Gelbe Pfützen im Sand

In den Nachrichten las ich, dass die Häuser auf Stelzen in St. Peter-Ording abgerissen wurden und wurde prompt an einen Urlaub erinnert, an dem wir selbst Stelzen gut gebrauchen hätten können. Aber lest selbst…

Der tolle Mann an meiner Seite und ich urlaubten für eine Woche in Büsum. Hauptsächlich der Lämmer wegen, die Ralf so niedlich findet. An einem Tag unternahmen wir einen Abstecher nach St. Peter-Ording. Da wir fast jedes Jahr an der Südküste Dänemarks unseren Nordsee-Urlaub verbringen, freuten wir uns sehr, nun auch einmal die deutsche Nordsee zu erleben.

Kaum hatten wir den langen Strand erreicht, musste ich auf die Toilette. „Wie immer“ hätte wohl jeder andere Mann gestöhnt, nur eben nicht meiner. Charmant und galant wie man ihn kennt, nahm er mir sofort den Rucksack ab, setzte sich in den Sand und winkte mir zu, während ich mit einer Hand am Geländer vorsichtig die breite Holztreppe zum Toilettenhaus hochstieg.

Alle kennen die Häuser, die auf Stelzen dort am Strand stehen. Sie beherbergen Restaurants, Surfbretter und eben auch …Toiletten. Ich musste schmunzeln, als ich die Stufen erklomm. Die Häuser auf Stelzen sahen einfach zu lustig aus und der Name „Donnerbalken“ bekam hier eine besondere Bedeutung. Es gab schon richtige Toiletten in diesem hohen Haus, nur war eben alles andere aus Holz: die Wände, der Boden und die Türen. Als ich eine der Kabinen betrat und das tat, wozu ich gekommen war, erschrak ich plötzlich, denn ich konnte durch die Holzpanelen, auf denen ich stand, tief nach unten in den Sand schauen. Ich sprang sofort wieder hoch, denn ein ungebetener, aber nicht unbekannter Gast namens „Sorge“ machte sich in meinem Kopf breit. Was war, wenn hier nicht alles dicht ist?

Nein, so konnte ich hier nicht in Ruhe sein. Ich musste das erst einmal untersuchen und prüfen. Was wäre, wenn was nicht dicht wäre und da unten plötzlich ein Mensch entlang schritt, ohne einen Sorgegesellen in seinem Kopf so wie ich? Völlig unbedarft und des Lebens froh würde er da unten entlang gehen, ein lustiges Liedchen pfeifend und schöne Muscheln suchend… bis dann… ja bis dann ein… ach, ich wollte es mir nicht ausmalen… „Die einzige, die hier nicht ganz dicht ist, bist du!“ rief meine Blase mir zu und ja, wahrscheinlich hatte sie recht!

Ich tat, wozu ich gekommen war, wusch mir anschließend die Hände und trippelte dennoch kurz noch einmal zu „meiner“ Kabine zurück, um mich mit einem Blick durch die Bohlenbretter, die den Boden ausmachten, zu vergewissern, dass da unten jetzt nicht eine kleine Pfütze im Sand war. Puh, für mich war das schon anstrengend genug und wir waren gerade erst angekommen!

„Wo warst du denn so lange?“ fragte mich Ralf und ich holte tatsächlich Luft, um es ihm brühwarm erzählen zu wollen. Dann sah ich allerdings die Sonne, das Watt, die See und wollte eben das mit ihm ab sofort ausschließlich genießen.

Der Strandspaziergang war einfach nur schön. In unserem Sommerurlaub in Dänemark sind wir ausschließlich nur barfuss am Strand oder Watt unterwegs, wir haben kleine Handtücher im Auto, um uns die vom Wasser und Sand panierten Füße abzutrocknen, bevor wir wieder in die Schuhe und ins Auto hüpfen. Allerdings war nun noch nicht Sommer, wie gesagt schrieben wir den 10. April und ich war so glücklich, dass der Mann an meiner Seite sich nun auch endlich mal ein paar Gummistiefel gekauft hatte. Rabenschwarz waren sie und nicht leuchtend gelb wie meine, aber hey, er hatte sie sich selbst ausgesucht und immerhin – er hatte Gummistiefel!

