Ene mene Mopel

Endlich ist der Sommer auch bei uns im Norden angekommen. Alle Türen und Fenster stehen weit offen, wir laufen barfuß und freuen uns über jeden Luftzug, der von der Ostsee zu uns geweht kommt. Die Wäsche auf der Leine ist nach nur einer Stunde trocken, im Kühlschrank steht eine gekühlte Kanne Früchtetee und die Götterspeise mit Vanillesauce schmeckt noch besser als sonst. So schön kalt und glibberig. Für den Fall, dass kein Windhauch kommt, steht der Ventilator allzeit bereit, sowohl im Schlaf- als auch im Wohnzimmer. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Eine Elster unterhält sich mit einer anderen. Vermutlich ihr Ehemann oder das Kind, denn sie scheint zu schimpfen. Der Griller ist natürlich wieder am Grillen und Herr B. kann nicht eine Minute mal still in seinem schönen Garten sitzen und diesen geniessen, denn irgendwas ist immer noch nicht so, wie er das will.

Die sechsjährige Lia vom Nachbarhaus hat eine Freundin bei sich zu Gast.

Während ich im Arbeitszimmer bei geöffnetem Fenster am PC sitze und Texte tippe, höre ich den beiden bei ihrer Unterhaltung zu.

Lia: „Wir wären jetzt wohl Hexen und ich wäre Bibi und du wärst Moni.“

Freudin: „Nö, ich will aber nicht Moni sein, immer bist du Bibi. Ich will auch mal Bibi sein!“

Lia: „Ja, aber ich wohne hier und das ist unser Garten und deswegen darf ich auch das Bestimmerkind sein.“

Freundin: „Dann rufe ich jetzt meine Mama an und sage, dass sie mich abholen kommen soll.“

Lia: „Kannste ja gar nicht, weil du nicht weißt, wo unser Telefon ist.“ Zickenalarm im Hinterhof.

Vor einer halben Stunde wollte die Freundin gerne auf das Trampolin, aber Lia, die das Teil jeden Tag in ihrem Garten stehen hat und sichtlich gernervt ist, will nicht auf das Trampolin. Beide haben Langweile und ätzen sich an. Ich denke zurück an meine Kindheit in den 80er Jahren und beginne zu träumen….

In der Sackgasse, in der wir wohnten, hatte alle Hausbesitzer und auch diejenigen, die in einer Mietwohnung lebten, eine eigene Garage. Das war gut, denn so gehörte die Straße uns Kindern. Im Sommer waren wir den ganzen Tag draußen. Wenn wir Ferien hatten schon ab dem Morgen. Ich weiß noch genau, das jedes Kind aus der Nachbarschaft einen Ball besaß und alle sahen unterschiedlich aus. Die Lederbälle waren den Jungs und Mädchen aus den Fussballvereinen vorbehalten, wir hatten Plastikbälle in allen Farben. Meiner war rot-transparent mit weißen Sternen. Der Ball meiner Freundin Sabine, die zwei Jahre älter als ich war und mit mir im gleichen Haus wohnte, war rot und hatte weiße Punkte. Martins Ball war weiß und hatte schwarze Flecken wie auf einem Fussballerball. Alle Kinder hatten einen Ball. Von Edeka oder dem bunten Lädchen unseres Dorfes. Dort standen stets große Gitterboxen, in denen die bunten Bälle darauf warteten, gekauft zu werden.

Wenn wir uns Kinder dann zum Spielen auf der Straße in unserer Sackgasse trafen und entschieden hatten, ein Ballspiel zu spielen, dann war die erste Frage immer: „Welchen Ball nehmen wir?“ Es tut mir heute noch leid, wie Sabine und ich dabei stets logen, ohne rot zu werden. „Ähm, ich würde ja gerne meinen Ball für’s Spiel nehmen, aber den habe ich letzte Woche bei meiner Oma vergessen“, log ich und Sabine sagte: „Bei meinem ist leider die Luft raus.“ Das war klug, denn sie wußte, dass nur Martins Papa eine Ballpumpe hatte und weil dieser im Schichtdienst bei VW arbeitete, musste er tagsüber oft schlafen und durfte nicht gestört werden. Der Grund für unsere schlimme Lügerei war, dass wir unsere Bälle einfach so schön fanden und verhindern wollten, dass sie durch Spiele auf der Straße nicht mehr ansehnlich aussahen. Denn durch das ständige Auftippen auf dem Asphalt oder das Rumgeschieße bekamen sie Kratzer und verloren ihre schöne Farbe. Auf Martins Ball waren keine schwarzen Fussballpunkte mehr zu sehen, der Ball war weiß wie ein Mozzarellakäse. Das lag daran, dass wir stets seinen Ball nahmen, wenn wir Ballspiele spielen wollten.

