Knisterparty

Es gibt Geräusche, die mag man nicht hören. Weil sie einem bis ins Mark gehen und halb wahnsinnig machen. Quietschende Kreide auf einer Schultafel zum Beispiel oder der Bohrer beim Zahnarzt. Eine Bekannte von mir kann es nicht ertragen, wenn jemand Glas schneidet und bei einer anderen kräuseln sich die Zehennägel hoch, wenn jemand Styropor berührt.

Ich finde ja, da gibt es Unterschiede. Geräusche, die ganz grässlich sind und welche, von denen man einfach nur genervt ist….

Wenn zum Beispiel der Dauergriller von nebenan mal wieder seinen Handrasenmäher aus dem Schuppen holt und mit dem rostigen Ding quietschend über den eh schon dünn gesäten Rasen eiert, dann kann man beobachten, wie bei uns in der Nachbarschaft im Dominoeffekt die Fenster geschlossen werden. Keiner mag es hören, dieses Rattern und Quietschen und alle hoffen inständig, dass er das Teil bald mal ölt.

Es gibt wahrlich wenig, was mich auf die Palme bringt, wenn es um Geräusche geht. Wenn man wie ich mal in einem Kindergarten gearbeitet hat, wird man für bestimmte Dinge nicht mehr so anfällig. Schon mal beobachtet, was 25 Kinder machen, wenn sie auf dem Fußboden im Schneidersitz sitzen und dem Puppentheater zuhören? Sie gucken mit offenen Mündern und staunenden Augen zur Bühne und lassen Spannung ab, in dem sie… na, wer weiß es? Genau, in dem sie gedankenverloren Ritschratsch den Klettverschluss ihrer Hausschuhe öffen und schließen. Es ist ein Phänomen: Einer fängt an und schon macht der Zweite mit, bis der Dritte mit einstimmt und irgendwann ritscht und ratscht es im Sekundentakt. Der erwachsene Huster in der Kirchenbank ist beim Puppentheater der Kinder der wiederverschließbare Klettverschluss von Schuhen in Größe 27. Aber das ist nicht das Geräusch, welches ich meine.

Ich persönlich habe zwei sogenannte Nervgeräusche. Das eine ist das Knisterrischelraschelgeräusch und ich weiß nicht, wann es anfing, denn gefühlt war es schon immer da. Das andere ist das Geräusch, wenn jemand sich den Finger ableckt, um eine Zeitschriftenseite umzublättern. Wenn es dann zwischen angelecktem Finger und Zeitschriftenseite so komisch quietscht, dann nagt das an meinen Nerven. Als meine Hausärztin noch keine Termine vergab und somit bis zu zehn Leute in ihrem Wartezimmer saßen, da kam ich das ein oder andere Mal schon mal an meine Grenzen. Ich zitterte bereits, wenn eine der Damen zu einem sogenannten Hochglanzmagazin, das dort auslag, griff und konnte doch nicht wegsehen, wenn die Zunge im Zeitlupentempo aus dem Mund kam, den Finger benetzte und dieser dann mit einem Quuuuuuiiiiietsch die Seite umblätterte. Wann wird die Zeitschrift „Gala“ endlich auf Pappe gedruckt?

