Radio Debbie sendet Tag und Nacht

…das Schlimmste aus der Vergangenheit, der Gegenwart und dem Allerschlimmsten von Morgen. Ich fühlte mich mit meiner Erkrankung tatsächlich wie ein Radio, auf dem der Sender falsch eingestellt war. Es rauschte und spielte unentwegt Heavy Metal. Ich mag aber kein Heavy Metal! Der Sendersuchlauf funktionierte nicht mehr, in Dauerschleife musste ich dem Schlimmen zuhören. Unentwegt und ohne Werbepause. Und Nachdenken. Nachdenken war zu meiner neuen und ungewollten Beschäftigung geworden, seit ich erkrankt war.

„Erinnern Sie sich noch an den Ausbruch des Vulkans auf Island im Jahr 2010?“ fragte die Psychologin, die unsere Gruppensitzung leitete und sah uns an. Wir nickten alle eifrig, waren allerdings ein wenig ratlos, was sie mit dieser Frage an uns nun bezwecken wollte.

Ein neues Spiel vielleicht? Als Sozialarbeiterin hatte ich mit verschiedenen Gruppen von Menschen zu tun: Ich hatte den Horizont vieler Jugendlicher ohne Schulabschluss (hoffentlich) bereichtert, war im Auftrag des Jugendamtes bei Familien tätig, in denen eine Kindeswohlgefährdung vorlag, habe jahrelang Frauen fortgebildet, war Bildungsbegleiterin für heranwachsende Erwachsene in Maßnahmen des Jobcenters und habe psychisch erkrankten Männern & Frauen neue Wege aufgezeigt, Mut gemacht und sie in ihren oft schwierigen Lebenslagen begleitet. Als Erzieherin bin ich zudem in Kindergärten meinen Erziehungs- und Bildungsauftrag mit viel Liebe im Herzen nachgegangen. Nachgegangen klingt ein wenig so, als habe ich das Pensum nicht erfüllt.

Was ich sagen wollte: Mir war es nicht fremd, irgendwelche Spiele zu spielen. Ob es nun Stuhlkreis für Kinder oder Kennlern-Teamspiele für Erwachsene waren. Ich war gespannt, was nun kommen würde…

Im Grunde war ich froh, überhaupt da zu sein, in der Therapiegruppe des ZIP Lübeck. Denn am morgen hatte mich meine dauerhafte Erschöpfung mal wieder in die Knie gezwungen. Bleierne Schwere in den Beinen, auf den Schultern, im Rücken und den Armen. Ausruhen nach dem Zähne putzen, dem sich anziehen, Betten ausschütteln und dem Kaffee kochen. Das einzige, was munter und energievoll geladen dudelte, war das Radio in meinem Kopf. Einziger Sender: Debbie, meine Depression. Niemals müde, moderierte sie mich mit ihren schlechten Nachrichten in den Tag hinein.

Dudel, dudel, dudel. Dieses nimmermüde Biest.

Das Erschöpfungssyndrom und die Schmerzen im Körper machten es mir zusätzlich schwer. Als hätte ich Schuhe aus Beton an den Füßen und einen schweren Mühlenstein um den Hals, ging ich schleppend ins Bad, um mich für den Ausflug zur Klinik, in der meine Therapie wöchentlich stattfand, zurechtzumachen. Dabei kämpfte ich sehr mit dem Gewicht der „Schuhe“ und dem Mühlenstein. Debbie Depression schien hämisch zu lachen. „Hahaha, du Versagerin. Ich mache mir jetzt gemütlich eine Portion Popcorn und schau‘ dir zufrieden beim >Ich-bekomme-nicht-mal-mehr-die-einfachsten-Dinge-hin-Marathon< zu“. Ich versuchte, das Debbie-Radio auszuschalten, und als dies nach mehrmaligen Versuchen nicht gelang, verließ ich das Haus genervt eben mit ihrer Dauerdudelei im Kopf.

Den Weg zur Klinik hin wurde das Radio leiser, denn ich freute mich schon auf das Treffen und überlegte, was wir heute lernen würden. Das Schönste war, dort für voll genommen zu werden. Respektiert und wohlwollend. Heute würde ich nach dem Treffen auch mit einer Ärztin sprechen, denn das Medikament, welches ich zu dieser Zeit nahm, taugte allenfalls zum Silber putzen, mir half es jedenfalls nicht. Mit meinem Einzeltherapeuten kam ich auch bestens klar. Mit ihm übte ich, wie ich Selbstfürsorge betreiben konnte, trainierte das NEIN sagen und versuchte, das immer an mir nagende schlechte Gewissen abzuschütteln. Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und Schwester eines sehr sensiblen Bruders wollte ich immer die Starke für die Familie sein. Vom Vater verlassen, der uns gegen eine neue Familie eintauschte und keiner Unterhalts- oder sonstigen Verpflichtung nachkam, wollte ich die Beschützerin meiner beiden Lieben sein. Alles unheil abwenden, immer alles in Ordnung bringen, mich um alles kümmern.