War die Ballfrage erst einmal geklärt, ging’s endlich ans Spielen damit.

Ein Spiel, das wir gerne spielten, war Länderklau. Dazu malten wir einen großen Kreis in die Mitte der Straße. In unserer Garage lagen mehrere Ytongsteine, die wir benutzen durften, um mit ihnen auf der Straße zu malen. Kostenlose Kreide. Um so einen großen Ytongstein kleinzuhauen, brauchten wir meinen Bruder. Der ging dann in die Garage, ließ den Stein ein paar Mal auf den Boden fallen und brach uns dadurch kleine Kreidesteine raus. Jeder half jedem.

Sabine, Martin, Elisabeth und ich spielten also mal wieder Länderklau. Jeder suchte sich ein Land aus, welches er sein mochte. Sabine war Bulgarien, weil sie dort im letzten Sommer mit ihren Eltern urlaubte. Elisabeth war Italien, ich war Dänemark und Martin wollte Bayern sein. „Mööönsch, bist du blöd oder was, Bayern ist doch kein Land, das ist doch ein Ort in Deutschland!“ stellte Sabine fest und zeigte Martin mittels tippenden Zeigefinger an ihrer Stirn einen Vogel. „Na gut, dann nehme ich Deutschland“, sagte dieser. Mir war das unangenehm. Also nicht die Tatsache, dass Martin Deutschland wählte, sondern das Sabine ihn so anblökte. Schließlich hatten wir es ihm und seinem Ball zu verdanken, dass wir dieses Spiel spielen konnten. Mit dem Kreidestein zeichneten wir einen einen großen Kreis auf den Asphalt. Der Kreis wurde anschließend in Tortenstücke aufgeteilt. Sabine stand in ihrem Bulgarien, Martin in Deutschland, Elisabeth in Italien und ich in Dänemark. Wir losten aus, wer beginnen würde. Das Los traf Elisabeth. Sie bekam den Ball und rief alsdann: „Ich erkläre den Krieg gegen……“

Wir hielten alle den Atem an. Welches Land würde sie nun rufen? Sie warf den Ball in die Höhe, schrie als Ergänzung ihres angefangenen Satzes „Bulgarien“ und schon rannten wir alle weg, die nicht Einwohner Bulgariens waren. Sabines Aufgabe war es nun, den Ball schnellstmöglichst wieder aufzufangen, denn nur dann konnte sie Stopp rufen und uns zwingen, stehen zu bleiben. Hatte sie den Ball gefangen, und das hatte sie immer, dann musste sie einen von uns anderen Landbesitzern versuchen mit dem Ball zu treffen. Traf sie, und das tat sie ebenfalls immer, dann durfte sie zehn Schritte zum Kreis gehen und dem Getroffenen Land abnehmen. Irgendwann stand man nur noch mit einem Fuß im eigenen Land, weil einem mit Kreide viele Teile seines Landes abgenommen wurde. Aber das war dann meist eh der Garpunkt, an dem es Streit gab und wir uns ein neues Spiel suchten.

