Konfetti im Kopf

„Bringst du mir was mit?“ fragte mein Bruder unsere Mutter. Diese stand mit kugelrundem Bauch und starken Wehen vor ihm, die gepackte Tasche für den Krankenhausaufenthalt fest in der Hand. „Oh ja, ich bringe dir etwas ganz Schönes mit“, antwortete sie ihm unter starken Schmerzen. „Was denn, etwa ein halbes Hähnchen?“ fragte dieser. Ich glaube, er war mit dem, was meine Mutter ihm schließlich mitbrachte, dann auch ganz zufrieden. Jedenfalls konnte ich mich als seine kleine, neun Jahre jüngere Schwester nie beklagen. Zugegeben, als er mich das erste mal wickeln durfte, war es schon gut, dass unsere Mutter dabei war, denn er spielte, dass ich ein halbes Hähnchen sei, welches er nun salzen und pfeffern müsste. Er schüttelte die Puderdose wie einen Lackstift, als unsere Mutter ihm sagte, dass das gefährlich für die Atemwege eines Babys sei. Zum Glück wollte er mich nicht noch mit Babyöl einschmieren und mich in einen Bratenschlauch stecken.

Sechs Jahre nach der „Bringst du mir was mit?“-Sache saß ich mit meinen Freunden an einer langen Tafel im Wohnzimmer. Marmorierte Luftballons hingen von der Zimmerdecke, auf dem Couchtisch standen viele Geschenke, wir aßen Kuchen und tranken Kakao ohne Haut. Anders als andere Mütter bug meine Mutter zu Geburtstagen nie eine Torte. Es gab selbstgebackenen Kuchen, und damit der auch ja aufgegessen würde, steckte sie stets eine Kaffebohne hinein und versprach dem Kind, welches die Kaffeebohne in seinem Stück entdeckte, einen ganz tollen Preis. Kuchenreste waren bei uns also nie übrig. Es war mein sechster Geburtstag und während wir den trockenen Kuchen mit warmen Kakao runterspülten, erzählten wir uns gegenseitig, wo wir geboren worden waren. Es fielen Sätze wie: „Rotes Kreuz Krankenhaus“, „Elisabeth-Klinik“ und „Heilig-Geist-Hospital“. „Und du?“ fragte Sarah und steckte sich ein paar Smarties von der Tischdeko in den Mund. „Ich bin bei Dr. Oetker geboren“, sagte ich, nicht ohne Stolz und erntete dafür staunende Blicke meiner Geburtstagsgäste. In der Küche hörte ich meine Mutter laut auflachen und ich wusste nicht warum. Später erfuhr ich, dass ich in der Frauenklinik Dr. Koch geboren wurde. Irgendwas mit Dr. war es halt und Dr. Oetker kannte ich eben besser. Zwischen Schokopuddingpulver und Götterspeise geboren worden zu sein, fand ich viel aufregender und es ergab auch viel mehr Sinn, denn ich liebte Schokopudding und Götterspeise ja so sehr.

Ich glaube, es war mein vierter Geburtstag, als ich – in der Entwicklung des egozentrisch prälogischen Denkens – vom Kindergarten nach Hause kam und der Fernseher lief. Lustig verkleidete Menschen fuhren auf Anhängern, die von Treckern gezogen wurden, durch eine mir unbekannte Stadt und schmissen Bonbons in die feiernde Menschenmenge. Ich war komplett begeistert, dass wildfremde Menschen an meinem/für meinen Geburstag ein so tolles Spektakel veranstalteten. Dass es sich dabei um den jährlichen Rosenmontagsumzug in Köln handelte, erfuhr ich erst später und enttäuscht war ich auch nicht, denn es war nicht nur mein Geburtstag, der mich einmal im Jahr in einen Glücksrausch verfallen ließ, es waren auch die Geburtstage der anderen Kinder, die mich völlig begeisterten. Dafür gab es so viele Gründe. Zum Beispiel durfte man das Kind daheim besuchen und mit dessen tollen Spielsachen spielen. Meine Freundin Mara hatte daheim ein Barbie-Traumhaus, einen Barbie-Beautysalon und einen Barbie-Sportwagen. Meine Mutter mochte Barbie nicht so sehr. Weil sie nicht ein realistisches Frauenbild darstellte. Dennoch war es für sie okay, dass ihre Schwiegermutter mir eine Rockstar-Barbie und einen Barbie-Mann namens Ken schenkte. Mein Ken hatte einen Jogginganzug aus Ballonseide an. Neben der aufgestylten Rockstar-Barbie mit Jeansminirock und zehn Pfund Schminke im Gesicht sah er immer aus, als wäre er ihr Zuhälter, der sie auf den Straßenstrich schicken würde.

