Erbsen im Kuchen

Der wöchentliche Speiseplan im Kindergarten war mal wieder sehr abwechsunglsreich. Zu essen gab es kleine Bäume, Unkraut und Mutanten. „Kein Piratenessen?“ fragte mich Timmi und verzog sein Gesicht. „Vielleicht nächste Woche“, vertröstete ich ihn. Als Erzieherin konnte ich sehr gut „kindisch“ sprechen. Ich wusste, dass Melissa gerne kleine Bäume (Brokkoli) aß, Timo den Geschmack von Unkraut (Sauerkraut) nicht mochte und Franzi sich stets freute, wenn es Mutanten (Tomaten) gab. Die Bezeichnung Piratenessen hingegen hatte ich eingeführt. Denn wenn es alle paar Wochen mal Hähnchenschenkel mit Pommes gab, teilte ich kein Besteck aus. „Hähnchenschenkel ist man immer mit der Hand“, sagte ich und zeigte ihnen, wie man eine Serviette um den Keulengriff wickeln kann, wenn man keine fettigen Finger haben wollte. Weil einige der Kinder dachten, dass ich mit meinen roten Haaren und den geringelten Strumpfhosen Pippi Langstrumpf in echt sei, glaubten sie auch, dass mein Vater König der Südsee wäre und ich mich mit Piratenessen gut auskannte.

Es sind immer wieder so lustige Sätze im Kindergarten gefallen, dass ich sie mir notierte, um sie ja nicht zu vergessen. Einmal bekam ich von jedem Kind zum Geburtstag eine kleine aus Papier gestaltete Schnecke geschenkt. Sie wussten, wie sehr ich diese Tiere mag und alle hatten unter der Anleitung meiner Kollegin ein kleines Schneckentier kreiert. Um den 25 wunderschönen Tieren ein nettes Zuhause zu geben, bastelte ich mir daheim aus grünem Tonkarton ein riesengroßes Salatblatt und hängte es in Ralfs und meinem Arbeitszimmer an die Wand. Die bunten Schnecken heftete ich in das große Salatblatt und irgendwann ergänzte ich das kleine Kunstwerk, in dem ich lustige Aussagen der Kinder – auf Notizblättern festgehalten – dazu hängte. Zum Beispiel das Gespräch zwischen Mia (4) und Ronja (4) während des Mittagessens. „Bäh, ist das scharf“, sagte Mia, als es an einem Tag chinesische Frühlingsrollen im Kiga gab. „Das ist doch nicht scharf!“ sagte Ronja und biss genüsslich in gleich zwei der Rollen. „Siehste, da is nix scharf.“ „Nee!“ stimmte Mia ihr zu. „Aber es juckt so im Mund.“ Ich musste innerlich so lachen, dass ich den Kugelschreiber kaum halten konnte, um mir diese witzige Anekdote zu notieren. Es gab ja noch mehr lustige Sätze rund um’s Essen.

So hatte Sascha (5) seinen Mund noch voll, als er sich mit seinem Teller erneut an der Essensausgabe anstellte. Seine Wangen waren so prall gefüllt, dass er aussah wie ein Eichhörnchen, das sich vor der Winterruhe noch ein paar extra Nüsse in die Backentaschen gesteckt hatte. „Moment einmal, du kaust ja noch“, stellte ich fest und sagte ihm, er solle sich wieder auf seinen Platz setzen und ganz in Ruhe zu Ende kauen, bevor er sich noch einmal mit seinem Teller anstellt. „Es ist genug für alle da!“ Er hob den Zeigefinger, um mir anzuzeigen, dass er gleich etwas sagen wolle, sofern er zu Ende gekaut hatte. Gespannt und im Vorfeld bereits amüsiert, was er gleich sagen wollen würde, schaute ich ihn an und wartete, bis sein Mund leer war. „Das mit dem Kauen war nicht ich, das waren meine Zähne!“ klärte er mich auf und ging mit seinem Teller Richtung Essensausgabe.

Oder Fritzi (3). Während der Aufräumzeit im Gruppenraum fragte sie mich, was es denn heute wohl zu Essen gäbe? „Eintopf“ antwortete ich ihr einsilbig. Ich war nämlich gerade unter großer Anstrengung damit beschäftigt, unter dem Bett der Puppenecke diverse Dinge wie Murmeln, Bügelperlen und andere Sachen, die dort nicht hingehörten, hervorzuholen.

