Das Schlummerwölkchen

Ist es nicht komisch, dass man als Kind so ungerne Mittagschlaf hält, während man es als Erwachsener so gerne täte? Ein halbes Stündchen Ausruhen am Mittag, sich dem Tief, das einen ereilt, hingeben und danach gestärkt den weiteren Tag bewältigen. Das wollte ich auch so gerne, aber es klappte bei mir nicht. Inzwischen weiß ich, was ich falsch gemacht hatte, aber dazu später mehr…

Wie ihr als meine Leser:innen wisst, habe ich mich vor drei Jahren in eine Reha-Klinik begeben, um meine Depression, mein Burnout behandeln zu lassen. Ich hörte dort, dass Schlaflosigkeit, wie sie mich jede Nacht ab 4:30 Uhr begleitete, die Depression verstärken kann. Wer nicht gut durchschlafen kann, dem fehlt es an Energie. Mir wurde angeraten, in dieser Phase der Krankheit dem Schlaf am Tag nicht nachzugeben. Also kein Mittagspäuschen. Nur so könnte ich abends richtig müde zu Bett gehen und durchschlafen. Ich hatte kein Problem mit dieser Ansage, denn Mittagschlaf hielt ich nie und das hatte einen Grund. Wenn ich diesen mal gehalten hatte, dann fühlte ich mich danach noch viel müderer und irgendwie auch so ein bisschen matschig.

Als Kind stand ich mit dem Mittagschlaf auf Kriegsfuß. Gefühlt war ich nie müde und musste dennoch ins Bett. Wenn ich mal wieder völlig überdreht war, Blödsinn veranstaltete oder mich zankte hieß es stets: „Rollo runter, ab ins Bett!“ Ich fand das furchtbar. Bestimmt würde ich etwas Tolles verpassen. Bestimmt müssten alle anderen Kinder nicht am Mittag schlafen, bestimmt würden sie etwas ganz Tolles unternehmen, während sich die Rolläden in meinem Kinderzimmer am hellichten Tag schlossen. Mein Jammer war stets groß. Dabei spielten die anderen Kinder gar nicht ohne mich. Sie warteten, bis ich aufgewacht war. „Die Stephi schläft noch, aber du darfst sie gerne aufwecken“, sagte meine Mutter zu unserem Nachbarskind Sabine, als diese bei uns an der Tür klingelte. Sabine war genau zwei Jahre älter als ich und wohnte mit ihren Eltern auch in unserem Haus. Damals war ich zweieinhalb und Sabine viereinhalb Jahre alt. Sie mochte mich, weil ich ihr kleines Baby war, das sie im Kinderwagen, später Buggy umherfahren und sich um mich wie eine Puppenmutti kümmern konnte. Strahlend betrat sie mein dunkles Zimmer, um mich aufzuwecken und aus dem Bett zu holen. Grün im Gesicht kam sie zwei Minuten später wieder heraus und klopfte meiner Mutter in der Küche auf den Arm. „Die Stephi hat Kaka ins Bett gemacht“, berichtete sie und verzog ihr Gesicht. „Aber sie hat doch eine Windel an!?“ sagte meine Mutter. „Nee, nicht mehr“, meinte Sabine und rümpfte erneut ihre Nase. Schnell nahm meine Mutter ihre Hände aus dem mit heißem Wasser gefüllten Spülbecken und trocknete sich im Gang zu meinem Kinderzimmer die Hände an einem Geschirrhandtuch ab. Das Handtuch schmiss sie sich über die Schulter, als sie die Rolläden an einem Gurt hochzog und dann sah sie das Schlamassel. Heute noch sage ich meiner Mutter, dass diese Aktion sicherlich eine Protestaktion meinerseits gegen ihre Mittagsschlafanordnungen war. Sie hingegen sagt, sie hätte zuvor noch nie eine solche Sauerei gesehen und es hätte zwei Stunden gebraucht, um alles wieder sauber zu bekommen. Doch was war vorgefallen? Ich hatte mich meiner vollen Pampers entledigt und den Inhalt schön gleichmäßig an die Gitterstäbe meines Bettes verteilt. Wie ein Maurer, der den Mörtel aufträgt, ging ich vor und weil ich in der Dunkelheit nichts sah, ging ich besonders gründlich vor. Hier noch ein bißchen und da noch ein bißchen und dann kam Sabine, um mich zu wecken. Sigmund Freud hätte seine wahre Freude an meinem Verhalten gehabt.

