Experimente

„Bitte WAS machen sie mit meinen Kindern?“ fragte Herr G., der lebenslustige Papa von Gabriel und Gunda, als er das Schild an der Gruppentür des Kindergartens las, laut lachend. Und erst da fiel mir auf, dass ich das Schild wohl falsch beschriftet hatte.

„Wir machen Experimente mit Kindern“ stand dort nämlich geschrieben und ich gebe zu, dass man diesen Satz falsch verstehen könnte. „Ja, Herr G., wir wollen gerade mal schauen, was passiert, wenn ihr Sohn statt der fünf verabredeten Erbsen acht isst“, antwortete ich ebenfalls lachend. Sein Sohn mochte keine grünen Perlen (Erbsen) und natürlich war das auch nur ein Witz von mir und das wusste Herr G. auch. Ich zwinge Kinder nicht, Lebensmittel zu essen, die sie nicht mögen, probieren sollen sie diese jedoch einmal.

Wir experimentierten eine ganz andere Sache. Mithilfe von Salz, Wolle, Wasser und einer Büroklammer wollten wir Kristalle wachsen lassen. Als Herr G. seine beiden Kinder abholte, stand ich mit sechs Kindern im Gruppenraum und füllte heißes Wasser in ausgewaschene Marmeladengläser. Der Rest der Kinder spielte draußen im Garten und wurde von meinen Kolleginnen beaufsichtigt. Als ich den damals neu erschienenen bayrischen Bildungs- und Erziehungsplan jeden Tag nach Feierabend studiert hatte, stellte ich beim Kapitel „Experimente“ an mir eine Veränderung vor. Mein Gesicht wurde grün, meine Hände zitterten und mein Hals wurde trocken. Ich war nun schon so lange Erzieherin, weil ich alle Anforderungen dafür in fünf Jahren Ausbildung unter Beweis gestellt hatte. Unterricht in Pädagogik, Psychologie, Methodik & Didaktik, Recht, Medienerziehung, und was weiß ich noch nicht alles. In der Abschlußprüfung musste ich nicht nur in allen Fächern bestehen, sondern auch beweisen, dass ich ein Musikinstrument spielen kann. Zudem gab die damalige Anforderung vor, dass ich ein Brettspiel selbst erfinde und auf englisch präsentieren muss. Und dann lese ich nach Jahren meines Abschlusses plötzlich von Expermienten, die ich den Kindern anschaulich machen müsse. ICH, die im Chemie- und Physikunterricht als Schülerin von der 5. bis zur 10. Klasse meist „Stadt, Land, Fluß“ unter dem Pult mit der Tischnachbarin spielte, weil ich das alles, was Peng und Puff machte, eh nie verstand. Und jetzt das. Experimente. Na toll. Im Erzieher*innenberuf geht es nun mal nicht darum, wozu man gerne selbst Lust hat. Da muss man halt hunderttausend mal das Lied „Dornröschen ist ein schönes Kind“ singen, auf dem Fussboden der Puppenecke rumkrabbeln, um einen Schuh von „Polly Pocket“ zu finden oder eben experimentieren.

Das mit dem Kristalle wachsen lassen ging schon mal schief. Irgendetwas hatte an dem Tipp aus dem Internet nicht gestimmt. In unserem Gruppenraum roch es wegen des Waschmittels wie in einer Waschküche und statt Kristalle wuchs die Ungeduld der Kinder. Sie taten mir so leid. Ich überlegte, transparente Becher zu kaufen und mit ihnen Bohnen zu züchten. Da könnten sie das Wurzelwerk ansehen und wir könnten das Buch „die schnellste Bohne der Welt“ dazu anschauen. Ach, es war zum Mäuse melken.

Wie in Herrgottsnamen sollte ich, die totale Niete in Chemie und Physik, den mir anvertrauten Kindern jenes beibringen und ihre Neugier wecken? Im Nachhinein hätte ich mich da mal nicht verrückt machen, sondern in Gelassenheit üben sollen, denn es kam mal wieder der Zufall ins Haus. Der Zufall hieß Frau M. und diese war Mama von Lilli. Frau M. sah unsere Krsitallzüchtungversuche auf der Fensterbank und berichtete davon, dass die Firma, in der ihr Mann arbeite, Forscherkisten für Kindergärten verlose. „Es ist ganz einfach“, erklärte sie mir. „Sie müssen nur auf die Seite der Firma gehen und sich dort für eine der Forscherkisten bewerben. Wenn Sie Glück haben, bekommt ihr Kindergarten dann eine solche Box mit vielen Materialien zugeschickt.“ Aufgeregt notierte ich mir alles auf einem Zettel und setzt mich noch am gleichen Tag nach Feierabend an den PC, um unsere Bewerbung für die Forscherkiste abzusenden. Ein bisschen Ärger schwang schon mit, denn warum mussten wir uns darum bewerben, warum gehörte eine solche Kiste nicht generell zur Standardausrüstung eines jeden Kindergartens?

