Medizin & Bälle

Nachdem es in der ersten Tagen meiner psychosomatischen Reha zum größten Teil um Infogespräche ging, freute ich mich in der zweiten Woche darauf, endlich richtig loszustarten. Mit nigelnagelneuen Sportschuhen im Gepäck saß ich vor der Turnhalle der Rehaklinik und hoffte, dass ich nichts vergessen hatte. Aber was würde man zum Sport schon brauchen, außer einem Handtuch zum Schweiß abwischen, den Schuhen mit weißer Sohle, (alle anderen verursachen schwarze Striche auf dem Hallenboden) einer Flasche Wasser, einem T-Shirt und einer Hose?

Ich zog die neuen Schuhe vor Beginn meiner Sportgruppe an und dachte, dass ich die Zauberwirkung dieser Turnschuhe erst aktivierte, wenn ich die Schnürsenkel ganz fest zuband. Nichts sollte mich in meinem Bewegungsdrang und dem Start in ein neues Leben aufhalten! Wie aus Janoschs Geschichte vom „Hasen mit den schnellen Schuhen“ würde ich nun loslaufen können, bis mir am Abend die Zunge aus dem Mund bis auf die Knie hing. Geduldig warteten meine Mitpatient*innen und ich im Flur vor der Sporthalle darauf, dass es endlich losging. Wie eine Herde Tiere bevor der Bauer das Gatter öffnete, scharrten einige unruhig mit den Hufen. Dann war es endlich soweit. Die Tür der Halle öffnete sich und bevor ich einen zweiten Schritt machen konnte, fiel ich der Länge nach hin. Merke: neue Sportschuhe mit griffiger Sohle und ein sauberer Turnhallenboden stoppen sich gegenseitig! 😉 Das sollte also der neue Start in mein neues Leben sein? Egal! Ich rappelte mich schnell auf und stand mit einer Gruppe von ca 15 Leuten in der Halle, als ich plötzlich jemanden euphorisch schreien hörte: „ Es ist Freitag!“

„Yeaaah, Freitag“ – wollte ich mitjubeln, aber da das keine(r) der anderen tat, hielt ich zunächst meinen Mund. „Es ist Freitag“, rief die Stimme schon wieder und schrie „ Matten raus, Bänke raus, alles in Zweier Reihen aufstellen!“

„Wer brüllt denn da so?“ traute ich mich einen meiner Mitpatienten zu fragen . Dieser lachte kurz auf und sagte: „ Das ist Frau Stahl, unsere Anleiterin für die Bewegungsgruppe“. Ach soooo…. Ich nahm sie in Augenschein und konnte mir nicht vorstellen, dass aus so einer kleinen Person so viel Energie kommen konnte! „Alle hier in diesem Gebäude ein rotes T-Shirt tragen sind Trainer*innen“ erklärte mir der Mitpatient noch, dann wurden wir von Frau Stahl unterbrochen, denn die erste Aufgabe war dran.

Ich hatte ja bereits im ersten Teil (Gestiftelte Möhren) davon berichtet, dass es für die Bewegungsgruppen drei Gruppierungen gab. 25 Watt, 50 Watt und 75 Watt. Wenn die 25 Watt Gruppe etwas für Menschen ist, die erst langsam wieder an den Sport herangeführt werden, ist die 75 Watt Gruppe etwas für sehr fitte Menschen- die 50 Watt Gruppe bildet das Mittelfeld ab. Mein Sporttherapeut, der smarte Mr Bewegung hatte mich in die 75 er Gruppe eingeteilt.

Wir sollten immer abwechselnd mit einem Fuß auf die Bank vor uns hüpfen und wer sich das leicht vorstellt, soll es erst einmal nachmachen! Links rechts, links rechts, links rechts. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß und mein Körper mich nach drei Minuten innerlich anschrie, was um Gottes Willen ich denn da nur tun würde? Frau Stahl stellte dazu noch Musik an und sagte, wir sollen im Rhythmus hüpfen. Das war mir auch ohne Musik schon schwer genug. Links rechts, links rechts. Weil sie sah, dass mein Kopf die Farbe ihres Shirts annahm, ich pustete und pumpte wie ein Maikäfer, kam sie schnell zu mir und sagte, ich solle ruhig ein bisschen langsamer machen. Wusste sie etwa, dass ich Blutdruckbeschwerden hatte und Medikamente dagegen bekam? Hehe, wie nett von ihr. Neben mir hüpfte ein 60 jähriger auf und strahlte mich an. Ohne körperliche Beschwerden! Ich glaube, er summt sogar die Musik mit und ICH sollte langsamer machen? Puh, mit meiner Fitness war es wohl wirklich nicht gut bestellt.

