Gestiftelte Möhren

oder: Reha – die erste Woche

Wenn ich zurückblicke, war ich gar nicht sooo aufgeregt, als ich im August 2017 in den Bus stieg, der mich ins 30 km entfernte Bad Segeberg zur Reha fahren würde. Eher war ich gespannt, was mich nun erwartete und freute mich, dass es nun endlich los ging. Die Rentenversicherung war meinem Wunsch auf eine ambulante Reha nachgekommen. Seit dem Tod unserer Tochter und der Autoimmunerkrankung meines Mannes litt ich unter großer Verlustangst, und die machte es mir unmöglich, wochenlang getrennt von meinem geliebten Ralf zu sein.

Fünf ganze Wochen würde man sich um meine Gesundheit physisch wie phsychisch kümmern und wenn ich Glück hätte, würde auch noch die ein oder andere Massage für mich rausspringen. Hihi. Trotzdem atmete ich einmal kurz durch, als ich vor der Klinik stand und den Namen „Psychosomatische Klinik“ las. Soweit war es nun mit mir. Früher war ich diejenige, die Menschen mit psychischen Erkrankungen begleitete, und nun war ich selbst soweit Hilfe zu brauchen. Für einen kurzen Moment tat ich mir selbst ein wenig leid. Doch weil das nun mal gar nichts bringt, holte ich einmal tief Luft, schaltete mein Handy lautlos und betrat das riesige Gebäude.

Als wäre ich ein Hotelgast, wurde ich sehr freundlich begrüßt und „aufgenommen“. Meine Versichertenkarte wurde eingelesen, meine Unterlagen kopiert, ich bekam einen Zimmerschlüssel in Form einer Chipkarte und viele Zettel, die ich unterschreiben musste. „Warum bekomme ich einen Zimmerschlüssel, ich bin doch ambulant hier?“ fragte ich mit leicht zitternder Stimme, denn genau DAS war meine eigene und einzige Bedingung: Nicht dort zu übernachten, sondern jeden Abend nach Hause fahren zu können. „Der Computer will sie aber stationär aufnehmen“, sagte die nette Frau C. Und strahlte mich lachend an. „Auf keinen Fall!“ sagte ich und biss mir auf die Lippen. „Entschuldigen Sie mich bitte, es sollte nicht so hart klingen“, fügte ich hastig hinzu und Frau C. lächelte erneut ihr liebes Lächeln. „So, ich habe den Fehler beseitigt. Natürlich dürfen sie abends nach Hause. Den Schlüssel benötigen Sie allerdings dennoch, denn Sie müssen sich zwischen den Anwendungen ja auch umziehen oder ausruhen können.“

Am Ende bekam ich eine dicke gelbe Mappe, in denen weitere, viele Zettel lagen. Dort waren eine blaue Therapiekarte, die Hausordnung und vieles andere enthalten, was ich in den nächsten zwei Tagen benötigen würde.

Die ersten beiden Tage hatte ich rund um die Uhr Infotermine. Ich merkte schnell, wie wichtig der Plan war, den ich bei der Aufnahme bekommen hatte, denn ohne ihn hätte ich mich auf dem großen Gelände sicherlich verlaufen. Planlos eben 😉

Ich besuchte meinen nun für mich zuständigen Arzt, ging anschließend zur Ergotherapeutin, zum Physiotherapeuten, besuchte meinen Bewegungstherapeuten, die Sozialberatung, meinen Psychologen usw. Jeder sprach mit mir eine Stunde lang und teilte mich dann in Bereiche ein, die ich die nächsten fünf Wochen besuchen bzw. aktiv daran teilnehmen sollte.

Ich erkannte schnell, warum der Arzt der erste war, den ich aufsuchen sollte: Er kannte aus den Berichten der Krankenkasse meine Krankengeschichte und wußte auch durch eine ausgiebige Untersuchung, was ich nun benötigen würde, um wieder gesund zu werden. Ich kam mir vor wie ein Auto beim TÜV. Er schaute sich meine Wirbelsäule an, drückte mir auf den Bauch, tastete die Schilddrüse ab, ließ mich auf und ab gehen und untersuchte meine Reaktionsfähigkeit. Schielend schaute ich, auf der Liege liegend, zu seinem Schreibtisch, wo ich darauf hoffte, ein volles Bonbonglas erspähen zu können. Doch statt Lutscher gab es einen neuen Zettel mit Stempel für die dicke gelbe Mappe.

