Vogelhaus

Original Lübecker Spatzen von Bärbel Bach

Sonntagabend. Zubettgehzeit. Die Nacht von Sonntag auf Montag schlafe ich blöderweise oft schlecht ein, deswegen war ich nun froh, ausnahmsweise mal eine gewisse Bettschwere und Ruhe in Kopf und Körper zu verspüren. Noch im Badezimmer stehend, stellte ich das Radio aus, denn ich hatte gerade ein Fiepen und Ralf leise reden gehört. Was war da los? Ich öffnete die Badezimmertür einen Spalt und schloß sie sofort wieder, als ich sah, was da war….

Da saß doch tatsächlich ein kleiner süßer Spatz auf der Kommode in unserem Flur. Völlig erstarrt blickte er stur geradeaus und kackte im Sekundentakt auf die Klamotten, die Ralf sich für seinen nächsten Arbeitstag bereits herausgelegt hatte. „Was machen wir denn jetzt?“ fragte ich durch die Tür und presste mein Ohr an die selbige, um Ralfs Antwort hören zu können. „Bleib du mal da drin, der Kleine ist eh schon aufgeregt genug“, war die Anweisung meines Mannes. „Der muss sich erstmal kurz ausruhen, dann bringe ich ihn schon wieder ins Freie“. Na gut. Ich setzte mich auf den Klodeckel und fragte mich, wie lange ich jetzt in diesem Raum eingesperrt verharren müsste. Unser Bad bietet ausser einem Radio, diversen Pflegeartikeln und einer Dusche jetzt nicht unbedingt ein super Unterhaltungsprogramm. Aber wie immer, wenn Flaute im Bespaßungsgssektor herrscht, springt mein Gehirn an und so dachte ich an das Erlebnis mit einem Vogel im Haus, welches Ralf und mir – aber eher mir als ihm – vor Jahren passiert war. Zum Glück hatte ich das ganze damals schon zu Papier gebracht:

Als ich heute um 16 Uhr von der Arbeit nach Hause kam und unseren Hausflur betrat, war ich leicht irritiert, denn das Fenster im Treppenhaus stand sperrangelweit offen. Ich wollte es gerade schließen, als ich just in diesem Moment ein leises Piepsen vernahm. Auf der Suche nach dem Ursprung des Geräusches ging ich ganz langsam Stufe um Stufe der Treppe hoch. Die Ohren wie ein Luchs und Augen wie ein Adler weit auf, damit mir ja nichts entgeht.

NEIN!“ entfuhr es mir, fast ein wenig zu laut, als ich schließlich vor dem Auslöser des Gepiepses stand. Es war ein kleines Vögelchen, welches sich in unserem fränkischen Hausflur verirrt hatte.

Um meine Aufgeregtheit zu verstehen, muss man wissen, dass ich solche kleine Wesen nicht anfassen kann. Dieses kleine pumpernde Herz, das filigrane Federkleid, ich schaffe das einfach nicht.

Der Vogel und ich waren in Panik. Er wollte wieder raus in die Natur, um dort frei herumzuflattern – ich wollte in mein Wohnzimmer, um die Füße hoch zu legen. Ich schlich mich, eng an das Treppengeländer gepresst und den Blick aufmerksam auf den Vogel gerichtet, rückwärts die letzten Stufen hoch zu unserer Wohnung. Dort angekommen, schloß ich unsere Tür auf, schmiss meine Tasche hinein und stieg einige Stufen wieder hinunter, um auf der Höhe des Vogels zu sein. Ich wusste nicht wie, aber DAS ich ihm helfen musste, war ja klar. Ich leitete also die Operation „Vogelfreiheit“ ein und ging sehr vorsichtig auf den kleinen Gesellen zu. Je näher ich ihm kam, desto mehr hüpfte er im Kreis herum. Mitten in diesem Vorhaben fiel mir ein, dass ich doch lieber die Wohnungstür hätte wieder zu… Aber es war bereits zu spät! Vogi beendete seinen Kreistanz, tappste eilig die Stufen hoch und…verschwand in UNSERER WOHNUNG. „Super, ganz klasse!“ schimpfte ich voller Ironie vor mich hin und folgte ihm.