Mein Unmut verflog schnell, denn wir wurden aufgrund meiner Bewerbung tatsächlich mit einer Forscherkiste von Siemens beschenkt. Jedes Kind mit Forscherdrang hätte sich ein Loch in den Bauch gefreut, aber ich war noch nicht soweit. Ich öffnete die Kiste und schloss sie schnell wieder. Wie sollte ich den Kindern erklären, warum was ist, wie es ist? Ich sah mich schon mit Forscherkittel und qualmenden Reagenzgläsern im Gruppenraum stehen und zu den Kindern sagen „ Es zischt, geht schnell nach draussen und denkt an unseren Notfallplan. Aufstellen am Sandkasten! Wo ist der Feuerlöscher?“ Als ich die Kiste dann erneut öffnete, sah ich dort eine schriftliche Einladung. „Damit sie als pädagogische Fachkraft wissen, wie Sie mit den Materialien der Forscherkiste umgehen und fantastische Experimente durchführen können, laden wir sie zu einer für sie kostenfreien Schulung ein. Diese Schulung wird 10 Termine an verschiedenen Tagen an einem Ort in ihrer Nähe anbieten.“ Puh, war ich erleichtert. Und aufgeregt. Für den ersten Tag sollte jede(r) Teilnehmer*in einen Magneten mitbringen, denn die erste Stunde der Fortbildung würde sich mit dem Thema Magnetismus befassen. Ich ging sofort in einen Laden und kaufte mir einen großen Hufeisenmagneten. Wenn ich schon durch mein Nichtwissen auffiel, wollte ich wenigstens das beste Material besitzen. Die nette Fortbilderin grüßte uns, erklärte den Tagesablauf und fragte nach unseren Magneten. Die Hälfte der Teilnehmerinnen hatte vergessen einen mitzubringen, weswegen ich ein wenig beschämt mein Riesenteil aus der Tasche zog. „Allmächd!“ sagte die Fortbilderin und griff sich an die Brust. „Den hatten sie etzd fei net in Ihrer Tasche?“ fragte sie in breitem fränkischen Dialekt. „Ähm…doch?“ antwortete ich und sah zu wie sie sich langsam auf ihren Lehrerstuhl plumpsen ließ. „Ham sie da fei au ihre EC-Karte drinnen?“ „In der Tasche, ja klar“, sagte ich. Das war zuviel für sie.

Der Kurs hatte noch nicht mal so richtig begonnen und schon hatte ich sie mit meiner Unwissenheit ausgeknockt. Schachmatt gesetzt. Ich allerdings hatte nun schon dazugelernt. Magnet in der Tasche mit EC- oder anderen Chipkarten = nicht gut. Am Ende des Tages waren wir zu diesem einen Thema gut fortgebildet und ich persönlich freute mich schon darauf, mit den Kindern zu experimentieren.

Das allerwichtigste war, vorab mit den Kindern zu besprechen, was man mit einem Magneten in der Hand darf und was nicht. Dabei galt stets die Regel, ihnen keine Angst zu machen, aber dennoch zur Vorsicht aufzurufen. Ein der Forscherkiste beigefügtes Plakat mit Bildern besprach ich mit den Kindern und hängte es in den Gruppenraum. Der Magnet hat einen Süd- und einen Nordpol. Gleiche Pole stoßen sich ab. Das lernten wir anschaulich an unserer Brio-Eisenbahn und anschließend bei einem tollen Spiel im Turnraum. Da bekam ein jedes Kind von mir ein grünes Band an den linken (Südpol) und ein rotes Band (Nordpol) an den rechten Arm. Nun spielten wir fangen, wobei die Regeln vorab erklärt wurde. Mit dem roten Arm dürfte man kein anderes Kind mit rotem Arm fangen, sondern müsste darauf achten, dass man mit dem roten Arm den grünen Arm eines Kindes an die Hand nahm. Die Kinder hatten irre viel Spaß und haben spielerisch den Magentismus erlernt. Wir erforschten noch viel mit dem Magneten und es wäre zu schön gewesen, wenn mich nicht am nächsten Tag eine Mutter angesprochen und mir erzählt hätte, dass ihr Kind mit dem Magneten vor dem Röhrenfernseher stand und dieser nun keine Farbe mehr hätte. Autsch. Ich notierte diesen Vorfall auf dem Plakat und hatte schon ein bisschen Bammel vor der nächsten Schulung mit dem Titel Strom.

