Rasende Schnecke

Viele Tage, bevor die Maskenpflicht kam, erreichte Ralf und mich Post. Eine liebe Freundin, die leidenschaftlich gern schöne Sachen näht, hatte uns mit Behelfsmasken bedacht. Und weil sie weiß, dass ich Schnecken so gerne ansehe, gab es für mich eine Maske mit Schneckenmotiven und für Ralf eine mit vielen Tieren drauf. Ein Waschbär, ein Buntspecht und ein Igel. Heissa, war das schön. Zusammen stellten wir uns auf den Balkon und knipsten Selfies. Beide mit Perücke, um deutlich zu machen, dass die Friseurgeschäfte schon so lange zu haben. Ich war so begeistert von meiner Behelfsmaske mit Nasenbügel, dass ich sie schon vor der Maskenpflicht tragen wollte. Da kam es mir gerade recht, dass meine Physiotherapiepraxis, bei der ich derzeit Termine wahrnehmen darf, darum bat, eine Maske schon vor der Pflicht zu tragen.

Ich bin ein pünktlicher Mensch. Wenn ich Termine habe oder mich mit Freunden treffe, kann man sich stets darauf verlassen, dass ich schon 5-10 Minuten vorher am verabredeten Ort bin. Das war schon immer so und meine Mutter witzelt oft, dass das mit meiner Geburt zusammen hängen würde. „Es gab den Stichtag für die Geburt und genau dann kamst du auch“, sagt sie oft.

Die wenigen Male, an denen ich als Jugendliche zur Schulzeit mal zu spät zum Unterricht kam, kann ich an einer Hand abzählen und tatsächlich lagen die Gründe dafür nie an mir, sondern an den Gegebenheiten, die ein Dorfleben so mit sich bringt. So musste der Schulbusfahrer mal unsere Fahrt zur Schule unterbrechen, weil eine Kuh mitten auf der Strasse stand. Löwenzahn kauend stand sie da plötzlich vor uns und glotzte uns an. Herrlich. Ein anderes mal fuhr ein mit Düngemittel beladener Traktor im Schneckentempo vor uns her und brachte den Busfahrer dazu, kurz anzuhalten, weil der Geruch des Vehikels vor uns einfach so heftig war. Wie bereits geschrieben hat sich bis heute nichts daran geändert, dass ich sehr gerne pünktlich bin.

Pünktlich zur Physio

Ich war so happy über meine schöne Behelfsmaske. Ein ganz wunderbares Gefühl schlich sich in mir ein. Es fühlte sich an wie früher, wenn meine Mutter mir als Grundschülerin, die ich war, neue Kleidung für den Schulstart nach jeden Ferien gekauft hatte. „Damit du was hast, worauf du dich freuen kannst“, sagte sie stets. Dabei ging ich wirklich gerne zur Schule. Natürlich gab es Kleinigkeiten, die ich nicht so mochte. Die Tafel zu wischen, während alle anderen schon in der Pause Fangen spielten zum Beispiel. Oder aber Eckenrechnen. Alle Schüler*innen mussten sich in eine Ecke des Klassenzimers stellen und durften zur nächsten Ecke des viereckigen Klassenzimmers weitergehen, sofern sie eine Rechenaufgabe richtig gelöst hatten. Wie oft habe ich mir schon damals runde Klassenzimmer gewünscht…. denn ich war stets die Letzte, die ins Ziel kam. Wenn dann noch der Rechenkönig der Woche gekürt wurde, war ich oft traurig und fühlte mich ein wenig doof. Mathe war eben noch nie mein Freund.

