Kleine Glitzerglücksgefühle

„Moment mal, du hast ein Schwein in deinem Kopf?“ Meine Freundin Anna konnte nicht fassen, was ich ihr da eben berichtet hatte. Bei schönstem Sonnenscheinwetter spazierten wir an der Trave entlang. Wir hatten uns länger nicht gesehen, seit ich die Therapie am ZIP des UKSH machte, und sie wollte nun unbedingt wissen, wie es mir ging. Am Kiosk hatte sie sich ein Eis geholt und löffelte es genüßlich, während wir unseren Spaziergang fortsetzten.

Also erzählte ich ihr von dem roten Schwein, welches alle Gedanken, die ich hatte, in Negatives umwandelte und daran festhielt, bis mein ganzer Kopf, mein ganzes Denken nur noch daraus zu bestehen schien. „Das Schwein ist schon ganz fett, weil ich es ständig füttere“, sagte ich. „Wahrscheinlich liegt es gemütlich und bräsig auf einem Diwan und freut sich des Lebens, während es mir meins gehörig verhagelt“, fuhr ich empört fort. „Dann musst du es los werden!“ „Ja, Anna, was glaubst du denn, warum ich die Therapie mache?“ Wir gingen schweigend weiter.

„Das Problem ist, dass das andere Schwein, das grüne, bald verhungert und ich liebe dieses kleine Ferkel doch sooo sehr!“ Ich war den Tränen nahe, wurde aber von Annas Reaktion sofort wieder zum Lachen angesteckt. „Es gibt da noch ein Schwein?“ fragte sie, blieb stehen und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Vermutlich war ihr nun ersichtlich, warum ich mich zur Therapie einmal wöchentlich in der Psychiatrie befand 😉

Ich fand es wunderbar, dass sie soviel Interesse bekundete und startete einen neuen Anlauf, um ihr zu erklären, was das Burnout/die Depression mit mir machte. „Du hast doch bestimmt auch schon mal einen Text in eine andere Sprache übersetzen wollen und dazu den Google Translator benutzt, oder?“ fragte ich sie und zog sie an ihrem Jackenärmel zu mir, da uns ein Radfahrer entgegenkam. „Klar“, sagte sie. „Ja, dann weißt du ja, dass es da ab und an zu Missverständnissen kommen kann.“ Sie nickte eifrig, schabte mit dem Löffel die letzten Reste aus ihrem Eisbecher und suggerierte mir mit ihren Augen, dass ich weitersprechen sollte. Da fuhr just in dem Moment ein Ausflugsdampfer an uns vorbei.

Als das Schiff mit den winkenden Menschen an uns vorbeigezogen war, konnte ich Anna erzählen, wie es diese Translatorprobleme auch in meinem Hirn gab. „Ich freue mich zum Beispiel darüber, dass die Sonne scheint und das rote Schwein übersetzt das falsch, indem es mir sagt, dass es dafür die nächsten dreißig Tage nur regnen wird. Dauerregen. Alles, was ich mache, ist falsch, dumm, zu wenig, total blämm blämm und sowieso sinnlos. Dazu beschimpft mich das Schwein unentwegt als Versagerin! Ich hab da keinen Bock mehr drauf!“ ereiferte ich mich.

„Aber dafür bist du jetzt dort in der Klinik“, sagte sie und platzierte eine Blume, die sie gerade im Vorbeigehen gepflückt hatte, in meinen Haaren. „Stephanie, die Bekränzte.“ Und schon wieder musste ich lachen. Einerseits vor Freude über sie als Freundin, die so wunderbar normal mit mir umging, und andererseits, weil mein Bruder mich früher ab und an damit aufzog, in dem er mich Stephanie „die Begrenzte“ nannte. Geschwister eben.

