Fisch in Windeln

Wenn man 300 mal am Tag einen „Guten Tag“ wünscht und nie eine Antwort bekommt, dann ist das frustrierend. Und wenn man beim 301. mal nichts mehr sagt und sich der Testkunde darüber bei der Kassenaufsicht beschwert, dann hat man ein Problem…

Ralf und ich waren Lebensmittel einkaufen und wollten in einem Drogeriemarkt nur noch schnell Kerzen besorgen. Geduldig reihten wir uns in eine lange Warteschlange ein und tapsten alle 60 Sekunden einen Gänsefüßchenschritt Richtung Kasse. Direkt vor uns befand sich eine Frau, die als Mitarbeiterin dieses Drogeriemarktes privat einkaufte. Ihre Schicht war wohl vorbei.

„Sie wird die lange Warteschlange erkannt haben und ihrer Kollegin an der Kasse, bei der sie gerade bezahlt, sicher sagen, dass eine zweite Kasse aufgemacht werden muss“, dachte ich.

Doch dafür hatte sie keinen Blick. Ihr ging es nur um sich selbst. In Zeitlupentempo verstaute sie ihre Einkäufe nach und nach und tat dabei so gestresst, als müsste sie später noch alleine für 150 Personen Kartoffeln schälen.

Zwischen der Kassiererin und der einkaufenden Frau (beides Mitarbeiterinnen) entstand folgender Dialog:

MA1 (die Einkaufende): „Naaa, sitzt du heute hier an der Kasse?“

MA2 (Kassiererin): „Ja, ich dachte mir, ich mach das heute mal, nee? Morgen muss ich ja wieder den ganzen Tag stehen wegen der Warenauszeichnung.“

MA1: „Ich hab morgen Urlaub.“

MA2:“ Ich hab am Freitag frei.“

MA1:“ Diesen oder nächsten?“

MA2:“ Diesen.“

MA1:“ Ach so. Ich hab die ganze nächste Woche frei.“

MA2:“ Die ganze Woche? Boah, dass hätt´ich auch gern mal wieder.“

Die Schlange der Wartenden wuchs indes. Hatte die Frau hinter uns nicht eben noch kürzere Haare gehabt? Um das klar zu stellen: Mir macht warten nichts aus. Ich schaute schon ständig hinter uns, ob da nicht vielleicht jemand war, der das lange Stehen nicht gut vertragen konnte. Ältere Leute mit Rollator vielleicht oder eine hochschwangere Frau. War allerdings nicht der Fall. Was mich erschütterte, war zudem der Fakt, dass diese beiden Frauen keine Unterhaltung führten, die von Emotionen getragen war. Wenn eine Kollegin mir sagt, dass sie am nächsten Tag frei hat, dann wünsche ich ihr doch einen schönen freien Tag, und freue ich für sie, oder nicht? Diese beiden allerdings taten so, als müssten sie gegeneinander auftrumpfen. „Ich hab morgen frei.“ „Ich nächste Woche.“ „Die ganze Woche? Hätte ich auch gerne.“

Ich weiß nicht, wie die Arbeitsumstände bei der Drogeriekette sind und kenne die Umstände dieser Frauen nicht.

Allerdings habe ich selbst schon für einen deutschlandweiten Markt an der Kasse gesessen und Waren durch die Scannerkasse gebracht. Wohlgemerkt neben meiner Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Denn um das Schulgeld, die Miete und Lebensmittel zu zahlen, brauchte frau im Jahr 1997-2002 neben einer langen Ausdauer vor allem eins, nämlich Geld. Sobald meine Schulstunden vorbei waren, raste ich nach Hause, zog mich um und setzte mich an die Kasse eines XL-Supermarktes.

