Spätling (Geräusche aus dem Hinterhof Teil 3)

Dieses Jahr lässt sich der Frühling ein bisschen mehr Zeit als im letzten Jahr, wo er fast schon ein Sommerling war. Nun ist er wohl ein Spätling. Ein bisschen traurig bin ich, dass es noch zu frisch ist, um barfuß zu laufen, aber die lustig bunten Socken, die mir meine beste Freundin zum Geburtstag geschenkt hat, und die zudem noch „Happy Socks“ heißen, lindern den klitzekleinen Frust. Wenn die Balkontür und ein Fenster gleichzeitig auf sind, zieht es wie Hechtsuppe und wenn ich morgens völlig optimistisch mein neues Superstephshirt anziehen will, welches Ralf mir neulich mit Bügelfolie kreiert hat, dann muss ich es nach einer Stunde gegen einen warmen Pulli tauschen. Das Shirt ist so toll und ich bin so glücklich, dass Ralf es mir gestaltet hat. Er hat die Buchstaben S und T und E und P und H ausgeschnitten, auf das Shirt gebügelt und in die Mitte einen großen Stern drapiert. Nach dem Waschen sah es schon toll aus und als wir dann bemerkten, dass da noch eine Schutzfolie drauf war, die wir abknubbeln mussten, hat es noch mehr geglänzt und uns erfreut. Die Folie funkelt wie der Lack eines Autos beim Autoscooter. Schön metallicfarben. Um das Outfit zu perfektionieren, habe ich zwei Klorollen mit Goldkarton beklebt, der Länge nach aufgeschnitten und mir Superwomanmanschetten angelegt. Yeaaaahh. Ralf hat dann sogar noch eine Langhaarperücke, die ich mal zu einer Mottoparty trug, vom Dachboden geholt und sie mir aufgesetzt. Das war, bevor die Frühlingssonne vorsichtig hervorlugte. Und nun beginnt endlich wieder das Leben im Hinterhof….

Im Hinterhof herrscht seit einer Woche Lebendigkeit. Endlich. Jedes Haus hat seinen eigenen Garten, weswegen die Zwei-Meter-Abstandsregelung wegen des Coronavirus auf jeden Fall eingehalten werden kann.

Herr A. hat wieder seine Liege rausgeholt. Da es noch ein bisschen frisch ist, hat er eine Decke dabei. Vermutlich liegt er nun wieder dort, bis die Kastanien von den Bäumen fallen und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Seine Frau stöckelt ab und zu auf viel zu hohen Schuhen durch das Gras und bringt ihm ein Kaltgetränk. Da der Frühling aber noch nicht so richtig Power aufgenommen hat, sollte sie ihm wohl eher einen heißen Kakao an die Liege stellen. Ich mag ihn, weil er die Kinder nie dazu anhält, leiser zu sein und auch dann schläft, wenn Herr F. mit seinem eingerosteten Handmäher mit völlig stumpfer Klinge tausendmal über das Gras fährt. Bei diesem Geräusch rollen sich bei uns allen in der Nachbarschaft die Zehennägel hoch.

Herr B., der sich stets ein kleines bisschen pedantisch verhält, stand beim allerersten Frühlingssonnenstrahl breitbeinig und mit den Händen in den Hüften auf seinem Grund und überlegte wohl, womit er anfängt. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie er sich nachdenklich den Zeigefinger an den Mund hielt. Und dann ging alles ganz schnell. Wie ein Zauberkünstler riss er die Abdeckfolie von seinen Gartenmöbeln und warf sie hinter sich. Seine Ehefrau stand wie eine Staffelläuferin parat und knisterte die Abdeckfolie eine halbe Stunde lang so klein, dass man sie anschließend in ein kleines Briefkuvert hätte stecken können. Dann holte Herr B. den Kärcher raus und spritzte sehr lange und sehr laut seine mit Steinplatten ausgelegte Terrasse ab. Der Grünspan flog zu allen Seiten hinweg. Weil ich ein bisschen Sorge hatte, dass er noch das Grün aus dem Rasen kärchert, habe ich ab und zu mal aus dem Fenster geschaut und den umtriebigen Nachbarn im Schatten unserer Topfblumen beobachtet.

Seine Blumentöpfe sind der Grüße nach geordnet und einheitlich bepflanzt. Wie langweilig, denke ich und überlege, wie die Bienen das finden. Zwei Bienen im Dialog: „Lass mal zum pedantischen Peter fliegen und an den Blumen saugen.“ „Och nöö“ sagt dann vielleicht die zweite Biene. „ Der hat doch immer nur das gleiche Angebot in der Auslage.“ Jeden Tag Pommes fänd ich auch nicht toll, denke ich und nage an einer kalten Kartoffelstange vom Vortag.