„Die Therapie in der Klinik tut mir so gut. Die Gleichgesinnten, die ganz oft mit dem Kopf nicken, wenn ich von meinen Erfahrungen berichte, zum Beispiel. Weil sie es selbst kennen. Ich dachte, es würde anstrengend sein, anderen bei ihren Problemen zuzuhören. Schließlich habe ich selbst jahrelang in der Beratung & Bildung für Frauen gearbeitet und war nun ausgebrannt. Aber es tut so gut, von den anderen Patienten zu hören, wie es ihnen ergeht. Außerdem spielen wir dort manchmal Spiele.“

„Wirklich? Erzähl!“ forderte Anna mich auf und ich traute mich kaum weiterzusprechen. Wie würde sie das, was ich ihr nun erzähle, bloß finden?

„Also, wir haben neulich „Der Plumpssack geht rum“ gespielt“, erzählte ich kleinlaut und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. „Ihr habt was?“ Ihre Augen waren nun so groß wie Suppenteller. Erst die Schweine, nun das Spiel. Ich mutete ihr an diesem Tag wirklich einiges zu. 🙂

Die nächste Viertelstunde berichtete ich über das Spiel und den Grund dahinter.

Beim „Plumpssack“ sitzen alle Teilnehmer in einem Kreis auf dem Fußboden und haben die Augen geschlossen. Zusammen singen sie immer wieder das Lied „ Der Plumpssack geht rum“. Währendessen geht ein Teilnehmer außen an den Sitzenden und Singenden vorbei und versucht nun heimlich, den Plumpssack (welcher meist aus einem Sandsäckchen besteht) hinter dem Rücken einer der anderen abzulegen. Derjenige, hinter dem der Plumpssack landet, hat nun die Aufgabe, sofort aufzustehen und den Sackverteiler zu fangen.

Für uns in der Therapie war der Austausch nach diesem Spiel das Wichtigste. Wie habe ich mich gefühlt? Die Antworten waren alle ähnlich, denn alle Sinne waren geschärft. Dadurch, dass man die Augen nicht öffnen durfte, hörte jeder ganz genau hin, wo sich der Plumpssackverstecker gerade befand. Dazu war der Körper schon im „Gleich muss ich aufstehen und hinterherrennen – Modus“. Es war erstaunlich zu sehen, wie alle sich zusammenkrümmten: Der ganze Körper schien auf diesen einen Augenblick zu warten und befand sich unter großer Anspannung.

Dieses Spiel war eine Übung, um uns zu erläutern, wie unser gesamter Körper mit der Depression, dem sich Sorgen machen und Grübeln umging.

,Denn es war in der Tat nichts anderes als das, was wir hier spielerisch erlebten: Die Gedanken waren schwer, der Körper ständig angespannt und das Bedrohungsmonitoring enorm hoch. Was gesunden Menschen jeden Tag gelingt, war bei uns kaputt: Sich von bestimmten Gedanken lösen zu können. Wir alle hatten Ängste und waren der Meinung, dass wir darüber ganz viel nachdenken müssten, um auf eine (sicherlich kommende) Katastrophe vorbereitet und gerüstet zu sein.

Ich persönlich war zu Beginn der Therapie 100 % davon überzeugt, dass ich jeden Grübelgedanken aufgreifen und mich intensiv damit beschäftigen müsste. Es würde mir helfen, mich zu sortieren, zu analysieren und nicht blind in eine Katastrophe rennen zu müssen. Ich wäre vorbereitet. Das fand ich gut. So fühlte ich mich sicher und gewappnet. Die Tatsache, dass ich mich in diesen Sorgen verlor, weil ich mich immer mehr hineinsteigerte, erkannte ich nicht. Wenn dieses und jenes käme, wäre ich bestens vorbereitet, so dachte ich fälschlicherweise.

Und ich fühlte mich durch die Vergangenheit bestätigt: Als unsere Tochter starb, traf es Ralf und mich aus heiterem Himmel. Es gab keine Anzeichen dafür.