Aber ich verliere mich, wir waren ja bei den Kindergeburtstagen. Maras Mutter rief alle Kinder zum Essen, aber ich wollte in Maras Zimmer noch Barbie mit ihrem Traumauto in die Traumwaschanlage fahren. Dabei war das Abendessen auf Kindergeburstagen immer ein so großes Highlight. Oft gab es Essen, dass man nur selten bekam. Pommes zum Beispiel. Pommes mit Würstchen. Oder Pizza. Oder Spaghetti. Wir spielten dann oft Stopp-Essen. Alle aßen ganz normal und wenn das Bestimmer-, also das Geburtstagskind STOPP rief, dann musste man in seiner Bewegung verharren. Klingt jetzt vielleicht nicht ganz so toll, aber wir haben uns als Kinder dabei oft kringelig gelacht. Nach dem Abendessen kam dann meist der langsame Abschied. Alle Kinder würden nach Hause gefahren werden. Da es sich aber meist um viele Kinder handelte, gab es zwei oder drei „Fuhren“. Ich habe Kinder gesehen, die das Geburtstagskind hypnotisch anstarrten und einen Handel eingingen, um bloß nicht als erste nach Hause gefahren zu werden. „Wenn ich erst in der zweiten Autofuhre fahren muss, dann darfst du nächste Woche meinen PEZ-Spender haben“, war nur einer von vielen Deals, die ich mitbekam. Auf Teufel komm raus wollte man als letzte nach Hause gefahren werden, um noch ganz lange in dem Zimmer des Geburtstagskindes zu spielen. Wenn es dann wirklich soweit war, erhielt man noch eine Schnuggetüte, eine mit vielen tollen Süßigkeiten gefüllte Naschtasche, die einem den Abend versüßen sollte und irgendwie auch so eine Art Dankeschön für den Besuch und das Geschenk war. Von vielen Geburtstagen kam ich grün im Gesicht nach Hause und schleppte mich die Treppen zu unserer Wohnung herauf. „Oh, mal wieder den Magen verdorben“, stellte meine Mutter dann fest und bereitete mir eine Wärmflasche & Kamillentee vor. Schokokussbrötchen, Pommes mit Majo und eine auf dem Weg nach Hause im Auto vernaschte Naschtüte zollten ihren Tribut.

Ich habe Freundinnen mit Kindern und bin selbst gelernte Erzieherin, daher weiß ich, wie schwierig sich die Planungen von Kindergeburtstagen gestalten können. Da war es bei uns früher doch um einiges leichter. Wir spielten „Mehl schneiden“, „Watte pusten“, „Eier laufen“, „Topf schlagen“, „Schokoladenwettessen“, „Mord im Dunkeln“, „Würstchen schnappen“ und „Sack hüpfen“. Sehr gut erinnere ich mich auch noch an meine Babypuppenzeit. Meine Freundinnen und ich liebten diese großen, kahlköpfigen Puppen aus dem Hause Zapf. Als Alleinerziehende, deren Ex-Mann keinen Unterhalt für sie und uns Kinder zahlte, hatte meine Mutter allerdings oft nicht genug Geld, um neue Kleidung für meine Puppe zu kaufen. Da kam mein nächster Geburtstag doch sehr gelegen, den meine Mutter kurzerhand zur Babypuppenparty ausrief. Alle weiblichen Geburtstagsgäste brachten ihre Babypuppen mit. In meinem Zimmer tauschten wir dann alle die Kleidung unserer Schützlinge. Wir fütterten sie mit Milch und taten so, als wären wir total erledigt, als wir an der Geburtstagstafel Platz nahmen, um Schokoküsse und Kuchen in uns hinein zu stopfen. Zum Schluß gab es eine Babypuppenparade durch’s ganze Haus. Dass die männlichen Nachbarjungs uns den Vogel mittels einer Scheibenwischerbewegung zeigten, störte uns nicht im Geringsten. Und noch etwas Schönes fällt mir ein, denn an einem Geburtstag lud meine Mutter alle meine Freunde zu einer Pflanzaktion ein. Statt Naschitüte gab es dann für jedes Kind eine selbst eingepflanzte Sonnenblume. Ich fand es schön, wenn ich meine Freundinnen zu Hause besuchte und sehen konnte, wie weit ihre Sonnenblume bereits gewachsen war.