Bei der Ergotherapeutin durfte ich mir drei Gruppen aussuchen, an denen ich teilnehmen wollen würde. Als sie mir den Plan vorlegte, wusste ich als allererstes mal, was ich nicht wollte: Töpfern, filzen, nähen, freies Tanzen. „Kennen Sie filzen?“ fragte mich die Ergofrau . „Ich habe mein Anerkennungsjahr in einem Waldorfkindergarten absolviert“, antwortete ich und dachte, dass ich mit diesem Satz und meinem Blick dazu alles gesagt hätte. Aber nein. „Wie schön, dann können Sie ja daran anknüpfen!“ sagte sie und lächelte. „Ich habe das Anerkennungsjahr abgebrochen“, erwiderte ich und schauderte kurz bei dem Gedanken daran, wie die Eurythmielehrerin mich und die Kinder (alle in langen Kleidern wie in einer Sekte) das ABC durchtanzen ließ.

Und Töpfern. Auch dies empfand ich als tolles Angebot für andere – aber nicht für mich. „Was töpfern denn die Leute da so?“ fragte ich wie eine Zeitungsreporterin, denn für mich war klar, dass ICH nicht töpfern würde. „Meist töpfern die Menschen in dieser Gruppe Alltagsgegenstände.“

„Also Aschenbecher!“ sagte ich platt. Ich hatte das letzte mal in der Grundschule getöpfert. Unser Lehrer warf ein Kilo Ton auf den Tisch, schnitt für jeden eine dicke Scheibe ab, teilte sie uns zu und gab uns den Auftrag, uns mit dem Ton vertraut zu machen. Als Kind fand ich das komisch. Vertraut machen. Gerne hätte ich gerufen: „Aber der sacht doch nix!“ Aber da ich nicht schon wieder einen Verweis riskieren wollte, nahm ich die kalte Masse, knetete ein bissi daran rum, formte eine Kuhle, einen Rand drumherum, quetschte meinen Zeigefinger in den Rand und fertig war der Aschenbecher, über den sich meine Mutter sicher freuen würde. Das Tonzeug zu brennen, dauerte damals Wochen. Weil es in der Schule keinen Brennofen gab, wurden alle tönernden Objekte irgendwo hingeschickt. Und während sich meine Klassenkameraden nach Monaten über ihr Ergebnis der Tonarbeit freuten, hatte ich längst schon wieder vergessen, so etwas mal handarbeiterisch gefertigt zu haben. Töpfern war nichts für mich.

Während ich bei meiner Ergotherapeutin saß und mir was Tolles aus dem Programmheft (Töpfern, Filzen, Tanzen) aussuchen sollte, dachte ich darüber nach, wieviele getöpferte Alltagsgegenstände nun wohlmöglich schon in den Wohnzimmern anderer Menschen standen. Statt Diplomen an der Wand würde eine Mutter sagen: „Mein Kind hat Depression und schon unzählige Therapien hinter sich, aber schauen Sie mal, was er /sie mir getöpfert hat!“ Die Kamera würde dann auf die getöpferten Vasen, Schalen, Figuren und Aschenbecher zoomen und den müden Blick der Mutter festhalten. Ja, vielleicht ist es einfach so: In der schnell wachsenden, brutalen Gesellschaft, in der wir leben, in der die Sozialarbeiterin genauso an Burnout leidet wie der Manager, hängen keine Diplome mehr an der Wand. Es ist die Vielzahl der selbstgestalteten Keramiken, die sich nun wie Trophäen im Wohnzimmerregal aneinanderreihen. Mein Sarkasmus widerte mich selbst an, und ich war erneut froh, nun endlich an fünf Tagen die Woche professionelle Hilfe zu bekommen.

Ich entschied mich schließlich für Gehirnjogging, Holzarbeiten und Logikaufgaben, die ich an einem PC bewältigen sollte. Vielleicht könnte ich so meine verloren gegangene Konzentration wieder erlangen und in den Ruhezeiten endlich mal wieder ein Buch lesen. In den schlimmsten Zeiten meiner Depression brauchte ich fünf Minuten, um eine Seite zu lesen, weil das Biest in meinem Kopf einfach keine Ruhe gab. Und das, wo ich lesen doch so liebe.

Der Bewegungstherapeut war jung, gut aussehend und sehr charmant. Nein, er stellte für mich absolut keine Gefahr dar. Neben meinem Mann kann für mich keiner bestehen. Ich schreibe das nur, weil ich in den darauffolgenden Wochen erlebte, wie Frauen sich den Lippenstift nachzogen, ihre Haare richteten und mich „Kann ich so gehen?“ fragten, bevor sie Mr. Bewegung in seiner Sprechstunde aufsuchten. Immer aus fadenscheinigen Gründen – sie wollten ihn einfach gerne immer wieder sehen. „Sie sehen sehr sportlich aus“, sagte er zu mir nach der obligatorischen Begrüßung und bat mich, mich zu setzen. „Dankeschön“, murmelte ich und hielt schon wieder Ausschau nach einem Bonbonglas.