Fritzi, die die Taschenlampe für mich hielt, damit ich besser unter das Bett sehen konnte, war entsetzt. Eintopf würde es geben, aber bei ihr kam das anders an. „Einen Topf?“ vergewisserte sie sich bei mir und schaute mich mit großen Augen an. Ich konnte mir sofort vorstellen, was in ihrem Kopf vorging. Einen Topf kann man doch nicht essen, oder? Zum Glück hat sie eine dreiviertel Stunde später erfahren, dass ein Topf/Eintopf sehr lecker sein kann.

„Ich will meinen Schorf!“ weinte Tobias (3) und stampfte mit seinem Fuß immer wieder fest auf dem Boden auf, um seiner absolut verständlichen Forderung Nachdruck zu verleihen. „Das kriegen wir schon hin“, versprach ich und ging mit ihm auf dem Arm ins Büro der Kindergartenleitung, denn dort stand ein Telefon. Ich würde seine Oma anrufen, denn diese könnte uns helfen, den Schorf zu bekommen. Eltern, denen wir dabei im Flur begegneten, schauten uns merkwürdig an. „Mein Schorf, mein lieber Schorf!“ jammerte und jaulte Tobias. Er tat mir schrecklich leid. „SCHORF?“ fragte die Etepetetemama von Constanze und sah ein wenig angeekelt aus. „Meine Güte, er hat seinen Frosch daheim vergessen“, sagte ich ihr im Vorübergehen, woraufhin sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig normalisierte. Zumindest wie es das gespritzte Botox in ihrem Gesicht zuließ.

Alexandra (6) hatte gerade eine Schwester bekommen. Alle ihre Kindergartenfreunde wollten wissen, wie das „neue“ Baby aussieht. „Im Moment hat sie blaue Augen, aber meine Mama sagt, dass könne sich noch ändern“, erklärte sie. „Vielleicht kriegt sie rote Augen“, grübelte Samantha (4). „Hmmmh…ja, aber das würde nicht so gut zu ihr passen“, antwortete ihr Alexandra.

Richtig klasse fand ich es, als Flori (fünfeinhalb) mir beim Tragen einiger Kisten zur Vorbereitung für ein großes Fest half. „Du bist ja stark“, lobte ich ihn. Darauf sagte er sehr selbstbewusst: „Na klar, ich bin ja auch schon halb sechs!“ Die Sache mit dem Alter fand ich generell sehr witzig, denn den Kindern ist nur ihr eigenes Alter wichtig. Wir feierten meinen Geburtstag und meine Kollegin fragte die Kinder, wie alt ich wohl geworden bin. Von 60 bis 90 Jahre waren viele Altersangaben dabei, aber keine traf auf mein wirkliches Alter, der 30 zu. Wie sich das anfühlt, durfte mein Mann Ralf ein paar Tage später am eigenem Leib erfahren. Neben seinem Studium arbeitete er als Hausmeister in dem Kindergarten, in dem ich als Erzieherin tätig war. „Du wirst abgeholt!“ rief Kathi (4) und freute sich augenscheinlich sehr für mich. „Dein Papa ist da!“ ergänzte sie und zeigte auf Ralf. Sein verdutztes Gesicht war ein Bild für die Götter. „Freu dich doch, als mein Papa bist du schließlich der König der Südsee“, lachte ich.

Mit dem lieben Gott beschäftigten sich viele der mir anvertrauten Kinder. Kein Wunder, schließlich waren wir in einem evangelischen Kindergarten und ich hatte einen Bildungsauftrag zu erfüllen. So fragte mich eines Tages Juli (5), ob ich ihm noch einmal die Geschichte mit der Marita erzählen könne? Angestrengt dachte ich nach, was er meinte. In der Bibel kam doch keine Marita vor? Doch zum Glück gab Juli mir eine kurze Inhaltsangabe und half mir somit auf die Sprünge. „Na, die Sache mit dem Mann, der dem armen Menschen am Straßenrand so toll geholfen hat. Die anderen Leute haben ihm nämlich nicht geholfen, obwohl sie auch immer im Gottesdienst waren!“ Da fiel mir ein, was er meinte: Der barmherzige Samariter. Ein paar Tage später las ich den Kindern die Reisegeschichten des Hasen Felix vor und wollte ihnen anschließend auf dem Globus zeigen, wo das Land liegt, in das der Hase Felix gereist ist. Dummerweise fand ich das Land nicht sofort. „Ach, wie toll wäre es, wenn wir jetzt den lieben Gott fragen könnten“, seufzte Nane (6), „schließlich kennt der sich mit der Welt doch sehr gut aus!“

Zuweilen war es auch sehr lustig zu bemerken, welchen Bezug die Kinder zu ihren Anziehsachen haben. Annika (5) wollte mit Aurelia (5) nicht mehr Pferdchen spielen, denn „das tut meiner Kapuze vom Anorak immer weh.“ Ich habe daraufhin ein Pferdegeschirr, welches extra für Kindergärten hergestellt wird, gekauft, damit sie sich gegenseitig beim „Pferdchenspielen“ nicht mehr an der Kapuze zogen.

