Herr Schröders Vorname

Da stand er nun wütend vor mir. Sein Gesicht war tomatenrot. Mehrere Male musste er sich seine Mütze wieder zurechtrücken, da sie ihm vom Kopf zu fallen drohte. Seine Barthaare zitterten. Herr Schröder war sauer. Und das alles nur, weil wir ihn wiederholt nach seinem Vornamen gefragt hatten. „Sag ich nicht, ist ein Geheimnis!“ hatte er gerufen. „Och bitte, bitte verrat ihn uns“, flehten wir.

Aber je mehr wir ihn baten, uns seinen Vornamen zu verraten, desto genervter wurde er. Genervt und wütend. Und hungrig obendrauf. Mittlerweile stand er mit dem Gesicht direkt zur Wand, die Hände über der Brust verschränkt und wartete, bis wir die Küche verließen. Doch nach drei Jahren mit einem Nissen wissen wir wohl beide: Man lässt ganz sicher keinen wütenden Wicht allein in der Küche mit den Toffifeevorräten.

Wut ist eine Empfindung, die man – wie alle anderen Gefühle auch – mal aushalten muss. Ich wollte sie ihm nicht „wegmachen“. Wenn er sauer oder gar wütend sein wollte, dann sollte er das auch dürfen. Dennoch beobachtete ich ihn lieber, denn wer wusste schon, was er in diesem Gefühl mal wieder anrichtete? Die Tage zuvor hatte er mal wieder so einiges angestellt….

„Jetzt brat mir einer einen Stoch! Bist du denn des Wahnsinns?“ fragte ich ihn vor Tagen, als ich ins Esszimmer kam und dort die Zeitungsreportermöwe auf unserem Tisch vorfand. „Sie liest mir doch immer draußen auf dem Balkon aus der Zeitung vor, aber heute war es mir draußen zu kalt. Da habe ich sie hereingebeten“, sagte er und lehnte sich in seinem Ohrensessel zurück. „Entschuldigung, aber das geht nicht“, sagte ich zur Möwe und begleitete sie nach draußen. „Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht gerne in Wohnungen komme, aber er hat gesagt, ich muss das tun, sonst abonniert er mich nicht mehr und von irgendwas muss ich ja auch leben“, sprach die Möwe und zog entschuldigend die Flügel hoch. „Kein Problem!“ sagte ich nickend und schloß die Balkontür.

Und dann kam uns auf der Suche nach Herrn Schröders Vornamen der Zufall zur Hilfe….

Ralf und ich legten uns auf die Lauer, denn seit Tagen hörten wir abends mal wieder seltsame Geräusche in der Wohnung.

Ein Knicken und Knacken…ein leises Lachen… ein Hüpfen und Hopsen… Zudem roch es ein bisschen merkwürdig.

Wir wohnen in einem Haus von 1910. Altbau mit Dielenbrettern. Da knackt mal was und knickt und ächzt. Und auch die Geräusche, die es macht, wenn man barfuß zum Kühlschrank tappst, sind Ralf nicht unbekannt. Unvergessen der Moment, als er mich im Halbdunkeln der Küche in einem gar ungüstigen Moment erwischte: Mit der einen Hand im Gurkenglas und mit der anderem am Schinken. Nun aber lag ich ja neben ihm und konnte gar nicht die Geräuscheverursacherin sein.

„Hörst du das?“ fragte er mich, während wir im Bett lagen, und dieses Mal war ich diejenige, die ihm wenig Beachtung schenkte und „Das war nur der Wind“ im Halbschlaf murmelte.

Ich träumte gerade von Fanø und war in diesem Traum unterwegs am Pælebjerg. Während ich lief, knackte das Holz unter meinen Füßen. Ich kam vorbei an dem Baum, dessen Äste so lustig aussehen und sah eine dänische Freundin, die auf der Plattform oben auf dem Berg in einem ihrer schönen Kleider barfuß tanzte. Sie rief mir irgendetwas Lustiges zu und ich lachte. „Wollen wir Gewürzgurken mit Schinken essen?“ rief ich in ihre Richtung und erwähnte, dass ich ihr auch gerne ein Nutellabrot schmieren könne. Gemütlich schmatzend erwachte ich schließlich und bemerkte, dass Ralf nicht mehr neben mir lag. Wo war er nur hin? Ich horchte in die Dunkelheit hinein und wartete auf gewohnte Geräusche. War er vielleicht zur Toilette gegangen?