Nach einer intensiven Stunde des Spazierens an der See entlang brauchten wir dringend mal eine Pause. „Wollen wir uns da hinten hinsetzen?“ fragte ich und nach einem „gerne“ von Ralf fielen wir mit einem erleichternden PLUMPS in den Sandboden. Ich möchte nochmal erwähnen, dass wir erfahrene Nordseeurlauber sind. Wir kennen Ebbe und Flut nicht nur vom Hörensagen. Zudem haben wir in Dänemark geführte Wattwanderungen mit einem Profi unternommen und kennen die Gefahr, die die See bereiten könnte. Ich gebe zu, die geführte Wattwanderung haben wir damals auch deswegen gebucht, weil Ralf es nicht gelten ließ, dass ich mich als Erfahrene ausgab, nur weil ich die Serienfolge „Nesthäkchen auf Kur“ mehrere Male gesehen hatte. Ich tönte danach, ich wüßte alles über den Mond als Erdtrabanten, die auf- und abgehende Flut und würde mich mit einem Tidenkalender in der Hand bestens auskennen. „Du weißt ja nicht mal, wann bei uns der Gelbe Sack termingerecht abgeholt wird, Süße!“ sagte er schmunzelnd und buchte uns damals die Wattwanderung in Dänemark.

Hier in St. Peter Nording, äh Ording konnte es auch nicht anders sein als überall dort, wo man mit Ebbe und Flut zu tun hat. Von dem Spaziergang leicht erschöpft saßen wir also im Sand und erzählten uns gegenseitig, wie schön es doch war. Die Natur, die gewaltige See, die gute Luft und die doch so bequemen Gummistiefel.

„Und hör mal“, sagte ich zu Ralf, „ das Meer ist überall. Obwohl es so weit weg ist, hört es sich an, als wäre es überall um uns herum. Es ist fast, als wäre das Meer, oder vielmehr die See hinter uns, und vor uns und links und rechts neben uns, so nah höre ich das aufkommende Rauschen“. Ich wollte mich an meinen Mann kuscheln, ihm sagen, wie sehr ich diesen Moment mit ihm genieße und weiter der Natur huldigen, als dieser plötzlich wie eine Rakete in die Höhe schoß und sagte:“ Mist, wir sitzen auf einer Sandbank!“ „Aber das ist doch schöön“, wollte ich weiter säuseln, als ich begriff, was er meinte. Das Rauschen welches wir von vorne, hinten, links und rechts nur in unseren Gedanken annahmen, war tatsächlich echt! Die Flut war gekommen und wir saßen da auf unserer Sandbank die von allen Seiten vom aufkommenden Wasser umspült wurde.

Derb fluchend ging ich hin und her. Was sollten wir tun? Wir wussten es bereits und warteten dennoch kurz ab. Hatten wir etwa gedacht, die Nordsee würde – nur wegen uns – mal eine Ausnahme machen und sich zurückziehen obwohl sie laut Kalender bereits auf Flut eingestellt war? Vielleicht hielt uns auch die Tatsache zurück, dass da hinten, am sicheren Strandabschnitt bei den Häusern auf Stelzen, Menschen standen und uns zuschauten. Eine ältere Dame mit Hund, ein Jogger im Trainingsanzug, Vater, Mutter und zwei Töchter. Sogar der Eisverkäufer legte seine Ellenbogen auf das Fenster seines VW-Bulli-Eiswagens und schaute uns zu. Die quietschenden Kinder, die ihm gerne ein paar Kugeln Eis abkaufen wollten, ignorierte er.

Es half nichts, wir mussten da jetzt durch. Staksend wie zwei Störche im Salat bewegten wir uns durch das inzwischen bis zu den Knien gehende Wasser, um wieder an das Ufer zu gelangen. Damit es nicht all zu peinlich wurde, lachte ich die ganze Zeit affektiert. Es sollte aussehen als wollten wir das so und damit man mir das auch glaubt, erwähnte ich es sicherheitshalber nochmal in Worten, als wir uns dem Strand näherten.

Ich hätte beim Erreichen des selbigen ein wenig Applaus erwartet von der wartenden Menschenmenge, aber es tat sich nichts. Gelangweilt gingen sie wieder ihrer Wege. Einzig ein Mann stand noch dort, als wir am Ufer angekommen waren. „Hihi, wir wollten nur testen, ob die Gumistiefel dicht sind“, kicherte ich ihm entgegen, doch er zog bloß die Schultern hoch und entfernte sich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, um seinen Spaziergang fortzusetzen.

Wir gingen ein paar Schritte und taten immer noch so, als wollten wir das, was wir da eben getan hatten, genau so und nicht anders haben. Dabei war jeder Schritt unangenehm. Es „quotschelte“ in meinen Schuhen. Diesen Begriff hatte ich dazu ganz neu erfunden, um Ralf zu berichten, warum ich so langsam gehe. Es hörte sich an, als würden meine Schuhe pupsen.

