Brief aus dem Zauberwald

Ich wurde von einer lieben Leserin meines Blogs gefragt, ob es Herrn Schröder, unserem Weihnachtswichtel in Zeiten des Coronavirus gut gehe. Zuerst habe ich mich ein bißchen geschämt, weil ich an Herrn Schröder momentan gar nicht gedacht hatte. Wer die Geschichten unseres Nissen verfolgt hat, der weiß, dass er uns im Dezember besucht und dann seine kleine Wohnung hinter unserer Wand bewohnt. Von Januar bis Dezember lebt er dann auf der dänischen Insel Fanø im dortigen Zauberwald.

Angestoßen durch die Frage der aufmerksamen Leserin habe ich einen Brief an Kalle Knispel Schröder (so sein voller Name) verfasst. Ich schrieb ihm, dass wir in Sorge sind. Wie wird es für die vielen Selbstständigen auf der Insel weitergehen, sind aktuell alle gesund und passen gut auf sich auf ? Wie sieht das Leben im Zauberwald momentan aus? „Melde dich bald, damit wir wissen, dass es euch gut geht“, schrieb ich zum Schluß und malte viele bunte Herzchen auf den Briefumschlag. Dann wartete ich auf die Möwe, die uns täglich besucht und gab ihr den Brief mit, auf dass sie ihn schnellstmöglichst auf die Insel bringen möge.

Nur wenige Tage später kam die Antwort, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte. Herr Schröder schrieb:

Heidido ihr Lieben,

vielen Dank der Nachfrage. Uns im Zauberwald geht es gut. Es hat sich einiges geändert, aber das ist für uns alle kein Problem. Ich berichte einfach mal:

Wenn wir mit der Schneckenbahn fahren, dann sollen wir nur noch hinten einsteigen, um die Fahrerin Schnecke Stephinchen nicht anzustecken. Sie selbst trägt einen Mundschutz und fährt jetzt auch nicht mehr so oft wie sonst, weil alle Nissenschulkinder zur Zeit schulfrei haben. Die Kindergartennisser haben auch alle frei, deswegen kramen die Nisseneltern im Zauberwald wieder alte Spiele hervor. Sie spielen Naturmemory, puzzeln, basteln für das Osterfest und hören Märchenschallplatten. Die Restaurants im Zauberwald haben derzeit geschlossen. Und auch in meiner Lieblingskneipe, dem Øl-Inn, darf ich derzeit nicht einkehren, um ein leckeres Getränk zu mir zu nehmen. Das ist aber nicht schlimm, denn zu Hause in meinem Baum ist es ja auch ganz schön. Ich habe einen Frühjahrsputz gemacht und kaputte Dinge repariert.

Wir sollen uns nicht in Gruppen im Wald treffen, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Macht uns auch nichts, denn wir haben ja noch das wunderbare Waldtelefon. Seit Neuestem sogar mit Skype-Funktion, weswegen wir uns gegenseitig ein Lächeln schenken können. Jeder weiß doch, wie wichtig ein Lächeln ist, oder? Die Zauberwaldapotheke hat jeden Tag geöffnet, ebenso der Zauberwaldsupermarkt und auch Dr. Hasenfuß. Die Krankenschwesternissen haben zum Glück wenig zu tun. Weil wir alle wissen, wie wir uns zu verhalten haben, ist im Zauberwaldkrankenhaus nicht mehr los als sonst. Der Fuchs will mal seine Pfote verbunden haben und der Hase seine Augen testen lassen. Also alles wie gehabt. 😉

Sonst hat alles geschlossen. Die Restaurants „Zur goldenen Eichel“, „Beim schlauen Fuchs“ und „ Pilzeria“ liefern das Essen nun aus.

Die liebevolle Libelle Lieselotte, „Lila“ genannt, ist früher aus ihrer Auszeit zurückgekehrt und liefert uns die Pakete nun aus der Luft zu. Wir waschen uns alle gründlich die Hände mit Bernsteinseife von Bernie Biber. Der produziert nun täglich, statt wie sonst wöchentlich, und wer nun glaubt, dass er sich damit eine goldene Nase verdient, der irrt. Naja… er verdient schon mehr als die anderen und wer bei Bernie Biber eine Aktie gekauft hat, der könnte sich nun einen reichen Nisse nennen. Aber weil man nur in der Gemeinschaft stark ist und Herr Biber einen netten Kerl ausmacht, halten alle zusammen. Bernie Biber hat alle Nisser, die gerade ohne Arbeit sind, weil ihre Geschäfte zumachen mussten, dazu eingeladen, bei ihm zu arbeiten, bis die Krise vorbei ist. Das erwirtschaftete Geld (unsere Währung sind die Zaubertaler) gibt er an alle, die weniger haben als er. Die Fussballer des 1. FC Zauberwald haben alle auf ihr Gehalt verzichtet und der ein oder andere sagt, dass sie das auch können, denn zuletzt waren sie so reich, dass sie mit goldenen Schuhen den Platz betraten.

Der tolle Hecht Hector aus dem Forellenteich hat seine Balzerei unlängst aufgegeben und arbeitet nun als DJ. Seine Unterwasserdisko erfreut auch uns, die wir nicht im Wasser leben, denn er liefert mit seiner Lasershow einmal in der Woche ein tolles Farbenspektakel, welches bis hin zu uns im Zauberwald zu sehen ist.

Die blumenverliebte Vera hat ihre Nähmaschine angeschmissen und näht uns allen einen Mundschutz aus duftenden Blütenblättern. Zur Zeit hört man ihre Nähmaschine fast den ganzen Tag lang tackern und sie dazu singen. Sie freut sich so, dass sie mit ihrer Leidenschaft, dem Nähen, so viel Gutes tun kann. Das tat sie zuvor ja eh schon, denn sie hat fast alle von uns mit ihren traumhaften Stoffen verzaubert und jeder hat in ihrer duftenden Blütenboutique was Schönes zum Anziehen gekauft. Nun näht sie Mundschutzmasken und wir sind ihr alle so dankbar dafür, dass wir im Wald und auf den Wegen Blüten für sie einsammeln, um ihr bei der Produktion der Masken eine Hilfe zu sein.

Außerdem achten wir auf die älteren Nissen und versorgen sie mit Lebensmitteln, die wir einkaufen und vor ihre Türe stellen. Wenn es Abend wird im Zauberwald, dann stimmen wir alle ein Lied an. Fanø, oh Fanø. Trallerli und trallerla.

Das war es in Kürze. Ihr seht, es geht und allen gut. Die Dänen stehen für Gemütlichkeit, Vertrauen und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Uns wurde mitgeteilt, die Deutschen hamstern beim Einkaufen. Wird es noch Toffifee geben, wenn ich im Dezember wieder zu euch komme? Bitte um rasche Antwort.

Liebe Grüße an euch alle und auf ein baldiges Wiedersehen.

Kalle Knispel Schröder

Uns hat dieser Brief sehr gefreut. Und zum Nachdenken angeregt. Jetzt, wo das Leben ein bißchen still steht und man sich wegen des Virus nicht besuchen sollte, könnte man doch viel mehr Dinge tun, die man vernachlässigt hat. Briefe schreiben zum Beispiel?

Ich wünsche mir sehr, dass es euch allen gut geht und grüße euch herzlich.

Eure Steph ❤

4 Kommentare zu „Brief aus dem Zauberwald

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