„Auf die Matten“! rief sie und ich sah es als Erlösung an. Matten sind dazu da um sich auszuruhen, das weiß nun wirklich jeden Kind! Doch sobald ich wie die anderen auf der Matte lag, hieß die Aufgabe nicht (wie von mir erhofft) sich einfach auf den Rücken zu legen, alle viere von sich zu strecken und ein Schläfchen zu halten. „Jetzt geht’s erst richtig los- es ist Freitag“ rief Frau Stahl gutgelaunt und forderte uns auf, Sit-ups zu machen. Mein Körper hatte Erdenschwere wie eine Tonne Sand und war im ständigen Dialog mit mir. „Haste du sie noch alle?“ rief er und :„ Wenn du nicht aufhörst, werde ich dich morgen und die nächsten Tage mit übelstem Muskelkater ala Carte strafen“. „Ruhe! Mund halten, weitermachen“! sagte ich nicht nur innerlich sondern sprach es aus. Wie peinlich! Aber in einer psychosomatischen Reha kümmert solch ein Verhalten zum Glück kaum einen.

Dem nächsten Auftrag lächelte ich entgegen. An der Wand stehen und einen Ball an die Wand werfen + ihn wieder auffangen? Im Ernst? Sowas habe ich als Kind stundenlang gespielt. Das würde ich locker schaffen. Mein Lächeln, welches eben noch verrutscht war, kehrte endlich zurück.

Frau Stahl verschwand kurz im Nebenraum um die Bälle zu holen und als sie einen Ball nach dem anderen in unsere Halle rollte, stockte mir kurz der Atem…

Wie nur, hatte ich bei dieser quirligen Frau daran denken können, dass sie normale Bälle meinte? Ich Doofie! Natürlich waren es Medizinbälle die so groß wie Kürbisse waren. Als hätte ich einen solchen – ohne Zufuhr von Wasser- gerade herunter geschluckt, stand ich da wie zur Salzsäure erstarrt und schaute zu, wie alle anderen die schweren Bälle aufnahmen und an die Wand warfen. „Trauen sie sich“ ermutigte Frau Stahl mich und ich fragte mich, was sie damit meinte. Längst lag mir die Frage nach einer Pause auf der Zunge aber ich war sicher, dass sie DAS nicht damit meinte. „Hopp, hopp, hopp, es ist Freitag!“ Ich hatte diesen Satz völlig falsch interpretiert. Bei Frau Stahl hieß das nicht, dass man es etwas ruhiger angeht, weil ja Freitag ist. Es hieß, dass man noch mal alles gibt, weil nach dem Freitag ja zwei sportfreie Tage sind.

Fast täglich hatte ich Muskelaufbautraining und fand das wirklich klasse, denn man konnte es nach einer Einführung selbständig ausführen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass man aus den Augen der Trainer*innen ist. Wenn man sich auch in der zweiten Stunde so derart bekloppt bewegt wie ich, wird verbessert: auf allen vieren wie ein Hund stand ich auf der Matte und hatte nur die einzige Aufgabe, meinen linken Arm und das rechte Bein jeweils nach vorne, bezwiehungsweise hinten zu strecken. Da kam Frau Stahl zu mir und sagte, ich solle meinen Rücken gerade machen, denn momentan sähe ich aus wie ein Pony mit einem zu schweren Sattel. Ich musste so derart lachen, dass ich umfiel und erst mal so liegen blieb. Den Bauch rieb ich mir, so weh tat er vom lachen. SO könnte man das Muskelaufbautraining doch auch betreiben, oder? Lachen bis der Bauch weh tut. Es war befreiend, nach all den trüben Monaten endlich wieder so befreit und laut und lange lachen zu können. Das Wochenende war super und ich hatte tatsächlich keinen Muskelkater.

Einmal tat ich mir das Sportprogramm 75 Watt nochmal an. Es war ein Dienstag und wir bewegten uns im Freien. Joggen war angesagt. Ich habe noch nie etwas so sehr gehasst wie joggen. Das bedeutet nicht, dass ich das nicht toll finde. Im Gegenteil ich bewundere Menschen die das können. Dafür bewege ich mich im Wasser wie ein Fisch und kann nichts schöneres daran finden, sich beim Brust- und Rückenschwimmen im Wasser zu bewegen. In der 75 Watt Gruppe aber hieß es nun Joggen. Immer wieder um das Rosenbeet herum…Schon nach der zweiten Runde wußte ich, dass ich in die Sportgruppe 50 Watt wechseln wollte.

