Das Eierauto

„Die Stephi macht so komisch“, sagte mein Bruder zu unserer Mutter und schaute abwechselnd zu ihr und zu mir. Wir saßen am Küchentisch und aßen zu Abend. Mein Bruder (10 Jahre), ich (8 Monate) und unsere Mama. Die stand allerdings noch an der Spüle und wusch die Tomaten, die man zum Abendbrot auf’s Brot würde essen können. Mein vorsorglicher Bruder hatte mir ein Aletegläschen vor die Nase gestellt und versuchte mich zu füttern, was allerdings nicht gelang, denn ich „machte ja so komisch“. „Was macht sie denn?“ fragte unsere Mutter, ohne sich umzudrehen. „Sie mampft, dabei hat sie nichts im Mund.“ Und ja, tatsächlich saß ich in meinem Hochsitz und mampfte, ohne das Brot meines großen Bruders aus den Augen zu lassen. „Sie will was von deinem Brot“, sagte unsere Mutter. „Aber das ist ein Leberwurstbrot“, rief mein Bruder und sah ratlos aus. Er hatte zuvor nur erlebt, wie ich etwas Püriertes aß und konnte sich nicht vorstellen, dass ich nun was Festes essen dürfte. Oder könnte. Dabei war das genau mein Ziel. Sein Brot mit Leberwurst. Nach dem ersten Bissen würde ich es jahrelang lieben, Leberwurst zu essen.

Keine Sorge, dieser Beitrag wird nun nicht ausschließlich um die Wurst gehen. Mir ist die Tage nur eingefallen, dass wir in meiner Kindheit nur regional kauften und da sind mir so einige Erinnerungen wieder gekommen, von denen ich euch gerne berichten möchte. Wir lebten in einem kleinen Dorf in einer Straße, die eine Sackgasse war, sodass man dort herrlich viel Platz zum Spielen hatte. Die nächste große Stadt hieß Kassel und dorthin fuhren wir nur sehr selten und wenn, dann mit dem Zug.

In unserem und vielen anderen Dörfern sicherlich auch gab es einen tollen Service. Man musste nämlich gar nicht erst bis runter ins Dorf laufen, wenn man bestimmte Sachen kaufen wollte, denn die Sachen kamen zu uns. Dienstags kam zum Beispiel immer das Bäckerauto in unsere Straße gefahren. Es hupte schon aus der Ferne, dann fuhr es eine Schleife im Rondell unserer Sackgasse und blieb stehen. Die Frauen aus der Nachbarschaft ließen ihre Teppichklopfer fallen, griffen in ihre Kittelschürzen nach dem Portemonnaie und gingen mit wippenden Lockenwicklern im Haar auf das Bäckerauto zu. Ich stand dann meist schon davor und klimperte aufgeregt mit dem Geld in meiner Hand. „Geh mal runter und kauf ein Roggenmischbrot“, hatte meine Mutter mir zuvor in Auftrag gegeben. Mit dem Restgeld würde ich mir einen Schokolutscher oder ein Einback kaufen dürfen. Mir war es immer sehr wichtig, vor dem Wagen zu stehen, bevor unser Bäcker aus seiner Fahrerkabine stieg, denn wenn er dann plötzlich von innen die Klappe seines Bäckerautos öffnete, dann kam mir ein großer Schwall guter Gerüche entgegen. Es roch nach frischen Backwaren. Ich sog den Duft von Plunderteilchen mit Vanille, allen sämtlichen Brotsorten und Baiser auf und vergass so oft, was ich eigentlich kaufen sollte. „Aber Stephanie, du sollst doch bestimmt nicht nur einen Schokolutscher am Stil kaufen“, sagte der Bäcker oft zu mir. Ja, das stimmte, aber während er seine Backwaren ja jeden Tag sah, war das für mich einfach immer eine gigantische Sache und ich wollte am liebsten alles ganz in Ruhe anschauen. Da meine Mutter mich schon kannte, stand sie meist auf dem Balkon und erinnerte mich durch lautes Zurufen, welches Brot ich kaufen sollte.

Am Donnerstag kam das Eierauto und im Sommer wurden wir Kinder vor Glück fast verrückt, wenn wir schon von Weitem das Klingeln des Eisautos hörten. Ich glaube, dass das von oben sehr lustig aussah: eine Horde Kinder, die in der Straße Gummitwist oder Ballspiele spielte, rannte plözlich in alle Richtungen zu ihren Häusern, um sich Geld für den Eiswagen zu holen. Blödsinnigerweise glaubten wir, dass er nicht lange bei uns halten würde, dabei war er froh um jedes Kind, welches ein Eis in der Waffel bei ihm kaufte. Wir, die im Schwimmbadkiosk immer zwischen Dolomiti, Brauner Bär, Ed von Schleck oder Capri entscheiden mussten, waren froh, nun mal ein paar Kugeln Eis in der Waffel bekommen zu dürfen. Eis in Tütenwaffeln gab es zwar auch am Kiosk, aber das stand immer ganz oben auf der Eiskarte und alles was oben stand, war sehr teuer und somit unerschwinglich für uns.