Sofort kam mir ein Erlebnis ins Gedächtnis, welches ich hatte, nachdem ich Ralf kennenlernte und bei ihm einzog. Die Jungesellenbude wollte ich verschönern und da störte es mich doch sehr, dass da über diesem Stromteilkasten kein Bild hing. Also Hammer raus, auf einen Stuhl gestiegen und einen Nagel eingeschlagen. Es hat ein bisschen gebrizzelt, aber mehr weiß ich auch nicht. Es war in jedem Fall sehr gefährlich und auf Verschönerungen in der Wohnung hatte ich plötzlich so gar keine Lust mehr. Die Schulung indes war wirklich gut. Wir bauten Schaltkreise, erzeugten Strom Mittels einer Zitrone und erlernten wieder viele Spiele, um den Kindern das Thema nahe zu bringen.

Ganz ehrlich, diese Forscherkiste hat mir selbst die Angst vor physikalischen und chemischen Experimenten genommen und ich habe mit den Kindern gemeinsam dazu gelernt. Man muss nicht alles erklären können, vieles entdecken die Kinder von selbst. Der Hufeisenmagnet diente uns neben den Experimenten zudem als tolle Aufräumhilfe. Auf diese grandiose Idee kam Nicki (5), als sie der dreijährigen Anna zeigen wollte, was es mit dem Hämmerchenspiel auf sich hat. Da kann man kleine Holzteile, die mit einem kleinen Loch versehen sind, mittels eines kleinen Hammers und Nägeln auf eine Korkplatte nageln. Anna hämmerte wie ein Specht und dabei flogen die kleinen Nägelchen hier und da auf den Boden.

„Kann ich bitte den Magneten haben?“ fragte mich Nicki und ich verstand nicht. „Wir haben gerade die Aufräumglocke gebimmelt, du kannst ihn später haben“, antwortete ich ihr. „Aber deswegen brauche ich ihn ja!“ sagte sie und erst da knackten meine Synapsen. Mit dem Magneten fuhr sie über den Boden und dieser zog wie ein Staubsauger all die kleinen Nägelchen an. „Du bist ein sehr kluges Kind“, lobte ich sie und freute mich mit ihr über diesen tollen Einfall.

Viele dieser Kinder sind nun schon 18 Jahre alt und ich habe mich oft gefragt, ob ich mit Hilfe der Forscherkiste ihre Explorationslust genügend fördern konnte. Aber eines ist sicher: Ich, die das Ganze anfangs mit Sorge betrachtete, habe Vieles dabei gelernt. Erstens: Es ist immer schön, neuem gegenüber offen zu sein. Zweitens: Forscherkisten sollten generell in jede Bildungseinrichtung gehören. Drittens: Kinder in ihrem Forschen zu beobachten ist ein brizzelig schönes Erlebnis und viertens: ein Hufeisenmagnet sollte man nicht in seine Handtasche stecken, sofern man darin auch seine EC Karte aufhebt. Ach ja und fünftens: Mir persönlich hat es meine Lust auf Experimente nicht vergrault. Im Gegenteil. Erst gestern haben Ralf und ich experimentiert. Weil wir seit Tagen Regenwetter haben, wollten wir einer Freundin mit Kind mal wieder einen Tipp geben und bauten uns eine Lavalampe. Äußerst einfach ist das Ganze. Und so wird’s gemacht: Man gibt in ein großes Glas Speiseöl, ein bisschen Wasser, ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe und wenn man das alles zusammen hat, dann wirft man eine Alka-Seltzer-Tablette hinein. Und schon kann sie losgehen, die Blasentanzparty.

Bleibt gesund und immer empfänglich für Neues.

Herzlichst eure Steph ❤

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