Hühnersteine und Berngötter

Letzte Woche waren Ralf und ich am Strand. Nichts Außergewöhnliches, wenn man an der Ostseeküste wohnt, möchte man meinen, und doch gab es bei diesem Spaziergang eine Premiere, denn mein Mann ging den aufrechten Gang. Warum er das sonst nicht tut, wenn wir am Strand sind, erfahrt ihr hier. 😉

Als ich vier Jahre alt war, habe ich als Halbhessin meine Großeltern das erste Mal in ihrem Zuhause an der Ostseeküste in Lübeck besucht und war sofort verliebt in ….ALLES! Meine Oma war die „Finanzministerin“ im Haushalt meiner Großeltern. Sie war bestens organisiert und wusste, wofür Geld ausgegeben wird und wofür eben nicht. Mein Opa umging das „wofür nicht“ oft, indem er mir so ziemlich alles kaufte, was ich mochte. Strandsandalen, auf deren Sohle der Name „Stephania“ stand, Clogs mit roten Kirschen drauf, lustige Spielsachen und ganz viel Süßkram.

Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder mit zum Strand und wir drei standen erste einmal sehr lange dort und genossen die wunderbar frische Seeluft, das Geschrei der Möwen und die aufbrausenden Wellen der Ostsee. Alles Geräusche, die wir in unserem damaligen Wohnort in Hessen nicht erfahren durften. Es dauerte nicht lange und ein Mann kam mit gezielten Schritten auf uns zu gestampft. Ich hörte Wortfetzen wie: Kurtaxe, bezahlen, Anzeige, Strafe. Wenn ich Blödsinn gemacht hatte, musste ich regelmäßig Mittagsschlaf bei herunter gelassenen Rolläden halten. Was würde meiner Mutter nun drohen? Sie zückte bereits das Portemonnaie, was hieß, dass sie nun Geld an den Mann bezahlen müsse. Geld, welches wir brauchten. Geld, welches dann nicht mehr da wäre, um uns tolle Sachen zu kaufen. Ich war empört und zeigte das auch. Die Hände in die Hüften gestemmt und aussehend wie ein Schmetterling kurz vorm Abflug stellte ich mich dem Beamten entgegen und sagte ihm folgendes: „Wir müssen hier nix bezahlen, weil meiner Oma die Ostsee gehört!“ Der Beamte sah kurz von seinem Notizblock auf, schaute auf mich herab und sagte: „Wie bitte?“ „Meiner Oma gehört die Ostsee“, wiederholte ich mich und verengte meine Augen zu kleinen Schlitzen, so dass ich kaum noch etwas sehen konnte. Ich wollte, dass man mir auch in meinem Gesicht ansah, wie sauer ich war. Der Mann musste daraufhin so laut lachen, dass es bei einer Verwarnung blieb und meine Mutter versprach, in Zukunft die von ihm geforderte Kurtaxe selbstverständlich vor dem Strandbesuch zu entrichten. Für mich war völlig klar, dass meine Oma irgendwann die Ostsee gekauft haben müsste. Als „Finanzministerin“ hatte sie ja genug Geld, so dachte ich.

Ich fand es nett, dass es eine Kurtaxe gab, aber warum musste man vorab dafür bezahlen? Vielleicht bräuchten wir die Kurtaxe ja gar nicht? In meiner Vorstellung war die Kurtaxe ein Taxi, welches man rufen konnte, wenn man am Strand zu viel im Sand gelaufen ist und müde war. Die Kurtaxe würde dann rasch vorbei kommen, einen einsammeln und nach Hause fahren. Auf der Fahrt könnte man sich dann in Ruhe ausKURieren, weswegen es ja auch Kurtaxe hieß. Logisch, oder? Die Erklärungen meiner Mutter darüber, warum es wirklich so heißt, wollte ich gar nicht erst hören.

