Die Schwippschwapp-Fahrradklingel

Man sollte nie an seinem Ärger festhalten. Nie! Weil es nämlich immer anders kommt, als man denkt… 😉

Ich wohne gern im dritten Stock unseres schönen, fliederfarbenen Hauses. Wie in einem Elfenbeinturm empfange ich Gäste, die sich schnaufend, prustend und hustend die Treppe ohne Lift hinauf bewegen, um uns zu besuchen. Im Flur steht ein Hocker, auf dem sie sich dann erst einmal ausruhen und ihren Puls auf ein normales Level fallen lassen können.

Anders ist es bei den Boten, die Einschreiben, Pakete oder Päckchen bringen. Denen laufe ich, wie schon oft erwähnt, gerne entgegen. Bei Gästen geht das nunmal nicht. Wir wollen ja kein Kaffee/Teekränzchen im Treppenhaus abhalten, was? Ich kenne sie alle. Den Hermes-Heinz, den UPS-Udo und den GLS-Guido. Nur den DHL-Dennis kenne ich nicht, denn der mag nicht zu mir hoch kommen. Hinterlässt immer Postkarten mit Benachrichtigungen in unserem Briefkasten, obwohl ich daheim war. Grrrrrrr. Das kann natürlich an den Arbeitsbedingungen liegen, deswegen habe ich ja Verständnis. Geärgert habe ich mich gestern dennoch, denn: Alle zwei Tage (und das ist nicht gelogen) klingelt irgendeiner meiner Nachbarn bei mir, um Pakete abzuholen, die ich für sie annahm. Zalando, H&M, Amazon, usw. Wie eine gemütliche Oma mit Märchenbücherschrank und Schaukelstuhl (aber ohne frischgebackene Kekse im Backofen) reiche ich den erwartungsfrohen Nachbarn die bestellten Pakete durch die Tür. Sie klingeln, ich liefere!

Es nagte an mir, dass DHL-Dennis mich nicht sehen wollte. Sein Vorgänger war sooo nett! Den habe ich mal angelogen. Aber nicht vorsätzlich, sondern aus Nettigkeit. Damals wusste ich nämlich gar nicht, dass ich ein Paket bekommen würde. Es handelte sich um eine Überraschung von Ralf. Das wusste ich aber noch nicht. „Legen sie den Nachbarn einen Zettel in den Briefkasten, damit diese wissen, dass das Paket bei mir ist?“ fragte ich ihn und er sagte: „Aber das Paket ist für Sie!“

„Für mich?“ flüsterte ich atemlos und war so verzückt, dass ich auf seine Frage hin, ob ich Polin sei, nur rasch nickte. Mir war schon klar, dass er darauf kam, weil ich einen polnischen Nachnamen trage. „Ostpreußischer Landadel“ konnte ich ihm ja wohl kaum als Antwort geben. „Das ist toll, ich bin auch Pole!“, sagte er und strahlte über’s ganze Gesicht. Tja, was macht man jetzt, wo man sich selbst eine andere nationale Herkunft herbeigelogen hat und auf einen „Landsmann“ trifft? Schüttelt man sich die Hand? Umarmt man sich oder belässt man es bei einem Lächeln? Ich kann euch sagen, was man dann macht. Man unterhält sich auf… polnisch! Er sagte etwas und ich wusste nicht was. Schnell hielt ich mir die Hand an den Hals, räusperte mich und krächzte: „Erkältung“. Die zweite Lüge innerhalb weniger Minuten. Zum Glück bin ich Protestantin und nicht katholisch. So viele Rosenkränze, die ich zur Buße und Reue hätte beten müssen, passten ja auf keine Kuhhaut!