Weil ich schon immer ein Kind positiver Gedanken war und zudem ein Mensch, der gern gute Arbeit erbringt, war und bin ich immer freundlich. Weil sich das auszahlt. „Guten Tag“ war die Begrüßung, die man mir nicht als Auftrag geben musste, denn ich wünschte wirklich allen Menschen einen guten Tag. Ich möchte behaupten, dass diese Grußformel bei mir auch nicht als Standardsatz zwischen zusammengekniffenen Lippen herausgepresst wurde, wie ich es allmählich so oft erlebe. Von mir gab es kein „Gutentagwaswünschensiebitte?“ , kein „Bitteschöndasnochetwas seiiin?“ und auch kein „Dasmachtdannneunzehnachzigbitteschönentachauch.“ Und dennoch kam ich manches mal an die Grenzen meiner Geduld.Wenn man den halben Tag lang den Menschen einen „Guten Tag“ wünscht und nicht einmal darauf etwas erwidert bekommt, dann ist das schlichtweg frustrierend.

Zu Beginn meiner Arbeit wurde mir das Kassensystem vorgestellt. Es wurde mir erklärt, dass ich die Kundschaft zu begrüßen und zu verabschieden hatte. Unaufgefordert müsste ich fragen, ob man eine Plastiktüte wünscht und in der Wochenendschicht jedem ein schönes Wochenende wünschen. „Alles okay, hab ich verstanden“, erklärte ich und wollte sofort loslegen, da wurden mir von der Kassenaufsicht, die mich einarbeitete, zwei Männer vorgestellt. „Das hier sind Klaus und Manni. Wenn du die beiden in der Warteschlange deiner Kasse siehst, hast du ein Problem!“ sagte sie. Ich schluckte. „Was ist denn mit denen?“ fragte ich zaghaft und schaute sie von oben bis unten an, um mir ihr Aussehen gut einzuprägen. Beide fast zwei Meter groß, mit bitterbösen Mienen. Der eine kaute auf einem Zahnstocher herum, der andere feilte sich mit einem Taschenmesser die Nägel. „Die beiden sind Ladendetektive“, sagte die Kassenaufsicht. „Wenn sie in deiner Kassenschlange stehen, heißt das, dass ein Kunde etwas geklaut hat. In dem Moment bist du gefordert, denn du solltest nun im besten Fall selbst den Diebstahl des Kunden aufdecken. Wenn nicht, greifen die beiden ein.“ „Wird hier denn oft geklaut?“ fragte ich. Die Kassenaufsicht lachte heiser und verschwand.

Ob der Name Klaus für einen Ladendetektiv echt der beste Name ist? „Na gut, man sucht sich seinen Namen ja nicht aus, was?“ lachte ich meine Kassiererinnennachbarin an. Aber diese war leider nicht zu Späßen aufgelegt. Es dauerte genau eine Woche, da sah ich Klausi & Mausi in meiner Kassenschlange stehen. Die Geschwindigkeit, mit der ich die gekauften Sachen meiner Kunden über die Scannerkasse laufen ließ, verlangsamte sich, denn ich müsste nun genau aufpassen, welcher meiner Kunden hier Dreck am Stecken hatte. Die lieb lächelnde Omi war es nicht und die Mutter mit Kleinkind auch nicht. Der Mann, der dann kam, konnte es auch nicht sein, denn der hatte gar nichts in der Hand. Und >schwupps< schnappte die Falle zu. Klaus und Manni flüsterten dem Mann etwas ins Ohr und zu dritt begaben sie sich weg von meiner Kasse. Weil ich immer wissen möchte, wenn ich etwas falsch gemacht habe, fragte ich später in der Pause im Kassenraum nach, was da vorhin passiert war. Das Gesicht der Kassenaufsichtsfrau war krebsrot. „Ganz einfach: Der Mann kam ohne Schuhe in den Laden und verließ ihn ….mit Schuhen !“ keuchte sie mich an und steckte sich schnell eine Kippe in den Mund, um sich nicht noch mehr aufzuregen. „Ernsthaft?“ rief ich sichtlich geschockt und fragte mich, ob es nun auch zu meinen Aufgaben gehören würde, die Kunden schon beim Eintritt ins Geschäft genauer anzusehen.