Gab es aber nicht. Nicht mal einen Teller mit gestiftelten Möhren oder eine Schüssel mit geschnittenen Selleriestangen standen auf seinem Tisch. Nicht, dass ich Sellerie mögen würde. Allerdings war es bereits Mittagszeit und mein Magen knurrte. Alle anderen Patienten saßen bereits zu Tisch in der Klinikkantine. Würde ich später noch ein Mittagessen bekommen? Ob es wohl auch Nachtisch gäbe? Oder einen leckeren Salat ohne Sellerie? Ich war gedanklich schon wieder ganz woanders….

Nur so ist es zu erklären, dass ich nach diesem Gespräch bei Mr. Bewegung schließlich auf meine blaue Therapiekarte glotzte und dort die allerhöchste Wattzahl sah. Es gab eine 50 Watt-, eine 75 Watt- und eine 100 Watt-Gruppe. 50 war eher für Menschen, die selten oder gar keinen Sport betrieben. Die 75 Watt-Gruppe bildete die Mitte, während in der 100 Watt-Gruppe alle Menschen waren, die gerne und oft Sport trieben. Vielleicht sollte ich nicht so oft ans Essen denken und besser zuhören, wenn man mich in eine Kategorie einwies. Hatte er mich doch tatsächlich in die 100er Gruppe eingeteilt. Aber versuchen würde ich es, da war ich mir sicher!

Dennoch hetzte ich anschließend wie eine völlig Ausgehungerte in den großen Saal, um noch etwas von dem Mittagessen bekommen zu können. Die Gruppe meiner Mitpatienten (m/w), die genau wie ich am gleichen Tag mit der Reha begannen, hatten mir einen Platz an ihrem Tisch reserviert und sogar schon ein Glas Wasser und Besteck hingelegt. Das fand ich unglaublich lieb. Als ambulante Patientin durfte ich selbstverständlich sowohl am Frühstück als auch beim Mittagessen teilnehmen. Das Essen war nicht immer gut, aber durchaus abwechslungsreich. Auch hier gab es Kategorien: Vegetarisch, Vollwert und cholesterinarm. Immer mit Nachtisch und Salaten.

Müd‘ und satt begab ich mich zum nächsten Infogespräch. Dieses mal handelte es sich dabei um den Physiotherapeuten. Davor hatte ich wirklich ein bisschen Angst, denn meine angeborene Skoliose brachte meinen Physiotherapeuten daheim schon immer dazu, mich streng anzusehen und mit den Worten: „Na, mal wieder ein halbes Jahr keine Übungen gemacht?“ zu begrüßen. „Nö, ein ganzes Jahr nicht“ verkniff ich mir da lieber als Antwort. Eine ähnliche Reaktion erwartete ich nun auch von diesem Mann. Während ich darauf wartete, aufgerufen zu werden, knabberte ich mir die Fingernägel kurz und überlegte mir wilde Ausreden dafür, warum ich nicht konnte, wie ich wollte. Und wie immer, wenn man sich viele Gedanken macht, kam es ganz anders…

Zunächst imponierte er mir dadurch, dass er meinen Schiefstand im Rücken erkannte, ohne dass ich mich vor ihm verbiegen musste. Dann fragte er mich, was ich beruflich so gemacht hätte. Ich erzählte von den Kindergärten, der Arbeit als Bildungsbegleiterin und sozialpädagogische Familienhelferin. Von meinem Arbeitsfeld mit psychisch erkrankten Erwachsenen und meiner Tätigkeit als Vorstandsfrau eines Vereins, der unter anderem ein autonomes Frauenhaus betreibt. Und das war ja noch nicht mal alles, was ich beruflich getan hatte. „Familienhilfe, ist das so etwas wie die Supernanny, die in Familien geht und Ratschläge zur Erziehung gibt?“ fragte er mich und drehte den Kugelschreiber in seiner Hand. „Ja, irgendwie schon. Nur, dass ich im Auftrag des Jugendamtes immer dann eingesetzt wurde, wenn es eine § 8a-Meldung gab. Also, wenn eine Kindeswohlgefährdung bereits im Raum stand.“ Es war unglaublich, wie lange er mir zuhörte. Mir war das fast schon peinlich, denn ich wollte keinem anderen Patienten Zeit stehlen. „Warum drehen Sie sich denn immer zur Tür um?“ fragte er mich. „Na, weil vielleicht draußen schon jemand darauf wartet, mit Ihnen sprechen zu können“, sagte ich leise und knabberte mir den Rest der Fingernägel ab. Was dann folgte, war echt irre. Er sagte: „Sie haben so viel Verantwortung getragen und vermutlich viel zu selten gehört, wie wertvoll Ihre Arbeit ist. Wegen Ihrer Wirbelsäule schreibe ich Ihnen drei mal die Woche Schwimmen auf und zusätzlich ein bis zweimal die Woche HYDROJET.“ Hydrojet? Ich knabberte schon wieder. „Mögen Sie kein Hydrojet?“ fragte er und schaute mich an. „Ähm, ich weiß nicht, ich hasse das Fliegen mit einem Flugzeug“, stammelte ich und dachte kurz an meine Erlebnisse in Flugzeugen, an das laute Geräusch der Turbinen, an die blauen Flecke am Arm meines Mannes, weil ich mich bei jedem Start an ihm so festklammerte und wie ich nach jeder Landung Beine hatte, die an Wackelpudding erinnerten.