Bitte entschuldigt, ich schweife ab. Gestern also kein Paket für mich, obwohl ich ja daheim… ach, lassen wir das. Abends stellte ich meine Fotos vom Herbst ins Netz und während ich von euch dafür so schöne Komplimente bekam, erzählte ich Ralf vom Frust mit meiner Fahrradklingel. Die ist groß und schön und hat ganz viele Blumen drauf, die leider mit der Zeit ein wenig verblasst sind. Sehr verblasst. Als ich meine Tour mit meinem grünen Rad startete, schwenkte ich den Lenker und… wurde nass. Ein großer Schwall Regenwasser schwappte aus der Klingel heraus mitten auf mein linkes Bein. Grrrrr! Ich habe geflucht wie ein Pferdekutscher und in meinem Ärger dabei fast übersehen, dass ich einen Fahrgast hatte. Ein Marieni, ein Marienkäfer fuhr auf der Klingel mit. Hurra! Er lebte noch, dass weiß ich, weil er sich während der Fahrt nicht angeschnallt hatte und auf der Blumenklingel herumkrabbelte. Als ich Ralf von dem Wasser in der Klingel berichtete, machte dieser sich schon wieder Notizen. Er mag es nicht, wenn ich Kummer habe und wollte dem Abhilfe schaffen. „Weißt du was?“, sagte ich gestern Abend zu ihm, „ich ärgere mich so sehr, denn ich war zu Hause als der Paketmann kam und er hat nicht geklingelt“. Zudem hatte ich es schon geplant, am nächsten Tag nicht unbedingt raus zu müssen, denn es sollte regnen und krankheitsbedingt kann es an manchen Tagen sein, dass ich es nicht vor die Tür schaffe. „Jetzt ärger dich nicht, bade nicht in Selbstmitleid und freu‘ dich doch auf das Paket“, sagte Ralf und ja, er hatte Recht.

Die halbe Nacht lang lag ich wach im Bett und fragte mich, von wem denn dieses Paket wohl kam? Wann würde das Geschäft, in dem ich mein Paket abholen konnte, wohl öffnen? Um 6:00 Uhr? Ich konnte es kaum noch erwarten und wälzte mich im Bett hin und her. Gegen 2:00 Uhr bin ich eingeschlafen und überschlief die Öffnungszeit des Ladens.

Eigentlich wollte ich nicht vor die Tür. Wegen des Regens. Dabei hat Ralf mir neulich diesen, von mir so sehr gewünschten, transparenten Regenschirm geschenkt. Aber hallo? Es regnete heute – trotz der Ansagen aus dem Wetterbericht – überhaupt nicht! Cool…

Als ich mein „Pferdi“ Fahrrad „abpflockte“ und zum Paketshop radelte, vergaß ich vorab nicht, das Wasser aus der Klingel abfließen zu lassen. Es sah für die Nachbarn sicher mal wieder sehr lustig aus, wie ich da stand und den Lenker meines Fahrrads schüttelte, als wären der Lenker und ich in einer Disco beim Tanz.

Es floss, ich fuhr und kam nach wenigen Minuten am Paketeladen an. Mit vielen anderen Kunden wartete ich schließlich in einer langen Schlange und verhielt mich wie ein Kind vor den großen Ferien: Zappelnd und es kaum abwarten könnend, trat ich mir fast selbst auf die Füße. „Wir haben eine Toilette für all unsere Kunden“, sagte die freundliche Mitarbeiterin zu mir und zeigte mit dem Finger auf die Tür neben den Hunderten von Paketen. „Danke, ich halte es schon aus“, sagte ich und schämte mich erneut. Schon wieder eine Lüge. Dann war endlich ich an der Reihe. Zeugnisausgabe vor den Sommerferien, hihi. Personalausweis vorzeigen, böse schauen, damit man annähernd so aussieht wie auf dem biometrischen Foto des Ausweises, eine Unterschrift leisten und anschließend hecheln wie ein Hund, der sein Leckerli bekam. Würde ich hinbekommen. Naja, fast. Ich konnte mein Dauergrinsen wegen des Paketes kaum unterdrücken und sah daher überhaupt nicht so fies aus wie auf dem Foto meines Personalsausweises.

Und dann war es soweit. Der Mann reichte mir mein Paket über die Theke.

Ich nahm es unter den Arm, verließ freundlich grüßend den Laden und legte das „Päckla“ in meinen Fahrradkorb. Natürlich schielte ich auf den Absender und als ich diesen las, konnte ich es vor Neugier kaum noch aushalten. Unsere liebe Freundin Dani hatte es uns gepackt und geschickt. Wir kennen uns, weil wir oft zur selben Zeit auf unserer dänischen Lieblingsinsel urlauben und hatten dort schon viel spaß miteinander.

