Sommernächte

Da liegt man nachts in seinem Bett und weiß einfach nicht, wie man in den Schlaf finden soll. Es ist so heiß. Die geöffneten Türen und Fenster machen es nicht besser, denn es gibt keinen Wind. Die umfunktionierte Wärmflasche (Wasser rein und ab in den Gefrierschrank), welche an meinem Fußende liegt, ist schon wieder aufgetaut. Der Ventilator dreht sich leise hin und her, während ich versuche, dem Hörspiel der drei Fragezeichen zu lauschen. Beim Einschlafen bin ich wie ein Kind. Entweder man liest mir was vor, oder ich muss ein Hörspiel hören. Dieses mal hilft auch das nicht.

Der nasse, in kaltes Wasser getränkte Waschlappen, der meine Stirn kühlen sollte, war schon wieder trocken, als ich vom Bad ins Schlafzimmer ging. Ich überlege: Ob ich mir einen Wassereimer neben das Bett stellen sollte? Dann könnte ich den Waschlappen dort immer wieder eintauchen. Hmmm… Dann denke ich an meine Schusseligkeit. Vermutlich würde ich am nächsten Morgen schlaftrunken mit mindestens einem Bein da rein steigen. Die Idee ist also vom Tisch. Oder Bett.

Mein Ehemann liegt neben mir und schläft wie ein Stein. Wie kann das sein? Der Ventilator und ich drehen sich, glaube ich, zeitgleich, weswegen die Luft nie bei mir anzukommen scheint. Dem kann man leicht Abhilfe schaffen, denn dieses Gerät besitzt einen Feststellknopf. Ich stehe also aus dem Bett auf, gehe zum Ventilator, um diesen am sich Drehen zu hindern. So müsste es besser sein. Aber wo ich schon mal aufgestanden bin, könnte ich ja auch den Waschlappen noch mal nass machen. Gesagt, getan, und schon betrete ich wieder das Bett. Worum ging es in dem Hörspiel nochmal? Ich „spule“ die CD besser nochmal zurück. Ralf merkt eh nix, den wecke ich damit nicht auf. Die Anfangsmelodie des Hörspiels ertönt und ich habe ein gutes Gefühl, dass ich nun bald in den Schlaf finden werde….

Was summt denn da? Ach nö, bitte keine Mücke. Doch! Hat mich auf der Oberseite meines Fußes gestochen. Pfeilschnell hat sie mich angepeilt und ausgesaugt, das Biest! Wenn du dich jetzt am Fuß juckst, wird’s noch schlimmer. Versuch den Stich zu ignorieren, denke ich. Außerdem liege ich gerade so richtig gemütlich. Wenn ich mich jetzt kratzen würde, würde ich wieder ewig lange brauchen, um so schön liegen zu können.

Mein Kopf ist hellwach und feiert eine Party, zu der ich nicht gehen wollte. „Wie heißt denn nun die Oberseite des Fußes? Da gibt es doch einen Namen für. Überlege mal ein bisschen, dann fällt es dir ein“, spricht mein Gehirn und ich antworte matt: „Ist das jetzt wirklich so wichtig?“ „Na du bist doch sonst so helle, dass wird dir doch einfallen, oder etwa nicht?“

Statt eine Antwort zu geben, kratze ich mich jetzt wirklich am Fuß. Und an der Schulter. Und am Knie. Diese blöde Mücke.

Im Badezimmer habe ich doch diese tolle Salbe, die mir bei jedem Mückenstich sofort hilft, weil danach keine der Mückenstechstellen mehr juckt. Sollte ich jetzt wirklich aufstehen und sie holen?