Seit 2009 wohnen Ralf und ich jetzt hier in Lübeck, dem Wohnort meiner lieben Großeltern, die leider nicht mehr auf Erden weilen. Und was soll ich sagen? Dachte ich früher immer, die Kurtaxe müssten nur Touristen bezahlen, so wurde mir diese Illusion genommen, denn das erste Mal verweilen am Strand hatte zur Folge, dass (schon wieder) ein Mann auf uns zu gestiefelt kam und sagte, wir müssten für die Strandnutzung bezahlen. Im letzten Jahr hat die Politik dann schließlich beschlossen, dass Lübecker*innen kostenlos an den Strand und in den Sand dürfen. Ein Grund mehr also, seinen Tag an der See zu verbringen.

Wenn Ralf den Strand betritt, kann man sich für die nächste halbe Stunde schon mal von ihm verabschieden. Er hört zwar das Rauschen der Wellen, das Gekreische der Möwen und das Tuten der Schiffe, aber sonst sind seine Sinne alle auf das Finden eines Hühnergottes eingestellt. Ihr kennt Hühnergötter, oder? Das sind diese Lochsteine, also Steine mit einem von der Natur gefertigtem Loch drin. Sie gelten als Glücksbringer oder Schutzsteine und sind hier an der Ostseeküste häufig zu finden.

Sobald Ralf an der Wasserkante steht, neigt er seinen Kopf, bückt sich alle zwei Meter und sammelt einen dieser beliebten Steine auf. Früher haben wir daraus ein Spiel gemacht. „Wer den ersten Hühnergott findet, darf sich etwas Tolles von dem anderen wünschen“, rief ich damals noch voller Begeisterung. Nachdem mir irgendwann klar wurde, dass Adlerauge Ralf alle zwei Meter quasi über einen solchen Stein stolpert, hatte ich keine Lust mehr auf das Spiel, dessen Regeländerung („Der erste, der einen Hühnergott findet, muss tun, was der andere von ihm will.“) Ralf nicht akzeptieren wollte. Schade..

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass mein Mann am Strand nur gebückt geht und frage nur noch „Wieviel?“, wenn wir wieder am Auto angekommen sind. Natürlich ist meine Freude über seine Funde groß, denn

Ralf verschenkt diese Glück bringenden Steine stets an unsere vielen Freunde, um sie alle gut beschützt zu wissen.

Wie viele Leser*innen meines Blogs inzwischen wissen, urlauben wir oft an der dänischen Südküste. Dann tauschen wir Ost- gegen Nordsee. Und wer nun glaubt, dass Ralf dort im aufrechten Gang am Strand spaziert, der irrt. Denn auch dort, im Nationalpark Wattenmeer ist Ralf ein Suchender und Finder. Statt Hühnergott nun Bernstein. Diese fossilen Steine haben es ihm so angetan, dass er inzwischen sogar eine UV-Lampe besitzt. Die Methode ist zwar umstritten, da das UV-Licht die goldenen Steinchen sofort anzeigt und man diese nur noch aufheben muss. Zudem muss man berücksichtigen, dass Robben ihre Babys nachts am Strand füttern und sollte diesen Frieden möglichst nicht stören. Dies geschieht allerdings immer im Juni/Juli eines Jahres, weswegen Ralf als großer Tierliebhaber den Robben niemals nicht ins Gehege kommt.

Dieser Bernsteinsuchsucht konnte ich nie viel abgewinnen. Ein paar mal hatte ich mitgesucht, aber schnell das Interesse verloren, weil ich ….nichts fand! Im Urlaub war der erste Gang meines Mannes nach dem Aufstehen stets der nach draußen. Dort schaute er allmorgendlich auf den Wetterhahn unseres Ferienhausdaches und rieb sich vergnügt die Hände, sobald der Hahn in eine bestimmte Richtung zeigte. Denn um Bernstein zu finden, muss die Windrichtung stimmen. Weil der Wetterhahn irgendwann rostete und sich wie ein Karussell im Kreise drehte, lud Ralf sich schließlich eine zuverlässige Windrichtungsapp aufs Handy. Ich kann nicht mitzählen, wie oft wir bei Regen und Sturm am Strand waren, um der Bernsteinsuchsucht meines Mannes nachzukommen. Er in vertrauter, gebückter Haltung direkt am Wasser, ich mit lang ausgestreckten Beinen im warmen Auto. Ab und zu ließ ich die Fensterscheibe herunter, um nachzufragen, ob es denn nun mal gut sei mit der Suche. Die Antwort war stets die gleiche: Nein.

