Gut gerüstet

Von wuseligen Ameisen, Käffchen & Äffchen, ganz vielen Puzzleteilen, einem Helfersyndrom und rotierenden Bürsten

Das Haus, in dem wir leben, sollte einen neuen Farbanstrich bekommen. Unsere Vermieterin hatte die Arbeiten in Auftrag gegeben.

An einem Donnerstag kam das Gerüst. In Hunderten von Einzelteilen wurde es geliefert. Eisenstangen, Bretter und Verbindungsteile lagen (mit System) verstreut im Vorgarten herum. Na, das dauert noch, bis das alles aufgebaut wird, dachte ich und war froh um diesen Umstand. So eingezäunt zu sein, war zwar notwendig, aber auch nicht unbedingt schön. „Die brauchen mit dem Aufbau bestimmt bis Freitag“, rief ich Ralf zu, der in der Küche die Spülmaschine ausräumte.

Mein Blick ging vom Fenster ab zu der kleinen E-Gitarre aus Lego, die ich Ralf zu seinem Geburtstag geschenkt hatte. Nie im Leben würde ich das 500-Teile-Legoinstrument zusammengebaut bekommen. Deswegen habe ich es ja auch Ralf geschenkt und nicht umgekehrt. Die Arbeiter hatten sicher kein Problem mit dem Zusammenbauen ihrer Gerüstpuzzleteile. War ja ihr Beruf. Während sie schon früh am Morgen wie kleine Ameisen wuselig durch den Vorgarten streiften, um sich ihre Puzzleteile zusammenzusuchen, war ich noch nicht mal für den Tag angezogen.

Die viele Arbeit, die die Gerüstbauer nun haben würden, bereitete mir Sorge. Könnte ich ihnen vielleicht bei irgendwas helfen? „Hilf dir erst mal selbst und zieh dir was an, Herrgott!“ raunzte die Stimme in meinem Kopf, und so sprang ich schnell ins Bad, um Körperpflege zu betreiben. Die Stimme hatte ja Recht. Wenn ich helfen wollte, müsste ich einigermaßen aussehen. Die Knitterfalten, verursacht von Kopfkissen & Bettzeug, aus dem Gesicht streichen war schon mal ein guter Anfang. Waschen, Putzen und Cremen müsste auch noch folgen. Und dann – und zwar nur dann – könnte ich mal nett anfragen, wie es mit meiner Mithilfe stünde. Bei den Gerüstbauern. Nicht bei Ralf. Der war nämlich längst fertig mit dem Ausräumen der Spülmaschine.

„Aber wenn sie jetzt schon Hilfe brauchen?“ fragte das übereifrige Engelchen in meinem Hirn. „Also jetzt mal im Ernst, wozu sollten erfahrene Gerüstbauer Hilfe von einer Frau im niedlichen Katzennachthemd benötigen? Zumal sie ja nicht mal ein paar Legoteile nach Anleitung zusammen gesteckt bekommt!“ Bäm! Die Worte des Teufelchens hatten gesessen. „Also… das auf meinem Nachthemd ist gar keine Katze und das mit dem Legozeugs…“ warf ich in die Gesprächsrunde ein und wurde überhört. Ich ließ die beiden streiten und ging, inmitten meiner eigenen Sanierungsarbeiten am Gesicht, lieber noch mal zum Fenster, um nachzuschauen, was die Arbeiter da so trieben.

Wir wohnen im 3. Stock eines Altbaus von 1910. Im Winter haben wir viel Besuch von Möwen, Elstern oder Krähen auf dem Balkon, da sie sich auf ihre von uns stets gut bestückte Futterstation verlassen können. Im 3. Stock wohnend kann ich mich wiederum darauf verlassen, dass ich nicht unvorbereitet auf Männer treffe, die ich zuvor nicht zur Wohnungstür hineingelassen habe.

