Weißer Zauber

>Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder. Den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter.< Kennt noch jemand dieses Lied? Ich habe es als Kindergartenkind stets so inbrünstig mitgesungen, dass sich die Kinder links und rechts von mir die Ohren zuhielten. Ebenso beim Lied „Winter adé“, wobei mir da nie klar war, warum die Scheide weh tut, wenn der Winter geht. Mir tat nichts weh, außer die Seele vielleicht, weil ich den Winter doch so gerne mochte.

Ganz besonders, wenn es schneite. Wenn es in der Luft knisterte und plötzlich diese kleinen Flocken lautlos aus dem Himmel auf alles herabrieselten, dann war ich glücklich. Es brauchte nur eine kleine Puderzuckerschicht, um mich komplett zum Ausrasten zu bringen. „Es schneit, es schneit!“ rief ich dann und lief von Fenster zu Fenster, um mich davon zu überzeugen, dass es im Hinterhof ebenso flockte, wie vorne auf der Straße. Meine Mutter hockte sich dann vor mich, um mir beim Einstieg in meinen Schneeanzug zu helfen, was sich als sehr schwierig erwies, da ich vor Aufregung hibbelig auf und ab hüpfte. Dann musste der Schlitten vom Dachboden geholt und die Schnur zum Ziehen des Schlittens auf seine Festigkeit überprüft werden.

Gefühlt besaßen alle Kinder, die ich kannte, den gleichen Holzschlitten der Marke Davos. Auseinanderhalten konnten wir unsere Schlitten nur, weil der jeweilige Familienname im Holz eingeritzt war. Die Schnur, an der wir unsere Schlitten zogen, hatte eine Schlaufe und ich kann nicht zählen, wie oft uns diese Schlaufe in die Wollhandschuhe schnitt und diese kaputt machte. Völlig verpönt waren bei uns die wenigen Kinder, die einen Plastikschlitten mit Lenker hatten. Wer was auf sich hielt, der rauschte mit einem Davoser Schlitten den Hang hinunter. Jawohl! Manchmal, wenn wir uns unbeobachtet fühlten, banden wir gleich drei Schlitten hintereinander und fuhren jauchzend und in Schlangenlinien abwärts. Was für ein Spaß, welch eine Freude.

Wenn uns der Schnee in Kindergarten oder Schule überraschte und kein Schlitten zur Hand war, dann nahmen wir kurzerhand eine Plastiktüte, die man damals irgendwie immer zur Hand hatte. Einen Hang zum Runterrutschen fanden wir immer. Gefährlich war das mitunter schon. Wenn man – auf einer Plastiktüte sitzend – einen Schneeberg runter flitzt, kann es schon mal passieren, dass man über eine Wurzel rauscht, die einem zum Dank den Hosenboden aufschlitzt.

Mein Schneeanzug war blau und sah aus, als wäre er lackiert. Ich fand, ich sah aus wie ein Astronaut auf dem Mond und ging gerade deshalb mit Stolz geschwellter Brust Stufe um Stufe die Treppen unseres Hauses hinab. Immer schön am Treppengeländer festhaltend, denn man will sich ja nicht schon vorher alle Gräten brechen.

Dann ging es auf die Straße. Wir wohnten in einer Sackgasse auf einem kleinen Berg, die Häuser standen wie im Rondell und die Straße gehörte uns Kindern. Zumindest am Tag. Sobald das erste Kind mit Schlitten die Straße betrat, kamen alle anderen auch nach und nach dazu. Das Alter war dabei egal. Sowohl die kleinen (5-jährigen) sowie auch die Teenager kamen zusammen, um sich eine Schlittenfahrt den Berg hinab hinzugeben. Das ging dann den ganzen Tag so. Hoch und runter, hoch und runter, hoch und runter. So lange, bis die Straßenlaternen angingen und der Schnee so herrlich schön glitzerte. Mein Bruder hatte Kerzen unseres Weihnachtsbaumes mitgebracht, um damit die Kufen seines Schlittens zu wachsen. Mit diesem Trick sollte der Schlitten noch schneller werden. Liebe Mama, falls du das liest: Nun weißt du, warum unsere Baumkerzen stets so schnell alle waren. 🙂

Am Ende so manchen Tages war die Straße durch unsere wilden Schlittenfahrten so glatt, dass die heimkommenden Väter große Probleme hatten mit ihren Autos den Berg hinauf zu kommen.

An einem dieser Tage hatte ich trotz Schnee so richtig schlechte Laune. Grund dafür war Sabine, meine zwei Jahre ältere On/Off-Freundin. Wir wohnten im gleichen Haus, sie unten, ich oben und die meiste Zeit verstanden wir uns gut. Es schneite und schneite. Drei weitere Nachbarskinder, Sabine und ich standen bei uns im tief verschneiten Garten und überlegten, was wir mit der weißen Pracht anstellen konnten. Schlitten fahren ging nicht, da so viel Schnee lag, dass die Väter ihre Autos alle stehen gelassen und somit unsere Abfahrtspiste zugeparkt hatten. Sabine hatte schon wieder den irren Blick. Das hieß, dass ihr entweder gerade eine tolle Idee kam oder eben eine schlechte. „Ich muss mal Kaka, wer will mit?“ rief sie und sofort schossen vier Kinderarme in die Höhe. Warum die anderen mit wollten, weiß ich nicht. Schließlich war ich ihre beste Freundin und wusste, dass Sabine auf dem Klo noch viel bessere Ideen einfielen. Und nicht nur das: In der Wohnung, die mein Bruder und ich mit unserer Mutter bewohnten, mussten wir für das große Geschäft immer auf das Gästeklo gehen, denn dort war das Fenster stets auf Kipp – der Frischluft wegen. Unser warmes Badezimmer war reserviert für Späße in der Badewanne & Dusche plus kleine Geschäfte (Pipi). Dort roch es allerdings auch herrlich gut, denn im Spiegelschrank namens Allibert hatte meine Mutter viele kleine Proben der Marke Avon, für die sie mal Kundenberaterin war.