Dann kam dieser eine Tag. Ich hatte schon oft gesehen, dass an sonnigen und heißen Tagen der Pølsewagen den Strand auf Fanø hin und her fährt. Ein Imbisswagen, der neben den beliebten dänischen Hotdogs auch andere leckere Sachen aus dem Wagen heraus verkauft. Ich liebe den Pølsemix, bei dem es Pommes mit Wurstscheiben und Zwiebeln garniert gibt, abgöttisch. Aber auch gegen einen Hotdog hatte ich nichts einzuwenden. Ich bin da pflegeleicht. Wir gingen also spazierend am Strand entlang, als ich glaubte, einen Pølsewagen in der Ferne zu erkennen. Völlig ausgelaugt nach einem stundenlangen wunderschönen Gang am Strand lief ich sofort auf den Wagen zu. In meinen Kindheitserinnerungen war ich oft zu spät dran, wenn der Eiswagen zu uns ins Dorf kam und wollte auf keinen Fall, dass sich diese für mich sehr blöde Situation wiederholt. Ralf suchte weiter nach dem goldenen Harz namens Bernstein und ich rannte wie ein Derwisch auf den Pølsewagen zu. Damit dieser auch auf keinen Fall vor meiner Nase wieder wegfuhr, rief ich schon von weitem: „Stoppe! Jeg er sulten! Jeg vil have Pølse!“ (Halt! Ich habe Hunger! Ich will Wurst!)

Mein Herz raste vom schnellen Rennen in der Hitze der Sonne, meine Schienbeine taten mir weh und ein Muschelstück, in das ich aus Versehen reingetreten war, ließ mich leicht humpeln. „Nur nicht aufgeben, nur nicht aufgeben, gleich bist du am Ziel!“ sagte ich ermutigend zu mir selbst und hoffte so sehr, dass man mich und meine Lust zu essen nicht vergaß. Wie eine Oase in der Wüste kam mir dieser Pølsewagen vor. Die letzten Meter schleppte ich mich nur noch hin. Oh mein Gott, hatte ich überhaupt Geld dabei? Für einen kurzen Moment erstarrte ich. Aber ja, ich hatte ja den Rucksack auf. Puuuh, Glück gehabt. Weil ich nicht wußte, wie man auf dänisch <bitte nicht wegfahren, ich will auch noch was und wäre bereit den doppelten Preis zu zahlen, Hauptsache Sie bleiben noch> sagt, rief ich einfach nochmal laut: „Jeg er sulten!“ Als ich mich dann endlich mit hängender Zunge und schmerzenden Beinen dem Wagen näherte, wunderte ich mich darüber, dass auf dem Pølsewagen, der entfernt einem Foodtruck ähnelt, gar kein Logo stand. Sonst war da doch immer eines. Hmmmm. Aber naja, Understatement mag ich auch. Aber warum das Sonnensegel und die zwei Campingstühle vor dem Wagen? Könnte man dort nun etwa verweilen? Dann hätte ich mich ja gar nicht so sehr beeilen müssen, oder? Hach, egal, ich war ja kurz vorm Ziel. Als ich dann humpelnd näher kam, war ich verwirrt. Sehr verwirrt. Außerordentlich verwirrt. Was ich dort vor mir sah, war kein Pølsewagen! Es war ein ganz normales Wohnmobil einer Familie. Eine gemütlich aussehende Frau winkte mir aus dem Wagen zu und ihr Mann fragte mich lachend: „Wil je eten?“ Eten? Was meinte er? Also dänisch war das nicht, was er da sprach.

Da stand ich also vor dem vermeintlichen Pølsewagen, der keiner war und fragte mich, wie es soweit kommen konnte. Das kommt davon, wenn man seine Brille im Ferienhaus liegen lässt! Die gemütliche Frau klopfte auf den Campingstuhl neben ihr und lud mich ein, dort Platz zu nehmen. Ihr Mann indes klapperte in dem Wohnmobil mit Geschirr und war im Begriff, mir Essen zu machen. „It was a mistake, I did not mean it that way!” sagte ich mit weit aufgerissenen Augen, die meine Erschrockenheit über dieses ganze Mißverständnis zum Ausdruck bringen sollten. “You are very nice, thank you. Have a nice day!” ergänzte ich, als ich mich umdrehte und ging. Alle fünf Schritte meines Rückweges drehte ich mich noch einmal zu den beiden um und winkte ihnen freundlich grinsend zu.