Das ist alles lange, lange her und heute mache ich sowas nicht mehr. 😉 Es ist, wie ich im Eingangstext schon schrieb, mir heute unverständlich, wie ich mich als Kind immer wieder so vehement gegen einen kleinen Mittagschlaf sträuben konnte. Was gäbe ich heute für ein kurzes Schläfchen, wenn das Mittagstief seine Finger nach mir ausstreckt. Und dann hatte ich neulich ein Schlüsselerlebnis. Der Pfarrer, der unsere Tochter damals zu Grabe getragen hatte und anschließend zu unserem Freund wurde, war mit seiner Ehefrau zu Besuch bei uns im Norden. Wir erlebten eine unglaublich schöne Zeit zu viert. Als wir an einem Tag an der Strandpromenade in einem Strandkorb saßen und uns unterhielten, da faltete eben dieser Freund seine Hände, legte seinen Kopf ein wenig nach hinten und machte ein Nickerchen. Ralf und ich hätten das gar nicht bemerkt, weil wir gerade mit seiner Frau Fotos anschauten, doch dann zeigte sie plötzlich lächelnd auf ihren Ehemann und sagte: „Gleich wird sein Kopf nach hinten wippen und dann ist er auch schon wieder wach.“ Und ja, genauso war es. Er klatschte einmal kurz in die Hände, setzte sich aufrecht hin und war sofort wieder im hier und jetzt. Fasziniert starrte ich ihn an und wollte das Rezept für einen solch tollen Mittagsschlaf haben. Wie ich bereits schrieb, wäre ich danach zu nichts mehr zu gebrauchen. Fragen konnte ich ihn nicht, denn energiegeladen wollte er sofort noch mehr von unserem schönen Städtchen sehen.

Abends im Bett erinnerte ich mich dank des Erlebnisses mit unserem Freund schließlich an meine ehemalige Kollegin aus dem Kindergarten. Wir arbeiteten zusammen in einer Gruppe. Wenn sie Mittagspause hatte, machte sie immer ein kleines Schläfchen und das nicht irgendwo, sondern in unserem Gruppenraum. Das war überhaupt kein Problem, denn dann befand ich mich mit den Kindern draußen im Garten. Die Kinder wussten auch um die Umstände und wenn eines von Mama oder Papa abgeholt wurde, dann ging es auf Zehenspitzen durch das Zimmer, wenn es selbstgemalte Bilder oder Bastelsachen aus seinem Fach zu holen. Der eindrücklichste Beweis dafür, dass Kollegin Maria Mittagsschlaf hielt, war der, dass ihre Beine aus der Kuschelecke herausbaumelten, weil sie zu groß für diese war. Sie „schlief“ immer nur 10 Minuten und war danach frisch wie der frühe Morgentau. Jetzt, wo ich daran dachte, fiel mir auch ein, dass ich sie damals bewundert fragte, wie sie das macht. „Also wenn ich daheim am Wochenende mal einen Mittagsschlaf halte, dann dauert der eine Stunde und danach bin ich matschig wie eine Erdbeere, die im Obstkorb ganz unten liegt“, sagte ich. „Ich könnte einfach weiterschlafen“, ergänzte ich. Da führte sie mich in ihr Geheimnis ein und ich weiß nicht, wie ich das all die Jahre vergessen konnte. „Ich lege mich gemütlich in die Kuschelecke und nehme meinen Schlüsselbund in die eine Hand“, berichtete sie. „Dann döse ich ein und alle meine Muskeln entspannen sich. Sobald der Schlüsselbund mir dann aus der Hand fällt, wache ich automatisch wieder auf . Dieses kurze Schläfchen hilft mir, um mich wieder ganz auf meinen Alltag zu konzentrieren. Powernapping nennt man das.“ Ach sooo?