Aber noch schlimmer ist es eigentlich mit dem Knisterrischelraschelgeräusch, denn wenn das eintritt, bin ich so richtig genervt. Neulich im Bus: Eine ältere Dame mit zuckersüßem Lächeln und Himbeertortenhut saß mir gegenüber und hielt neben ihrer Handtasche eine Plastiktüte auf ihrem Schoß fest. Obwohl der Busfahrer nicht an einer Rallye Dakar teilnahm, sondern in gemäßtigtem Tempo durch die Stadt zuckelte, knetete sie ihre Plastiktüte immer wieder so, als würde sie ihr sonst vom Schoß rutschen. Knetschel, knetschel, knetschel. Um mein vor Genervtheit zuckendes linkes Augenlid zu entspannen, schloß ich die Augen. Dazu stellte ich mir vor, das Knistern käme nicht von ihrer doofen Plastiktüte, sondern von einem Feuer in einem Kamin. Und schon war es angenehmer zu ertragen. Auch schon erlebt und kaum ertragen: Menschen, die versuchen, ein Bonbon aus Knisterfolie zu befreien. Ist diese äußerst schwierige Aufgabe dann nach Minuten des Knisterns endlich entfernt und der Drops gelutscht, wird das Papierchen noch in den Händen hin und her gerollt, was den Knistereffekt noch verlängert. Aaaarrrggggh. Am besten war noch die Frau, die ich heimlich „die Zupferin“ nannte. Sie saß während einer langen Reisestrecke im ICE vor mir und hatte scheinbar ein bisschen Hunger. Kommt vor, geht uns allen ja mal so. Bordrestaurants gibt es nicht mehr (war eh immer viel zu teuer) und die knochentrockenen und harten Brezeln, die einem dort auf dem Fahrtweg verkauft werden, kann man entweder lutschen oder als Nothammer verwenden, um die Scheibe einzuschlagen, falls es mal brenzlig wird. Abbeißen würde ich davon jedenfalls nicht, denn ich bin ja nicht mehr vier Jahre alt und kann mir, wie beim Spiel „Dr. Wackelzahn“, verloren gegangene Zähne aus Knete nachformen. Die Zupferin verspürte ein leichtes Hungergefühl und so holte sie ihre Bäckertüte aus der Reisetasche. Sie raschelte die Tüte auf, zupfte sich ein Stück des Gebäcks ab, warf ihren Nacken entspannt zurück und kaute. Während des Kauvorgangs raschelte sie die Tüte wieder oben an der Öffnung zu und rollte diese ein. Als sie nach einer Minute fertig gekaut hatte, rollte sie die Tüte wieder raschelnd auf, zupfte sich ein Stück ab und raschelte sie wieder zu. So ging das mehrere Male und ich wurde hinter ihr fast wahnsinnig. Auf und zu, auf und zu, auf und zu. Raschelraschelraschelraschel. Wie kann man nur so unentschieden sein? Für eine Seite in meinem Buch habe ich eine Stunde gebraucht, weil ich wegen des Geraschels immer wieder aus meiner Konzentration gezogen wurde. Hat mich schwer genervt.

Wenn ich mit Ralf im Supermarkt bin und wir uns zusammen etwas aus dem Sortiment des Hariboregals aussuchen, kann es schon mal vorkommen, dass ich zwei Minuten später am Kühlregal bei der sauren Sahne stehe und in die Auslage gaffe. Dann weiß der Ralf, dass es mal wieder eine Knisterparty gab, vor der ich geflüchtet bin. Es mag ja sein, dass sich unter meinen Leser*innen auch Knisterer verbergen und ich will es nicht verurteilen. Ich möchte nur wissen, warum man das macht? Möchte man die Gummibären durch die Tüte hindurch mit den Händen erfühlen? Die Tüte ist doch transparent, man kann sehen, wie die bunten Bärchen sich da den Platz teilen. Aber wenn man so eine Tüte in seine beiden Hände nimmt und sie so durchknetscht, dass die Gummibärchen schließlich platt wie Flundern sind, dann erkenne ich den Sinn dahinter nicht so wirklich.

