Bananenmatsch im Rucksack

Nun sind auch die Sommerferien im 16. Bundesland Deutschlands zu Ende und der Schulallag beginnt wieder. Wir wohnen direkt gegenüber einer Grundschule und wenn ich auf dem Balkon stehe, dann kann ich sie sehen, die jungen Schüler:innen, wie sie lesen, schreiben, lachen und musizieren. Aufgrund der Coronahygieneregelungen haben sie nun mehrmals am Tag das Fenster auf, so dass ich hören kann, was sie dort lernen. Gestern haben sie mit Kastagnetten Musik gemacht und ich stand so lange so fasziniert auf dem Balkon und hörte zu, dass ich mittlerweile sogar Noten lesen gelernt habe. Montagmorgen geht’s für uns mit Mathe weiter – ich glaube, da schwänze ich. 😉

Ist es nicht schön, wenn Schüler:innen sich auf den Unterricht freuen, wenn sie unbeschwert spielen und lernen und sich die Synapsen in ihrem Kopf verbinden? Mit einem leichten Seufzer dachte ich daran, wie das bei mir früher so war, und das war nicht immer so einfach….

Den Übergang von der Grundschule, also der vierten hin zur fünften Klasse der Integrierten Gesamtschule hat mich damals leicht verstört zurückgelassen. In der Grundschule war alles so klein, so heimelig, fast familiär. Unsere Klassenlehrerin unterrichtete uns in Lesen, Schreiben, Rechnen und Handarbeit. Nur für den Sachkundeunterricht, die Musik und den Sport übernahm eine andere Lehrkraft. Der Hausmeister hatte einen kleinen Kiosk, an dem wir Kakaotütchen mit Strohhalm kaufen konnten. Er schliff den Rost an den Spielgeräten ab und lackierte diese neu. Als das vierte Schuljahr sich dem Ende hin neigte, lud unsere Klassenlehrerin uns alle zu sich nach Hause ein. Im großen Troß fuhren wir alle mit unseren Fahrrädern zu ihr, wo wir mit gegrillten Würstchen, Limonade und Bonbontütchen verköstigt wurden. Es war eine tolle Zeit und dennoch freuten wir uns alle auf den neuen Lebensabschnitt, der mit dem Besuch der Integrierten Gesamtschule nach dem Sommer beginnen sollte…

Größer werden, Bildung erweitern, wachsen. Als ich in die fünfte Klasse kam, war mein Bruder schon 19 Jahre alt und deswegen nicht mehr in der gleichen Schule wie ich. Wie schade. Ich hätte gerne einen erfahrenen großen Bruder an meiner Seite gehabt, der mich beschützt und Dinge erklärt, denn an dieser Schule war so vieles so anders als in der Grundschule, die ich zuvor besuchte. Das fing bei dem Gebäude an. Es war einfach viel größer als unsere kleine Grundschule. Es gab so viele Flure, so viele Gänge und Klassenzimmer, dass ich mich am Anfang regelmäßig verlief. Einmal bin ich auf der Suche nach meinem Kursraum sogar aus Versehen im Hausmeisterkeller gelandet. „Ihr habt hier nix zu suchen!“ blaffte er mich an und klopfte seine Zigarre an einem getöpferten Aschenbecher ab, bevor er mich aus dem Raum schob, ohne zu fragen, ob er mir helfen könne. Ich schaute irritiert hinter mich, weil ich dachte, da wären noch weitere suchende Personen, da flog mir die Tür schon mit einem lauten RUMMS vor der Nase zu. An seinem Kiosk im Haupteingangsbereich der Riesenschule für Zwerge gab es keine Kakaotrinktütchen mit Strohhalmen. Es gab Chips und Erdnüsse und belegte Brötchen mit sehr viel Butter, auf denen sich die Ränder der Salami wellten und fettig tropften. Meine Mutter hatte mir in den ersten Tagen jeden morgen 30 Pfennige für die Schulkakaotütchen mitgegeben. Ein lieb gewonnenes Ritual meiner ersten vier Schuljahre hatte sich bei uns so wunderbar etabliert. Aber hier an der neuen Schule mit seiner großen Einganghalle, einem mauligen Hausmeister und den vielen Räumen gab es keine Trinktütchen zu kaufen. Ein Automat im Eingangsbereich versorgte alle Schüler:innen mit Fanta, Spezi, Cola oder Wasser. Gegen Entgelt versteht sich. 1 DM kostete ein Getränk und weil ich die ersten fünf Schultage keine Kakaotütchen kaufen konnte, hatte ich mir unfreiwillig eine DM zusammengespart. „Warum nicht?“ sagte ich zu mir selbst, als ich dann eines Tages vor dem Automaten stand. Ich hatte noch nie im Leben einen solchen Automaten bedient, aber hier war ein Bildungsort und ich konnte mich ausprobieren. Ich steckte die Münze in den Einwurfschlitz und wollte gerade meinen Zeigefinger ausstrecken, um damit die Taste mit einem von mir gewünschten Getränk zu drücken, da kam eine Horde „Wilder“ vorbei. „Wilde Jungs“, so berichtete ich es später beim Mittagessen meiner Mutter, hatten just in dem Moment, als meine Münze in dem Automaten verschwand, lachend und „wild“ alle Knöpfe des Automaten gedrückt, worauf dieser mir statt einer gewünschten Limo mit Prickeleffekt ein stilles Wasser ausschenkte. Ich war mächtig sauer.

