Herr Schröders Rückkehr

Da saß er nun in unserer Küche. Herr Schröder war von seinem Domizil auf Fanø heimgekehrt. Die Freude war groß, denn nun musste ich für irgendwelche Streiche in unserem Haushalt nicht mehr herhalten. Der Nisse war’s!
Die Reise war sehr anstrengend und er brauchte erst mal etwas zu essen. Was glaubt ihr wohl, was das war? Na klar, eine Nuss im Schoko-Karamellmantel musste es sein und nicht nur eine…

Der Arme liegt hier neben mir, er hat es sich in der Obstschüssel gemütlich gemacht. Zu müde, um seine neue Wohnung bei uns zu beziehen. „Erstmal ’ne Runde ratzen“, hat er gesagt und während ich ins Esszimmer lief, um ihm seine Nissedør zu zeigen, ist er in der Küche schon eingeschlafen.
Deswegen werde ich euch nun über seine abenteuerliche Reise von Fanø nach Lübeck berichten und hoffe, das ist in Ordnung so.

Wie ihr vielleicht wisst, lebte Herr Schröder den Frühling/Sommer/Herbst über in einer WG mit anderen Nissen im Zauberwald auf Fanø. Genauso wie Zugvögel einen Instinkt dafür haben, wann sie wieder reisen müssen, haben auch die Nissen einen. Herr Schröder sagte, er habe plötzlich einen anhaltenden Duft von Lebkuchen und Toffifee in der Nase gehabt und somit gewusst, dass er zu uns nach Lübeck muss. Aber wie dorthin kommen?

Zunächst traf er die Schnecke Stephinchen im Wald. Die wollte ihn gerne zum Hauptbahnhof nach Rindby bringen. Er stieg also in ihr Haus hinein, achtete darauf, dass die Türen auch gut verschlossen waren (weil es sonst so zieht) und lehnte sich entspannt zurück. Das war im Herbst….
Mit einer Schnecke zu reisen dauert länger, aber die Nissen lieben es, denn so können sie ihre lange Zeit auf der Insel noch mal ganz in Ruhe und entspannt Revue passieren lassen. Sie lieben diesen sehr langsamen Abschied von der Insel ebenso wie wir Menschen die Überfahrt mit der Fähre genießen. Stephinchen war eine gute Schnecke. Manchmal ein bisschen zu geschwätzig, aber das war ihm nicht unbekannt. Er schaute lange aus dem Fenster, zog seinen Hut, wenn er Bekannte am Fenster vorbei gehen sah und blätterte ab und zu – wenn es ihm gar zu langweilig wurde – in der „Neuen Schneckenpost“, die als Illustrierte im Schneckenzug auslag. „Ach schau her, Angelina Amsel ist nicht mehr mit Beauty Barsch zusammen, dabei haben die beiden doch sechs Kinder. Wer da wohl das Sorgerecht bekommt? Prinz Parry, der Partylöwe hat mit Meggy Morgenschön eine Nichtadelige geheiratet, schau an schau an“, murmelte er und blätterte weiter zum Sudokorätsel, um es zu lösen und sich ein wenig die Zeit zu vertreiben.

Nach ungefähr vier Wochen kam er am Hauptbahnhof in Rindby an und freute sich sehr, dass er den Anschlußzug mit dem Ziel „Über die Straße“ nicht verpasste. Die Katze „Streichelmich“ stand schon bereit. Als Ticket muss man ein Tuch vorweisen, denn sonst kann man nicht mitfahren. Als ewig Pendelnder wusste Herr Schröder das natürlich und breitete sein Tüchlein aus, rollte sich hinein und ließ es zu, dass die Katze „Streichelmich“ dieses Tuch in ihre Schnauze nahm. Wie in einer Hängematte schaukelte unser lieber Herr Schröder hin und her bei dieser rasanten Fahrt mit der Katze. Reiseübelkeit kannte er nicht. Am Fiskesø (Angelteich) am Storetoft war ihre Endhaltestelle. Herr Schröder bedankte sich für die tolle Fahrt und ruhte sich an diesem schönen See erst einmal ein wenig aus. Er sah den coolen Hecht Hector und winkte ihm mit seinem Tuch zu. Aber der coole Hecht Hector hatte keine Zeit für ihn, denn er war gerade dabei, mit Forrelia Forelle ein heißes Tänzchen zu wagen. Also legte sich unser Schröderlein erst einmal auf den Rücken ins Gras und schaute den vorbeiziehenden Wolken zu.

