Nächste Ausfahrt: Debbie

Mein Körper ist ein Auto. Ein kleiner Oldtimer. Ein paar Rostflecken hier, ein paar Lackschäden dort. Manchmal knirscht das Getriebe und das Auswechseln kleinerer Teile war auch schon notwendig. Der Fahrbereitschaft stand allerdings nie etwas im Weg. Bis Debbie kam…

Mein „Auto“ und ich fuhren mal wieder auf der Autobahn. Das „Radio“ namens Mund spielte zwar keine lustigen Lieder wie früher, aber das war nicht weiter schlimm. Das würde schon wieder kommen.

Viel mehr Sorgen bereitete es mir, dass wir auf der Autobahn kaum vorwärts kamen und das lag nicht etwa an einem Stau. Am Motor (Herzen) auch nicht, denn der lief bereits auf Hochtouren. Die Mechanikerin hatte extra ein paar Betablocker auf die Liste gesetzt, um den fast heißgekochten Motor ein wenig runterzukühlen.

Der Auspuff (Darm) hatte auch schon gelitten, weswegen ich bald mal bei einer Fachwerkstatt anhalten müsste.

Im Grunde wußte ich, woran es lag, dass wir auf der Fahrt des Lebens immer langsamer wurden. Denn mit dem Benzin stimmte was nicht. Wer ein depressives Auto fährt, der weiß, dass es ein Dreitaktgemisch im Benzin braucht, um das Vehikel vorwärts zu bringen. 1. Medikamente, 2. Therapie und 3. Bewegung.

Und genau hier lag ja nun mal der Hase im Pfeffer. Das „Auto“ bewegte sich kaum noch und doch würde es Bewegung brauchen, um den Tank wieder voll zu bekommen. Doch wie soll sich das „Auto“ bewegen, wenn es das besondere Benzingemisch dafür benötigt und nicht bekommen kann?

Oder war die Mischung der Medikamente nicht in Ordnung? Ein Zwischenstopp beim Händler meines Vertrauens brachte mir Gewissheit. Das Medikament wurde schnell ausgewechselt und ein Neues verordnet. Dieses war zwar toll, denn es führte dazu, dass der Oldtimer weniger Startschwierigkeiten (Antrieb) hatte. Die Nebenwirkung allerdings brachte hervor, dass das Faltdach nun öfter auf bleiben musste, denn die Heizung schien nun auf „volle Pulle“ zu laufen.

An der Therapie lag es auch nicht, die lief rund. So lag es allein an der Bewegung. Ich ärgerte mich sehr, dass wir nun auf der Autobah fahrend immer langsamer wurden. Andere hupten mich an, fragten, ob ich bescheuert sei und tippten sich mit dem Finger an die Stirn, um aufzuzeigen, dass ich ja wohl einen Schaden hätte. Das wußte ich und es tat weh, dass sie so mit mir umgingen.

Beide Hände fest ins Lenkrad gekrallt, versuchte ich, die Reaktionen der anderen Autofahrer auszuhalten und schaute nur nach vorn. Denn ich hatte ein Ziel. Ich würde bald an einem Rastplatz mit den Namen REHA halten und dort mal generalüberholt werden. Bis dahin müsste das Auto mich noch bringen. Weit wäre es nicht mehr, ca. 50 Kilometer. Eine Schwierigkeit ergab sich dennoch, denn das Navigationsgerät funktionierte nicht mehr richtig. Es wollte mich immer wieder auf die Ausfahrt Debbie leiten. So sehr ich mich auch anstrengte, konzentriert auf meiner Bahn zu bleiben, lenkte mich diese eine Abfahrt ständig ab. Es war, als ob man ein Buch liest und zehn Minuten für die eine Seite benötigt, weil der Kopf in Gedanken ganz woanders war.

Von der F 43.2 kommend, nahm ich die nächste Autobahn. Die F32.1 war äußerst hügelig und ähnelte den Kasseler Bergen. Der Motor war kurz vor’m Überhitzen. Mal wieder. Er stolperte ab und an. Und als ob das nicht reichen würde, knackte plötzlich die Karosserie. Es war klar, das Benzin würde bald ausgehen. Denn ohne Bewegung kein Dreitaktgemisch und ohne das keine Weiterfahrt. Ich hätte heulen können. Nur noch ein paar Tage, äh Kilometer bis zum Fahrtziel und nun das!