Auf dem Schulhof aß man plötzlich keine mitgebrachten Schulbrote mehr, denn sonst wurde man als Baby mit Babybrot im mitgebrachten Babybrotbehälter gescholten. Allerdings kaufte und aß auch keiner die pappigen Käse- oder Wurstbrötchen in der Auslage des Hausmeisterkiosks. Sie öffneten ihre dort gekauften Chipstüten, reckten ihren Kopf gen Himmel und ließen die getrockneten Kartoffelerzeugnisse in ihre Hälse rieseln. Was waren das nur alles für Leute? Chips und Erdnüsse gab es bei uns nur an besonderen Tagen. Also wenn die Fernsehsendung „Wetten dass?!“ im Fernsehen lief oder Silvester gefeiert wurde, aber als Schulessen für die Pausen? Ich trauerte im Geheimen den vielen leckeren Broten meiner Mutter hinterher. Käsebrot mit frischer Salatgurke drauf, Kochschinkenbrote mit Minitomaten, und Bananen, auf denen sie mit Kuli schrieb, wie sehr sie mich liebt und mir einen schönen Tag wünschte. Allerdings machte mich das alles auch stärker. Denn ich entwickelte ein Mitgefühl für die Kartoffelchip- und Automatenallesdrücker und blieb bewusst dabei, dass ich auch weiterhin mein Babybrot in meinem Babybrotbehälter mit Liebesbotschaften meiner Mutter täglich dabei hatte. Vielleicht fehlte es den anderen da ja einfach nur. Zum Baby sein gehörte außerdem der Schulranzen, den man geschultert auf dem Rücken trug. Rucksäcke waren nun modern. Hach, es gab so viele neue Dinge.

Auf dem Gelände der Schule stand ein großes Schachspiel mit Figuren, die uns bis zur Hüfte reichten. Spielen durften wir damit allerdings nicht, denn der Hausmeister hatte Könige, Damen, Bauern und Pferde des Schachspiels weggeschlossen. „Wurden zu oft kaputt gemacht“, brummelte er. Hinter der Fussballtorwand rauchten die Großen heimlich, weswegen wir Kleinen dort lieber keinen Ball ins Loch schießen wollten, und Schaukeln oder Rutschen gab es nicht. Die Turnhalle war so riesig, dass man sie mittels einer herunterfahrbaren Trennwand in drei Hallen einteilen konnte. Hatte ich mich gerade noch gefreut, in der Turnhalle meine Freundin Jassi aus der Parallelklasse zu sehen, so trennte uns plötzlich die Wand.