Um 8:00 Uhr hätte ich den Termin bei der Physio und nun stand der Zeiger auf 7:40 Uhr. Sehr zufrieden mit mir selbst stand ich frisch geduscht und geföhnt und angezogen (!) auf dem Balkon und rauchte noch eine Zigarette. Mein mir selbst auferlegtes Zeitmanagement hatte mal wieder sehr gut funktioniert. Tschacka! Die Praxis, bei der ich gleich meine Brustwirbelsäulenblockierung behandeln lassen dürfte, befindet sich einen Katzensprung entfernt. Ich glaube, es sind nur 350 Meter. Aber weil ich zu gerne Fahrrad fahre, war klar, dass ich mit meinem grünen (P)ferdi angeritten kommen würde. Mein Fahrrad ist giftgrün. Es hat wuschelige Felgenputzer, eine superschöne DINGDONG-Klingel, Reflektorstäbe in jeder einzelnen Speiche, sodass ich damit auch im Dunkeln gesehen werde, einen Sattelüberzug mit Marienkäfern und grüne Paillettenaufkleber an den Schutzblechen. Nicht zu vergessen der knallgelbe Fahrradkorb. Fast jede Strecke, und wenn es auch nur 350 Meter sind, fahre ich mit meinem (P)ferdi. Ein rascher Blick auf die Uhr. 7:45 Uhr. Wunderbar. Würde ich locker schaffen. Noch schnell mit der Mundspülung gurgeln, damit man nicht roch, dass ich geraucht hatte, Maske auf und ab die Post. Unten angekommen schloß ich mein Rad ab, schwang mich auf den Sattel und trat in die Pedale. Doch irgendetwas war anders als sonst. Ich bekam einfach keinen Schub. Es war fast, als würde hinten jemand an meinem Rad festhalten. Was war da los? Ich schaute während der Fahrt nach hinten und sah, dass der Hinterreifen platt war. So ein Mist! Wenn ich jetzt abstiege und schob, würde ich nicht rechtzeitig kommen, also setzte ich meine Fahrt einfach fort. In meine Gedanken schlich sich ein Ralf, der sich mit beiden Händen an den Kopf fasste und aussah wie Edvard Munchs „Der Schrei“. Aber was soll frau machen, wenn sie pünktlich sein möchte? Die kurze Fahrt war super anstrengend. Ich fühlte mich wie Lance Armstrong ohne Doping. Doch das war nicht mein einziges Problem. Die Mundspülung mit Minzgeschmack brannte mir wegen der Maske mittlerweile in den Augen. An dem Gebäude der Physiotherapiepraxis angekommen, stellte ich schnell mein Rad ab und kämpfte mich die Treppen zur dritten Etage hoch. Die Uhr zeigte 7:58 Uhr. Yeaaah, geschafft. Meine Freude wurde ein wenig abgefedert, denn die freundliche Sprechstundenhilfe sah mich ein wenig erschrocken an. „Haben sie Heuschnupfen?“ fragte sie wegen meiner geröteten Augen. „Das auch, das auch“, winkte ich ab, hängte meine Jacke auf und ging zum Händewaschen. Mein Gesicht im Spiegel betrachtend, erschrak auch ich. Völlig abgehetzt und pumpend wie ein Maikäfer hatte mein Gesicht die Farbe einer Tomate angenommen. Das nächste Mal noch früher losfahren, sagte ich in bestimmenden Ton zu mir selbst. Während ich auf die Therapeutin wartete, konnte ich mich ein wenig akklimatisieren und auch meine Haut nahm wieder den für mich gewohnten Teint an. Ein bisschen schade fand ich, dass meine Therapeutin mich nicht auf meine schöne Schneckenmaske ansprach, aber die Übungen, die wir dann zusammen machten, ließ mich das schnell vergessen. Autsch.

Um mich nach der schmerzhaften, aber effektiven Behandlung zu belohnen, ging ich noch zum Bäcker, um Brötchen für das Frühstück zu kaufen, bevor ich mein (P)ferdi wegen des platten Reifens nach Hause schieben musste. Beim Bäcker bestellte ich und hörte, wie ein Kind zählte. 1,2,3,4,5,6,7,8,9. Ich dachte zunächst, es würde die Plunderteilchen in der Auslage zählen, aber dann sah ich, dass es mich anschaute. Oh Gott, was zählte das Kind denn an mir? Hatte ich nun vielleicht noch auf die Schnelle die Masern bekommen und das Kind zählte die Punkte in meinem Gesicht? Unter meiner Maske sah nun ich vermutlich aus wie aus Munchs Gemälde „Der Schrei“. Doch dann beruhigte ich mich schnell, denn ich hatte im Mai 2019 meine Masernimpfung auffrischen lassen, das konnte also nicht der Grund sein. „Er zählt die Schnecken auf Ihrer Maske“, erklärte mir schließlich die Mutter des Kindes und durch meine Augen ließ ich sie spüren, dass ich unter meiner Maske liebevoll lächelte. Dann schob ich mein Rad nach Hause und beschloß, mir selbst den Tag nicht zu versauen, um mich über den Stress am Morgen zu ärgern. Ein Kinderlächeln zu erleben ist einfach so schön.

