Toffi, die Fee

Bei aller Liebe, dieses mal gebe ich den Nachbarn keine Tipps darauf, in welchem Baum ihre Unterhosen hängen. Wer seine Wäsche bei einem angekündigten Sturm mit Orkanstärke auf dem Balkon aufhängt, der darf dann auch gerne eine verfrühte Ostereiersuche (bzw. Wäschesuche) unternehmen. Und überhaupt und sowieso hatte ich anderes zu tun. Mein Helfersyndrom kurieren, meine Depression weiterhin in den Griff bekommen und da war ja noch die Empörungsdiät, die mir mein Therapeut neulich aufgedrückt, ähm empfohlen hat. Statt mit einem Kissen auf der Fensterbank die Nachbarn durch den Garten zu navigieren, damit die ihre nasse Wäsche wiederfinden würden, würde ich mich jetzt mal um mich selber kümmern. Eine Herausforderung würde mein schlechtes Gewissen werden. Ich kann ja so oft nicht anders, als zu helfen und ein Mensch, dem andere egal sind, will ich ja auch nicht werden.

Kennt ihr eine Empörungspause? Ich hatte bis dato nie davon gehört, fand es aber lustig, als er mir diesen Vorschlag machte. Es war letzten Donnerstag. Wie immer fragte er mich, ob ich ein Thema mitgebracht hätte und ich antwortete ihm, dass ich „voll“ sauer auf mich selbst sei, da ich dieses mal kein Thema hätte. „Die Wahl in Thüringen hat mich geschockt, ich bin immer noch völlig fertig, weil ich solch ein Ergebnis nicht erwartet hätte“, sprach ich weiter. „Auf einem Level von 1-10: Wie empört sind Sie, wenn 1 das Geringste und 10 das Höchste ist?“ fragte er. „10!“ „Und wenn sie auf der Straße jemanden sehen, der ein Kind schlägt?“ „10!“ Weitere Fragen ergaben, dass ich fast immer auf „Zehn“ bin. „Sie können aber nicht immer auf zehn sein, weil das die höchstmögliche Form der negativen Erregung ist und die raubt Ihnen Energie“, sagte er sanft. „Ich reg‘ mich halt für diejenigen auf, die sich nicht aufregen, so wird das wieder ausgeglichen!“ antwortete ich und schmiss meinen Lippenpflegestift, der wegen diverser Tabakkrümel schon wieder fast unbrauchbar war, völlig genervt in meine Tasche zurück.

Dieser Mann, mein Therapeut weiß einfach zu viel von mir. Das ist natürlich super, denn er erstellt somit eine Bedienungsanleitung für mich selbst. Wenn ich allerdings schlecht drauf bin, oder meine Depression mich wieder mal aufsucht, dann finde ich das furchtbar. Also nicht, dass er für mich da ist, sondern dass ich mich selbst nicht verstehe. Als ich geboren wurde, hat meine Mutter ja auch keine Gebrauchsanweisung für mich bekommen, und ich sage euch, sie hätte bestimmt an manchen Tagen gerne eine gehabt. Nun also die Verabredung zur Empörungsdiät. Ganz einverstanden war ich anfangs nicht, denn ich finde, dass Empörung oft auch gut ist. Allerdings müsste ich mal „runterfahren“, weniger Medien konsumieren, um nicht ständig mit schlechten Nachrichten, die ich sowieso nicht beeinflussen konnte, konfrontiert zu werden. „Zwei Stunden am Tag Pause von Radio, Fernsehen und Social Media!“ verschrieb er mir und ich versprach ihm, dies einzuhalten. So schlecht fand ich das auch gar nicht. Wenn man auf Facebook im Minutentakt mit irgendwelchen traurigen Bildchen, Sprüchen aus der Seele oder teils Fake-News beschallt wird, dann fällt eine Pause nicht schwer. Diese Diät würde mir vielleicht sogar ganz gut gefallen. Ich stimmte zu.

„Ein schönes Lied, das du da summst, was ist das?“ fragte mich mein Mann Ralf, als er die Küche betrat. Ich legte das Fernglas zur Seite, drehte mich zu ihm um und fragte: „Was meinst du?“ „Das Lied von eben“, sagte er. Ich wusste nicht, wovon er sprach. So oft denke ich mir selbst irgendwelche Lieder über alles und jeden aus. In Franken habe ich mal eine so leckere Wurst gegessen, dass ich vor Freude ein Bockwurstlied komponierte. Darüber lacht Ralf mit mir, aber nun sprach er von einem schönen Lied und ich wusste einfach nicht, was er meinte. Dann erklang das Summen wieder, ich hörte es nun auch. Was war das und woher kam es? Als eine, die oft in Krisen und Katastrophen denkt, rief ich: „Vielleicht ist unsere Spülmaschine kaputt?“ Ich hielt mein Ohr an die selbige. Nein, daher kam es nicht. Kam es vom Wind? Seit Sonntagabend bis mindestens Dienstagabend wurden uns große Stürme vorhergesagt. Wir machten uns auf die Suche und trafen im Esszimmer plötzlich auf eine kleine Fee.