Man hätte locker eine Werbung für Asthmaspray mit mir in der Hauptrolle drehen können. Ich keuchte, lief mal wieder rot an und war froh, als eine der Mitpatientinnen mit Seitenstechen plötzlich stehen blieb.“Brauchst du was, kann ich dir helfen“? fragte ich und war so froh, nun selbst auch stehen bleiben zu können. „Ich kann mich um mich selbst kümmern“ blaffte sie mich an. Tja auch so etwas passiert in einer Rehaklinik mit Menschen die krank sind.

Am Mittag beschloss ich, die Sprechstunde von Mr. Bewegung aufzusuchen um ihn zu bitten, mich in die 50 Watt Gruppe wechseln zu lassen. Ohne Jogging. „Von mir aus dafür mehr schwimmen oder Fahrrad fahren auf dem Ergometer“ sagte ich. Da sagte er etwas, was ich die nächsten Tage von anderen Therapeuten noch oft hören sollte: „Sie müssen sich nicht rechtfertigen“. „Ach nein?“ „Nein. Sie bestimmen das Tempo und wissen Sie was? Ich habe sie vorhin kirschrot in den Rosenrabatten keuchen gesehen und mir gleich gedacht, dass die 50 er Gruppe vielleicht besser für Sie wäre“. Das dritte mal an diesem Tag wurde ich rot und dieses mal lag es ausnahmsweise mal nicht am Sportprogramm.

Das Mittagessen durfte ich mir, anders als die Patient*innen die in der Klinik wohnten, jeden Tag spontan aussuchen, wobei ich zwischen Vollkost, Vegetarisch und Cholesterinarm wählen konnte. Nach einem ersten Bluttest und dessen Auswertung empfahl mir die Oberärztin, dass ich das cholesterinarme Essen wählen sollte, weswegen ich mich des öfteren schuldbewusst duckte, und meine Hand über den Teller hielt, wenn sie ebenfalls die Kantine betrat.

Nach dem Mittagessen folgte die nächste Anwendung. Autogenes Training. Den Zeitpunkt dafür genau nach dem Essen zu setzen, fand ich persönlich nicht sehr ratsam. Bei uns in Nordeutschland heißt ein bekannter Spruch „ Müd´und satt, wie schön is datt?“ Mir selbst passiert es nie, dass ich irgendwo einfach mal so einschlafe, weder im Bus noch sonstwo, dafür bin ich zu kontrolliert. Allerdings erlebte ich schon in der zweiten Stunde des Autogenen Trainings, dass andere da mal eben wegschnorchelten und sich im Land der Träume befanden, während ich überlegte, was ich abends auf dem Heimweg noch einkaufen müsste.

Die Trainer*innen der Klinik waren gut in ihrer Anleitung zur Achtsamkeit und dennoch wollte das alles bei mir nicht so klappen wie bei den anderen. In sich reinhören und alle Funktionen des Körpers einfach mal nur wahrzunehmen, wurde für mich zu einer echten Geduldsprobe. Anders gesagt habe ich es schlichtweg nicht gekonnt. Denn endlich mal in mich reinzuhören, verursachte in mir Beklemmung. Wenn es hieß, wir sollten auf unseren Herzschlag hören, dachte ich an meinen zu hohen Blutdruck und schwupps war es mit der Entspannung hin. Pochte mein Herz nicht schon wieder viel zu schnell? Oh ja, bestimmt war es so. Mein Finger an die Halsschlagader haltend bestätigte, dass es so war.

Wie würde die Klinik reagieren, wenn sie mich mit einer Trage aus dem Raum der eigentlich für die Ruheübung angedacht war, herausbringen mussten? Die Ärztin würde vielleicht zu Protokoll geben, dass ich die cholesterinarme Nahrung nicht aß und eine Mitverantwortung hätte. Ach herrjemineh, es würde in einem Fiasko enden… „Fühlen sie sich nun alle entspannt?“ fragte die Trainerin nach der 30 minütigen Übung und während alle bejahten, war ich aufgeregter denn je. Ich gebe zu, dass ich meinen Körper und das hineinhorchen sträflich vernachlässigt hatte. Allerdings wollte ich auf manchen Makel auch nicht direkt hingewiesen werden. Als mein Arzt mein Arzt mir sagte, dass ich Arthrose im linken Fuß habe, war ich 25 Jahre alt und tief schockiert darüber. Arthrose ist schließlich etwas, was nicht mehr weg geht und zunehmend Schmerzen verursacht. Ich war der Meinung, dass ich besser damit fuhr, diesem kranken Zustand weiter keine große Beachtung zu schenken, denn dann wäre es nur halb so wild. Wie bei meiner Depression die an manchen Tagen wie ein großes Monster in meinem Zimmer stand und die ich nicht füttern wollte. Versteht mich jemand? Ich beschloß trotz alledem, dass Angebot des autogenen Trainings wie alle anderen Anwendungen auch, pflichtbewusst auszuführen.