Beim Heraufschnaufen in den 3. Stock unserer Wohnung, brauchte ich erst einmal eine Pause auf dem Gästehocker. Danach entledigte ich mich des Schals, der Jacke und der Schuhe, holte das Cuttermesser aus der Schublade und ritzte das Paket auf. Viele kleine Geschenke kamen zum Vorschein und weil alle beschriftet waren, hatte ich keinen Druck, mit dem auspacken zu warten, bis Ralf nach Hause kam. Auf einem Geschenk stand „Pippilotta“, auf einem anderen „Stephanie“. Kein Zweifel, dass ich diese zwei Päckchen sofort öffnen durfte, denn seit meine Freundin Anja mich mal Pippilotta nannte (nicht nur wegen meiner naturroten Haare) 😉 , nennen mich viele unserer Freunde so. Die anderen verpackten Überraschungen mit Namen „Für Herrn Schröder“ und „Für Ralf“ ließ ich natürlich unangetastet, auch wenn ich dabei schon sehr viel Geduld aufbringen musste. Herr Schröder ist ein dänischer Nisse, ein Wichtel der immer von Dezember bis Januar bei uns wohnt und schelmische Dinge veranstaltet, wenn man ihn nicht ab und zu mit Toffifee füttert. Ihr werdet ihn noch kennenlernen, versprochen!

Ralf sagt manchmal, dass ich auf ihn wie ein aufgeregter Hundewelpe wirke, wenn er nach Hause kommt. Und tatsächlich freue ich mich immer sehr, ihn wiederzusehen. Dieses mal allerdings wartete ich nicht geduldig, bis er auf dem Gästehocker Platz nahm um sich die Schuhe auszuziehen. Ich zog ihn sofort in die Küche, wo ich Danis tolles Paket halbausgepackt stehen hatte. Ralf freute sich über eine große Toblerone-Schokolade und für Herrn Schröder gab es eine Packung Toffifee. Lecker. Im „Stephanie“ Geschenk war auch eine Schachtel Toffifee enthalten. Puh, da war ich erleichtert. Denn mit dem Nissen will ich echt keinen Stress bekommen. Aber es gab ja noch das Pippilottageschenk. Ich hatte es ja bereits geöffnet, aber Ralf davon noch nichts erzählt. Nun gluckste ich alle drei Sekunden und konnte meine Freude überhaupt nicht mehr verbergen. „Brillenputztücher?“ fragte Ralf und sah genauso aus wie ich ein paar Stunden zuvor. War das eine Anspielung darauf, dass ich als kurzsichtige Person meine Brille im Urlaub selten trage und so mal den Wurstwagen am Strand mit einem Wohnmobil niederländischer Urlauber verwechselte? „Brillenputztücher kann doch jeder Bebrillte gut gebrauchen, oder?“ fragte ich zurück und bat ihn, die Schachtel mit den Tüchern mal zu öffnen. Und was kam dort zum Vorschein? Eine nigelnagelneue Fahrradklingel. Wir mussten beide so lachen und waren doch erstaunt. Denn woher hätte Dani das Dilemma mit der Schwippschwappklingel wissen sollen? Gar nicht. Es war einfach ein super Gedanke zur rechten Zeit. ❤

Die nächste halbe Stunde klingelte ich mich derart wild durch die Wohnung, dass Ralf sich vermutlich den kleinen aufgeregten Hundewelpen zurückwünschte. 😉

Fazit:

Was ich an diesem Tag für ein Resümee zog, beziehungsweise gelernt habe: Ärgere dich nur kurz, denn sonst verpasst du viele Möglichkeiten, dich zu freuen / Jeder noch so trübe Tag kann einem Überraschungen bieten / Es tut gut, von Freunden, die man selten sieht, so wunderbar beschenkt zu werden / Marienkäfer schnallen sich nie an!

Fühlt euch alle herzlich gegrüßt ❤

Steph

4 Kommentare zu „Die Schwippschwapp-Fahrradklingel

  1. Liebe Steph,
    eigentlich wollte ich nur kurz meine E-Mails checken und mich dann noch schnell auf die Wäsche stürzen, bevor ich dann gleich zum Spätdienst fahre. Eigentlich…
    Aaaaber: es kommt ja immer anders als man denkt 😉
    Ich bin mal wieder an Deiner schönen Geschichte hängengeblieben – nur mal kurz den Anfang lesen geht nicht 😜
    Jetzt lass ich Wäsche Wäsche sein und schreib dir einfach mal ein RIESENDANKESCHÖN ❣️
    Liebe Grüße, auch an Ralf 😊
    Maike

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Maike, dass ist so lieb von dir. 😍 Ich wünsche dir später einen ruhigen Dienst und danke dir sehr für deine lieben Zeilen. Grüße an den Ralf richte ich gerne aus. Ich warte schon auf ihn wie ein aufgeregter Welpe 😆🐶 Gruß & Kuß Steph ❤

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