Zwei Minuten später stehe ich im Bad und schmiere mich vorsorglich und frei nach dem Motto >Viel hilft viel< schon mal überall an meinem Körper damit ein. Weil die Creme nicht sofort einzieht, sehe ich aus wie ein laufendes Stück Kreide in XL-Größe. Wenn ich jetzt noch leuchten würde, wäre die Chance, mich irgendwo auf dem Rückweg von Bad ins Schlafzimmer an irgendwas zu stoßen, sicherlich kleiner. Wir renovieren gerade, deswegen stehen einige Möbel nicht da, wo sie sonst stehen. Als ich endlich wieder im Bett liege, muss ich über mich als Leuchtkreide so lachen, dass ich schnell wieder aufstehe und das Schlafzimmer verlasse, um Ralf nicht zu wecken. Völlig unbegründet, er hätte sicher mit mir gelacht. Allerdings wäre es auch mühsam, ihm den Zusammenhang zu erklären. Denn eigentlich wollte ich ja schlafen.

Der Wecker zeigt 2:33 Uhr. Na super. Um 23:45 Uhr waren wir im Bett und ich habe bis jetzt noch nicht eine Stunde geschlafen. So ein Mist. Ob ich doch mal zu einer Tablette greife? Ich hab da ja von meiner Ärztin ein pflanzliches Präparat bekommen. „Bloß nicht!“ schreit mein Gehirn. „Guck mal auf die Uhr. Wenn du das JETZT einnimmst, wirst du ja vor morgen Mittag nicht wach!“ Ja, recht hat es, das Hirn. Ich lasse es. Worum ging es in dem Hörspiel nochmal? Ich „spule“ erneut zurück. Gehirn ist wach, Steph ist folglich auch wach, die Mücken sind es auch. Nur Ralf ratzt neben mir, als hätte er einen Knopf, den man einfach auf >Schlafen< stellt.

Gott sei Dank haben die Mücken nun keine Lust mehr, an mir herumzusaugen. „Ich muss morgen unbedingt den Teppich saugen und vorher mit Seifenlauge behandeln“, denke ich. Dieser eine Fleck muss doch wegzukriegen sein! Und erst der Wasserfleck an der Wohnzimmerdecke. Ob unser Vermieter sich um einen Maler gekümmert hat? Es wäre so schön, endlich wieder die Möbel dort hin zu stellen, wo sie immer stehen. Nur für den Fall, dass ich nachts mal raus muss. Oh je. Ich glaub‘, ich muss mal. Dabei war ich doch vorhin erst. Aber was muss, dass muss. Denn einschlafen kann ich sicherlich nicht, wenn ich denke, dass ich mal muss. Außerdem könnte ich bei einem erneuten Aufstehen überprüfen, ob das Licht im Kühlschrank noch leuchtet. Was hatten wir heute zu Essen… ist davon noch etwas übrig? Mensch, was gab es denn heute bei uns? Jetzt, wo ich Antworten haben will, befindet sich mein Hirn im Tiefschlaf. Na toll! Hach, egal, eine zusammengerollte Käsescheibe würde mir schon reichen. Und ein kleiner Schluck des kaltgestellten Hagebuttentees. Ich stehe also wieder auf.

Die Überprüfung ergab, dass das Licht im Kühlschrank noch einwandfrei funktionierte, der Käse aber weg musste. Wäre spätestens übermorgen abgelaufen vom Mindesthaltbarkeitsdatum her. Gut, dass ich noch mal da war, um das zu klären. Worum ging es in dem Hörspiel nochmal? Ich „spule“ erneut zurück und lege mich wieder hin. Und endlich, endliiiiiich scheint mein Hirn mit dem Körper endlich eins zu sein – nämlich sehr, sehr müde. Beim letzten hin und her wälzen habe ich noch mal einen kurzen Blick auf die Uhr gewagt, sie zeigte 3:30 Uhr an. Dann schlief ich selig und erschöpft endlich ein….

