Das Limonadenplanschbecken

Ich lade euch ein zu einer Reise in die Vergangenheit. Wir sind in den 80er Jahren und gehen mal durch die Wohnung. Vielleicht entdeckt ihr Altes neu, vielleicht erinnert ihr euch selbst oder aber euch fällt auch etwas dazu ein.

Eine liebe Freundin, die wir einmal im Jahr in unserem Sommerurlaub auf Fanø treffen, hatte kürzlich Geburtstag. Während ich ihr liebe Grüße und alles Gute für ihr neues Lebensjahr sendete, dachte ich an unseren letzten Besuch bei ihr und musste sofort lachen. Es war ein sehr heißer Sommer, alle ächzten unter der Hitze. Unsere Freundin hatte ihren Garten wieder wundervoll hergerichtet. Die Blumen blühten, die bunten Windspiele drehten sich im Kreis und für die Kaffeetafel hatte sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Der runde Tisch, an dem wir sitzen sollten, stand nämlich in einem mit kaltem Wasser gefüllten Planschbecken. Diese Idee war einfach herrlich. Am Tisch sitzen, Kuchen essen und dabei seine Füße im Wasser kühlen. Wunderbar. Doch leider kam es – wegen mir – nicht dazu, denn mich ereilte plötzlich ein Erinnerungsflash und dabei passierte etwas ganz Blödes… Die Freundin kam aus dem Haus und stellte den Erdbeertraum, den sie extra für unser Treffen hergerichtet hatte, auf den Tisch im Pool. Statt Kaffee tranken wir bei der Hitze lieber Cola light. „Ach Mensch, ich hab die Teller vergessen“, sagte die liebevolle Gastgeberin und verschwand im Haus. Als sie wiederkam, fragte sie uns nach unserem Befinden. Ralf teilte die Teller aus und da kam er über mich, der Erinnerungsflash. Diese Teller. „Das gibt’s doch nicht, diese Teller hatte meine Oma auch!“ rief ich völlig begeistert und schubste vor freudiger Erregung das mit Cola gefüllte Glas um. Wie bei einem Wasserfall floß die braune Limo ungerührt in das Planschbecken zu unseren Füßen und verfärbte das glasklare Wasser zu einer klebrigen Brühe. „Oh Gott, ich hab den Pool mit Cola geflutet, herrjemineh ist mir das peinlich!“ rief ich, während alle in Windeseile ihre Füße aus dem Becken nahmen. Nachdem wir alles wieder sauber gemacht hatten und ich mehrere Male gesagt hatte, wie peinlich mir das sei, saßen wir wieder gemütlich beisammen und ich erzählte der Freundin, warum ich zuvor so ausgetickt war.

Bei meiner Kasseler Oma gab es nämlich auch immer diese Teller, die ich als Kind stets „Duracell-Teller“ nannte, weil sie zwar orangefarben, aber durchsichtig waren. Als Kind fand ich es immer so toll, beim Auslöffeln der Suppe oder anderer Gericht, durch den Teller auf die Wachstuchtischdecke sehen zu können. Bei dieser Oma gab es auch die ausgespülten Senfgläser mit lustigen Bildchen drauf. Der Herd, auf dem sie täglich kochte, wurde an Festtagen zugeklappt, denn dann stand dort das Tannenbäumchen drauf.

Ich erzählte Ralf davon und ihm fiel auch noch einiges ein und so saßen wir abends im Wohnzimmer und erzählten uns aus unseren Erinnerungen. Die Lübecker Oma zum Beispiel fuhr zur Mittagszeit immer einen Teewagen ins Esszimmer. Auf diesem stand eine Warmhalteplatte und darauf die Kochtöpfe. Meine Mutter erzählte mir mal, dass Oma ganz früher die Salzkartoffeln im Topf ins Bett stellte, damit einerseits die Kartoffeln warm blieben und andererseits das Bett schön vorgeheizt war. Aber bevor ich hin und her springe, gehen wir die Räume der 80er Jahre doch mal der Reihe nach durch.