Und jetzt? Jetzt stand ich mit der sich in meinem Mund rotierenden elektrischen Zahnbürste in unserem Esszimmer und schaute durch die Scheibe plötzlich ins Gesicht eines der Arbeiter. HUCH! Zwei Reihen strahlend weißer Zähne und ein paar lustige Augen grinsten mich durch die Fensterscheibe hindurch an. Mein Mund öffnete sich. Vermutlich weil mein Gehirn ihm gerade befohlen hate, den Schalter auf „Erstaunen“ umzulegen. Nun floss die schaumige, vorher im Mundraum ordentlich verrührte Zahnpasta aus meinen Mundwinkeln, kleckste auf mein Nachthemd herunter und legte sich – müde von der langen Reise über meinen Körper – nun matt auf die Dielenbretter unseres Fussbodens.

Noch immer rotierte die Bürste, während ich da mit offenem Mund vor dem Menschen mit den perlweißen Zähnen stand. Was sagt man denn in solch einem Moment? Nichts! Mit einer Zahnbürste im Mund sagt man nichts. Ich huschte zurück ins Bad. Setzte mich auf die Wäschetruhe und dachte nach. Zwei Fragen beschäftigten mich. Erstens: Wie könnte ich dem Perlweißmann erneut und ohne Scham entgegentreten und zweitens: Wie könnte ich den Arbeitern eine tatkräftige Hilfe sein?

Kaffee kochen und Schnittchen machen wäre vielleicht eine Option. Allerdings hatten wir vor drei Jahren mal die Maler bei uns und die waren so begeistert von unserer guten Bewirtung, dass sie statt dem einen Zimmer am liebsten die ganze Wohnung renoviert hätten. Stets tischten wir ihnen ein Frühstück auf, welches jeden Fernfahrer dazu gebracht hätte, ein paar Tränen der Rührung zu weinen. Truckerfrühstück. Brötchen mit Bauarbeitermarmelade (Mett), Käse, Eiersalat und Kuchen standen stets frisch bereit, wenn sie unsere Wohnung und somit ihre Baustelle betraten. Wir lehnten es ab, in der Innungszeitung als Bewirterehepaar des Monats genannt zu werden und sagten immer wieder, dass das für uns selbstverständlich sei.

„Ich glaube, ich werde den Arbeitern Kaffee kochen“, sagte ich zu Ralf, als ich vom Nachdenken aus dem Bad kam. „Vielleicht solltest du dir erst einmal was anziehen“, antwortete dieser und zeigte im Vorbeigehen auf mein Nachthemd. Mist! Ich wußte doch, dass ich etwas vergessen hatte. „Ich glaube, ich werde den Arbeitern Kaffee kochen“, erneuerte ich mein Anliegen zur tatkräftigen Unterstützung als ich um- beziehungsweise angezogen war. „Wir müssen reden“, sagte da der Diplom-Sozialpädagoge Ralf und schob mich auf die Couch im Wohnzimmer, wo ich mit ausgestreckten Beinen – den Kopf auf die Kissen gebettet – lag und ihm zuhörte. „Dein Problem ist dein Helfersyndrom. Du musst nichts machen. Die Arbeiter haben sicher von unserer Vermieterin Kaffee bekommen und selbst wenn nicht, es ist nicht dein Problem“, sagte er und schaute milde. „Ja, aber…“. „Nix ja aber. Denen geht es gut und du brauchst dich um nichts zu kümmern“, sagte der Dipl-Sozpäd und bot mir einen Kinderkeks an.

Zwei Stunden später war Ralf außer Haus und ich sah die Chance, meinem Begier, etwas Gutes zu tun, nachzugehen. Kaum verhallten seine Schritte im Treppenhaus Richtung Ausgang, riss ich die Balkontür auf, sah den Perlweißmann und fragte atemlos, ob ich etwas für ihn tun könnte. „Käffchen?“

„Sehr schön haben Sie es hier“, wich mir der Arbeiter aus und zeigte auf die Balkonkästen, die angemalten Stühle und das Haus. Für so etwas hatte er ein Auge? Also, wenn ich in 20 Metern Höhe auf einem Holzbalken stehe, würde ich mich nach einem Sprungtuch auf dem Rasen unter mir umschauen und nicht, ob die Blumensaat in den Töpfen der Mieter aufgeht. Aber er war halt eben ein Profi. Wie sehr, das sollte ich noch rausfinden….

