Honigosterwunder

Wenn Ralf erkältet ist und ich ihm Tee anbiete, tut er stets so, als hätte ich ihn gerade gebeten, einen Kübel Wurstwasser auszutrinken. Ich würde das ja locker wegschlürfen, aber Ralf ist Vegetarier…
Er mag einfach keinen Tee trinken. Wenn er krank ist, sollte er das aber, um schnell wieder gesund zu werden.
Es ist immer das gleiche Bild: Er schnüffelt an der Tasse, zieht eine Grimasse, kneift die Augen zusammen, und wenn er dann einen Schluck getrunken hat, sieht sein Gesicht ganz komisch aus. Es ist, als würden ihm die Hirnwindungen durchdrehen, die Geschmacksknospen verkleben und sein Magen plötzlich Feuer spucken.

Ich habe sein Tee-Gesicht schon oft gesehen, denn wie eine Krankenschwester sitze ich ihm bei einer Darreichung gegenüber und überwache die schlückchenhafte Aufnahme des Heißgetränks streng wie eine Gouvernante. „Ich meine es doch nur gut“, wiederhole ich mein Mantra, worauf seine Augen mir ein „Ich weiß, ich weiß, aber schrecklich ist es trotzdem“ entgegensenden.

Hunderte Male habe ich mir vorgestellt, wie es dann im Innersten seines Körpers aussieht. Wahrscheinlich tummeln sich da unten in seinem Magen-Darm-Trakt viele kleine Leutchen, die beim Ankommen der roten, grünen oder gelben „Brühe“ völlig entsetzt und aufgeregt im Zick-Zack schreiend hin und her laufen – die kleinen Händchen fassungslos auf die kleinen Bauhelme gepresst, die sie auf den Köpfen tragen. „Warum nur, warum?“ brüllen sie ebenso wie: „Alter, wo bleibt das Bier und die Cola-light?“

Weil ihr Wirt Diplom-Sozialpädagoge ist, bilden sie wahrscheinlich gleich eine Selbsthilfegruppe, deren einziges Thema es ist, einer neuen Teeüberschwemmung entgegenzuwirken. Einer hat Käsecräcker gebacken, ein anderer sich schnell eine Cordjacke um die Schultern geworfen, ein anderer hat ausgedruckte Petitionslisten auf dem Klemmbrett in der Hand. Eventuell muss eine Supervision stattfinden, um zu klären, wie es soweit kommen konnte und wie es allen gefühlsmäßig nun mit der Situation geht. Schlittlauchtee wird nicht gereicht, denn von Tee will man da unten in der Magengegend neben dem Darm nichts wissen. Bäh!

Während ich mir das Innenleben von Ralfs erkältungsgeschwächtem Körper durch den Kopf gehen ließ und kein Mitleid für die Cola/Bier-Fraktion empfand, hatte Ralf auf einmal eine Idee, wie er das von ihm als nicht sehr leckere Heißgetränk doch noch mögen könnte und ging zum Küchenschrank. Wie eine Mutter, deren Kind den sonst verhassten Brokkoli auf dem Teller plötzlich mit leuchtenden Augen und lauten Schmatzgeräuschen auf isst und nach „mehr“ verlangt, beobachtete ich, was er da tat und konnte es nicht glauben: Er holte den Fanø-Honig aus dem Schrank, tunkte einen kleinen Löffel hinein und transportierte diesen in seine Tee-Tasse. Mein Gehirn war elektrisiert. Was passierte da gerade?

Eine Minute später war der „Fanø Honning“ in der Teetasse aufgelöst. Ralf rührte um. Links herum und rechts herum. Allerdings in einem rasanten Tempo. Mir wurde beim Zugucken ein wenig schwindelig. Aber natürlich wollte ich jetzt ganz genau beobachten, was passierte. Vielleicht könnte ich über das, was ich jetzt sah, ein Video drehen und bei der Pro7 Fernsehsendung Galileo einreichen. Oder einen Beitrag zu „Jugend forscht“ anmelden.

Er trank. Keine Grimassen, keine zugekniffenen Augen. Im Gegenteil. Seine Augen rollten einmal ganz langsam nach links und dann ganz langsam nach rechts. Seine Lippen reihten sich ein in diese Choreografie und taten etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Sie bildeten einen lächelnden Halbkreis. „Mit dem Fanø Honig schmeckt’s wirklich gut!“ teilte mir mein kränkelnder Mann mit und ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte… 1. ihn glücklich umarmen… 2. eine neue Kanne Tee kochen… 3. ihm sagen, dass ich das schon immer gewusst habe… 4. ihn fragen, ob wir das Ganze wiederholen können und ich das davon gedrehte Video an Galileo senden darf?

Die Tage darauf trank Ralf Tee wie ein durstiges Pferd, welches in einem Wild-Western-Film nach tagelangem Ritt durch die Öde an einer Tränke vor dem Saloon angebunden wurde. Tee, Tee, Tee. Er konnte nicht genug davon bekommen. Ich freute mich total. Aber fast jede gute Geschichte hat ihren Haken, oder nicht? Denn meine anfängliche Euphorie über meinen Tee trinkenden Mann änderte sich irgendwann, als ich sah, wie der Inhalt des Glases mit dem wertvollen Fanø Honig immer weniger wurde. Dieser tolle Honig, den wir nur auf der dänischen Insel bekämen!

Das erste Mal wollte ich plötzlich, dass Ralf mit dem Honigtee trinken aufhört. Aus der Krankenschwester, die das beste für ihn will, wurde ratzifatzi eine Ehefrau, die fassungslos mit ansah, wie das Fanø Honigglas immer leerer wurde. „Du bist jetzt gesund! “ bestimmte ich, als Ralf gerade in den Vorbereitungungen war, sich eine neue Tasse Tee mit Honig zu Gemüte zu führen. Leicht entrückt hatte ich gesehen, dass nur noch ein paar kleine Honigreste in dem Glas übrig waren.

Ich gebe zu, dass das unschön von mir war. Meine eigene Gier/Lust nach dem leckeren Honig von Fanø vom Imker unseres Vertrauens darf niemals nicht über der Gesundheit meines geliebten Ehemannes stehen! Ich ließ ihn weiterhin den Honig in die Teetasse rühren und freute mich darüber, dass er bald genesen ward.

Und dann das Osterwunder in unserem Küchenschrank! Ich entdeckte, dass da noch ein zweites Glas Honig stand! Von Fanø! Wie gut vorrausschauend waren wir gewesen, gleich zwei Gläser des goldenen Aufstrichs mitgenommen zu haben?! Das nächste Mal würden wir auf jeden Fall gleich mehrere Gläser kaufen. Nicht nur wegen der Gesundheit, sondern weil er einfach super schmeckt.


Habt alle eine schöne Frühlingszeit und bleibt gesund 🙂

2 Kommentare zu „Honigosterwunder

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