Im Flur unserer Wohnung traf ich ihn wieder. In kürzester Zeit hatte er unseren Ikealäufer farblich neu gestaltet. Kleine weiße Sprenkel prankten nun auf dem orange-farbenden Teppich. Vogelkaka.

Wie würde ich das später Ralf erklären können? Etwa mit einem Satz à la „Ich war das nicht!“? Der wäre doch sicher wieder der Meinung, ich hätte mir das mit dem Vogel nur ausgedacht.

Hey kleiner Vogel, ich will dir doch nur helfen“, flüsterte ich mit ruhiger Stimme und bewegte mich in Zeitlupe auf ihn zu. Doch mit jedem Schritt, mit dem ich ihm näher kam, hüpfte er synchron einen Hüpf weiter.

Den Flur hatte er bereits hüpfend durchschritten und mit weißen Flecken seiner Verdauung verziert. Nun befanden wir uns im Arbeitszimmer, in dem ein Fenster auf „Kipp“ stand. Naiv wie ich bin dachte ich, dass wir uns nun auf der Zielgeraden befänden, denn ich bräuchte doch nur das Fenster ganz zu öffnen und mein gefiedeter Freund würde fröhlich piepsend hinausflattern. Oder? Schnell öffnete ich das Fenster.

Weit gefehlt. Ängstlich und erschocken hüpfte er/sie(?) weiter und versteckte sich hinter dem Gästesofa. „Oh jemine, wo soll das alles nur enden?“ fragte ich mich und sehnte mich so sehr nach einem glücklichen Ende für uns beide.

Dann hatte ich eine Blitzidee! Schnell rannte ich ins Schlafzimmer, wo sich in Ralfs Schublade immer eine Taschenlampe befindet. Wenn ich mit der Lampe ein bisschen Licht hinter das Gästesofa bringen und dann zum Fenster hin leuchten würde, hätte er mich bestimmt verstanden. Dann würde er sicherlich piepsen: „Hey Steph, du kluge Leuchte, danke, dass du mir den Weg zeigst. Pieps Pieps!“ Und tatsächlich, es klappte! Er/Sie begab sich Richtung Fenster, um sich aus unerfindlichen Gründen wieder hinter das Gästesofa zu begeben. Ich schnaufte, liess mich mit dem Rücken zur Wand erschöpft zu Boden gleiten und schaltete die Lampe wieder aus.

Resigniert lief ich zurück ins Treppenhaus, um bei allen Nachbarn im Haus zu klingeln. Denn anders als ich könnte irgendwer der Nachbarn den Vogel bestimmt in die Hand nehmen, um ihm die Freiheit zu schenken. Leider war keiner der Nachbarn zu Hause. Ich hätte heulen können. Ein kurzer Blick ins Arbeitszimmer zeigte mir, das Mr. Federvieh noch immer hinter dem Sofa hockte und nun dort alles vollsprenkelte.

Meine zweite Blitzidee war es, bei der Auskunft anzurufen, um zu fragen, wer mir bei diesem Problemchen helfen könne. Gesagt, getan. Meine nette Telefonpartnerin wusste zwar auch nicht so recht weiter, fand es aber lustig, dass ich ihren Tag erheitert hatte. Na toll.

Die Tatsache, dass der kleine Vogel so aufgeregt war und vermutlich bald einen Herztod sterben würde, brachte mich dazu, kurzerhand beim Tierheim anzurufen.

Nach zwei mal Läuten meldete sich ein Mitarbeiter namens Miese. Vorname Peter.

Hallo Herr Miese, ich brauche dringend Hilfe, denn ich habe einen Vogel, der durchs Fenster in meine Wohnung flog und nun nicht mehr heraus kommen kann“, brachte ich aufgeregt hervor.