Freitagmittag zur Oberärztin gerufen zu werden ist kein schönes Gefühl. Mein Gedankenkarussell drehte sich mal wieder in einem unglaublichem Tempo. Was würde sie mir sagen wollen? Hatte sie mich beim Verschmähen der cholesterinarmen Ernährung endgültig ertappt? Fand sie es nicht gut, dass ich die Sportgruppe gewechselt hatte? Hatte sich irgendwer über mich und mein Helfersyndrom beschwert? Wie immer begrüßte sie mich sehr freundlich und bat mir einen Platz an. Es gab Probleme mit den Blutwerten die zur Sicherheit ein zweites mal durchgeführt wurden. Während sie mir an ihrem PC die einzelnen Werte erklärte, rauschte es in meinem Kopf. Als hätte ich ein Handtuchturban um meinen Kopf gewickelt und würde unter dem Wasserstrahl der Dusche stehen. Von all den Dingen die sie mir versuchte zu erklären, verstand ich rein gar nichts. Als rothaarige habe ich öfter mal mit Eisenmangel zu kämpfen, aber sonst? Ich fand es unglaublich nett, wie viel Zeit sie sich für mich nahm, wie sie mir alles erläuterte um die unsichtbaren Fragezeichen auf meiner Stirn verschwinden zu lassen. Zu einer Sonographie würde ich gehen müssen, denn es gab kleinere Auffälligkeiten an der Leber die sie gerne abklären lassen würde. Einen Termin dazu hatte sie bereits veranlasst. Keine schöne Meldung für einen Freitagmittag mit baldigem Feierabend.

Um es vorweg zu nehmen: Im Endeffekt ging alles gut aus. Dank dieser vielen Ärzte (m/w), Krankenpfleger*innen und Therapeuten aus Sport & Physio kam heraus, dass die Medizin die ich bis dato einnahm, vielleicht für meine Erkrankung hilfreicher war, aber eben meinen Körper schädigte. Das hatte sich bis dahin keiner genauer angeschaut. Meine Hausärztin nahm ich sofort in Schutz. Als sie meine Depression/Burnout/Anpassungsstörung diagnostiziert hatte und ich sie um Medizin bat, sagte sie mir, dass sie das gerne den dafür ausgebildeten Fachärzt*innen überlassen würde und das war die Psychiatrie des UKSH.

Schwamm drüber, ich war froh, von dieser Rehaklinik nun mal komplett „auf links gedreht“ worden zu sein. Der Übeltäter war schnell ausgemacht: Es war das Medikament Doxepin, welches ich abends zum schlafen gehen immer einnahm. 100 mg Milnaneurax nahm ich, um morgens in Schwung zu kommen und abends das Doxepin um wieder „herunterzukommen“. Schon ein Witz, oder? Erst rauf, dann runter. Doxepin, so erfuhr ich von der Oberärztin, wird zu einem großen Teil über die Leber ausgeschieden und hatte meine Leber ein wenig leiden lassen. Darüber hatte mich zuvor nie jemand informiert und ich mich selbst auch nicht. Ich ärgerte mich… Darüber, dass mir das keiner vorab gesagt hatte und auch, weil ich selbst nicht nachgefragt hatte.

Natürlich wollte ich mich selbst am liebsten sofort von dem was mich schädigte, befreien. Allerdings wirkte das Medikament gut und ich wollte auf keinen Fall wieder unter den mir so bekannten Schlafstörungen leiden müssen. Denn nachts, wenn alles ruhig war und alle friedlich in ihren Betten schlummerten, waren meine Gedanken oft die dunkelsten….