Die liebevolle Libelle Lieselotte – von allen nur Lila genannt, flog plötzlich über seinen Kopf hinweg. Als sie ihn sah, kehrte sie um und fragte, was er denn noch auf der Insel machte? „Das gleiche könnte ich dich fragen, liebe Lila, du müsstest doch längst in deinem Winterquartier sein“, sagte er und machte sich ein bisschen Sorgen um sie, denn für Libellen war es derzeit doch wirklich zu kalt. „Meine Kinder haben ihre Puschelblütenkissen vergessen und ohne die wird es ein harter Winter, denn sie können nachts nicht ohne diese einschlafen“, stöhnte sie und flog achselzuckend und ein wenig genervt weiter.

Herr Schröder wollte auf seine Uhr schauen, die er in einer Rocktasche zu wissen glaubte. Doch da erinnerte er sich, dass er sie ja verschenkt hatte. „Kein Nisse braucht auf der Insel Fanø eine Uhr“, hatten ihm Paul und Pauline, seine Freunde aus der WG, gesagt und ja, es stimmte. Sogar die Menschen auf Fanø trugen während ihres Aufenthaltes keine Uhr, denn Zeit war hier unwichtig. Natürlich hätte er gerne gewusst, wann der nächste Flug ging. Aber er war sich sicher, davon schon irgendwie zu erfahren. Wenn man so lange Zeit auf der Insel der Entschleunigung namens Fanø verbracht hat, weiß man, dass alles kommt und geht und sich zurechtruckelt, so dass man sich von überflüssigen Gedanken befreien und einfach nur das Schöne geniessen kann. Also lehnte er sich wieder zurück ins duftende Gras und schaute weiter den Wolken zu, wie sie an ihm vorbeizogen…. Ein kleines Schläfchen würde ihm gut tun und so schloß er seine Äuglein für ein paar Sekunden, oder Minuten. Wer weiß das schon?
Plötzlich war es ihm, als würde der Himmel über ihm sich verdunkeln. Ein wenig benommen nach seinem Schläfchen streckte er seine Glieder, rieb sich mit seinen kleinen Fäusten den Schlaf aus den Augen und schaute nach oben. Oh ja, da war er, sein Flieger! Schnell sprang er auf und riss seine beiden Arme in die Höhe um sich bemerkbar zu machen. Das war aber eigentlich gar nicht nötig, denn der „Flieger“ hatte Adleraugen und sah alles was unter ihm passierte.

Mit einem scharfen Bremsgeräusch landete der Seeadler Klaus neben ihm und lief bei diesem Landungsversuch knapp an Herrn Schröder vorbei. Merke: Es ist nicht so einfach punktgenau zu landen, selbst für einen erfahrenen Seeadler nicht. Macht ja auch nichts. Schließlich war er einfach der Beste und das wussten sie alle. Wenn man mit ihm flog, fühlte man sich einfach supersicher. „Bist du startklar?“ fragte Klaus und Herr Schröder schaute zu ihm hoch und nickte so sehr, dass ihm seine Wichtelmütze über die Augen rutschte. „Und hast du auch dein Tuch dabei?“ fragte Klaus, worauf Herr Schröder wieder bejahend nickte. „Na dann, steig auf!“ Und das tat Herr Schröder selbstverständlich gern.