„Was machen Sie denn beruflich?“ wollte der Perlweißmann von mir wissen, und mit einem Mal machte mein geschwätziges ICH eine Pause. Natürlich bin ich stolz auf meine beruflichen Erfolge. Allerdings ist es doch so: Wenn man berichtet, was man beruflich macht, wird man mit so vielen Fragen überhäuft. Wie bekommt man Kinder dazu, Gemüse zu essen. Was tun, wenn der Stuhlgang des Fünfjährigen eine komische Farbe hat? Wo gibt es Beratungsstellen für Jugendliche, die nicht zur Schule gehen wollen und wie schaffe ich es, dass der Partner/die Partnerin mir beim Ausräumen der Spülmaschine hilft? Hüstel…

„ICH? Ja, ähm, ich bin Atomphysikerin“, sagte ich zum Perlweißmann und stellte mich breit vor den Esszimmertisch, auf dem bunte Holzperlen, lustig angemalte Steine, selbstgebastelte Windspiele und Wachsmaler in allen Farben herumlagen. Die mit Akkus betriebene Seifenblasenmaschine schob ich schnell mit dem Fuß zur Seite. „Oh, wirklich?“ fragte er und machte große Augen. Eben noch selbst beschämt, ihn so dreist angelogen zu haben, fand ich jetzt fast unverschämt, dass er mir diesen Beruf nicht abnahm. Sah ich denn nicht schlau genug aus? Immerhin trug ich eine Brille. Aber vielleicht hat er auch zuvor schon von seinem Ausguck in unser Esszimmer hineingesehen und dort unsere Bücher im Regal entdeckt. Sozialgesetze, Erziehungsstile, Dyskalkulie – das alles spricht wohl nicht für eine Physikerin.

Aber was hätte ich ihm sagen sollen? Dass ich eine Sozialarbeiterin mit Diagnose Burnout war und mich gerade auf dem Weg der Besserung befand? Das Radio, welches er sich mit gebracht und auf einem der Gerüste abgestellt hatte, dudelte leise vor sich hin, während er selbst wie ein Äffchen im Baum immer wieder hin und her schwang, um das Gerüst weiter aufzubauen. Seine Konzentration dabei war einzigartig. Er schraubte hier herum, schwang sich zum anderen Ende und schraubte dort herum, hüpfte dann auf unseren Balkon, um ein weiteres Stahlrohr festzumachen und machte nur kurz Pause, um den Zahnstocher, den er in seinem Mund hin und her schob, auszutauschen.

Eine erneute Frage meinerseits, ob er nun einen Kaffee wollte, verneinte er nett. Sie hätten alles dabei. Ralf hatte also recht behalten. „Und Sie forschen in der Physik, hmmm?“ fragte mich der Perlweißmann erneut und schraubte weiter an irgendwas herum. „Meine Mutter ist ja in der Altenpflege tätig, so etwas könnte ich nie!“ sagte er und schaute mich an.

„Nein, das könnte ich auch nicht, das muss ein harter Beruf sein“, antwortete ich und überlegte, ob ich ihm nun doch die Wahrheit über meinen Beruf erzählen sollte.

Das war aber gar nicht nötig, denn ich bekam ungefragt eine kostenlose Lehrstunde von ihm:

„Natürlich ist unser Job hart, aber ich liebe ihn“, sagte er. „Wenn ich im Urlaub bin, muss ich auch irgendwo hoch klettern, denn nur so bekomme ich ein Gefühl von Freiheit. Wissen Sie, ich muss mich hier total auf mein Team verlassen können. Wenn meine Kollegen da unten Mist bauen (er zeigte auf die Arbeiter unter ihm, die Schrauben des Gerüstes, auf dem er stand, festzurrten), dann bin ich am Arsch. Und das wissen die. Wir müssen uns immer bedingungslos aufeinander verlassen können und das klappt immer! Natürlich fällt da auch mal ein heftiger Satz, aber mit Kuschelpädagogik kommen wir halt nicht weiter. Wenn ich einem Mitarbeiter sage, dass er gerade Sch….. gebaut hat, dann ist das nur für den Moment und derjenige weiß das auch. Das nimmt einem keiner krumm. Aber es wird immer alles gleich ausgesprochen und nie verlagert. Weil es hier halt auch um viel geht, nee?“