Es dauerte ein, zwei Monate, da war ich mitten drin im Geschäft. Kannte „meine“ Pappenheimer und freute mich zusehends, wenn Hanni & Nanni, die beiden Ladendetektive, mir zusahen, wie ich ihren Job erledigte. Der Waschmittelkarton eines Kunden zum Beispiel: Mit dem Lasergerät an der langen Schnur beugte ich mich über seinen Einkaufswagen, um das schwere Paket einzuscannen, da sah ich, dass die Verpackung am Rand nicht fachmännisch zugeklebt war. Beim Öffnen des Paketes rieselte kein Waschmittel heraus. Wie auch, wenn darin ein gestohlener Videorekorder steckte! Haarfärbemittelschachteln musste ich auch immer öffnen, denn es kam immer wieder vor, dass Kunden ein teures Färbemittel in eine Schachtel, die günstiger war, hineinsteckten. Wenn man auf lange Zeit drauf schaut, wie abgebrüht manche Menschen sind, muss man aufpassen, sich nicht selbst darin zu verlieren, hinter jedem Menschen etwas Böses zu sehen.

Da waren mir die „MHD-Nerds“ ja fast noch lieber. Zur damaligen Zeit war es in diesem Markt üblich, dass man fünf deutsche Mark geschenkt bekam, sollte man Produkte erkennen, die das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) bereits überschritten hatten. Ich glaub‘, ich weiß, warum es dieses Beschenk-Bezahlsystem nicht mehr gibt. Es führte nämlich dazu, dass besonders ausgebuffte Kunden sich einen Fisch aus der Theke nahmen, diesen ganz hinten zwischen Windeln für Babys packten und sich das alles in ein Notizheft aufschrieben. Wenn dann das Datum kam, an dem der Fisch vom Kopf her stank, nahmen sie diesen aus dem Regal mit den Windeln hervor, warfen ihn mir auf das Kassenband und forderten mit den Worten „Pinke, Pinke“ ihre fünf DM von mir zurück. Damit man auch in der Pause unentwegt an den steigenden Reichtum des Geschäftes erinnert wurde, – für den man verantwortlich war – wurde der Aufgang zur Kantine mit Beschwerdebriefen der Kunden gepflastert. „Kasse elf war zu langsam“ oder „Kasse drei hat den Kunden nicht gefragt, ob er eine Tüte wolle“ hatte unsere Kassenaufsicht mit roter Tinte auf diese Zettel jedes Vergehen zusammengefasst. Ich war jedes mal so froh, wenn meine Kasse (fünf) nicht aufgeführt war. Zwar war ich immer freundlich, aber nicht jeder Kunde benahm sich so. Da war zum Beispiel dieser eine, der zappelig darauf wartete, dass ich meine Kasse öffnete. Ich zog die Flasche Lambrusco übers Band und sagte ihm die Summe. Eine Mark neunundzwanzig. Er griff in sein Portemonnaie und hielt mir einen Schein, den ich bis dato noch nicht gesehen hatte, vor die Nase. „Ääähm, den muss ich erst mal zur Prüfung einschicken“, sagte ich und griff ins Fach vor mir, um die Rohrpost fertig zu machen. „Wie jetzt, was jetzt, einschicken?“ fragte er mich ungehalten. Eine Ader an seinem Hals pochte. „Fünfhundertmarkscheine müssen wir zur Prüfung in den Kassenraum schicken. Das dauert aber nicht lang“, sagte ich und lächelte lieb.„Wollen sie mich verarschen, was soll denn mit dem Schein sein?“ raunzte er mich an. Seine Halsschlagader stand kurz vor’m Platzen. Unbeeindruckt legte ich den Schein und meine Kassennummer in den Plastikzylinder, steckte ihn in den Schacht und drückte auf den Knopf, der die Rohrpost mit einem zischenden Geräusch durch den Schacht direkt in den Kassenraum beförderte. Lambrusco-Paul war nun so richtig auf Zinne. Er beugte sich zu mir über die Theke, die uns trennte, kniff seine Schweinsäuglein zusammen, zeigte mit den Fingern auf meine roten Haare und pustete mir ein „Du bist eine Hexe!“ entgegen. So langsam schwoll bei mir nun auch die Ader. „Das wäre schön“, sagte ich in einem ruhigem Ton, „denn dann könnte ich Ihnen eine Kiste Lambrusco für umme herzaubern und müsste hier nicht die Sparkasse für sie spielen.“ Auch wenn ich wusste, dass nun auch meine Kasse im Beschwerdeflur hängen würde, DAS war es mir wert. Weil ich es mir wert war. Wenn der Kunde König sein möchte, muss er sich auch so benehmen!