Zusammen flogen sie vom Angelteich, dem Fiskesø noch mal einen Schlenker über die ganze Insel, damit unser Herr Schröder aus der Luft nochmals all seinen Freunden zuwinken und ihnen alles Beste wünschen konnte. Klaus hatte das Tuch ganz fest in seinem Schnabel. Und in diesem Tuch lag Schröderlein und konnte sein Glück kaum fassen. In ein paar Stunden würde er bei den Wachowskis, bei Ralf und Steph einziehen. Er würde es kuschelig warm haben und – wenn man den Gerüchten aus dem Zauberwald Glauben schenken durfte – würde ihn dort eine große Packung Tofiffee zum Vernaschen erwarten. Während sie über die Schornsteine der Fabriken in Esbjerg flogen, erzählte ihm Klaus von seiner Begeisterung für alles, was fliegt und erweiterte den Horizont unseres kleinen Freundes. Doch irgendwann wurde Herr Schröder müde. Er hätte Klaus so gerne noch viel länger zugehört, aber aus unerfindlichen Gründen fielen ihm die Augen zu und er schlief ein….

„So mein kleiner Freund, wir sind da“, sagte Klaus und Herr Schröder schaute sich um. Tatsächlich. Da war ja das Holstentor zu sehen. Herr Schröder klatschte begeistert in die Hände. Dann rollte er sein Tuch zusammen, nahm sein Gepäck vom Rücken des Seeadlers herunter und küsste ihn zum Abschied fest auf den Schnabel. Klaus bedankte sich auch, griff in sein Haar, zog eine Feder von seinem Kopf und schenkte sie dem Nissen. „Denk immer daran… wenn du eine Feder siehst, ist dein Schutzengel nicht weit weg. Wir sehen uns nächstes Jahr Mitte Januar. Ich muss schnell weiter. Hab eine gute Zeit!“ Und schon schwang er seine mächtigen Flügel und flog dem Sonnenuntergang entgegen. „Bis bald mein Freund!“, rief ihm der dankbare Herr Schröder hinterher. Dann nahm er seinen Koffer und das Tuch und ging zur Trave. Die Trave ist ein Fluß. Es gibt die Unter- und die Obertrave. Denn was nur wenige wisssen: Lübeck ist ebenso wie Fanø eine Insel und somit von Wasser umgeben.

Um zu seinen Herbergseltern Ralf & Steph zu kommen, setzte er die Fahrt mit dem Ententaxi fort. Er stellte sich an das Wasser und hörte schon bald, dass sein Boot heraneilte. Es war die Ente Schwipp Schwapp. Immer noch ein bisschen müde sprang er auf ihren Rücken und hielt sich an ihren flauschigen Federn fest. Die Ente Schwipp Schwapp fragte ihn, wie seine Reise war und erzählte ihm, was sich während seiner Abwesenheit in Lübeck so getan hatte. Ihr Taxometer kletterte auf astronomische Höhe und Herr Schröder wurde ein wenig nervös, denn so viele Wichteltaler hatte er gar nicht in der Tasche. Die Ente Schwipp Schwapp bemerkte das und hatte einen guten Plan: „Wie wäre es,“ begann sie und drehte ihren Kopf zu ihm herum, „wenn wir einen Handel ausmachen? Du erzählst mir alles von dieser tollen Insel Fanø und ich fahre dich dafür umsonst zu deinen Wichteleltern“. „Abgemacht!“, sagte Herr Schröder und strahlte. Er hatte nun gar keine Angst mehr wegen des fehlenden Geldes und fühlte sich sehr erleichtert. Nun begann er die Fahrt zu füllen, in dem er der Ente alles berichtete. Er erzählte ihr vom Pælebjerg, dem Waldspielplatz, dem Sandstrand Søren Jessens Sand, den leckeren Burgern im Restaurant Stoppestedet und den vielen lustigen Hunden, die dort zu sehen waren. Weiter berichtete er vom Fuchs, der liebevollen Libelle Lieselotte (Lila), dem coolen Hecht Hector, dem klugen Seeadler Klaus und der Schnecke Stephinchen. Er erklärte der Ente die Gezeiten Ebbe und Flut und vergaß auch nicht das Geheimnis um den Bernstein zu lüften, der dort immer am Strand angespült wurde. Dieses Geheimnis allerdings ist nur für Wichtel und Tiere bestimmt. Wir Menschen sollen das Rätsel nicht lösen und so halte auch ich mich als Erzählerin daran, denn auf keinen Fall möchte ich Ärger mit einem Nissen haben!