Andere Frauen warten vermutlich sehnsüchtig darauf, dass ihr Partner oder die Partnerin wieder ins Bett kommt. Ich aber denke: „Wenn er jetzt noch länger braucht, kann ich mir ja auch noch ein Nutellabrot in der Küche……“

Es klickte. Ein Lichtkegel im Flur erschien. Ich setzte mich im Bett auf und wartete gespannt, was folgen würde. Das Klicken kannte ich. Das war die Taschenlampe aus der Kommode im Flur. Ralf benutzt sie, wenn er mal später als ich schlafen geht und mich nicht wecken will. Statt die Deckenlampe, die wir „das große Licht“ nennen, im Schlafzimmer anzumachen, benutzt er die Taschenlampe, die eigens dafür in der Schublade der Kommode liegt.

Ich habe selten Angst. Meine Neugier überwiegt meistens und so war es nun auch in dieser Situation so, dass ich aus dem kuscheligen Bett heraus stieg, um ein paar Dinge zu erforschen: 1. Wo war mein Mann? 2. Warum wurde da eben die Taschenlampe betätigt? 3. Nutella oder Nusspli als Aufstrich aufs Brot? Fragen über Fragen. Ich verzichtete auf meine Einhornhausschuhe, denn die sind zwar kuschelig puschelig, aber quietschen auch beim Gehen und dieses Geräusch wollte ich nun tunlichst vermeiden. Hatte ich was zur Abwehr? Ein Blick in meine Nachttischschublade zeigte mir neben Einschlaftüchern mit ätherischen Ölen, Creme und Pixiebüchern nicht das, was ich zur eventuellen Verteidigung hätte gebrauchen können. Weil mir aber schon öfter gesagt wurde, ich könne andere ins Koma quasseln, besann ich mich genau darauf. Mich selbst! Gestärkt im Selbstvertrauen stand ich aus dem Bett auf und begab mich zur Tür, die in den Flur führte. Ein vorsichtiges Herunterdrücken der Türklinke reichte und ich sah im Flur Ralf vor mir. Mit der Taschenlampe in der Hand stand er da und schaute durch einen kleinen Türschlitz ins Esszimmer hinein.

„Pssssssst!“ zischte er mir zu als er mich entdeckte und hielt sich den Zeigefinger vor den Mund. Langsam schritt ich auf ihn zu. In einem alten Haus mit Dielenböden weiß man irgendwann, welches Brett unter einem ächzt, deswegen ging ich vorsichtigen Schrittes im Zick Zack auf ihn zu. Das muss wahrlich komisch ausgesehen haben.

„Was ist denn daaaaa?“ flüsterte ich ihm aufgeregt zu, bekam als Antwort aber nur einen Fingerzeig. Meine Augen folgten seinem Finger und sogleich hielt ich mir die Hand vor den Mund, um nicht gleich loszuplappern.

Im Halbdunkeln sahen wir unseren Nisse Herr Schröder, wie er um ein Lagerfeuer in unserem Esszimmer tanzte und immer wieder sang: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich KALLE KNISPEL Schröder heiß´!“

Ralf und ich hielten den Atem an. Endlich wußten wir, wie der Vorname unseres Nisse lautet! Kalle Knispel Schröder. So heißt er also, der kleine Wicht. Ralf und ich klatschten uns gegenseitig die Hände ab (High Five) und freuten uns so sehr, nun endlich dieses Geheimnis gelüftet zu haben.

„Für Kalle Knispel wird’s jetzt Zeit zum Schlafen“, sagte Ralf und brachte ihn in seine Wohnung hinter der Nissedør. Kalle Knispel selbst war noch ein wenig maulig, ließ sich aber durch ein von mir geschmiertes Nutellabrot, welches ich ihm noch vor die Tür legte, besänftigen. Und was soll ich sagen? Als wir heute morgen aufwachten, war das leckere Nutellabrot schon aufgegessen. 😉

Nun freuen wir uns auf weitere lustige Geschichten mit K.K. Schröder.

Habt alle eine schöne Zeit.

Herzlichst

Steph ❤

4 Kommentare zu „Herr Schröders Vorname

  1. Nun wusste ich ja schon um Herrn Schröders Vornamen – trotzdem war es mal wieder sehr lustig, deine Geschichte dazu zu lesen. Ich habe der verwinkelten Kiefer am Pælebjerg zugewunken und Ragnhild in ihrem tollen Kleid beim Tanzen bewundert – du vermag bei mir halt immer das Kopfkino zu aktivieren.
    Danke für diesen schönen Ausflug und lieben Gruß auch an Ralf und Herrn Kalle Knispel Schröder

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  2. Vielen Dank liebe Steph für diese süße Geschichte. Ich frage mich nur, ob K.K. Schröder das Nutella-Brot tatsächlich bekommen und aufgegessen hat oder ob du uns hier nur einen Wichtel aufbindest, weil du es dann doch noch selber im Bett verdrückt hast :-))))) Liebe Grüße und einen schönen 2. Advent, Monika

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