Herr Miese: „Da müssen´s sich fei schon selbst helfen.“

Ich: „Aber ich kann den kleinen Kerl nicht anfassen, ich hab da Angst was kaputtzumachen.“

Herr Miese: „Allmächd, des is etza fei ned ihr Ernst. Nehmens an Handduch und werfens des drüber, dann werns des Vögle fei scho einfangen können.“

Ich: „Aber ich kann das wirklich nicht, ich…“

Hörn´s, ich hab fei zu dun. Ade.“

Statt piep-piep-piep nun also tut-tut-tut. Ich starrte noch lange in den Hörer. Das konnte doch wohl alles nicht wahr sein. Was wäre der nächste Schritt? Es tat mir echt so leid, dass ich so unfähig war, dem gefiederten kleinen Freund die Freiheit zu schenken. Mit leisen Schritten ging ich wieder ins das vogelbesetzte Arbeitszimmer. Was ich dann sah, ließ mir den Atem stocken. Mein Vogelkumpel saß doch tatsächlich auf dem Sims des geöffneten Fensters. Hurra. Aber warum flog er denn nun nicht hinaus? Vielleicht genoß er noch kurz den Ausblick. Aber rein durfte er auch nicht mehr. Sollte ich nun einfach schnell Richtung Fenster rennen, damit er im Fluchtverhalten davon flog? Lieber nicht, sonst erschreckt er sich, bekommt einen Herzinfarkt und plumpst tot in die Dachrinne, dachte ich. Das wäre ja auch doof. Doch was war das? Er zwitscherte. So lange hatte er den Schnabel gehalten und nun piepste er wie ein Unterhaltungsmoderator im Samstagabendprogramm. Würde er mit seinem Dauergepiepse seine Freunde zu Hilfe holen und würden diese mich dann aufsuchen? Eine Vogelgang etwa? Bevor ich mir noch Schlimmeres ausdenken konnte, war er plötzlich still und bewegte seinen Kopf hin und her. In der Ferne piepste ein anderer Vogel. Das war bestimmt die Mutter, die ihm zurief: „Karlchen, komm nach Hause, es gibt gleich Abendessen. Die Regenwürmer werden warm.“ So muss es gewesen sein, denn nach dem Gepiepse aus der Ferne klappte er seine Flügel aus und flog davon.

Total froh und auch ein klein wenig traurig schloß ich sofort das Fenster und ließ mich völlig erschöpft auf dem Gästesofa im Vogelzimmer nieder. Anderthalb Stunden hatten wir gemeinsam verbracht und nun war’s vorbei. Happy End und endlich Feierabend. Ich hörte den sich drehenden Schlüssel im Schloß und hörte Ralf erstaunt „Was ist denn hier passiert?“ fragen. Ach ja, die weißen Sprenkel im Flur. „Unglaublich, was dir immer widerfährt“, sagte er zu mir und nahm mich in den Arm. Mein Herz bubberte ganz aufgeregt. Vor Freude und Glück. ❤

Zurück zum Spatz. Ralf hatte inzwischen alle Fenster und Türen geöffnet. Auch meine. Ich hatte in meinem Badkäfig schon die Kacheln gezählt, die Schnur des Epilierers entknotet, diverse Pflaster nach Größen sortiert und eine Gesichtsmaske aufgetragen. Alles Dinge, für die man ja sonst keine Zeit hat. Unser Besuchervögelchen machte erste Versuche, die Wohnung zu verlassen. Hüpf, hüpf, flatter, flatter. Einmal kurz den Kopf an der dreieinhalb Meter hohen Zimmerdecke gestoßen und schon war er draußen. Aber nicht weg und das war auch gut so, denn so konnte Vogelpapa Ralf das possierliche Tierchen noch ein bisschen im Auge behalten. Auf dem Balkon hatte das Spätzchen Platz genommen und sich vermutlich erneut ausgeruht nach all der Aufregung. Ausruhen war eine gute Idee. Ich tat es ihm gleich und hüpfte flatterhaft ins Bett. Meine Nerven! Nach einer Viertelstunde kam auch Ralf ins Bett. Er hatte dem kleinen Piepser noch eine Schale mit Wasser auf den Balkon gestellt, weil er der Meinung war, dass dieser sicher Durst hatte. „Und wenn er friert?“ fragte ich, die Bettdecke bis zum Kinn hochgezogen, meinen fürsorglichen Mann. „Warum sollte er frieren?“ „Naja, weil die Fliesen auf dem Balkon doch so kalt sind. Ich friere da machmal, wenn ich barfuß dort stehe.“ „Aber du bist ja auch kein Vogel!“ stellte Ralf fest und lachte. Was für ein emotionaler Wochenendausklang. In der Nacht träumte ich von Herrn Miese. Dieser kaute gerade an einem Müsliriegel, als es an seinem Fenster klopfte. Er öffnete es und stand Auge in Auge mit einem Adler. Dieser hatte einen gesprenkelten Anzug an und richtete seine Krawatte, bevor er zu ihm sagte: „Hömma zu, Kollege. Wenn dich das nächste mal eine Menschenfrau anruft und um Hilfe bittet, dann bist du sofort vor Ort, verstanden? Dann machst du dich nicht lustig oder vergrämst die arme Frau. Ansonsten kann ich nämlich ziemlich ungemütlich werden.“ Dann zwinkerte er ihm zu, drehte sich herum und flog majestätisch fort….