Verstecken haben wir auch oft gespielt. Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter mir, vor mir und neben mir gilt nicht. Ich komme… Sabine hatte allerdings eine neue Variante und so rief sie: „Ene, Mene, Mopel, wer isst Popel? Für eine Mark und achtzig, süss und saftig,
für eine Mark und zehn und Du kannst geh’n.“
Martins kleine Schwester hat da auch oft mitgespielt wurde stets als Erste gefunden, da sie sich immer am gleichen Ort, nämlich hinter unserer Gartenhütte versteckte. Einmal musste Elisabeth uns suchen. Ich saß unter dem Gartentisch, auf dem Sabines Mutter eine lange Tischdecke ausgebreitet hatte. Gewichte in Form kleiner Kirschen hatte sie drangehängt, damit die Tischdecke nicht wegflog. Ich hielt es für das perfekte Versteck. Wenn ich die Tischdecke ein wenig zur Seite schob, konnte ich Sabine hinter dem Holzstapel hocken sehen. Wir schauten uns aus Entfernung in die Augen, hielten uns beide einen Zeigefinger auf den Mund und warteten ab, bis Elisabeth um die Ecke kam. Es war dann aber nicht Elisabeth, die kam, sondern Sabines Mutter. Ich sah ihre nackten Füße in Birkenstockschuhen auf mich zukommen, in ihrer Hand eine Thermoskanne mit Kaffee. Es war eine von diesen großen Kannen, auf der ein großer Knopf zum Pumpen war. Als Kind, das zu gerne Knöpfe (Klingelknöpfe, Ampelknöpfe und sonstiges) drückte, war es schon eine große Herausforderung für mich, da unter dem Tisch still sitzenzubleiben. Ich schob meine Tischdeckengardine erneut zur Seite und sah zu Sabine. Diese sah aus wie eine Indianderin, die mir mittels einer Decke Rauchzeichen zukommen lassen wollte. Immer wieder gingen ihre Hände runter zum Boden, was bedeutete, dass ich auf jeden Fall in meinem Versteck bleiben sollte. Doch es kam ja noch schlimmer, denn als Sabines Mutter das nächste mal zum Tisch, unter dem ich saß, kam, da hatte sie ein ganzes Blech selbstgebackenen Bienenstich mit Puddingfüllung in der Hand. Ich wollte wieder zu Sabine schauen, um Anweisungen zu bekommen, da wurde ich von einer der gewichtigen Kirschentischtuchhalter an der Stirn getroffen und schrie „Autsch“. Sabines Mama schob das Tuch zur Seite, sah mich und fragte, ob ich auch einen Bienenstichkuchen haben wolle? Da war’s vorbei mit meiner Disziplin, ich kroch unter dem Tisch hervor, hob die Schultern, um Sabine zu suggerieren, dass ich nun mal nicht anders konnte und dann setzte ich mich voller Appetit auf ein Stück Bienenstich mit Puddingfüllung auf einen der bepolsterten Gartenstühle. Wie eine Königin saß ich da und wurde von den ankommenden Freundinnen von Sabines Mama freudig begrüßt. Sie hielten einen Kaffeeklatsch im Garten ab und ich bekam das größte Stück des Kuchens. Das konnte Sabine nicht auf sich sitzen lassen und so kam auch sie aus ihrem Versteck hervor, um ein Stück Kuchen zu essen. Elisabeth musste uns nicht mehr suchen, als sie ums Eck kam und uns da so bräsig an der Kaffeklatschtafel sitzen sah, da bekam auch sie einen Teller und Stuhl und Limo mit Strohhalm. Leider haben wir bei all der Völlerei völlig vergessen, dass Martin noch irgendwo in seinem Versteck hockte und nicht gesucht wurde. Das erledigte dann seine Mutter, die vom Balkon rief: „ Martin, komm rein, du musst baden!“ Es war sein Schicksal, immer wieder. Auch wenn wir sonst im Sommer auf der Straße spielten, dann war er der erste, der reingerufen wurde. „Voll die Babyzeit, jetzt geht doch noch keiner schlafen“, sagte Sabine dann und wir nickten ihr zu. Viel zu groß war unsere Erleichterung, dass unsere Mütter uns wirklich bis zum bitteren Ende draußen spielen ließen.