Alle paar Monate kam auch der Scherenschleifer und klingelte an jeder Tür um Scheren zu schärfen oder einem ein Messerset aus Solinger Stahl zu verkaufen. Ebenfalls sporadisch kam der Kartoffelmann alle paar Wochen in unsere Straße. Wenn er sein knatterndes Moped abgestellt hatte, ging er zu seinem Anhänger, nahm das Netz herunter, welches die Kartoffeln daran hindern sollten, während der Fahrt vom Anhänger zu rollen und füllte die Erdäpfel in die Eimer der Nachbarsfrauen. Viele hatten extra einen Kartoffelkeller, in dem die Knollenfrüchte im Dunkeln lange haltbar blieben. Der Staubsaugervertreter kam auch in regelmäßigen Abständen vorbei, klingelte an jeder Haustür und führte seine neuesten Modelle aus dem Hause Vorwerk vor. Dabei bediente er sich Tricks. „Ich würde gerne ihre Fußmatte reinigen, aber wie ich sehe, haben Sie ja nur eine aus Stroh, da geht das nicht“, sagte er und wollte nun ins heimische Wohnzimmer eintreten, um seinen Supersauger kreisen zu lassen. Ich glaube, dass vor jeder Wohnungstür eine Fußmatte aus verarbeitetem Stroh lag und er das wusste. 😉 Wenn er dann nämlich eine kleine Fläche des Wohnzimmerteppichs mit seiner Shampooniermaschine, die wie eine Rüttelplatte über den Boden fuhr, bearbeitet hatte, war an dieser Stelle der Teppich merklich heller und man hatte nun drei Möglichkeiten. Erstens konnte man nun die Supersaugershampooniermaschine kaufen und dafür nie wieder in den Urlaub fahren, weil man kein Geld mehr hatte, zweitens konnte man das Stück des Teppichs rausschneiden und durch ein anderes ersetzen, oder drittens etwas drauf stellen. Einmal hatten wir den Staubsauger „Kobold“ mit dem grünen Saugsack und roten Knopf gekauft und danach nie wieder die Tür geöffnet, wenn der Verteter mal wieder an der Tür schellte.

Die Milch kauften wir frisch beim Bauern aus der Nachbarschaft. Manchmal tranken wir sie noch am Abend, spätestens am nächsten Morgen. „Aber ohne Haut!“ riefen wir, wenn unsere Mutter uns diese auf dem Herd warm machte. Haut mochte keiner. Weder auf dem Vanillepudding noch auf der Milch. Nur beim Grillhähnchen rissen wir uns darum. „Mama, die Stephi hat das Hähnchen wieder nackig gemacht“, rief mein Bruder, während ich mir versessen die knusprige Haut in den Rachen schob und die Augen verdrehte, um meinem Genuß Ausdruck zu verleihen. Der Nachbarsjunge Martin, der in meinem Alter war, wurde von seinen Eltern auch oft zum Milch holen beim Bauern geschickt. Ich spielte oft mit ihm, fand ihn aber auch oft doof. Weil er die Schnüre meines Indinanerzelts abgeschnitten hatte zum Beispiel. Als Sabine und ich mal im Vorgarten picknickten, hat er uns auf die Decke gepinkelt. „Igitt, du bist’ne Sau!“ hat Sabine damals gerufen und Martin schloss bedächtig seine Augen als er erwiderte: „Ich kann ja gar keine Sau sein, weil ich ein Junge bin, also wäre ich wohl ein Eber, der Richtigkeit zufolge.“ „ Django geht wieder Milch holen“, sagte unsere Mutter und schob die Gardine zur Seite. Sofort rannten mein Bruder und ich zu ihr ans Fenster, um Zeuge dieses Geschehens zu werden. Da standen wir also zu dritt am Fenster und sahen den jungen Eber, der sich in seinen Sätzen stets so korrekt ausdrückte. Wie immer hatte er seinen Cowboyhut auf dem Kopf und Gummistiefel an den Füßen. Damit der Hut ihm nicht vom Kopf rutschte, waren die Bänder unter seinem Kinn fest zusammengezurrt. „Oh nein, was macht er denn nun?“ rief mein Bruder und meine Mutter wollte das Fenster öffnen, um durch lautes Zurufen Martin vor einem blöden Einfall abzuhalten, aber da war es schon zu spät. Der Cowboy mit den Gummistiefeln hatte die Milchkanne in seiner Hand und schwang sie – ein Liedchen auf den Lippen trällernd – im Gehen so lange hin und her, dass sie sich wie eine Schiffsschaukel auf dem Dorffest bewegte. Doch irgendwann übertrieb er es und die Milchkanne überschlug sich im Schwung,worauf sich der Deckel öffnete und die gute Milch über die Straße herunter floss.