Geburtstag zu haben war für mich immer der absolute Kracher und hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Einmal im Jahr im totalen Mittelpunkt zu stehen und die Bestimmerin zu sein, Geschenke zu bekommen und nur lachende, sich freuende Menschen um sich herum zu haben, finde ich ganz fabelhaft. Sehr schön waren meine Geburtstage als Erzieherin im Kindergarten. „Die Steph feiert einen runden Geburtstag, wisst ihr, was das bedeutet?“ fragte eine Kollegin unsere Kinder, als ich 30 Jahre alt wurde. Sie wussten es nicht, ließen es sich aber sehr gerne erklären. Auf ihre nachfolgende Frage hätte ich allerdings gerne verzichtet, denn sie fragte in die Runde : „Was glaubt ihr, wie alt die Steph heute geworden ist?“ Von 20 bis 70 Jahren war alles dabei. Aber natürlich ist das auch witzig, weil es Kindern ganz egal ist, wie alt man ist. Wenn ich meinen Geburtstag im Kindergarten feierte, fühlte ich mich stets wie eine Königin. Alle paar Minuten kam ein Kind, um mir ein selbstgemaltes Bild zu schenken, sie frisierten mir die Haare und steckten mindestens zehn bunte Glitzerspangen hinein, ich wurde auf den Geburtstagsthron gesetzt und musste für jedes meiner Lebensjahre vom Stuhl springen. Sie feierten meinen Geburtstag genauso, wie ich den ihrigen stets mit voller Freude zelebrierte. Es war fabelhaft schön.

Meinen diesjährigen Geburtstag habe ich am Strand gefeiert. Wir leben hier ja glücklicherweise in unmittelbarer Nähe zur Ostsee. Am dortigen Strand gibt es einen herrlichen Piratenspielplatz mit einem großen Holzschiff, einer riesigen Schatzkiste, einer Wippe und anderen tollen Spielgeräten. Ich mag die Schaukel. Wenn man auf dieser sitzt und viel Anschwung nimmt, dann hat man das Gefühl über die Ostsee zu sausen. Huuuii. Ich bin in die große Schatztruhe geklettert und Ralf sagte, dass das ja passen würde, da ich sein größter Schatz wäre. Wir haben den Wellen beim Rauschen zugesehen, sind am Wasser spazieren gegangen und haben eine Schildkröte aus Sand gesehen. Ralf hat behauptet, dass er die extra für mich gebaut hätte, aber ich glaube er lügt. 😉 Wenn es hier außer Silvester mal ein Feuerwerk gibt, sagt er auch immer, dass er das für mich bestellt hätte. Dann haben wir bei Niederegger noch leckeren Kuchen gegessen und ich war so froh, dass ich meinen Geburtstag nicht Kuchen backend, Kaffee kochend und Gäste versorgend in der Küche verbringen musste, sondern an diesem meinem ganz besonderen Tag am Strand dem Horizont entgegen geschaukelt bin. Zu Hause bekam ich neben vielen wunderschönen Geschenken auch einen Luftballon mit Konfetti drin. Das fand ich ganz toll, denn ich habe manchmal auf das Gefühl, buntes Konfetti im Kopf zu haben. Ich finde, dass sollte jedermann und jedefrau haben.

Habt eine schöne Zeit, ihr Lieben. Der Frühling naht, ich kann ihn schon riechen.

Herzlichst, Eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Konfetti im Kopf

  1. Vielen Dank liebe Steph. Es macht so viel Freude, Deine kleinen Geschichten zu lesen. Ich staune, wie gut Du Dich an alles erinnern kannst. Leider habe ich kaum Erinnerungen an meine Kindheit. Ich kann mich auch an gar keinen Geburtstag erinnern. Alles verdrängt. Das ist aber nicht schlimm. Dafür genieße ich umso mehr Deine süßen Erinnerungen. Ich hoffe sehr, dass sich meine Kinder später auch daran erinnern werden. Ich habe mir jedenfalls, so wie Deine Mutter, auch immer sehr viel Mühe für sie Kids gegeben. Alles Liebe, Monika

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