Herr C. hat Rasensaat gekauft und dort verteilt, wo im letzten Jahr das Trampolin seiner Kinder stand. Ich bin gespannt, ob er es dieses Jahr wieder aufstellen wird. Seine beiden Töchter (drei und sechs Jahre alt) hatten im letzten Jahr so viel Spaß dabei, da drauf rumzuhüpfen. Sie haben ihren Onkel eingeladen, auf dem Trampolin zu springen und als er in das umgitterte Sprunggerät kletterte, zogen sie von außen den Reißverschluss zu und lachten sich kringelig. Aber bestimmt finden sie auch so etwas, was ihnen Freude macht. UPDATE: Haben sie. Während ihr Vater der Sichtschutzwand mit Farbe einen neuen Anstrich gab, hockten die beiden Hühner in der Hecke und spielten Haare schneiden. Erst schnitt die Sechsjährige ihrer Schwester den Pony raspelkurzschief, anschließend stutzte sie mit ihrer Bastelschere die zwei Jahre alte Hecke.

Das Pärchen D., welches seine Wäsche bei jedem Wetter auf seinem Balkon raushängt und nach fast jedem Sturm auf allen Vieren durch den Garten kriecht, um die weggeflogenen Schlüpfer und Hemden wieder einzusammeln, haben wir dieses Jahr noch nicht gesehen. Aber das tun wir ja eh nie. Da aber alle zwei Tage neue Wäsche draußen hängt, gehen wir davon aus, dass es ihnen gut geht.

Von Herrn E. und seiner Frau habe ich in Teil 1 und 2 von „Geräusche aus dem Hinterhof“ noch gar nicht geschrieben. Vielleicht, weil ich mich dauerhaft über ihn aufgeregt habe. Denn Herr E. ist ein Ekel. Seine Frau und er sind ca. 30 Jahre alt. Wenn Frau E. aus dem Haus geht, trägt sie ein großes Musikinstrument auf dem Rücken. Er hingegen hat selten das Haus verlassen. Wir nennen ihn heimlich den „Griller“, weil er im ersten Jahr, nachdem sie nebenan einzogen, jeden zweiten Tag auf seinem Balkon den Grill angeschmissen hat. Mit Hingabe hat er seine Steaks gebrutzelt, an den Kräutertöpfchen mit einer Nagelschere Rosmarin und Petersilie abgeschnitten und sich selbst immer ein tolles Mahl bereitet. Wenn seine Frau mal wieder das schwere Instrument schulterte, um mit dem Rad zur Arbeit (?) zu fahren, setzte er sich auf die Sonnenseite des Balkons und rieb sich genüßlich die Hände, bevor er sich sein Grillzeugs einverleibte. Warum er für uns ein Ekel ist? An der ewigen Grillerei lag’s nicht. Es ist eher so, dass er einen freundlichen Gruß von Balkon zu Balkon nie erwidert hat. Im Gegenteil. Angewidert tat er, wenn sich unsere Blicke von Balkon zu Balkon trafen. Als sei ich Pippi Langstrumpf und er Fräulein Prysselius, die Prusseliese vom Jugendamt. Ganz egal, wo man sich traf, ob beim Einkaufen, vor dem Haus oder auf dem Balkon. Während unsere Münder und Augen ein nettes „Hallo“ ausprachen, schaute er konsterniert und ging uns aus dem Weg. „Er hatte diese Woche noch nix Gebrutzeltes vom Grill“ oder „Vielleicht ist ihm die Holzkohle ausgegangen“, witzelten Ralf und ich dann. Und dann kam der Tag, an dem der Griller bei uns wirklich unten durch war. Er saß mal wieder auf dem Balkon und spielte Dolce Vita. Das Fleisch lag auf dem Grill, die Frau war auf dem Weg zur Arbeit und er inspizierte seine Kräutertöpfchen. Das Handy in der Hand stand auf Lautsprecher und er unterhielt sich durch das Handy mit einem Freund. Dieser berichtete von einem Thailandurlaub und der Griller fragte ihn: „Und, wievielen Weibern hast du’s schon besorgt?“ Mir blieb fast mein Brot im Halse stecken. „Er meinte damit nicht, ob sein Freund für andere Frauen eingekauft hat, oder?“ vergewisserte ich mich bei meinem Ehemann, der daraufhin seinen Kopf verneinend schüttelte. Was für ein Widerling empörte ich mich. Aber wie alles im Leben regelt sich vieles selbst, nicht wahr?

„Warum nutzen sie unseren Garten nicht mal?“ fragte mich neulich der Schwiegersohn unserer Vermieterin. „Das ist freundlich“, entgegnete ich ihm, „ aber da unten sitzt man doch eher wie auf dem Präsentierteller.“