Noch leicht verwirrt von dem Traum zog ich am Morgen meinen Bademantel an und ging Richtung Balkon. Hoffentlich war dem Vöglein nix passiert. Hoffentlich war er wieder bei seiner zwitschernden Familie, hoffentlich lag er da jetzt nicht. Als ich dann die Balkontür öffnete, atmete ich befreit aus und….lachte. Er war weggeflogen und hatte uns ein kleines Häufchen Vogelschiss hinterlassen. „Adieu, kleiner Freund. Hab‘ einen schönen Tag. Verflieg dich nicht wieder. Aber solltest du erneut Probleme haben, dann scheu dich nicht und komm zu uns. Mein Sozialpädagogenmann hilft dir auch dann wieder gerneeeee“, rief ich in den Himmel und freute mich.

Herzlichst

Steph ❤ (die immer einen Vogel hat) 😉

P.S.: Vielen lieben Dank an Bärbel Bach für die tollen Fotos ihrer Lübecker Spatzen!

9 Kommentare zu „Vogelhaus

  1. 😂 ja so ein Vogelerlebnis hatte ich auch schon. Durch die Lüftung. Hab das Gitter entfernt, denn zurück kam er nicht mehr. Nun war das Vieh im Bad, ohne Fenster. Wildes flattern, herzinfarktartiges Piepen. Nach einer halben Stunde hatte ich ihn endlich in einem Handtuch gefangen und am Balkon frei gelassen.

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  2. Ja, da ist so ein Lüftungsschacht im Bad. Der Kerl ist vom Dach aus reingefallen, oder er war doof und ist reingeflogen. Blöd, steil rauf fliegen durch einen engen Schacht … keine Chance.

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  3. Deine Geschichten erinnern mich immer an eigene Erlebnisse. Wie wir zu Hause, ich war so etwa 9 Jahre, in unserem Partyraum eine Taube mit gebrochenem Flügel aufgenommen haben. Sie durfte bleiben, bis sie wieder fliegen konnte, dann ging es zurück in die Freiheit. Ich bin immer mit wedelnden Armen vom Barhocker heruntergesprungen, um ihr das Fliegen „beizubringen“.
    Und in unserem kleinen Häuschen, kurz nach dem Einzug hier, hatten wir morgens eine Dohle im ersten Stock im Bad. Das Fenster war zu, vermutlich hatte sie die Katzen beobachtet, wie sie durch die Katzenklappe ins Haus kamen, und es ihnen nachgemacht. Oder eine Katze hatte sie reingeschleppt, wir wissen es nicht. Aber seltsame Geräusche und total aufgeregte Katzen haben uns morgens wachgemacht, und ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen, als ich den Vogel so unerwartet auf der Handtuchstange sitzen sah! In dem kleinen Bad wirkte er riesig! Er ist dann unkompliziert durchs Fenster raus, zum Glück. 😊

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