Meine Mutter besaß ein elektrisches Küchenmesser. Wenn sie damit nicht gerade den Braten schnitt oder aus einem Huhn zwei halbe Hähnchen zauberte, hing das Messer in einer Extra-Vorrichtung an der Wand. Genau wie die Küchenwaage die man – bei Nichtbenutzen – hochklappen konnte. Und auch die Küchenrolle stellte man nicht wie heute auf eine Stange, sie hing in einer Aufbewahrung mit der Alu- und der Frischhaltefolie ebenfalls an der Wand. In den 80er Jahren wurde scheinbar alles brauchbare lieber an die Wand genagelt, statt es im Schrank zu verstauen. Man zeigte wohl gerne, was man hat. Über der Spüle hingen bunte Plastikbecher mit Henkel. Ich glaube, die waren von Tupperware. Die farblich passenden Saugnäpfe wurden mit geliefert. Es reizte mich stets, den blauen Becher an den grünen Saugnapfhaken zu hängen und den gelben an den roten. Buntes Chaos in der Küche. Beim Abendbrot gab es bei uns tatsächlich nur Brot. Und Tee. Den tranken wir aus Glasbechern, die man trotz der Hitze gut anfassen konnte, weil sie in einer Art Schale mit Henkel steckten. Natürlich in orange, der Modefarbe der 80er. Bowle herzustellen war auch ein großes Thema damals. Meine Mutter besaß ein großes Bowlegefäß, welches wie eine große Erdbeere aussah. Passend dazu gab es Bowletassen mit Henkel. Als kaum noch jemand Bowle trank, hat sie unsere Yuccapalme in den Topf gepflanzt. Alles fand irgendwann eine andere Verwendung. Reichere Haushalte besaßen einen Partypilz mit eingestanzten Löchern, in die man die Käse-Weintraubenspieße stecken konnte. Meine Mutter nahm dafür immer einen Kohlkopf, umwickelte ihn mit Alufolie und steckte dort die Spieße hinein. Bei meiner Kasseler Oma saßen wir in der Küche unter einer Ufolampe. Ich glaube die hieß so, weil sie aussah wie ein Ufo. Ein runder Leuchtring. Dieser summte immer leicht, wenn man die Lampe anknipste.Total lustig fand ich, dass bei jeder Oma meiner Freundinnen auch eine solche Ufolampe in der Küche hing. Das Wasser musste man noch mit einem Boiler erhitzen, das galt sowohl für das Bad meiner Oma als auch für die Küche. Um die Eier beim Sonntagsfrühstück zu öffnen, hatten wir eine Eierköpfschere mit Zacken und die Milch war noch nicht in einem Karton, sondern in einer Tüte. Die Tüte wiederum stand in einem Milchtütenhaltebecher. Bei Ralfs Oma hing an der Keramikkaffeekanne stets ein Tropfenfänger. Kennt den noch jemand? Ich musste 22 Jahre alt werden, um einen echten Tropfenfänger kennenzulernen.

Im Sommer saß unsere Nachbarin oft in unserem Gemeinschaftsgarten und bereitete Lebensmittel zur Weiterverarbeitung vor. Entweder drehte sie in der „Flotten Lotte“ weichgekochte Äpfel zu Apfelmus oder sie warf Kirschen in ein Gerät, welches die Kirschen entkernte. Ich finde, dass in den 80er Jahren vieles draußen stattfand. Vor den Terrassen- oder Balkontüren hingen Streifenvorhänge und jeder besaß einen anderen. Wir hatten einen aus Holzperlen, die so herrlich klackerten, wenn man durch den Vorhang ins Freie ging. Meine Oma hatt in ihrem Schrebergarten einen aus Plastik, auf dem ein Sonnenuntergang aufgedruckt war und unsere Nachbarn hatten bunte Streifen vor der Tür hängen.

In unserem Badezimmer hing die Seife an einem Magneten, dem Föhn konnte man einen Kamm aufstecken und neben den Handtüchern hing an einem Saugnapf die bunte Badekappe meiner Mutter. Da waren Gummiblumen drauf und ich meine nicht, dass sie drauf gedruckt waren. Irgendwer hatte sich die Mühe gemacht, ganz viele bunte Gummiblumen herzustellen und sie auf die Badekappe zu kleben. Und irgendwer saß als Kind in der Badewanne und widerstand immer wieder der Versuchung, die Blumen von der Kappe abzuschneiden, um in seinem Zimmer einen Gummiblumengarten anzulegen. Weil in den 80ern in jeder Badeanstalt eine Badekappenpflicht herrschte, besaßen Väter und Kinder das schmucklose schwarz/weiß oder rot/weiße Badekappenmodell. Nur die Mamas und Omas hatten ihre Blumenblütenbadekappen, die so herrlich quietschten, wenn sie sie aufsetzten. In der Duschablage standen bei uns das Apfelblütenshampoo von Schauma für meinen Bruder und meine Mama und für mich das „Keine Tränen“-Shampoo mit einem Deckel, der aussah wie eine große Träne. Weil es in der Badewanne eine Seifenablage mit Löchern gab, die in der Wandfliese eingebaut war, spielte ich oft „Kneipe“. Mit dem Waschlappen presste ich Wasser in die Seifenablage und hielt dann den Deckel der Shampooflasche darunter, um Getränke zu zapfen. Das lenkte mich von der Gummiblumenbadekappe ab.