Ich legte meinen Kopf auf’s Lenkrad. Resignierend könnte man meinen. Aber es bedeutete mir selbst nur eine kurze Pause. Sich fassen. Lösungen überlegen. Denn eines wusste ich: Ich mochte meinen Oldtimer und würde ihn nie und nimmer irgendwo alleine lassen. Wir würden das schaffen. Auf jeden Fall!

Nach zehn Minuten des seit langem mal wieder produktiven Nachdenkens (statt sich selbst zurück in die schützende Garage wünschend) wusste ich, was zu tun war. Ich öffnete die Tür, stieg aus meinem Auto aus und schob es von hinten an. „Meine Güte, bist du schwer“, stöhnte ich zu Beginn. Doch als sich dann etwas bewegte, war alles plötzlich leichter. Die negativen Gedanken verwandelten sich in „Es wird bald besser“ um. Ich schob und schob und hatte tatsächlich keine Sorge mehr, das es nicht klappen würde. Es müsste einfach. Alles andere wäre keine Option.

Und dann passierte das Schöne: Mein „Auto“ hustete einmal kurz auf, alle Lichter in der Anzeigentafel schalteten sich auf Null und das Navi wünschte mir gute Fahrt. Ich sprang schnell zurück auf den Fahrersitz, schnallte mich an und fuhr mit quietschenden Reifen weiter, Richtung Rastplatz „Reha“.

Beim nächsten mal: Wirre Träume müssen sein, weil der Kopf den Kleiderschrank aufräumt/Meine Zeit in der Rehaklinik.

Herzliche Grüße an euch alle.

Steph 🙂

5 Kommentare zu „Nächste Ausfahrt: Debbie

  1. Wieder einmal hast du dein Empfinden und Fühlen in den schweren Phasen der Depression fast liebevoll in Worte gefasst und für andere (be)greifbar gemacht.
    Meine Mutter hatte sich im vergangenen Winter auch wieder verändert, ihre Vergesslichkeit nahm besorgniserregend zu und wir drängten sie zu einem Arztbesuch (mal wieder ). Die Diagnose: zum Glück kein Alzheimer, sondern „nur“ eine Pseudodemenz – ein Symptom ihrer langjährigen Depression. Und die wichtigste Therapuemaßnahme: Bewegung an der frischen Luft! Manchmal klingt die Lösung ganz einfach, trotzdem war der Weg schwer – besonders der vor die Tür. Zu oft hatten die lieben Nachbar ihr die Hunderunde abgenommen, nun geht sie wieder selber und die Sonne sowie Ergotherapie tun ihr Übriges – es geht bergauf.
    Aber das Wissen um ihre Erkrankung hilft uns, immer wieder auch die Täler zu meistern – drum ist es wichtig, die Vielfalt und Unbegreifbarkeit einer Depression immer wieder zu erklären und du machst das einzigartig fabelhaft!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine unglaublich lieben Zeilen Regina. Es tut gut zu lesen, dass meine Erfahrungen anderen eine Hilfe sein können und es freut mich, wenn sie das tun. Deiner Mutter wünsche ich unbekannterweise, dass es weiter beragauf geht. Und das sie es sich selbst nicht krumm nimmt, wenn es auch mal wieder schlechter wird. Davor haben viele Angst. Allerdings ist so eine Erkrankung schon Stress genug, (alleine das ständige Bedrohungsmonitoring), weswegen ich mithilfe meines jetzigen Therapeuten gerlent habe, gnädiger mit mir selbst zu sein und nicht erschrocken und angstzerfressen zu reagieren, wenn es mal wieder ein kleines Tal gab 😉 Von Herzen alles beste für deine Mutter und wenn du Fragen hast, weißt du ja wo ich zu finden bin 😉 Liebste Grüße Steph ❤

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