Denn wenn ich aus dem Fenster sehe, dann habe ich den Überblick über alle. Wie eine Bademeisterin auf ihrem Turm. Wie eine Schiedsrichterin bei einem Tennisspiel. Und das hat ja auch was Gutes: Denn wenn Ralf für unsere Vermieterin freundlicherweise den Rasen vertikutiert, dann knipse ich ein paar Fotos und schicke sie ihm per Whatsapp. Wenn es dann in seiner Hosentasche bimmelt, dann sieht er, wieviel Fläche er bereits entmoost hat und freut sich. Das sieht er von unten zwar auch, aber nicht so deutlich. Er selbst sagt, dass er diese anstrengende Arbeit mal ganz gern macht, denn da sieht man wenigstens, was man geschafft hat. Als Kind wohnte Ralf in einem Mehrfamilienhaus. Im ersten Stock wohnte eine Frau, die den ganzen Tag mit ihrem Kissen auf der Fensterbank hing und sehr neugierig war. „Ich will ja nicht neugierig sein, aber zu wem wollen sie denn?“ fragte sie jeden, der das Haus betrat. So bin ich natürlich nicht! Ich schaue nur ab uns zu nach dem rechten und vieles kriege ich automatisch mit, da im Arbeitszimmer, wo ich diese Texte auf dem PC tippe, das Fenster offen steht. Ich liebe die Geräusche aus dem Hinterhof. Das Kinderlachen, das quietschende Trampolin, Wasserspiele am Planschbecken, Besteck, das auf Tellern bewegt wird, Das Gezirpe der Vögel, der rollende Rasenmäher und noch vieles mehr.

Herr B. hat sich einen riesigen Sonnenschirm gekauft und sitzt nun jeden Tag nach getaner Arbeit mit seiner Frau darunter. Jetzt kann ich gar nicht mehr sehen, welchen Kuchen sie am Nachmittag essen und welche Salate sie abends auftischt. Ob der Sohn unserer Vermieterin ihnen erzählt hat, dass ich nicht im Garten sitzen mag wie auf einem Präsentierteller? So ein Petzer.

Zurück zum Griller. Gibt es Karma? Denn während ich im Winter nach diesem frauenverachtenden Dialog, den er via Handy mit seinem Freund führte, noch überlegte, ob ich unsere Möwe, die im Winter immer Futter auf unserem Balkon frisst, dazu abrichten könnte, ihm im Frühling die Steaks von seinem Grill zu stehlen, sah ich, dass das Paar E. nun ein Kind hat. Das Kind, ein Mädchen, ist inzwischen schon anderthalb Jahre alt und will beschäftigt werden. Während seine Frau Schüler*innen Musikunterricht gibt, muss der Griller die gemeinsame Wohnung verlassen. Man sieht ihn jetzt oft unten in seinem Garten. Dort sitzt er auf dem Rand des Sandkastens und starrt auf sein Handy, während sein Kind im Sand spielt. Wie ein Häufchen Elend sitzt er da unten rum und streichelt sein Handy, welches ihm scheinbar die bessere Abwechslung als ein wunderbares Kind gibt.

Die Abdeckfolie seines Grills ist eingestaubt. Er hat sie das ganze Jahr noch nicht einmal abgenommen. Für jemanden, der sonst alle zwei Tage grillt, ist das natürlich ein hartes Brot.

Der Grill bleibt kalt und die Kräuter vertrocknen in ihren Töpfchen. In die Wohnung darf er auch nicht. Für mich ist das eine gute Übung im „Überhaupt-kein-Mitleid-haben“. Nur um das Kind sorge ich mich. Und dann kam der Tag. Mein Tag. Superwomanstephstag. Ich schüttelte gerade unsere Betten aus und hängte sie aus dem Schlafzimmerfenster. Seine Tochter saß in der Babyschaukel, die am Ast eines Apfelbaumes befestigt ist und wollte angeschubst werden. Das interessierte den Griller aber nicht. Er wischte auf seinem Handy hin und her. Da kam meine große Stunde. Auch ohne meine Glitzermanschetten fühlte ich mich als Supernanny. Ich stellte mich ans offene Fenster, räusperte mich und wartete gespannt darauf, dass der „Vogel“ mich endlich entdeckte. Und ja, nach dem dritten mal Räuspern sah er plötzlich endlich zu mir herauf. Seine Augen trafen meine und ich schüttelte zeitlupenähnlich mit dem Kopf und zeigte auf sein Handy, um ihm dadurch zu suggerieren, wie saublöd ich sein Verhalten gegenüber einem entdeckungswilligen Kind fand.

„So, nun bin ich die Prusseliese, was?“ zischte ich kaum hörbar und sah genüßlich zu, wie er seinem Kind endlich mal Anschwung gab und Aufmerksamkeit schenkte. Seitdem ist er ohne Handy im Garten. Er malt mit Kreide kleine Bildchen auf den Asphalt, backt Kuchen im Sandkasten und spielt Ball mit seinem kind. Na also, geht doch.

Für heute kommen die Superwomanmanschetten in den Schrank.

Ich wünsche euch allen aufmerksame Sinne. Auch wenn der Griller nicht ganz so schlimm ist – viele Kinder sind gerade wegen der Coronapandemie

ganztägig daheim und nicht auf dem Radar von Kinderärzt*innen, Lehrer*innen oder Erzieher*innen. Häusliche Gewalt könnte zunehmen. Sie zu bekämpfen sollte unser aller Thema sein.

Ich wünsche euch beste Gesundheit und einen supertollen Frühling, ihr Lieben.

Herzlichst

Steph ❤

P.S.: Hier geht’s direkt zu Teil 1 und Teil 2 der „Geräusche aus dem Hinterhof“.

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