Weil der Dauergriller von nebenan immer noch den Rasen und uns Nachbarn quält, berichte ich noch kurz von einem heftigen Geräuscheabenteuer, welches der Ralf und ich mal gemeinsam hatten. Damals wohnten wir noch in Franken, Nürnberg. Mietshaus aus den 50er Jahren, das Schlafzimmer zum Hinterhof gelegen. Hochsommer, Schlafen bei offenem Fenster. Mehrmals in der Woche wurden wir um 2:00 Uhr nachts durch laute Geräusche geweckt, welche bis ca. 2:50 Uhr anhielten. „Uh, uh, uh, oh, oh,oh, aaaah, aaah, aaah.“ Es waren der Nachbar und seine Bekanntschaft, die sich da Nacht für Nacht gegenseitig beglückten. „Das ist doch toll, was beschwerst du dich?“ sagte mein Kollege als ich ihm beim Essen in der Kantine davon berichtete. „Bist wohl neidisch?“ fragte ein anderer. „Mach’s doch genauso!“ rief der Kantinenkoch mir zu. Ich fühlte mich unverstanden und weil der Geräuschepegel auch in den nächsten Tagen nicht abnahm, schrieb ich einen Brief an unsere Vermieterin. Darin erklärte ich ihr, dass ich mit schwer erziehbaren Jugendlichen arbeitete und jeden morgen fit für meinen anstrengenden Beruf sein müsse. „Das unser Schlaf mittlerweile jede Nacht für ca. eine Stunde lang unterbrochen wird und auch geschlossene Fenster nicht gegen das laute Liebesspiel der Nachbarn hilft, fühle ich mich gezwungen, in Zukunft die Miete zu mindern, da wir unser Schlafzimmer nicht mehr als Ruhestätte nutzen können“, schrieb ich ihr. Vielleicht mag das für den einen oder anderen spießig klingen, aber es war tatsächlich einfach nur anstrengend. Sobald „Sie“ kurz vorm Höhepunkt war und wir dachten, gleich wäre Ruhe, hörte „Er“ auf, um das Ganze noch herauszuzögern. Mittlerweile riefen auch die Nachbarn aus den anderen Häusern dem ausdauernden Nachbarn zu, er solle „wenigstens das Fenster schließen, wenn er schon jede Nacht…“. Die Androhung zur Mietminderung zeigte Wirkung. Allerdings anders, als von mir gedacht, denn eines Tages klingelte es an unserer Tür. Der Mann, der dann vor mir stand, füllte den gesamten Türrahmen aus und war mindestens 1,90 m groß. „Also ein paar Eier will der sich nicht ausleihen“, ging es mir durch den Kopf. Ich brauchte auch gar nicht fragen, was er wolle, denn er hielt mir einen Brief vor die Nase. Geschrieben von unserer Vermieterin an ihn. Klasse, dass sie meinen Namen darin mehrmals erwähnt hatte. Aber ich hatte keine Angst. Meine Nerven waren mittlerweile so durch, dass ich ihm mit einem Edding gerne noch eine weitere Tätowierung ins Gesicht gemalt hätte. „Was soll das?“ fragte er mit bösem Blick und zeigte auf das Schreiben. „Steht doch drin, oder?“ fragte ich kess und biss mir selbst auf die Zunge, um nicht noch die Frage nach dem „Oder kannst du nicht lesen?“ hinterherzuschicken. Ich war echt reif für die Insel, so gereizt kannte ich mich gar nicht. „Liebst du nicht?“ fragte er und rollte seinen Kopf, bis seine Knochen knackten (ebenfalls ein Geräusch, welches ich nur schwer ertrage). „Ja klar liebe ich auch. Aber ich kann das halt – im Gegensatz zu dir – so gut, dass ich damit nicht angeben muss um es der gesamten Nachbarschaft zu beweisen“, erklärte ich. Im Kopf ging ich schon mal die Liste der Dinge durch, die Ralf mir ins Krankenhaus bringen müsste, wenn dieser Typ mit mir fertig war. Allerdings bleib er erstaunlich ruhig. „Weißt du, hier sind Kinder im Haus und die wissen bei eurem nächtlichen Gekreische nicht, dass ihr Liebe macht, sondern könnten denken, dass da jemand einem anderen weh tut“, sagte ich. „Es hat auch mit Respekt zu tun. Ich setze mich auch nicht nachts um 2.00 Uhr vor mein offenes Fenster und spiele auf meinem Didgeridoo, weil mir allein das jetzt Spaß macht“, ergänzte ich. Ich glaube, dass er spätstens bei dem Begriff Didgeridoo nicht mehr hinterher kam. Vielleicht dachte er, dass sei so ein Liebesdings und er könne noch von mir lernen, jedenfalls drehte er sich (ohne den Türrahmen mitzunehmen) plötzlich um und ging die Treppe wieder herunter. Tage später trennte er sich von seiner Freundin und zog irgendwann auch aus dem Haus aus. Ich musste wegen ihm nicht ins Krankenhaus und unser kraftgebender Nachtschlaf war wieder gesichert. Hach, war das ein Erlebnis.

So, der Dauergriller ist fertig mit dem Rasen. Die Fenster der Nachbarn öffnen sich alle wieder nach und nach. Morgen stelle ich ihm eine Kanne Öl vor die Tür, ich bin gerade wieder ein wenig mutiger geworden durch meine Erinnerungen an den „Wilden Stier der Liebe“-Nachbarn von früher.

Habt alle eine schöne Zeit und lasst euch nicht stressen. Bleibt gesund und munter.

Herzlichst eure Steph ❤

5 Kommentare zu „Knisterparty

  1. Liebe Steph, danke für diese feine Wahrnehmung. Das alles kenne ich nur zu gut :-). Ich denke, es gibt Menschen, die sind sich ihrer selbst und ihrer Umwelt bewusst. Sie nehmen sich selbst intensiv wahr und auch sich selbst im Zusammenhang mit ihrer Umwelt. Das ist nicht immer leicht auszuhalten aber es ist tatsächlich ein Geschenk. Schöne Pfingsten, Monika

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