Nach einer Stunde Fahrt mit Schwipp Schwapp kam er an ein Ufer. Freundlich bedankte er sich bei der Ente. Sie hatte plötzlich einen total verträumten Blick und fragte Herrn Schröder, ob sie sich im Januar wohl wieder sehen würden? Dann würde sie so gerne mal mit nach Fanø kommen, denn sie hatte sich ob der Erzählungen darüber sehr in die Insel verliebt. „Das machen wir“, sicherte ihr Herr Schröder zu und sie verabschiedeten sich mit Luftküssen. Auch sie gab ihm eine ihrer Federn mit. Herr Schröder sah plötzlich das Haus von Ralf & Steph und rannte so schnell ihn seine Beine trugen. Er konnte es kaum erwarten, zu ihnen zu kommen. Mithilfe seiner langen Zipfelmütze betätigte er den Klingelknopf und als die Tür aufsprang, huschte er durch den Spalt hindurch und hüpfte eilig die Treppen hinauf. Es roch nach….Toffifee, Marzipan und Lebkuchen.

„Wirst du uns dieses Jahr mal mit deinen Streichen verschonen?“ fragte ich Herrn Schröder, als er sich ausgeruht hatte. „Gibt’s Toffifee?“ stellte er die Gegenfrage und gähnte. Fast wäre aus mir herausgeplatzt, dass mindestens fünf Schachteln im Schrank standen. Aus Sorge um diverse Schelmereien hatte Ralf längst vorgesorgt. „Es wäre schön, wenn du dieses Mal auf bestimmte Dinge verzichtest“, begann ich. „Auf Toffifee verzichten? Habt ihr etwa keine mehr?“ empörte er sich und schien plötzlich hellwach zu sein. „Ich erinnere mich an keine Streiche.“ Also erzählte ich ihm, wie er den Tisch mit Niveacreme eingeschmiert hatte, um darauf Schlittschuh zu laufen…. Wie er Zucker in die Waschmaschine füllte, um Zuckerwatte herzustellen…. Wie er die Fussmatten im Treppenhaus vertauschte und hämisch lachte, als ich – vom Einkaufen kommend gedankenverloren – die falsche Wohnungstür aufschließen wollte… Wie er sich in unserem Auto versteckte und in die Lüftung pupste, sodass eine Weiterfahrt nur mit zugehaltener Nase möglich war… „Auf all das würden wir dieses Jahr gerne verzichten“, sagte ich und schaute ihn streng an. Als Bestechung schob ich ihm zwei Toffifees vor die Nase. Mampfend sagte er, er könne für nichts garantieren, würde sich aber allergrößte Mühe geben. Na denn. Wir sind gespannt. Seid ihr es auch?


Habt alle eine friedliche und wunderschöne Vorweihnachtszeit.

Herzlichst
Steph ❤

9 Kommentare zu „Herr Schröders Rückkehr

  1. Liebe Stephanie,
    für deine Geschichten muss ich mir immer ein bisschen Zeit nehmen – schon weil es soviel Spaß macht, mit dir
    (oder in diesem Fall Herrn Schröder ) auf Reisen zu gehen. Ich habe wieder sehr gelacht und werde gleich die nächste Geschichte lesen.
    Danke für diesen Leseschmaus!

    Gefällt 1 Person

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