone Esbjergs (machte noch einen kleinen Abstecher zu Føtex) und ward traurig, als er mein Kleid nicht finden konnte. Wieder zurück zur Fähre hielt ihn der Mitarbeiter an und sagte, er hätte ihn vorhin nicht richtig verstanden. Aber ja, man hätte eine Tüte mit einem Kleid gefunden, juchuuuuuuhhh!!!
Ein aufregender Tag ging zu Ende und obwohl ich hundemüde war, konnte ich auch um 1:00 Uhr noch nicht einschlafen. „Ralf, da draussen knistert was!“ flüsterte ich ihm zu. „Das ist ein Reh“, beruhigte er mich. Minuten später knisterte es immer noch. Zudem roch es nach gebratenem Fleisch. „Und das Reh hat jetzt den Grill entdeckt und brutzelt sich jetzt ’ne lecker Wurst, oder wie?“ fragte ich nach weiteren Minuten. Auf leisen Sohlen schritten wir zur Tür, wo wir nur unseren Kopf rausstreckten und sahen, wie unser Nachbar sich ein Steak grillte. Hahaha, endlich wieder in der Normalität angekommen! In dieser Nacht träumte ich von kichernden Kröten und grillenden Rehen. Und beide trugen (m)ein Kleid.

Träumt süß,

herzlichst

Steph

4 Kommentare zu „Kichernde Kröten und grillende Rehe

  1. Das ist mal wieder eine Geschichte mitten aus dem Leben und was die volle Blase angeht, habe ich gerade mit dir gefühlt.
    Wusstest du, dass Catweazle mit einer Kröte namens Kühlwalda zusammenlebt? Er hat also sein Haustier vor die Tür gesetzt. Das muss Liebe sein. 😊

    Gefällt 1 Person

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