Der Physiotherapeut lachte, als ich ihm davon berichtete und erklärte mir, dass das Hydrojet wie ein großes Wasserbett sei, auf dem ich bei jedem Termin eine Viertel Stunde liegen und meinen Körper via Wasserstrahldüsen in der Matratze unter mir durchkneten lassen könne. „So etwas gibt es?“ fragte ich atemlos. „Ja, so etwas gibt es“, sagte er lachend und gab mir meine von ihm ausgefüllte Therapiekarte wieder.

Innerhalb dieser ersten Woche hatte ich bereits viele Mitpatienten (m/w) kennengelernt. Nicht alle waren wie ich mit der Diagnose Depression/Burnout/Anpassungsstörung gekommen. Es gab Menschen, die an Panikattacken litten, andere hatten chronische Schmerzen, Fibromyalgie, Parkinson oder eine Krebstherapie hinter sich.Weil ich noch nie Probleme hatte, Menschen kennenzulernen, hatte ich schon nach zwei Tagen eine eigene Clique lieber Menschen um mich herum. Sie warteten auf mich, wenn ich nach dem Schwimmen noch meine Haare trocknete, fragten mich, ob ich mit ihnen in die Stadt gehen wolle, lachten, wenn ich erzählte, wie ich Mr. Bewegung dazu überredet hatte, mir statt Unterschrift einen Grinsesmiley in die blaue Therapiekarte zu zeichnen und sorgten sich, wenn ich von meinem hohen Blutdruck berichtete.

Nach dieser ersten Woche, mit ungewohnter Pendelei, viel Bewegung, zwischenmenschlichen Gesprächen und einem Überblick über alles war ich sowas von kaputt, dass ich nachts schlief wie eine Bärin im Winterschlaf. Endlich hatte ich (gezwungenermaßen) einen prall vollen Alltag. Dieser forderte mich zwar sehr, aber hinterließ in mir auch das wunderbare Gefühl der Zufriedenheit. Meine Antriebslosigkeit konnte sich gar nicht melden, weil ich pflichtbewusst jeden Morgen in aller Frühe am ZOB stand und auf den Bus wartete. Und auch das Gedankenkarussell drehte sich nicht unentwegt im Kreis. Es hatte nämlich einen Motorschaden. Ausgeknockt. Kaputt.

Während andere zur Arbeit gingen, leistete ich selbst harte Arbeit an meiner Psyche. Ich war froh um die halbstündigen Busfahrten hin und zurück, denn sie gaben mir meine eigene Zeit, um anzukommen und auf dem Rückweg ein bißchen runterzukommen. Wenn ich früher bei meinen Vorstandssitzungen bis spät in die Abendstunden arbeitete, war ich beim Heimkommen noch so derart „angeknipst“, dass ich nur schlecht in den Schlaf fand. Die Busfahrt und die oben bereits erwähnte viele Bewegung ließ mich schläfrig werden, und während der Bus mich nach Hause schaukelte, las ich ein paar Seiten im Buch, um nicht wirklich einzunicken und so vielleicht die Haltestelle zu verpassen, an der ich aussteigen musste.

Es war eine sehr wirkungsvolle Zeit. Und wer gerne lesen möchte, wie ich die erste Sportstunde bei Frau S. hinter mich brachte, warum Mr. Bewegung mich in den Rosenrabatten sah und was das alles mit einem Pony zu tun hat, der ist wie immer herzlich eingeladen, in Kürze den zweiten Teil der Reha zu lesen. Dazwischen immer Lustiges aus unserem Alltag. Ihr kennt das ja bereits 😉

Habt alle eine schöne Zeit. Herzliche Grüße Steph ❤

5 Kommentare zu „Gestiftelte Möhren

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