Und das war genau der Punkt, an dem ich am liebsten mein Notizbuch geholt hätte, um mitzuschreiben. Wissen aufsaugen. Wie man es besser machen kann. Als eine, die beruflich sehr viel in Betrieben gearbeitet hatte, in denen es nur Frauen gab, wusste ich um die Tatsache, dass man dort selbst nur im Konjunktiv sprach. Würdest du bitte, könntest du mal, es wäre nett, wenn du… Aber hier, bei den Gerüstbauern und Gerüstbauerinnen galt ein anderer Schnack. Hier kam es nicht auf „würdest du“ und „es wäre nett, wenn du könntest“ an. Hier war der Konjuktiv Essig. „Du musst das machen, sonst bin ich am Ar…“ war eine konsequente Ansage. „Ihr geht also nicht gemeinsam für ein besseres Teamgefühl in den Hochseilgarten?“ scherzte ich und ernetete ein Augenzwinkern von ihm. „Gott bewahre!“ sagte er lachend und schwang sich erneut von einer Stange zur nächsten.

„Hasi, gibst du mir mal den Zehnerschlüssel?“ Irritiert schaute ich mich um. Wir kennen uns erst eine Stunde und schon bekomme ich Kosenamen?

„Hasi, hörst du mich?“ „Ähm ja, aber ich habe keinen Zehnerschlüssel“, antwortete ich beschämt. „Oh. Sie meinte ich nicht. Mein Kollege da unten, den meinte ich“, sagte der Perlweißmann. Meine Güte, der Tag war noch jung und dennoch jagte eine Peinlichkeit die nächste. Zum Glück trug ich heute nicht meine kuscheligen Einhornhausschuhe. Man stelle sich das mal vor: eine Atomphyskerin, die keine Ahnung von der Materie hat und in Einhornpuschen Zahnpastaflecken von ihrem Fußboden kratzt.

Als Perli Perlweiß dann endlich seinen Zehnerschlüssel in der Hand hielt, fuhr er mit der Lehrstunde fort. Erzählte über Zusammenhalt, Kollegen, die nicht sauer sind, wenn mal ein Schimpfwort fällt, die Freude darüber, am Ende des Tages etwas Sichtbares mit den Händen geschafft zu haben und klare Ansagen. Schließlich war mein Notizbuch voll und das Gerüst fertig aufgebaut. Traurig winkte ich ihm hinterher, als er sich bester Laune nun ganz abseilte. „Wir sehen uns beim Abbau!“ rief er, als er schon unten im Vorgarten stand. Auf dem Balkon stehend, den ich wegen des Gerüstes nur noch in gebückter Haltung betreten konnte, sah ich mir die vielen Stangen, Rohre und Bretter an. Es war wie in einem Gefängnis. Doch zum Glück sah ich just in diesem Moment meinen lieben Ralf um die Ecke biegen. Ich fühlte mich wie Julia Roberts im Film „Pretty Woman“. Wenn Ralf nun statt im Golf mit einer Limousine vor dem Haus halten würde und statt Treppenhaus die Leitern des Gerüstes nehmen würde, wäre alles wie im Film. Aber so viel Romantik steht uns nicht.

Kaum hatte er die Tür betreten, wollte ich durch eben diese hinaus. „Wo willst du hin?“ fragte mich Ralf-Richard Gere. „Ich brauch‘ ein neues Notizbuch.“ „Jetzt?“ „Na klar, denn morgen kommen doch die Maler!“ Zwinker, Zwinker 😉

Herzlichst, eure Steph

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