KLINGELINGELINGELINGELINGELINGELINGELING! Nein, das war nicht der Wecker, es war unsere Haustürklingel. Aber warum? „Macht nichts, wird sich jemand „verklingelt haben“, denke ich und drehe mich im Bett herum. Wir wohnen in einem Haus mit sechs Mietparteien, da kommt der Verdacht des sich Verklingelns schon mal auf. Alles halb so wild. Ich schlummer also weiter, als es erneut klingelt. Aber so richtig. Als hätte jemand seinen Daumen mit Sekundenkleber eingestrichen, diesen auf den Klingelknopf gedrückt und käme nicht mehr davon los. KLINGELINGELINGELINGELINGELINGELINGELING!

Ich bin so friedliebend, aber eben auch ein Mensch, der seine Basics braucht. Masslow hat das in einer Pyramide visuell sehr gut aufgezeigt. Der Mensch braucht Schlaf, Essen, Trinken. Wenn das nicht erfüllt ist, kann der Mensch zwar nach Höherem streben, aber eben auch nur dann, wenn diese Grund- und lebenserhaltenden Maßnahmen befriedigt werden. Bei mir fehlte der Schlaf, als es klingelte. Als hätte es diese anderthalb Stunden meines Schlafes diese Nacht nicht gegeben, springe ich schließlich aus dem Bett, weil das Klingeln an der Tür nicht aufhört. Ein Notfall vielleicht? Ach so, Ralf schlief übrigens unentwegt weiter. 😉

Weil ich zwar müde, aber nicht doof bin, habe ich nicht den Türöffner betätigt. Ich lasse doch nicht irgendwelche Leute, die nachts wild klingeln, ins Haus rein. Also gehe ich auf den Balkon, um dort zu sehen, wer da wie ein wilder unsere Klingel und meine Nerven strapaziert….

Ich:“ „HALLO? Geht´s noch?“ (Wutpegel 7 von 10)

Er: „Ja, ich bin der Taxifahrer!“

Ich: „Ganz toll, ich habe aber gar kein Taxi bestellt““

Er: „Ich weiß, aber die Frau.“

Ich: „Welche Frau?“

Er geht einen Schritt zur Seite und ich kann mit zusammengekniffenen Augen aus dem Stockwerk, in dem sich unsere Wohnung befindet, erkennen, dass da unten eine Frau neben ihm steht. Ich habe diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen und das sage ich auch:

„Ich kenne sie doch gar nicht“

Frau: „Nein, ich will ja auch zu Ihrem Nachbarn.“

Ich: „Und warum klingeln Sie dann nicht einfach bei besagtem Nachbarn?“ (Wutpegel 8 von 10)

Sie: „Weil er nicht aufmacht.“

Taxifahrer: „Und ich krieg‘ mein Geld nicht!“ (9 von 10).

Ich: „Hääääh?“

Die Augen reibe ich mir, weil ich denke, dass ich noch am Schlafen bin und einen wilden Traum habe. Denn was ist das denn bitte für eine komische Situation, die sich hier abspielt?

Statt zu sagen: „Ich habe Verständnis für Ihre Situation. Warten Sie mal einen kleinen Moment, ich hole meinen Mann, der ist Dipl.-Sozialpädagoge und wird lösungsorientiert für sie beide jetzt das beste machen können. Villeicht treffen wir uns gleich in unserer Küche zu einem Schnittlauchtee mit Käsekräckern und diskutieren das alles mal aus. Ich bin ja jetzt eh schon wach und kann auch nicht wieder einschlafen, wenn ich IHRE Probleme nicht gelöst habe.“

Aber nein, ich schreie: „Na und was soll ich da jetzt machen?“

Frau: „Sie könnten die Tür öffnen.“

Taxifahrer: „……und ich würde mein Geld bekommen!!!“

Ich zur Frau: „Na klar, wenn der Nachbar Ihnen bei der Klingelorgie, die sie da eben veranstaltet haben, die Tür nicht geöffnet hat, wird er es jetzt sicher tun, wenn ich Sie in den Hausflur lasse und Sie klopfend an seiner Wohnungstür stehen!“