Als wäre er nie aus gewesen, sprang der Motor meiner Depression sofort wieder an. Von null auf hundert in weniger als zwei Sekunden schnurrte er wie ein Kätzchen und ich erschrak. Warum konnte die Depression nicht sein wie ein 14 Jahrer alter Golf bei dem man mal den Zahnriemen auswechseln oder andere Schäden beheben musste? Warum nur, war dieses Biest immer so gesund, so unkaputtbar? Wie ferngesteuert lief ich auf dem Klinikgebäude herum und fand dann endlich einen Platz wo ich alleine meinen Gedanken nachhängen konnte. „Ist hier noch frei?“ sagte eine sanfte Stimme und ich erkannte sie sofort. Krankenschwester Paulsen. Eine Seele von Mensch. Die Tatsache, dass sie nun hier neben mir war, – sich scheinbar sorgte, rührte mich so sehr, dass alle Schleusen meines Tränenkanals aufgingen. Ich weinte und weinte. Konnte kaum reden und wollte ihr nicht ins Gesicht schauen. „Ich habe Sie vorhin vermisst“ sagte sie und ich erinnerte mich mit Schrecken daran, dass ich ja zweimal täglich zum Blutdruckmessen im Schwesternzimmer erscheinen sollte. Völlig verpasst hate ich es und das, wo ich doch so dankbar war für all die Hilfe. Alles wollte ich richtig machen, wie so oft in meinem Leben. Schniefend und schnaufend, rotzend und rotgesichtig erzählte ich ihr von meinem Kummer der mir das Herz so schwer machte. „Sie haben Angst, dass die Nacht wieder so dunkel über sie hereinbricht, obwohl Sie aus Erfahrung wissen, dass es immer wieder hell wird?“ fragte sie mich und ich nickte. „Die Oberärztin hatte mir gesagt, dass sie mir was zum sedieren geben kann, aber da ich ambulante Patientin war – und mich somit nicht nachts zur Überwachung in der Klinik befand, müsste man halt überlegen“, schniefte ich. „Das soll nicht Ihre Sorge sein! Ich lasse Sie jetzt noch ein Momentchen hier sitzen und wenn Sie meinen Sie wären bereit, dann kommen Sie zu uns ins Schwesternzimmer, da habe ich dann was für sie, in Ordnung?“ Und ob das in Ordnung war! Aus lauter Dankbarkeit liefen mir die Tränen schon wieder.

Im Schwesternzimmer fand es keine(r) komisch, dass ich aussah, als hätte ich im freiwilligen Klinikkochkurs Jalapenos geschnitten und mir anschließend die Augen mit meinen Händen gerieben und das fand ich erleichternd. Frau Paulsen sah mich, sagte, ich solle mich mal hinsetzen und griff zum Telefonhörer. Sie tippte eine Nummer in das Telefon, hielt dann die Hörmuschel mit einer Hand zu und wies eine ihrer Kolleginnen an, meinen Blutdruck zu messen. Nach Dann legte sie den Hörer wieder auf, sagte mir, dass sie die Oberärztin gerade nicht erreichen könne und ging zu einem Schrank. Ritschratsch schnitt sie mit einer Schere eine Tablettenpackung durch, steckte diese in ein Briefkuvert und gab mir dieses. „Das wird Ihnen helfen, heute nacht gut zu schlafen und sich morgen dennoch fit zu fühlen“, sagte sie, zwinkerte mir zu und ich schwöre: wäre ich ein Kind gewesen, hätte sie mir bestimmt noch einen Lutscher in die Hand gedrückt, bevor sie mich aus dem Schwesternzimmer schob. Im Bus der mich nach Hause schaukelte, sitzend, öffnete ich das Kuvert und sah, dass sie mir „Baldrian Nachtruhe“ Tabletten eingepackt hatte. Ich war so erschöpft vom Sport, dem Weinen und dem schönen Gespräch mit Frau Paulsen, dass ich- entgegen meiner alten Gewohnheiten – fast im Bus eingeschlafen wäre.

All die Energie die ich darauf verwendete, meine Sorgen, meinen Kummer unermüdlich zu füttern, hätte ich mir komplett (er)sparen können. Hier in dieser Klinik war wirklich jeder einzelne um mein Gesund werden bemüht. Ich gebe allerdings zu, dass ich es ebenfalls war. Das was hier von statten ging, war keine Kur, kein Kurzurlaub. Es war eine Reha und bedeutete harte Arbeit. Ich würde mich meinen Dämonen stellen und dafür sorgen, dass meine Depression „Debbie“ nicht mehr der Motor eines fremdgesteuerten Fahrzeugs war. Bald schon würde ich wieder am Steuer sitzen! Debbie dürfte zwar mitfahren, allerdings nur als Minihandgepäck im Kofferraum 😉

Beim nächten mal: wie ich der Blumenkohlfrau half, eine Panikattacke zu überwinden…wie ich endliche eine Diagnose bekam die mir helfen sollte und wie ich endlich mal frei von dunklen Gedanken wurde.

Herzliche Grüße und alles Liebe für euch

Steph ❤

4 Kommentare zu „Medizin & Bälle

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