Ballzauber mit Steph

„Vielleicht sollte ICH ja mal Trainerin werden“, sagte ich zu Ralf, als feststand, dass sein Lieblingsverein der 1.FC Nürnberg nun in die Relegation muss. „Das wäre cool!“ antwortete er und ich sage euch, hätte er das mal NICHT gesagt. Denn sofort begann ich einen Plan zu entwickeln.

Also, wenn ich Trainerin wäre, dann würde sich da auf dem Platz aber einiges ändern. Aber sowas von! Zu aller erst würde ich mal dafür sorgen, dass die Fußballprofis nicht mit ihrem Lamborghini oder Porsche auf das Gelände fahren. „Ich glaube nicht, dass die Spieler des FCN solche luxeriösen Fahrzeuge fahren“, sagte Ralf. „Egal, wenn ICH sie trainiert habe, werden sie sich zwar ein solches Fahrzeug leisten können, aber nicht kaufen, weil sie in MEINEM Trainingslager waren.“

Das mit dem Ferrari oder anderen Luxusschlitten könnten sie sich erst einmal abschminken. „Der Umwelt zuliebe und weil Angeber keiner mag, fahrt ihr jetzt alle mit dem Busshuttle zum Training“, würde ich ihnen sagen. „Der Bus holt euch der Reihe nach von zu Hause ab und bringt euch zum Trainingsgelände. Er fährt euch auch wieder nach Hause, denn Discobesuche und ein Bierchen zischen in der Kneipe fällt erst mal flach. Darüber können wir mal reden, wenn ihr Tore geliefert habt, Freunde!“ Ja, ich wäre streng, denn irgendwer müsste die Bande ja mal erziehen und ihnen nicht alles durchgehen lassen.

In der Kabine würden für alle die gleichen Anziehsachen bereit liegen. „Ähm, Steph, die tragen alle das gleiche Trikot“, sagte Ralf. „Ja klar, das weiß ich doch. Aber sie würden alle die gleichen Sportschuhe tragen. Nix mit Bling Bling auf einem Adidas-Schuh, keine eingestickten Namen ihrer Kinder mit tausenden Pailletten, keine goldenen Stopper.“ Man, ich war schon in der Vorbereitung auf die erste Trainingseinheit, die (vorerst) nur in meiner Phantasie stattfand, so sauer, dass ich hätte platzen können. „Die Stopper heißen Stollen“, bemerkte Ralf während meiner Ausführung. „Egal wie, die Schuhe gibt es ab sofort nur einheitlich für alle und ohne Firlefanz darauf.“ Als ich Kind war, gab es an meiner Schule einen Markenwahn. Die reichen Kids trugen Markenschuhe und die mit finanziell schwachen Eltern welche von Reno, weswegen sie gehänselt wurden. „Sowas fängt bei mir erst gar nicht an!“ sagte ich zu Ralf, der auf dem Sofa saß, einen Schokoriegel aß und schnunzelnd meinen Worten lauschte. „Ich schaue doch nicht zu, wie ein Ronaldo seine Schuhe auf dem Platz spazieren trägt und einen Robert Hack auslacht, weil dieser sich solche Schuhe nicht leisten kann!“ „Ähm, der Ronaldo spielt in einer ganz anderen Liga und Robert Hack heißt eigentlich Robin Hack“, sagte Ralf und entrollte das Papier eines nächsten Schokoriegels. „Egal!“ ereiferte ich mich. „Wenn ich die Jungs traniert habe, spielen sie alle in einer anderen Liga, nämlich Weltklasseliga. Und der Robin kann dann heißen wie er will. Gleiche Schuhe für alle. Basta!“

Nachdem nun alle das gleiche Outfit hätten, würden wir uns auf dem Rasen zum Training treffen. Ich würde einen Stuhlkreis bilden und wir würden uns erst einmal darüber austauschen, wie es jedem heute geht. Wer hat gerade Beziehungsprobleme, für wen war der Tag nicht gut gestartet, wer hat vielleicht Angst vor dem Ball? Ralf verschluckte sich vor Lachen an seinem Schokoriegel, aber mir war es Ernst. „Lach nicht, du wirst mein Assistent“, sagte ich ihm. „Denn du wirst als Sozialpädagoge mit Diplom den armen Häschen helfen, ihre Probleme in den Griff zu kriegen. Wer den Kopf voll hat mit Problemen, der kann auf dem Spielfeld nicht zu einem Tiger werden.“ „Du bist eine Quatschrederin“, sagte Ralf. „Und du bist mein bester Mann, also hilf deinem Verein und sei mein Assistent“, erwiderte ich.