Drei Monate nach ihrer Beerdigung wurde Ralf (ebenfalls aus heiterem Himmel) schwer krank und musste lange Zeit im Krankenhaus behandelt werden. Er ging an einem Freitagnachmittag zum Augenarzt, weil er plötzlich nur noch Blitze sah und wurde daraufhin sofort ins Krankenhaus eingeliefert. Wochenlang stand er unter strenger ärztlicher Beobachtung, bis endlich eine Diagnose fest stand. Eine Autoimmunerkrankung hatte sich in seinem Körper breitgemacht. Er war zu schwach, um mich zu Neles Grab begleiten zu können und schlief fast nur. Als ich Geburstag hatte, durfte ich ihn für ein paar Stunden nach Hause holen, um ihn anschließend wieder in die Hände der Ärzte zu geben. Mein Hirn war nun vielleicht auch deswegen falsch gepolt. Ich wollte die totale Kontrolle über das, was geschehen könnte – eben vorbereitet sein.

Es waren drei wichtige Fragen die mir der Therapeut in der Klinik als Hausaufgabe mitgab:

  1. Woher wissen Sie, dass Sie sich über das richtige Sorgen machen?
  2. Wenn das Ereignis, über das Sie nun bereits grübeln, eintritt, ist es dann weniger schlimm?
  3. Würde ich einer anderen, mir nahe stehenden Person empfehlen, ebenfalls so zu grübeln, wie ich es tat?

Gestärkt ging ich nach Hause. Endlich würde ich mal meine Hausaufgaben sorgfältig erledigen und nicht (wie früher als Schulkind) diese im Bus zur Schule von der Klassenbesten abschreiben. Ich würde mich mit dieser Aufgabe – und somit mit mir selbst – beschäftigen. Kleine Glitzerglücksgefühle, die leicht angestaubt waren, kamen zurück in meinen Kopf und ich wollte, dass sie bleiben.

Anna war so wunderbar. Sie lauschte den halben Nachmittag meinen Erzählungen, fragte nach, nahm mich ernst und beschenkte mich dadurch unglaublich. Unsere Verabschiedung an diesem Tag mag für andere sicherlich komisch gewirkt haben. Wir umarmten uns immer wieder und winkten uns noch lange hinterher. ❤

Nachtrag: Nach diesem schönen Tag wachte ich nachts mal wieder auf und schon saß meine Depression Debbie wieder an meiner Bettkante. Völlig genervt fragte ich sie, was sie wolle. „Hast ja deine Freundin heute ganz schön lange zugelabert mit deinem Problemchen, was?“ „Ja, das stimmt“, entfuhr es mir. Geschockt setzte ich mich im Bett auf. Was hatte ich nur getan? So egoistisch hatte ich nur von mir erzählt und sie damit vielleicht auch ziemlich belastet? Die Arme! Ich könnte es nicht gut machen. Oder doch? Und wenn ja, wie? Ich schämte mich wahnsinnig und fand nicht wieder in den Schlaf. Als ich am Morgen sah, dass sie mir eine Nachricht auf mein Handy gesendet hatte, war ich innerlich hin und her gerissen. Einerseits wollte ich unbedingt wissen, was sie mir schrieb und andererseits hatte ich große Angst davor. Vielleicht würde sie mich nun als Freundin ablehnen? Zwei Stunden lang grübelte ich darüber nach, was sie mir wohl mitteilen wollte. Dann öffnete ich die Nachricht und las folgendes:

Liebe Steph, ich fand den gestrigen Tag einzigartig schön. Dass du mir so offen und ehrlich von deiner Seele berichtet hast, hat mich tief berührt. Finde keine Worte dafür, wollte dir aber einen großes Danke dafür sagen. Sehen wir uns nächste Woche?

Und deswegen hatte ich zwei Stunden mit Grübeln vergeudet? SO konnte es nicht weitergehen! Ich nahm meinen Stift, einen Block und setzte mich eifrig an meine Hausaufgaben. 🙂

Fortsetzung folgt…

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