Mimi (4) steckte sehr oft ihre Hände in die Hosentaschen. Als der Kindergartenfotograf beim jährlichen Gruppenbild darum bat, dass sie die Hände aus den Taschen nehmen solle, sagte sie, dass ginge nicht, weil es in ihren Taschen so gemütlich sei. Und Christiane zeigte mir stolz die Schuhe die sie am Vortag mit ihrer Mutter eingekauft hatte. „Die sind wild!“ raunte sie mir zu. „Es sind Wildlederschuhe“, klärte mich ihre Mutter lächelnd auf.

Es gibt noch so viele schöne Erinnerungen aus dem Kindermund, dass ich euch daraus in Zukunft bestimmt noch weitere Ereignisse berichten kann. Der Titel der Geschichte entspringt der Tatsache, dass ich als Kind nie Erbsen im Kuchen haben wollte und auch heute mag ich Rosinen in Torten, Kuchen oder im Müsli nicht so gerne. „Der Teppich soll weg!“ sagte ich zu meiner Mutter, wenn diese mir einen Pfirsich zu essen gab. Ich mochte es nicht, in die Auslegware dieses kleinen „Apfels“ zu beißen. Wenn meine Mutter den Anfang machte, ging es allerdings. Ich glaubte als Kind, dass meiner Oma die Ostsee gehörte und wir deswegen keine Kurtaxe am Strand bezahlen müssten. Überhaupt beschäftigte mich das Leben meiner lieben Großeltern sehr. Meine Mutter berichtete mir mal, dass mein Opa als junger Mensch aus der Stadt, in der er geboren war und lebte, flüchten musste. Sie musste mir als vierjähriges Kind, das ich war, gar nicht mehr erzählen, für mich war längst alles klar. Denn meine Oma hieß Gretel. Im Umkehrschluß bedeutete dies, dass mein Opa eigentlich Hänsel hieß und nicht, wie er immer sagte, Günter. Das war bestimmt nur ein Tarnname, damit die olle Hexe aus dem Lebkuchenhaus ihn nicht fand. Vor der war er ja auch geflohen. Wie traurig war es später im Leben zu erfahren, dass er aus Königsberg fliehen musste, nicht Hänsel hieß und nie an einem Lebkuchenhaus genascht hatte. Das holte ich als Enkelin dann mit ihm nach. Als Kind denkt man anders. Da ist noch viel magisches Denken mit dabei und weniger Logik. Ich finde das sehr schön und freue mich mit den Kindern über ihre Welt und wie sie sie erleben. Im übrigen ist Ralf heute in manchen Situationen noch so: Wenn ich mich am Tisch stoße, schimpft er mit dem Tisch. Nie würde er mir Fehler zuschieben, eher sind die Möbel schuld.

Ich wünsche euch eine schöne neue Woche. Vielleicht erinnert ihr euch selbst an lustige Aussagen, die ihr getroffen habt oder Denkweisen, die ihr als Kind hattet. Oder aber ihr habt selbst lustig schöne Wortspiele von euren eigenen Kindern im Kopf. Zum Schluß habe ich noch eine kleine Anekdote. Wie fast jedes Kind liebte ich Rituale, denn sie gaben mir Sicherheit. „Aber wie sonst!“ sagte ich stets zu meiner Mama, wenn diese mir Essen kochte. Es sollte heißen, dass ich es „wie immer“ haben wollte. Die Nudeln immer mit Tomaten- und nicht mit Käsesoße, die Bratwurst immer mit Kartoffelbrei nicht mit „Kartoffeln am Stück“, den Spinat immer mit Spiegel-, nicht mit Rührei. „Aber wie sonst!“ wurde bei uns zum geflügelten Wort für alles was so bleiben soll, wie es war. „Liebst du mich?“ fragte meine Mama mich oft, wenn sie mich abends zu Bett gebracht, mit mir gebetet und vorgesungen hatte. „Aber wie sonst!“ ist auf diese Frage bis heute meine Antwort.

Herzlichst eure Steph ❤

6 Kommentare zu „Erbsen im Kuchen

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