Sie: „Vielleicht?!“

Es wird mir zu viel. Ich will schnell wieder ins Bett und meinen eh schon desolaten Schlaf der Nacht einfordern. Sofort! Also öffne ich der Frau die Haustür, indem ich im Flur den Schalter der Gegensprechanlage drücke. Danach gehe ich wieder auf den Balkon, um auf den Schreck eine zu rauchen, bevor ich wieder ins Bett gehe, die CD „zurückspule“ und hoffentlich meinen Schlaf fortsetzen kann. Unten auf der Straßen an der Haltebucht sehe ich den Taxifahrer. Er sieht zu mir hoch und ist richtig wütend. „Warum haben Sie der Frau jetzt die Tür geöffnet?“ brüllt er mich empört an. Wummms! Wutpegel bei 10 angekommen! Meiner UND seiner.

Ich schwöre, dass war der Moment, als ich mich selbst beherrschen musste, um nicht verbal auszuflippen. Zum Glück stand mein Sozpäd-Ehemann plötzlich hinter mir. Er strich mir beruhigend über den Rücken, während ich mich erneut über die Brüstung lehnte und schrie:

„Weil ich Samstagmorgens in der Früh nicht aus Jux und Dollerei auf meinem Balkon stehe, um Leuten zuzurufen, dass ich KEIN Taxi bestellt habe!?“

Ich weiß nicht, ob meine Augen plötzlich rot funkelten, aber er ging einen Schritt zurück, rannte zu seinem Auto, schloss es ab, kam dann wieder zurück und rief: „Dann machen Sie mir jetzt auch die Tür auf, sonst kriege ich mein Geld nicht!“

AAAAAAAAAAAAAARGHHHHHHHHHH!

Ende der Geschichte: Mein Nachbar, an den die Klingelei + Frau + Taxibezahlung gerichtet war, hatte die Zeit mit Kopfhörern im Bett verbracht und konnte deswegen nichts hören. Er öffnete der Frau (die er kannte) die Tür, gab ihr Geld und so konnte sie schließlich auch den Taxifahrer bezahlen. Alle glücklich, alle froh. Puh….Die Uhr zeigte 4:50 Uhr an. „Wollen wir das Ganze nun in der Küche bei Schnittlauchtee und Käsekräckern besprechen?“ fragte ich Ralf neckisch, worauf er antwortete: „Nee. Wir haben nur noch Kinderkekse im Schrank.“ Also gingen wir wieder ins Bett. Ich aufgekratzt wie eine XL-Schulkreide, die nach den Sommerferien das erste Mal an der Tafel zum Einsatz kommt und er schlurfend wie einer, der auch am Wochenende seinen Job macht.

Die Frage ist, ob ich in eigener Sache noch einmal ein Taxi an unsere Adresse bestellen kann oder ob wir jetzt auf dem roten Index aller Lübecker Taxen stehen… 🙂 Wir sind gespannt, hahaha.

Ich wünsche euch allen, dass ihr nachts gut schlafen könnt, sofern ihr es dürft. Eine meiner Freundinnen arbeitet als Krankenschwester auf der Palliativstation und ich bewundere sie sehr dafür, dass sie diese ewigen Schichtwechsel seit über dreißig Jahren ohne Murren mitmachen kann. Alles Beste für euch alle ❤

Herzliche Grüße,

Steph

4 Kommentare zu „Sommernächte

  1. Wir haben sehr gelacht liebe Steph :-)))). Herrlich. Aber wir sind auch voller Mitgefühl für Deine schlaflosen Nächte bei dieser Hitze. Mein Mann sagt, hier brauchen wir nur die Namen austauschen, denn das hätte ich auch sein können :-). Du hast eine tolle Gabe, auch diese kleinen Dinge des Lebens in Worte zu fassen. Ganz herzlich, Monika

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