„Siehst du sie auch, denn wenn nicht, dann muss ich mit meiner Ärztin mal über die Medikation meiner Tabletten reden“, flüsterte ich Ralf zu. „Ich seh‘ sie auch“, sagte dieser. Ein kleines, daumengroßes Wesen mit lilafarbenen Haaren, einem grünen Blütenblätterkleid und knallroten Schuhen saß auf der Tischkante und lächelte uns an. „Wer bist du?“ fragten wir zeitgleich. „Ich bin Toffi, die Fee“, sagte sie und strahlte schon wieder über das ganze Gesicht. „Der Sturm hat mich zu euch gewirbelt und ich mag es hier so sehr, dass ich für einige Zeit bleiben möchte“, sagte sie in sanftem Ton. „Darf ich bleiben?“ „Ähm, ja, na klar!“ stotterte ich und knuffte Ralf in die Seite. „Sag du doch auch mal was.“ „Wir ähm ja, wir freuen uns!“ sagte dieser und rieb sich die Augen. Doch wo sollte sie wohnen? Die Nissedør unseres Weihnachtswichtels namens Herrn Schröder verschwindet wie von Zauberhand, sobald dieser im Januar abreist. Ich überlegte. Die erste Nacht betteten wir sie in einer Schachtel Eiersalat, die Ralf zuvor auslöffelte. Das war schon lustig, denn Ralf sagt oft, dass er Eiersalat so sehr liebt, dass er sich hinein legen könnte und nun lag die kleine Fee dort drin.

Wisst ihr, was das Gute an einer Empörungsdiät ist? Beim Verzicht auf Medien ein paar Stunden am Tag ärgert man sich weniger. Zudem versinkt man wie ich als Hochsensible nicht im Leid anderer und wird kreativer. Meine Phantasiemaschine lief plötzlich auf Hochtouren und so kam es, dass wir unserem kleinen Gast Toffi einen kleinen Feengarten bauten. Ralf holte einen Schuhkarton vom Dachboden und legte ihn mit Folie aus. Wir füllten den Karton mit Blumenerde und stellten ein kleines Vogelhaus hinein. Dort könnte die kleine Fee wohnen. Eine alte Cremedose in Form einer Schildkröte (wie gut, dass ich alles aufhebe) funktionierten wir zum Blumenbeet um und aus einer sechseckigen Obazdaschachtel bastelten wir ihr einen Whirlpool. Ein Korken wurde zum Tisch verwandelt und ein Stück Knete mit bemaltem Flaschendeckel zu einem Hocker. Plastikgabeln, die schon seit Jahren in unserem Schrank lagen, steckten wir mit den Zinken nach oben in die Erde, sodass Toffi auch einen Zaun hatte.

Damit sie Strom hat, steckte Ralf ihr ein kleines Windrad in die Erde. Über die neue Verwendung war er glaube ich selbst sehr froh, denn Ralf liebt Windspiele. So oft hat er welche gekauft und sie in unsere Blumenkästen auf dem Balkon in der dritten Etage gesteckt. Sie drehten sich mit etwas Glück ein paar Tage, dann kam immer irgendein Wind oder Sturm und nahm sie mit fort. Allerdings können wir sie immer noch sehen, denn sie landen meist bei unserem Nachbarn Herrn G. im Vorgarten. Bei ihm stecken nun schon so viele sich drehende, kleine bunte Windspiele, dass er Eintritt für seinen Windspielmuseumsgarten nehmen könnte.

Toffi die Fee ist so anders als unser Weihnachtsnisse Herr Schröder. Statt Streiche zu spielen hat sie positive Sprüche parat. Neulich saß ich auf der Fensterbank und schaute dem Regen beim Regnen zu. Meine selbstauferlegte Medienpause tat mir zwar gut, aber dennoch schwappten einige negative Gedanken in mein Hirn. „Grübelst du?“ fragte Toffi und hangelte sich aus der meterhohen Palme Stück für Stück herunter, um anschließend neben mir Platz zu nehmen. „Hmmmm ich glaub‘ schon“, sagte ich und streichelte über ihr lilafarbenes Haar, ohne die Regentropfen aus dem Blick zu verlieren. „Also ich finde,“ sagte sie und hauchte die Fensterscheibe mit ihrem Feenatem an, „dass Grübeln doof ist. Es bringt einen ja nicht weiter. Als ob man hin und her schaukelt. So richtig vorwärts bringt es einen auf Dauer nicht.“ Hmmm. Da hatte sie irgendwie recht. Ständig hat sie einen guten Rat parat. Als ich neulich wütend war, weil jemand meine Freundin Jana schlecht behandelt hatte und nicht selbstständig aufhören konnte, über diese Ungerechtigkeit nachzudenken, da kam zu meinem großen Glück Toffi um die Ecke gehopst. „An Wut festzuhalten ist wie Gift trinken und zu glauben, dass es dem anderen davon schlecht geht“, sagte sie. „Ohne Probleme würde man nicht über seine Stärken stolpern“ und „Sei jeden Tag die Sonne, auch wenn das Wetter gestern schlecht war“ sind nur wenige ihrer schönen Sprüche die mich er- und aufheitern.

Ach, es ist so schön, sie hier zu haben. Toffi isst keine Süßigkeiten (schon gar nicht Toffifees), sondern bittet mich, ihr einen Zauberapfel zu schneiden. Sie liebt bunte Farben und wenn sie niest, dann kommt Glitzerstaub aus ihrer Nase. Und nein, bevor mich eine(r) von euch fragt, beim Pupsen wird das nicht so sein, denn Feen pupsen nicht. Woher ich das weiß? Ich weiß es eben! 😉 Wir genießen die Zeit mit ihr. Und ihr gefällt es auch. Sie liebt ihren Feengarten sehr und wer weiß, vielleicht zieht sie ja gar nicht mehr aus? 😉 Habt alle eine schöne Zeit und lasst euch nicht unterkriegen. Toffi die Fee würde das nicht wollen.

Herzliche Grüße

Steph ❤

2 Kommentare zu „Toffi, die Fee

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