Mit dem Besuch der neuen Schule gab es auch neue Bücher. Viele Bücher. Wir Schüler:inen bekamen alle einen Schlüssel für einen eigenen Spind/Schrank. Darin konnten wir die Bücher, die wir zum Hausaufgaben machen nicht benötigten, in unserem eigenen Bücherschrank lassen. Das war zwar praktisch, aber auch oft heikel. Ich mag gar nicht zählen, wie oft ich Bücher, die ich zu Hause brauchte, im Schrank vergessen hatte. Ein beliebter Satz von mir zu dieser Zeit lautete: „Ich kann meine Hausaufgaben leider nicht machen, weil das erforderliche Buch dafür in der Schule im Schrank liegt.“ Ich fand mich schlau, hatte aber nicht mit meiner Mutter gerechnet, die daraufhin sagte: „Dann gehst du rüber zu deinem Schulfreund in der Nachbarschaft und fragst, ob du das Buch ausleihen darfst.“ Schachmatt!

Diese Übergangszeit war nicht nur für mich anstrengend, auch meine Mutter kam eifrig ins Schwitzen. Denn jedes Buch, das man zum Schuljahresbeginn als Leihgabe ausgeteilt bekam, musste innerhalb einer Woche von den Eltern zu Hause in Folie eingeschlagen werden. Meine Mutter kann so unglaublich viel, aber das Einschlagen der Bücher mit Folie gehörte nicht dazu. Ein wenig genervt saß sie abends vor den Büchern und hatte mehrere Rollen Folie, Tesafilm, Schere und Lineal auf dem Tisch ausgebreitet, um die Bücher in die Schutzfolien zu verpacken. Sie nahm lieber nicht die selbstklebende Folie, da diese dazu führte, dass das Buch Pickel, also Luftbläschen bekam. Als sie das erste Buch eingeschlagen hatte und sich der Buchdeckel nicht mehr schließen ließ, da lachten wir uns beide den Stress weg. In den Jahren darauf atmete ich stets erleichtert auf, wenn ich bei der jährlichen Verteilung der Bücher wenigstens eines bekam, welches von den Vorbesitzern bereits in tolle, noch nicht kaputte Folie eingebunden war. Puh. Damit war der Stress allerdings nicht vorbei, denn zum Jahresende mussten alle Bücher wieder abgegeben werden. In tadelfreiem Zustand sollten sie sein und so sehr ich mich bemühte, meine Bücher stets gut zu behandeln, so kam doch immer mal wieder irgendetwas Blödes dazwischen….