Zurück zum Eingangssatz der Psychologin und dem Hintergrund ihrer Frage nach dem Vulkan, der 2010 auf Island ausbrach:

„Erinnern Sie sich noch an den Ausbruch des Vulkans auf Island?“ „Ja, natürlich“, nickten wir ihr in Gedanken zu. „Aber wissen sie noch, wie der Vulkan heißt?“ Ähm… Nein, das wusste keiner von uns.

Ein jeder kramte mal kurz in seinem Gehirn, um dann ziemlich schnell festzustellen, dass man wohl das Ereignis, nicht aber den vollständigen Namen des ausbrechenden Vulkans wusste. Zu komplex war dieser.

Was sie uns damit sagen wollte: Bei uns Erkrankten ist es so, dass wir uns so oft an Grübelgedanken festhalten. Was könnte alles passieren, was würde passieren, wie würden wir damit umgehen, was würden wir antworten? Die Bedrohung sehen wir nämlich überall. Mißtrauen ist zudem ein schlecht gelaunter, aber treuer und steter Begleiter.

Wenn wir gefragt werden, wie der Schauspieler aus irgendeinem bekannten Film heißt, überlegen wir. Das Gehirn suggeriert uns, dass uns der Name auf der Zunge liegt, deswegen überlegen wir auch länger darüber nach, wie der Kerl nun heißt.

Beim Grübeln ist es allerdings so wie mit dem Vulkan, der da auf Island ausgebrochen ist. Oder eben nicht. Denn beim Vulkan, dessen Namen wir uns noch nie merken konnten, macht das Hirn einen Haken dran. Es ist, als würde es sagen: „Darüber denke ich jetzt nicht weiter nach, denn ich weiß, dass mir der Name nicht im Geringsten einfällt“, und hängt ein „Geschlossen“-Schild an die Tür. Wir haben den Namen einmal gehört, aber sofort wieder vergessen.

Bei einer Depression kramt das Hirn auf seinem Grübelgedankenfrass alle Schubladen einmal komplett durch und beginnt nach einer erfolglosen Suche ungefragt wieder von vorn. Wie ein Computerfehler. Und ohne was zu finden. Ich habe mir oft einen Pacman gewünscht, der durch die Reihen meines Hirnes rennt und alle Grübelgedanken auffrisst, um Platz zu machen für die schönen Dinge. Meine Empfindungen hätte ich dann zwar noch nicht wieder, aber es wäre halt schon mal mehr Platz geschaffen für das wirklich wichtige.

Am Ende des Treffens bekamen wir eine Hausaufaufgabe, die mir sehr gut gefiel. Denn ich musste sie nicht selbst lösen.

Es waren meine Freunde, die dies tun müssten. Die Gruppentherapeutin teilte uns Zettel aus und bat darum, diese an unsere Freunde weiterzugeben. Auf dem Zettel standen Fragen wie:

  1. Erleben Sie täglich Stimmungsschwankungen?
  2. Schwankt Ihre Energie oder verändert sich Ihr Interesse für manche Dinge im Laufe des Tages?
  3. Fühlen Sie sich manchmal traurig und niedergeschlagen, ohne zu wissen weshalb?
  4. Fühlen Sie sich müde, obwohl sie gerade erst aufgestanden sind?

Ich hatte wie alle anderen überhaupt keine Ahnung, warum wir diese Fragen an unsere Freunde stellen sollten, aber da ich Neuem und allem, was mir helfen konnte, aufgeschlossen war, heftete ich den Fragebogen in meinen Therapieordner, packte zusammen und verabschiedete mich zuversichtlich.

Beim nächsten mal wird es um diese Hausaufaufgabe, Träume und das neue Medikament gehen. Habt alle eine schöne Zeit voller Zuversicht.

Liebste Grüße

Steph

PS: Falls irgendwer beim Lesen über den Namen des Vulkans nachgedacht haben sollte, er heißt: Eyjafjallajökull 🙂

2 Kommentare zu „Radio Debbie sendet Tag und Nacht

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