Nachdem das mit den Autos und den Schuhen nun geregelt war, käme eine weitere Neuheit hinzu. „Wenn ich einen von euch sehe, der hier auf den Rasen rotzt, dann knallt es aber Blitze!“ würde ich den ängstlich guckenden Spielern sagen. „Wer rotzt, der klotzt! Das ist mein Motto. Soll heißen: Wer der Meinung ist, seinen Speichel inform einer aus dem Rachen hochgezogenen Kugel hier auf den Rasen zu spucken, der wird dazu verdonnert, bei mir daheim meinen Bastelschrank aufzuräumen und Papier, Knöpfe, Perlen und Papier nach Farben und Größe zu sortieren. Wollt ihr das?“ „NEEEHEEEIN!“ würde sie alle rufen und ihre Spucke runterschlucken. „Das gleiche gilt für Kaugummi“, würde ich dann sagen. „Alle, die einen Kaugummi im Mund haben, werden ihn jetzt im Mülleimer entsorgen.“ In den Kabinen würde ich Plakate aufhängen. Darauf wären die Regeln eines freundlichen Miteinanders in Wort und Bild beschrieben. Und auch ein Bild des Robert Enke düfte nicht fehlen. Der talentierte Fußballtorwart, der sich aufgrund seiner Depression das Leben nahm, sollte Sinnbild dafür sein, dass sich meine Männer mit jedem Problem an mich oder meinen Assistenten wenden könnten. Die Fussballwelt wird sich nach Roberts Tod positiv verändern, sagten einige Funktionäre, aber ich habe das Gefühl, bei vielen ist das schon wieder völlig vergessen. Deswegen würde ich für dieses Thema die Fahne hochhalten. Auch dürften sich meine Fußballer in ihrer geschlechtlichen Liebe wie der Homosexualität frei äußern, ohne angegriffen zu werden.

„Was ich euch jetzt sage, das sage ich nur einmal!“ würde ich meiner Mannschaft in harschem Ton sagen. „Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es, wenn man auf dem Feld plötzlich umkippt und so tut, als ob man verletzt sei, nur um einen Freistoß oder sonstwelche Vorteile zu bekommen. „Wenn einer von euch meint, schauspielern zu müssen, kann er sich beim Theater bewerben, wir lügen und betrügen hier nicht, um Vorteile zu bekommen. Wir überzeugen durch Leistung!“ Damit sie es besser verstehen lernten, würde ich ihnen Videos vom DFB Frauenfussball zeigen. „Diese Frauen jammern nicht ‚rum und liegen auch nicht wie von einem unsichtbaren Geist getroffen plötzlich auf dem Rasen wie ein Maikäfer auf dem Rücken. Sie halten sich auch nicht den Kopf, wenn sie am Bein getroffen wurden und spielen besten Fußball, obwohl sie gerade ihre Menstruation haben. „Soll ich euch mal sagen, wie weh eine Menstruation tun kann?“ würde ich „meinen“ Männern zurufen und sie würden mit einem „Bitte nicht“-Blick antworten.

„Fouls gibt es bei uns nicht. Wir können spielen und werden das zeigen. Fouls haben wir überhaupt nicht nötig und wenn ich eine Schwalbe sehen will, dann gehe ich in den Vogelpark, aber nicht zu einem Fussballspiel, verstanden?“ Sie würden mir alle zunicken, weil sie immer noch Angst hätten, meinen Bastelschrank aufräumen zu müssen. Dann würde ich fragen, wer schon mal selbstständig seine Wäsche gewaschen hätte und weil das noch keiner von ihnen getan hätte, würden alle ab sofort eine Stunde vor dem Training zu meinem Workshop „Wäsche waschen für Anfänger“ kommen müssen. Mein eigener Bruder war in seiner Jugend Torwart des dörflichen Fussballvereins und ich erinne mich, wie jede Familie der Fussballjungs mal dran war, die Trikots zu waschen. Damals in den 80ern war das die selbstverständliche Aufgabe der Mütter und es schien, als wären sie auch stolz darauf. Immerhin bedeuteten 11 tropfnasse Trikots auf der Wäscheleine, dass das eigene Kind sportaffin war. „Ihr seid aber keine kleinen Kinder, ihr seid erwachsene Männer, die im Stande sind, sich eine Prolex , ein iPhone oder einen Porsche zu kaufen. Wer das kann, der kann auch im Waschkeller seine eigene Wäsche waschen und aufhängen“. Wie immer würden sie mir recht geben, denn sie wüssten, dass ICH sie zum Erfolg gebracht hätte und da ist man eben froh um jeden Zusatztipp.