Der „Westermann Weltatlas“ bildete in meiner Familie ein Mysterium. Jedes Jahr verschwand er im Bermudadreieck meines Kinderzimmers und war nicht mehr auffindbar. Wenn man Bücher nicht mehr hatte oder sie beschädigt hatte, musste man sie bezahlen und der Schulatlas war in der Preislage im oberen Segment einzuordnen. 25 DM kostete es, wenn man das Buch nicht in gutem Zustand wieder abgab oder nicht wiederfand. Die Sonntagabende nach den Ferien und vor dem Schulbeginn am Montag verbrachte ich rituell und völlig unfreiwillig damit, diesen Atlas zu suchen. In einem Jahr freute ich mich immens, denn ich hatte ihn gefunden. Hurra! Bereits am Montag hatte ich ihn in meinen Rucksack gepackt, obowohl die Schulbuchrückgabe erst am Freitag erfolgen sollte. Stolz wie Bolle war ich und trug fünf Tage lang dieses schwere Ding mit mir herum. „Hast du heute dein Obst gegessen?“ fragte mich meine Mutter täglich, wenn ich sie nach der Schule auf ihrer Arbeitsstelle besuchte. Sie hatte drei Jobs, denn unser Vater zahlte keinen Unterhalt, sie war alleinerziehend und musste für meinen Bruder und mich – in allem – ganz alleine sorgen. „Joah!“ antworte ich lässig wie ein Cowgirl auf die Frage nach dem gegessenem Obst und bat den lieben Gott abends im Bett beim Gebet um Entschuldigung für so viel Lügen. Am Freitag dann die Bücherrückgabe. Meinen Schatz, meinen nicht im Bermudadreieck verschollenen Schulatlas holte ich wie ein grinsender Gollum aus den Tiefen meiner Tasche und legte ihn stolz auf den Tresen der Schulbücherrückgabekontrolleurin. Er roch süßlich. Seit wann riechen Schulbücher süßlich? fragte ich mich, da ahnte ich bereits die Antwort auf diese Frage. Angewidert und mit spitzen Fingern ging die Schulbuchrückgabekontrolleurin durch die einzelnen Seiten meines Atlanten und konnte die Seiten zwischen Ost- und Westdeutschland nicht öffnen, weil diese durch gelben Brei zusammengeklebt waren. Ein Blick in meinen Rucksack reichte mir, um zu verstehen, was da vorgefallen war… „Hast du dein Obst gegessen?“ hallte die Stimme meiner Mutter mir nach, während ich auf die zermanschte, mit braunen Flecken übersähte Banane in meinem Rucksack hinabsah. „Die Banane hat mein ausgeliehenes Buch ruiniert!“ jammerte ich später meinem Bruder vor. „Hättest du sie gegessen, wäre das nicht geschehen“, antwortete dieser. So ein Mist. Abends im Bett haderte ich mit dem Obst, dem Atlas und der Schulbuchrückgabekontrolleurin. Ost- und Westdeutschland hatte ich zusammengebracht. Durch eine zerquetschte Banane. War das denn so falsch, dass ich dafür – schon wieder – 25 DM von meiner Mutter haben wollte?

Zum Glück fühlte ich mich in meiner Familie mit Mama und meinem Bruder immer gut aufgehoben. Das wir nun schon wieder Geld für einen Schulatlas zahlen mussten, war zwar ärgerlich, aber eben nicht mehr zu ändern. Natürlich wäre es schon schön gewesen, die anderen verschollenen Atlanten mal wiedergefunden zu haben, wenn man sie schon fast alle bezahlt hatte, aber warum sich damit abmühen, was nun mal nicht ist? Weil in unserer Schule ein jedes Schulkind auf der ersten Seite der Schulleihbücher stets seinen Namen eintragen musste, war meine Freude riesengroß, als ich eines Tages einen Atlas in den Händen hielt, der mal im Besitz meines Bruders gewesen war. Wenn ich schon als chaotische Steph meine Mutter oft herausforderte, dann war ihr anderes Kind wenigstens eines, das stets gut auf seinen Atlas aufgepasst hatte. Ich schlief soooo gut in dieser Nacht. Und überhaupt wurde danach vieles einfacher. Die große Schule war mir nicht mehr fremd. Ich verlief mich nicht mehr in den langen Fluren, wusste, wie man sich ein Getränk am Automaten zieht, schoß mit einem durch die Torwand gespieltem Fussball einem jugendlichen Raucher die Zigarette aus und knackte anschließend eine Rekordzeit im Weglaufen. Der grummelige Hausmeister bekam von mir einen neuen selbstgetöpferten Aschenbecher und mit den Chipsessenden Jungs dealte ich. „Du bekommst eine Banane, ach komm, ich bin heute gut drauf, du bekommst zwei Bananen von mir, wenn du meine Hausaufgaben erledigst. Meine liegen im Bücherschrank der Schule und ich weiß nicht, wo der Schlüssel liegt.“ 😉 Fazit: Alle waren zufrieden und keiner kam zu kurz. Ich finde es bemerkenswert, wie schnell man sich als Kind dann doch an das Neue gewöhnen lernt und das Fremde irgendwann zum Vertrautem wird.

Ich wünsche euch allen eine schöne Zeit. Bleibt gesund oder werdet es.

Herzlichste Eure Steph ❤

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