Im Flur hingen Eulen aus Makramee und auch das Telefon stand dort mit Schnur auf einem Tischchen. Vor dem Tischchen stand ein Stuhl, dabei brauchte man sich beim Telefonieren gar nicht erst setzen. Die kleine Telefonsanduhr aus Glas zeigte einem schon, wie lange man telefonieren dürfte, nämlich acht Minuten, sonst wurde es zu teuer. Daneben lag ein Adressbuch mit Telefonnummern. Dabei waren die damals noch vierstellig und zumindest ich wußte alle Nummern meiner Freundinnen auswendig. Das erste Telefon, an das ich mich bei uns zu Hause erinnere, war grün und hatte eine Wählscheibe. Viele pimpten das Telefon auf, in dem sie dem Telefon eine Hülle aus Samt umlegten. Bei vielen meiner Freundinnen war das Telefon sogar abgschlossen, damit man nicht unerlaubt telefonierte. Wenn ich mit meinem Spielzeughubschraubertelefon telefonierte und sah, dass mein Bruder bei seinem Telefonat die Sanduhr nicht umgedreht hatte, spielte ich Polizei und schwärzte ihn bei meiner Mutter an. Diese fand dennoch keinen Grund, den Fernsprecher abzuschließen. Das Nachfolgemodell hatte Tasten, war braun und hatte immer noch eine viel zu kurze Schnur, um es mit in sein Zimmer zu nehmen. Später in den 90ern war ich oft neidisch auf das Mädchen Vic in dem Film „La Boum“, denn diese hatte eine Telefonschnur, die durch die 120qm-Wohnung reichte. Unser Flur war sehr unspektakulär. Es gab eine Garderobe zum Jacken aufhängen und einen Spiegel. Über der Tür zum Wohnzimmer hing einer von gefühlt zehn Trockensträußen und ein paar Bilder aus Salzteig zum selber anmalen. Mein Bruder und ich haben mal verbotenerweise im Flur Fußball gespielt und dabei den Trockenstrauß von derWand geschossen. Der war danach zerbröselt wie Leibnizkekse in der Schwimmbadtasche. Obwohl, die waren ja eher total aufgeweicht. Naja, ihr könnt euch das ja vorstellen. Ebenfalls im Flur stand eine große Truhe aus geflochtenen Weiden. Meine Mutter erzählte mal, dass darin ihre Aussteuer drin war und ich habe als Kind nie verstanden, warum sie Geschenke mit in ihre Ehe bringen musste.