„Millionen verdient hier keiner, ihr macht das wie wir Sozialarbeiter*innen, nämlich aus Idealismus. Wenn uns jemand viel Geld für einen Transfer für euch bietet, dann gibt es einen kleinen Bonus und der Rest wird an Frauenhäuser, Hospize und andere wichtige Einrichtungen gespendet. Gerne helfen wir euch beim Aufbau einer Stiftung zu wohltätigen Zwecken.“ Die Jungs würden sich alles in ihr Notizheft schreiben und eifrig nicken.

„Das ist ja alles toll und ich unterstütze dein Vorhaben in jeder Linie“, sagte Ralf nach all meinen Ausführungen. „Allerdings gibt es da noch einen kleinen Haken“. „Welchen?“ fragte ich aufgeregt. „Du hast kaum Ahnung von Fussball“. Wie konnte er das nur sagen?

Dadurch, dass mein Bruder Fussball spielte, saß auch ich von Kindesbeinen an am Spielfeldrand. Ganz zu Anfang sogar mit eigens mitgebrachtem Töpfchen. Naja,so ein bisschen musste ich Ralf insgeheim dann doch recht geben. Als ich kein Töpfchen mehr benötigte, spielte ich mehr, als dem Spiel auf dem Platz zu folgen. Die Bügelstangen der Zuschauertribüne eigneten sich bestens, um Purzelbäume drum zu schlagen und wenn mir langweilig wurde, fragte ich unsere Mutter nach Geld für eine Bratwurst im Brötchen. Mit Senf. Am Bratwurststand grüßte ich freundlich meinen Deutschlehrer, der das Spiel mit einem Mikrofon moderierte und keine Zeit hatte, mir meine Frage nach der Auswertung meiner letzten Deutscharbeit zu beantworten. Ich saugte meine Fanta mit einem Strohhalm ein, bis es mir in der Nase brizzelte und riss meine Arme jubelnd in die Höhe, wenn das alle anderen auch taten. Als ich dann Ralf kennenlernte und erfuhr, dass er ein Glubberer, ein 1.FCN-Fan ist, da wollte ich seine Leidenschaft teilen und schrieb mir wichtige Sätze, die ich von ihm hörte, in mein „Steph Fussi Heft“. Schon oft hatte ich ihn damit begeistert, wenn er angestrengt Fussball im Fernsehen schaute. „Ihr müsst mehr über die Flügel spielen!“ rief ich. Oder „ Das Ding haben die noch lange nicht gewonnen.“ Warum sollte ich mit meinem Fussballheft unter der Achsel nicht auch meine Spieler trainieren können? „Die kommen doch alle von der Fussballschule und wissen im Grunde, was sie machen müssen“, sagte ich Ralf. Ich würde ihnen Sätze aus meinem Notizheft zurufen. „Die Viererkette muss kompakter stehen. Mehr über die Flügel. Unsere Abwehr steht offen wie ein Scheunentor. Für’s Schönspielen gibt’s keine Punkte. Lasst den Ball laufen, der hat mehr Luft als ihr. Der Rasen muss brennen!“

Ralf schmunzelte schon wieder. Die Schokoriegel waren alle. „Ja, du wärst eine tolle Trainerin“, sagte er mir und lachte. „Schon alleine, weil du den wichtigsten Satz über den Club nach kurzer Zeit verinnerlicht hast: Der Club is a Depp!“ Nun wünsche ich meinen lieben Ehemann und allen anderen Fans des FCN natürlich sehr, dass der „Clubb“ die Relegation gewinnt. Wenn nicht, trainiere ich sie in Zukunft. Ob das als Drohung wohl ausreicht, damit die Jungs den Sack zumachen? Wir werden sehen…

Habt eine gute Zeit. Bleibt gesund und munter.

Herzliche Grüße eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Ballzauber mit Steph

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