Oh mein Gott, war mir das Ganze peinlich! Warum nur hatte ich so viele nutzvolle Sachen in meinem Rucksack, aber meine Brille nicht? Wie würde ich meinem vegetarisch lebenden Ehemann diesen Faux-Pas im Anschluss erklären können? Obwohl…. bei dem Gedanken an ihn wusste ich bereits, dass er darüber laut lachen und mich herzen würde. Er liebt meine Verpeiltheit, weil sie seinen Alltag heiter macht, sagt er.

Während ich also – mich selbst für meine Blödheit anklagend – den Rückweg antrat und vor Scham über das Geschehene den Kopf gesenkt hielt, sah ich plötzlich etwas Glitzerndes im seichten Wasser der abgehenden Nordsee vor mir. Es funkelte rot. Ob das wohl wieder ein Streich meiner Sinne war? Ich müsste dringend mal aus der Sonne. Aber was wäre, wenn es kein Streich wäre? Das war doch… ja, keine Frage, das war ein…Bernsteiiiiin!

Zwar nur so groß wie mein Daumennagel, aber immerhin kein Krümelchen. Er lag einfach so da. Als ob ihn kein Wässerchen trüben könnte. Und ich hatte nicht mal meine Brille auf. Ich bückte mich um meinen Fund atemlos in Empfang zu nehmen und schaute anschließend zu Ralf herüber. Sprechen könnte ich vor Aufregung nicht. Ein Zustand der eher selten eintritt… Ich gebärdete mich, wie nur Ralf es nach vielen Jahren Ehe mit mir versteht und schnell kam er zu mir. Ob mir was weh täte? Ich schüttelte den Kopf und öffnete vorsichtig meine Faust, in der ich den Bernstein wie einen großen Schatz so fest hielt, dass meine Fingerknochen weiß hervortraten. Ralf staunte und so wußte ich, dass ich tatsächlich etwas Großes gefunden hatte ? Ab da ging es plötzlich ratz fatz: Überall sah ich rote, gelbe, braune Steinchen glitzern. Sie wurden von der Sonne angestrahlt und glitzerten um die Wette. Ich musste sie nur noch einsammeln beziehungsweise aufmerksam schauen, welche Tipps mir die Sonne gab. Dann kam das Wasser und ich merkte eine Seite an mir, die ich nicht mag: Ich wurde gierig! Da hatte ich gerade erst meinen ersten tollen Stein gefunden und nun grub und buddelte ich wie eine Besessene den halben Strand um, um einen noch größeren zu finden. Sogar auf die Nordsee wurde ich sauer, denn sie schwappte nach der Ebbe schon wieder heran, um sich auszubreiten – OBWOHL ich noch gar nicht fertig mit suchen und bergen war! Ich erinnerte mich an das Märchen vom Fischer und seiner Frau, schämte mich ob meiner Gier und ließ die weitere Suche erstmal sein. Nach diesem äußerst aufregendem Tag verliessen wir den Strand und ich aß einen Pølsemix im Restaurant. Mein Bernstein und seine Krümelbrüder packte ich in eine transparente Dose, stellte sie mir auf den Nachttisch und schaute alle paar Stunden nach, ob sie noch da waren. Das hatte zur Folge, dass ich am nächsten Morgen hundemüde war und kaum die Augen auf bekam. Für eine Bernsteinsuche am Tag eher hinderlich. Selbst mit Brille. Aber so ist das nun mal. Man kann nicht alles haben und gierig sollte man schon gar nicht werden.

Habt alle eine schöne Zeit und seid gut beschützt. Ob mit Hühnergott, oder ohne.

Herzlichst, eure Steph ❤

9 Kommentare zu „Hühnersteine und Berngötter

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