Es gab noch einen supersüßen kleinen Laden bei uns im Dorf, in dem man einfach alles bekam. Kuscheltiere, Rubbellose, Gläser, Bürobedarf, Zeitungen und Spielzeug. Passenderweise hieß der Laden „Fundgrube“. Man fand dort nicht nur vieles, was man vorher gar nicht gesucht hatte, sondern kaufte dort auch stets ein Geschenk, sobald man die Einladung zu einem Kindergeburtstag in der Tasche hatte.

An der Hand meiner Mutter die örtliche Metzgerei zu betreten, war ebenfalls eines meiner kleinen Highlights. Der ganze Laden war gefliest, an den Wänden hingen Urkunden und weil ich körperlich so klein war, durfte ich mich mit den Füßen auf die Handtaschenablage stellen. Meine Mutter kaufte manchmal Wurst in Aspik, dass fand ich einerseits nicht sehr appetitlich und andererseits so interessant, weil da immer so eine Eischeibe drin lag. Wenn man mit dem Finger dagegen klopfte, dann wabbelte der Glibber hin und her. „Naaa Stephi, willste ne Wurst auffe Faust?“ fragte die Metzgersfrau und lehnte sich mit ihrem großen Busen zu mir über die Theke. Ich nickte. „Was willste denn für eine?“ „Heberburst.“ „Leberwurst kriegt man nicht auf die Hand, such dir mal was Anderes aus“, sagte meine Mutter und weil ich mich nicht entscheiden konnte, zeigte sie mit dem Finger auf eine Wurstsorte. Die Metzger piekte mit einer kleinen Gabel in einen Stapel Wurst, legte diesen auf eine Waage und fragte : „Darfessonstnochwassein?“ Beigeisterungsfähig war ich ja schon immer, aber diese Wurst, die hatte es in sich. Sie löste meine Leberwurstliebe fast gänzlich auf. Ab sofort sollte es nur noch diese Wurst sein. Es war eine gewöhnliche Jagdwurst, aber weil sie nun bei keinem Einkauf fehlen durfte, benannte meine Mutter sie irgendwann in „Stephiwurst“ um und auch die Metzgersfrau würde in Zukunft nur noch von Stephiwurst sprechen, wenn ich ihren Laden betrat.

Auch wenn das Dorf klein war, auch dort gab es in den 80er Jahren Konkurrenz. Zum Beispiel gab es zwei Edeka-Märkte, mehrere Bäcker und Blumenläden. Die Verkehrsanbindung war gut, man konnte ohne Probleme mit dem Zug oder dem Bus in die nächsten großen Städte fahren und in den dortigen Shoppingcentern alles bekommen.

Man hat sich auf dem Dorf gegenseitig unterstützt, regional gekauft und gern ein Schwätzchen gehalten. Und irgendwie war das auch schön. In einem der großen Einkaufscenter hätte die Metzgersfrau oder der Metzgersmann wohl nie gewusst, was eine Stephiwurst ist. Außerdem verstand nur der Mann vom Bäckerauto unseres Dorfes, dass der Nachbarjunge Jan eigentlich einen „Amerikaner“ haben wollte, wenn er sein Klimpergeld auf den Tresen legte und einen „Mexikaner“ bestellte.

Ach ja, und was die Leberwurst angeht… Als ich lesen konnte und die Inhaltsstoffe sah, war es plötzlich Essig mit meiner geliebten Heberburst. Ich tauschte sie ein gegen einen vegetarischen Pilzaufstrich. Aber die Stephiwurst, die esse ich immer noch gerne.

Habt eine gute Zeit, bleibt gesund und fühlt euch herzlichst gegrüßt.

Steph ❤

2 Kommentare zu „Das Eierauto

  1. Wunderbare Erinnerungen hast Du bei mir geweckt, liebe Steph! Vor allen Dingen an meine Ferien bei meiner lieben Oma. Sie lebte damals in einem kleinen Dorf in der Nähe von Ulm. Die Strassen waren nicht geteert, sondern mit hellen Steinen befestigt, die aus dem nahen Steinbruch stammten. Und ab und zu kam ein alter, verbeulter Transporter und sammelte Lumpen und Papier. Wir Kinder bekamen immer etwas geschenkt von dem Händler. Mal waren es kleine Autos, mal eine Tüte Bärendreck… 🙂

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. Lieber Werner, ich danke dir von Herzen ❤ Was man früher so alles auf der Straße erlebte… Ich musste eben erst mal die Suchmaschine befragen , was es mit Bärendreck auf sich hat. TADAAA, es ist Lakritze, oder? Ach wie schön, Danke für deine Erinnerungen zu meinen Erlebnissen. Bleib gesund und munter. Liebste Grüße Steph ❤

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