Am nächsten Tag ging es nach dem Frühstück sofort weiter. Irgendeine Idee hatten wir immer. Ein Indianerzelt im Garten aufstellen zum Beispiel. Jeder von uns hatte ein solches Tipizelt und wenn die oder der erste anfing, seines im Garten auf die Beine zu stellen, dann lief der/die andere zu sich nach oben, um die Mutter zu fragen, ob man die Wolldecke vom Sofa haben dürfe, um im Tipi nicht auf dem noch vom Morgentau feuchten Rasen sitzen zu müssen. Nach einer halben Stunde wußten wir, warum das Zelt die meiste Zeit in einem Keller- oder Dachbodenabteil ungeachtet herumlag, denn es sammelte sich die mittagliche Sommerhitze auf dem Zeltstoff und wir schwitzten darin, als wären wir in einer Sauna.

„Ich hole unseren Wäschekorb und dann füllen wir den mit Wasser, um uns abzukühlen!“ rief ich und rannte schnell nach oben. Der Wäschekorb war eigentlich eine kleine Wanne. „Und ich frag‘ meine Mutter, ob wir den Sonnenschirm vom Balkon haben dürfen“, rief Sabine und klatschte in die Hände. Den Schirm spannten wir dann auf, legten ihn ins Gras und breiteten die Decke darunter aus. „Urlaub im eigenen Garten“ nannten wir das. Die Wäschewanne mit kühlem Wasser stand 10 Meter entfernt von uns. Sabine rückte den Gartentisch ihrer Eltern an die Wanne heran und wir benässten unsere Badeanzüge mit Wasser. Alles, was wir im Schulsport doof fanden, nämlich das über einen Bock springen, taten wir hier im kleinen. Eingeseift mit Babyöl und Wasser setzten wir uns auf den Tisch und ließen uns in die Wäschewanne plumpsen. Was für ein Spaß. Danach ruhten wir uns auf der Wolldecke unter dem ungekippten Sonnenschirm aus und freuten uns des Lebens. So könnte es immer weiter gehen.

„Wollen wir Fangen spielen?“ fragte Martin und schon sprangen wir auf, um zu spielen. Die Frage war nur, welche Art von Fangen wir spielen wollten. „Automarken!“ rief ich. „Tiere!“ rief Sabine. „Farben“ sagte Elisabeth. Es war nämlich so: Alle Kinder liefen umher und wenn der Fänger im Begriff war, ein Kind anzutippen, musste man ganz schnell eine Automarke/Farbe/Tier rufen. Automarkenfangen fand ich immer toll, denn ich kannte als Kind viele Automarken, die die anderen nicht kannten. Vielleicht wurde aber gerade deswegen das Fangenspiel meist nur mit Farben, Tieren, Namen oder Ländern gespielt, wenn ich dabei war. An diesen Sommertagen war unsere Straße bis zum nächsten Regen vollgemalt mit Kreide, der Kirschbaum von uns leergepflückt, ein Fleck auf dem Rasen zeigte auf, wo das Tipizelt zu lange stand und Ameisen kümmerten sich um die Kuchenkrümel des Kaffeklatschtisches.

Wenn wir dann in unseren Betten lagen, die Füße schwarz, die Knie grün vom Rasen, die Wangen rot, das kleine Herz wild bubbernd wie das eines aufgeregten Vögelchens, dann waren wir so unglaublich zufrieden mit uns und der Welt. Meine Mutter setzte sich an mein Bett, wir redeten über den Tag, beteten, sangen und wenn sie dann meine Bettdecke aufschüttelte und diese wie eine Wolke auf mich herab sank, dann war ich schon auf der Reise ins Träumeland. Völlig müde und erschöpft und aufgeregt, was der nächste Tag mir wieder für Möglichkeiten bereithalten würde….

Habt alle schöne Sonnentage. Bleibt gesund oder werdet es. Fühlt euch lieb gegrüßt.

Herzlichst, eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Ene mene Mopel

  1. Wieder eine sehr schöne Geschichte. Man fühlt sich sofort in seine Kindheit zurück versetzt. Auch erinnere mich, dass wir immer auf der Straße gespielt haben. Wir sind dort Fahrrad gefahren oder Rollschuh gelaufen und haben natürlich auch Ball gespielt. Und meine Mutter musste so manches aufgeschlagene Knie verarzten. Denn das größte im Sommer waren für mich Kniestrümpfe und Sandalen. Liebe Grüße Annette

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