Im Wohnzimmer stand ein Sofa, zwei Sessel, ein Tisch mit eingefassten Fliesen und ein Fernsehtisch mit Rollen. Und der Pouf natürlich. Wir nannten diesen runden Sitzsack aus Leder allerdings immer Käse. „Roll mal bitte den Käse rüber, ich will mich setzen“, war ein gängiger Satz bei uns. Die Gardinenstange war beleuchtet und tauchte das Wohnzimmer am Abend in ein schönes Licht. Bei meinen Großeltern war der Tisch sogar noch mit einer Kurbel verstellbar. Aber da hieß das Wohnzimer auch die gute Stube und alle Kissen hatten einen Knick, den meine Oma eigenhändig wie Hulk da reingehauen hatte. Auf unserem Tisch stand eine Keramikdose. „Tischabfälle“ stand darauf geschrieben, aber benutzt haben wir sie eigentlich nie. Bei uns gab es keine Abfälle. Ratzeputze leer haben wir alles gegessen. Der Hifiturm mit Schallplattenspieler und Kassettendeck war hinter einer Glastür, die sich mittels Magneten verschloss und der Fernseher zeigte zwar schon bunte Bilder, hatte aber keine Fernbedienung. Weil dieser aber angeblich eh nur funktionierte, wenn es draußen regnete und es nur drei Programme gab, war das halb so wild. An den Wänden hingen Tapeten mit eingearbeiteten Schnüren. Das sah anfangs ganz schick aus. Bis unsere Katze sich daran schubberte und die Fäden aus der Tapete zog. Bei der Renovierung hat meine Mutter mir erlaubt, die tapetenlose Wand mit Wachsmalern anzumalen und ich habe mich sogleich voller Freude künstlerisch ans Werk gemacht. Leider habe ich mit meinen Wachsmalern so fest aufgedrückt, dass man meine Kunstwerke auch nach dem tapezieren durch die neue Tapetenwandverkleidung sehen konnte. Einge Nachbarn besaßen schon einen Videorekorder, wir nicht. Allerdings konnte man den Rekorder in der Videothek ausleihen und so saßen wir an einem Abend bei Grillhähnchen, Pommes und Gewürzketchup gemütlich zusammen und schauten gebannt auf den Fernseher. Leider war das Vergnügen, auf das wir uns alle so lange gefreut hatten, schnell vorbei, denn in der Videothek hatte man die Filme vertauscht. Statt einem Kinderfilm lief plötzlich ein Porno. In der Ecke an der Wohnzimmertür stand eine große Bodenvase in orange-gelb-braunen Farbtönen. Irgendwann bin ich mit dem ferngesteuerten Auto meines Bruders dagegengekachelt und schwupps war sie hin, die Bodenvase. Ärger gab es dafür nicht, denn meine Mutter war froh, dass „die olle Bodenvase endlich hin“ war.

In meinem Kinderzimmer hingen Sarah-Kay-Poster und auf der Tapete waren kleine Wolken aufgedruckt. Die Monchichis saßen in kleinen Korbstühlen auf der Fensterbank und schauten nach draußen. Auf dem Kleiderschrank mit aufgeklebten Märchenbildern saß ein Koalabär. Dessen Hände hatte Klettverschlußhände, um sein Koalababybären festzuhalten. Viele meiner Freundinnen hatten den gleichen Bären. Auf meinem Schreibtisch stand neben dem Buchhalteständer ein Plastikigel. In seine Stacheln konnte man Stifte stecken und die Schnauze war ein Anspitzer. Mein liebster Stift war ein Kugelschreiber, bei dem man diverse Farben einstellen konnte. Wollte man in grün schreiben, musste man an den grünen Regler runterschieben, man konnte mit nur einem Stift rot oder blau oder schwarz oder eben grün sschreiben. Das ganze Bett war voller Kuscheltiere und ich zwang meine Mutter jeden Abend dazu, allen Tieren einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Vielleicht musste ich deswegen so früh ins Bett, denn das ganze dauerte ja eine Weile. Massenhaft wurden damals Aufkleber an uns Kinder verschenkt und ich durfte einige davon auf mein Bett kleben. Ich bin ein Energiesparer / Ein Herz für Kinder / Die Milch macht’s und Erst gurten dann starten klebten dort. Ich weiß noch, dass ich so furchtbar gerne diese Cuxhavenaufkleber gehabt hätte. Das war einmal ein Mädchen und einmal ein Junge. Jan Cux hieß der Junge in blauer Kleidung mit Pudelmütze und Cuxi das Mädchen in roter Kleidung. Ralf hatte alle seine Aufkleber in einem Ordner eingeheftet, wie vorbildlich er doch war. 😉

Vorerst ist sie zu Ende, unsere kleine Reise in die 80er. Der Ralf und ich hatten an dem Abend des Austausches jede Menge Spaß und vielleicht gucken wir uns noch auf Youtube alte Werbefilme aus den 80er an, knabbern Salzstangen aus einem Senfglaskrug, trinken Fanta aus geriffelten Flaschen und klicken uns mit einem Gucki durch Märchenwelten und andere Städte. Vielen Dank nochmal an Silke, die mir neulich einen Gucki aus Wiesbaden zuschickte, weil sie weiß, dass ich ein klein wenig verrückt nach Guckis bin. ❤

Egal was ihr macht, habt Spaß, bleibt gesund und fühlt euch herzlichst gegrüßt.

Steph ❤

3 Kommentare zu „Das Limonadenplanschbecken

  1. Sarah Kay hatte ich überall hängen. Orange und braun war alles in meinem Kinderzimmer, wir fanden es schön. Auch die legendären Buffets mit Käseigel, Tomaten als Fliegenpilze undSchinkenröllchen gefüllt mit Spargel aus dem Glas, herrlich.

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