Sabine durfte in der Wohnung ihrer Eltern für einen „Stinker“ das Badezimmer nutzen. Dort bollerte die Heizung stets auf Hochtouren.Wenn sie dann so mit baumelnden Beinen auf ihrem Thron saß und sich Schabernack für uns ausdachte, dann saß ich auf dem Badewannenrand, hörte ihr begeistert zu und ergänzte hier und da eine ihrer brillanten Ideen. Die Aussicht darauf, gleich mit ihr und den anderen ins warme Badezimmer gehen zu können, in diese tolle Ideenschmiede, ließ meine Wangen glühen. Doch Sabine hatte anderes im Sinn. Weil wir uns am Vortag mal wieder mächtig in den Haaren gelegen hatten, sagte sie nun, dass leider nur drei Kinder mit ihr kommen dürften. Erwartungsvoll schauten acht Augenpaare sie an. Wenn ich heute daran denke, muss ich laut lachen. Wie kann man sich als Kind nur so derart darauf freuen, mit dabei sein zu können, wenn die achtjährige Freundin einen „Dutt“ in die Keramikschüssel plumpsen lässt? Sei’s drum. So war es halt. „Du, du und du!“ wählte Sabine die Kinder aus, die mitkommen durften. „Und ich?“ fragte ich und wischte mir mit dem Handschuh die laufende Nase ab. Sabine schaute mich an, schürzte ihre Lippen und sagte: „Du musst hier bleiben und 300 Schneebälle formen!“ „300 ?“ fragte ich ungläubig. „300 und dazu musst du eine Wand aus Schnee bauen!“ antwortete sie völlig unberührt. „Denn später wollen wir die großen Jungs zu einer Schneeballschlacht herausfordern und dafür müssen wir uns gut vorbereiten“, ergänzte sie ihren Satz. Ich nickte stumm und schaute mir selbst über die Schulter. War ich – kleidungstechnisch – gut gerüstet für eine Schneeballschlacht mit meinem neun Jahre älteren Bruder und seinen Freunden? Aber ja, meine Mutter hatte mir die Kapuze tief über die Ohren gezogen und einen Schal drum gebunden. Keine Chance, eine Portion kalten Schnee in den Nacken zu bekommen.

Während die drei Nachbarskinder Sabine aufs Klo folgten, war ich bereit, für meine Aufgabe alles zu geben. Ich formte, was das Zeug hielt. War ein Schneeball fertig, war der nächste bereits in Arbeit. Der Schutzwall war ebenfalls schnell gebaut. Innerhalb weniger Minuten war ich fertig und klingelte an Sabines Tür. Die Herrscherin hüpfte von ihrem Thron, ließ sich von ihren drei Zofen wieder in die Klamotten helfen und kam mit nach draußen, um zu sehen, was ich da geschaffen hatte. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass ich mit meinen sechs Jahren erst seit einem halben Jahr die Schule besuchte und Mathematik nicht ganz so mein Ding war. Ich konnte stolz bis zehn zählen und so zählte ich beim Schneeballformen drei mal bis zehn, sodass ich 30 statt 300 Bälle geformt hatte. Allerdings dachte ich, dass ich 300 Bälle erschaffen hatte. Optimismus war schon immer mein Ding. 😉

Sabine war sauer und ich wurde es ob ihrer Reaktion ebenso. „Mach doch deinen Scheiß alleine!“ rief ich empört und trat mit meinen Füßen, die in dicken Moonboots steckten, gegen die von mir errichtete Schneeballschlachtschutzwand, die sofort zusammenbrach. Der lautstarke Zoff, der sich dann zwischen ihr und mir entwickelte, ließ die großen Jungs an ihren Schreibtischen aufhorchen. Kurzerhand verließen sie alle ihre Zimmer, zogen sich winterfest an und starteten im Garten ihre Schneeballschlacht auf die Kleinen. Und wo war ich? Ich stampfte in meinem lackierten Astronautenanzug die Treppen rauf, ließ mich von meiner Mutter aus dem selbigen puhlen und gnadenlos verwöhnen. Heißer Kakao, ein Brot (mit Bananenscheiben belegt) und auf der warmen Heizung sitzend schaute ich herunter auf die wilde Schlacht im Schnee. Merke: Man muss nicht jeder Schlacht beiwohnen! 😉

Habt alle eine schöne Zeit.

Herzlichst

Steph ❤

2 Kommentare zu „Weißer Zauber

  1. Hihihi… So schön erzählt, dass ich fast schon wieder kalte Füße habe! 😀
    Ich glaube, in Deutschland gab es keine anderen Schlitten, als den Davos!
    Schade, dass Herr Schröder nicht mitgemischt hat; der hätte den anderen schon gezeigt, wo der Schneeball fliegt! 😆

    Ganz liebe Grüße und einen wundervollen Sonntag,
    Werner

    Gefällt 1 Person

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