Erst als wir nicht mehr in der Nähe von Menschen waren, hielten wir uns jeweils mit einer Hand an einer Stange dieser Freiluftduschen fest, um mit der anderen die Gummistiefel vom Fuß zu bekommen und zu entleeren. Unausgesprochen stand der eine jeweils „Schmiere“, damit keiner guckt, während der andere versuchte, den Schuh vom Fuß zu kriegen. Weil der tolle Mann an meiner Seite ein Gentleman ist, durfte ich anfangen. Es gab ein schmatzendes Geräusch, bevor der Inhalt eines Zimmeraquariums aus meinem gummierten Stiefel schoß und eine riesige Lache Nordseewasser im Sand versank. Und ich machte mir vor zwei Stunden noch Sorgen wegen einer Pfütze? Lächerlich. Der Typ, der vorhin unter dem Toilettenhaus auf Stelzen her ging, sollte sich freuen, dass ich auf der Autofahrt nur kurz dreimal an der Kirschlimo genippt hatte! Als Ralf seinen Stiefel entleerte, kam ebenfalls sehr viel Wasser heraus. Ich ging einen Schritt zur Seite, denn ich hatte Angst, dass da noch ein Fisch mit raus kommt.

Wer glaubt, dass das Abenteuer nun vorbei war, kennt uns – oder vielmehr mich – schlecht 😉 Denn ich trage bis auf meine Unterwäsche selten Hosen. Röcke in allen Farben und Formen sind mein Klamottenstatement und das schon seit Jahren. Zu jeder Jahreszeit. Was das mit der derzeitigen Situation zu tun hat? Nun ja, während Ralf sich seine Jeanshose ein wenig hochkrempeln und barfuss zum Auto gehen konnte, blickte ich meine Beine hinunter auf die bunt geringelte Strumpfhose, die ich an hatte.

Zum zweiten Mal an diesem noch recht jungen Tag sagte ich den Satz: „Hilft ja nix, da müssen wir jetzt durch!“ Also pellte ich die bunte Strumpfhose von meinen Beinen. Zum Vorschein kamen zwei weiße Beine, die eher an zwei Weißwürste erinnerten. „Gibt es da drüben eigentlich was zu essen?“ fragte ich den Mann an meiner Seite, der sich umschauend, wie er ist, sofort die Augen zusammen kniff, um zu lesen, was auf der Tafel in der Ferne mit Kreide gekritzelt stand. Pssst, ich wollte ihn nur ablenken, meine weißen, von der Sonne noch unberührten Beine sollte er bei diesem Tageslicht nicht sehen müssen. Ausgepellt stand ich nun da und fror. Es war der 10. April und trotz Sonne war es doch recht kühl.

Verstohlen gingen wir eilig zu unserem Auto, welches zum Glück in unmittelbarer Nähe auf dem Parkplatz stand. Wir stiegen ein, schlossen die Türen und atmeten erst einmal hörbar aus. „Geschafft“ sagte der Mann und meine Hand und seine trafen sich zu einem „High-Five“ in der Luft.

Wir ließen die Scheiben unseres Autos einen Spalt herunter und hängten seine Socken und meine Strumpfhose über die halbgeöffneten Autofenster, die daraufhin gleich mal beschlugen. Die nächste Viertelstunde verbrachten wir mit lauthalsem Lachen. Wir lachten und lachten und konnten nicht mehr aufhören. Das Auto wackelte, die Scheiben waren beschlagen, eine Strumpfhose hing aus dem Fenster und wir lachten, als gäbe es keinen Morgen. Ein Mann, der mit einem Hund an der Leine an unsere Scheibe klopfte und rief: „Ihr Ferkel, macht eure Sauerein zu Hause!“ stachelte uns zu noch mehr Lachen an. Es war ein herrlicher Ralf & Steph Tag ❤

Nachtrag:

Später, als wir uns ein wenig beruhigt hatten, fuhren wir mit dem Auto in die Innenstadt, denn eines war klar: Das Trocknen der Wäsche dauerte noch ein wenig und sowohl Ralf als auch ich hatten keine Socken mehr. Die Strecke von St. Peter Ording bis nach Büsum war zwar nicht lang, aber was sollten ein paar Strümpfe und eine „Strumpfi“schon kosten? Das es da durchaus Unterschiede gab, merkten wir gleich, als wir die Läden in der Innenstadt sahen, da waren sehr viele exklusive Geschäfte. Solche, die nicht nur nachts von Sicherheitsleuten bewacht wurden. Innerlich lachend musste ich daran denken, wie ich mit meiner Freundin Jule mal in Nürnberg durch die prächtige Kaiserstraße ging und sie ganz trocken sagte: „Wenn ich mit meiner H&M-Tasche mal dort bei Gucci reinspaziere, denken die doch alle, ich wäre die Reingungskraft!“ Ralf und ich haben dann bei Edeka noch Socken und eine Strumpfhose bekommen. War auch nicht ganz billig, aber immer noch günstiger als in einem der „Schickimicki“ Läden. Unsere Gummistiefel haben den Test bestanden. Eines steht nun fest: Wenigstens die sind „dicht“. 😉

Habt eine trockene Woche. Der Frühling kommt. Ich kann ihn riechen.

Herzlichst, Steph

5 Kommentare zu „Gelbe Pfützen im Sand

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