Natürlich gab es auch schöne Momente. Einmal wurde ich in die Getränkeabteilung gerufen. Der Horror für mich, denn da konnte man die Waren nicht einfach mit einem >Piep Piep< über die Scannerkasse ziehen, sondern musste sich alle einzelnen Nummern für die vielen Kisten im Kopf merken. Wasser war die 125, Bier war die 381, Limo 480 und dazu hatte jede Bier- oder Wassermarke nochmals eine eigene Nummer. Ätzend!

Ich blieb stets freundlich, wünschte jedem einen schönen Tag und lächelte aus Überzeugung. „Könnt ihr bitte mal eine zweite Kraft schicken, ich bin hier ganz alleine und die Schlange der Wartenden ist sehr lang“, flüsterte ich in den Telefonhörer der Kassenaufsicht. Mein Blick blieb dabei an einem Mann hängen, der wunderschöne, langstielige Rose vor sich in der Hand hielt. Ach hätte ich doch auch nur einen Mann, der mich mit einer Rose beschenkt. Aber nein, ich musste ja hier sitzen und alleine die lange Schlange abarbeiten. Die zweite Kraft, um die ich gebeten hatte, kam auch nach fünf Minuten nicht. Hatten sie wohl Schneckensusi damit beauftragt, mich zu unterstützen? Das war nämlich auch so ein Früchtchen. Oft ließ sie die Waren im Zeitlupentempo über das Band laufen – stets in der Hoffnung, ihre Kunden würden sich dann lieber mal wo anders anstellen, was diese dann auch taten. Dann ging sie in die Pause, beachtete die Schandwand mit den Beschwerden nicht und vergaß das ein oder andere mal die Tatsache, dass ihre Pause längst vorbei war.

Die Warteschlange wuchs und ich tat das, was ich schon immer gut konnte. Reden. Kommunizieren. Ich erhob mich aus meinem wackeligen, kaputten Drehstuhl, formte meine Hände zu einem Trichter und sprach zu dem Volk der Wartenden, indem ich sagte: „Hören Sie mir bitte zu. Ich kann ihren Frust darüber, dass es hier gerade ein wenig länger dauert, sehr gut verstehen. Eine zweite Kollegin habe ich eben angefordert, währenddessen gebe ich mein Bestes und bitte sie um ein wenig Nachsicht und Geduld.“ Vereinzelt klatschten Leute. Eine Oma mit Hackenporsche wollte mir Trinkgeld geben, was ich mit freundlichen Worten abwies, da sonst am Abend meine Kasse nicht stimme. Und dann war plötzlich der Rosenmann an der Reihe. „Ich kaufe hier oft ein und sehe sie immer sehr engagiert und gut gelaunt. Mir macht es Freude, bei ihnen einzukaufen und deswegen schenke ich Ihnen diese Rose.“ Wie bitte? Ich war völlig von den Socken. Was war das denn bitte für ein schönes Kompliment und Wertschätzung all meiner Mühen? Mich hat dieses Lob nicht nur an diesem einen Tag ganz besonders beschenkt, es hat mich auch die nächsten Monate immer wieder getragen, wenn es ganz besonders stressig wurde.

Ich habe schnell gelernt, dass Kassierer*innen das letzte Glied in der Kette sind. Für all das, was die Kunden beim Einkaufen im Markt selbst an blöden Dingen erleben, muss am Ende die oder der an der Kasse herhalten.

Fauliges Obst in Gang drei, ein zerbrochenes Gurkenglas in Gang 11, die Lieblingsmarke des Duschgels nicht mehr auf dem Markt, keine Kondome mehr in XL – für alles, was der oder die Kunden nicht bekommen, muss am Ende die Kassiererin durch Gemaule, Beleidigungen oder Drohungen „bezahlen“. Das war nur ein kurzer Auszug meiner Erlebnisse, ich könnte noch so viel erzählen. Was bleibt, ist die Einsicht, dass Kassierer*innen einen echt harten Job haben und keiner sich den Buckel krumm macht, dieses bei seinem nächsten Einkauf mal zu bedenken.

Herzlichst eure

Steph ❤

Ein Kommentar zu „Fisch in Windeln

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