Beim nächsten Termin zwei Tage später war ich gewappnet. Keine Mundspülung gurgeln, bevor ich mir die Maske aufsetzte und noch zeitiger losgehen, weil mein Hinterreifen noch nicht wieder repariert war. Leider musste ich meine schöne Schneckenmaske daheim lassen, denn ich hatte nach dem letzten Tragen vergessen, sie zu waschen und wich auf ein schmuckloseres Modell aus. Als ich das Haus verließ und meinem Fahrrad einen sehnsüchtigen Blick schenkte, fiel mir auf, dass auf (P)ferdi ja noch die mit Marienkäfern bedruckte Satteldecke alias Sattelschutz hing. „Noch ungeklaut“, bemerkte ich staunend und begab mich zu meinem Rad, um den Regenschutz abzunehmen. Mein Fahrrad steht auf einem Grünstreifen vor dem Haus, denn im Fahrradkeller ist es furchtbar eng und mit großem Zeitaufwand verbunden, sein zweirädiges Vehikel da bei jeder Benutzung rauszuholen. Ich steckte den Sattelregenschutz in meine Tasche und wollte mich gerade Richtung Physiopraxis begeben, da rief mir eine Frau hinterher. „Ich habe gesehen, dass sie da gerade den Sattelschoner eingesteckt haben.“ „Ja, das ist ja auch meiner“, entgegnete ich. „Das kann ja jeder sagen“, entgegnete sie erbost. Schnappatmung unter meiner Maske. „Sehen Sie doch, ich habe hier in der Tasche einen Schlüssel und schließe nun damit das Schloss meines Fahrrad auf, um ihnen zu beweisen, dass dies mein Rad ist“, sagte ich und wühlte in meiner Tasche nach dem Schlüssel. Das dauerte ein wenig. Und noch ein wenig. Und noch ein wenig. Als ich den Schlüssel in den Tiefen meiner Tasche endlich fand, hielt ich ihn an meinem ausgestreckten Arm hoch wie den heiligen Gral und steckte ihn ins Schloss. Statt triumphierend zu wirken sagte ich ihr, wie schön ich es finde, dass sie sich beim Verdacht eines eventuellen Diebstahls einmischt, statt wegzuschauen. Leider war wegen dieses Vorfalls nun mein Zeitmanagement dahin. Ich müsste die 350 Meter plus dritte Etage nun in sechs Minuten schaffen, sonst wäre ich….UNPÜNKTLICH.

Ich ging den Weg zur Praxis so schnell, dass mir meine Schienbeine weh taten. Kennt das jemand? Schritt für Schritt taten mir die Vorderseiten meiner Beine so weh, dass ich dachte, sie stehen in Flammen. Tür auf und die Treppe ignorierend stellte ich mich an den Fahrstuhl. Weil sich bereits eine Person darin befand und die Coronahygieneregeln des Gebäudes besagen, dass derzeit nur eine Person im Lift fahren darf, wartete ich mit lahmen Beinen und hängender Zunge darauf, dass der Fahrstuhl wieder zu mir herunter kam, damit ich mit ihm hochfahren könnte. PLING. Ich stieg hinein, verzichtete darauf, mich im Spiegel des fahrenden Stuhls selbst zu betrachten und erreichte die Praxis zwei Minuten zu spät. Das war allerdings gar nicht so schlimm, denn meine Therapeutin war selbst noch in einem anderen Gespräch. Das Ordnungsamt wollte sich beim Chef und Team erkundigen, ob in dieser Praxis alle Standards zur Hygiene eingehalten werden und ja, das wurden sie 100 %.

Und als wir uns dann zu weiteren Übungen an meinen blockierten Muskeln trafen, ich auf der Liege Platz nahm und sie mir die Gelenke wieder in ihre eigentliche Position schob, da fragte sie mich schließlich, wo denn meine wunderschöne Schneckenmaske abgeblieben sei? Das hat mir mal wieder meinen Tag erhellt. Oft denkt man, dass andere gar nicht bemerken, was man trägt und wie sehr man anderen damit ein Lächeln auf’s Gesicht zaubert. Ich fand die Rückmeldung meiner Physiotherapeutin so toll. Und es hat mein Herz mit Liebe gefüllt, als das Kind sich einen Zählspaß anhand meiner Maske hatte. Solche Momente sind so wertvoll und man vergisst oft, dass negative Gegebenheiten einem nur unnötig Energie rauben, die man so oft so sehr braucht. ❤

Bleibt gesund. Herzliche Grüße

Steph ❤

3 Kommentare zu „Rasende Schnecke

  1. Danke Steph. Tolle Geschichte. Tolles Bild. Tolle Augen. Und Schnecken, naja. Sind nicht gerade meine Lieblingstiere :-). Ich habe hier gerade den ganzen Garten voll davon und sammle sie fleißig ein, um sie in den Wald zu entlassen, damit sie mir nicht Obst und Gemüse wegfuttern. Liebe Grüße,Monika

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