Letzte Woche war unglaublich viel los bei uns. Die Handwerker waren mit unserem Vermieter vor Ort, da eines unserer Fenster nicht mehr richtig schließt. Es wurde viel beraten, beäugt und vereinbart. Ich spürte die Müdigkeit am Mittag in mir und als die Fensterbauer, Maurer und der Vermieter wieder weg waren, da wollte ich das auch mal ausprobieren mit dem Powernapping. Der Fernsehr lief im Hintergrund, als ich der Müdigkeit nachgab und meine Augen schloß. Doch würde ich ohne Wecker nach nur 10 oder 15 Minuten wieder aufwachen? Das Experiment musste abgebrochen werden, denn der aufmerksame Ralf stellte sofort den Fernseher leiser, als er sah, wie ich meine Augen schloss. „Lass das doch, ich will das so“, jammerte ich. Es war nur lieb gemeint, aber wenn plötzlich Ruhe um mich herum herrscht, dann werde ich erst recht aufmerksam. Alte Erzieherinnenkrankheit.

Wagemutig probierte ich das mit dem Powernapping am nächsten Tag erneut. Der Fernseher lief, von der offenen Balkontür her kamen Geräusche vorbeifahrender Autos und singender Vögel. Ich nahm unsere

Wohlfühldecke, die so groß wie zwei Tischdecken für 12 Personen war, legte mich auf das Sofa und formte mir ein Kopfkissen zurecht. Nun könnte ich gut mal eben für ein paar Minuten wegnicken. Leider hatte ich bei diesem Test einen schlechten Tag. Ich war nämlich kopfmäßig überhaupt nicht bereit, zu nickern. Vielleicht brauchte ich an diesem Tag auch einfach mal keinen Mittagsschlaf. Ich dachte anfänglich ja, der Schlaf würde mich einfach so ereilen, aber das tat er nicht. In meinem Kopf war Halli Galli.

Da kam mir eine Idee: Ich könnte meine Phantasie nutzen. Erst einmal nahm ich wahr, wie gemütlich ich da nieder lag. Mmmmmh, kuschelig. Dann stellte ich mir vor, ich würde auf einer großen flauschigen Wolke liegen. Hach, war das schön. Schnell streifte ich noch die Socken von meinen Füßen, denn ich kann nur barfuß schlafen. Das ist schon immer so. Ich brauche nackte Füße, denn seit meiner Kindheit nehme ich stets einen Bettdeckenzipfel zischen meine Zehenzwischenräume und reibe diese hin und her. Funktioniert super, so lange man keine Katze im Haus hat. Denn meine tierische Schwester Jule, Katze meiner Mutter, glaubte immer, es würde sich eine Maus unter meiner Bettdecke befinden, sodass sie stets auf meine verdeckten, sich bewegenden Füße schlug. Keine Katze, der Fernseher lief und die Balkontür war auf.

Ich lag auf meiner Wolke und wollte schlummern. Hach, war das schön. Aber dann kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn die Wolke, auf der ich lag, umherziehen würde? Sowas mag ich doch gar nicht. Nicht mal im Auto oder anderen Verkehrsmitteln kann ich schlafen, wenn sie sich bewegen. „Halt an, Wolke, halt an!“ sagte ich in Gedanken, aber sie hörte mich nicht. Ich müsste sie irgendwo festbinden, doch wo? An einem Laternenpfahl vielleicht? Ach nein, da rutscht das Halteseil dann ab. An einem Baum? Aber nein, denn dann würde ich die Elstern in ihrem Nest stören. Hmmmm, es müsste mir noch eine gute Idee in den Sinn kommen. Nicht, dass ich auf meiner kuscheligen Wolke noch über die Stadt flog. Wenn mich da jemand sähe! Ist doch total peinlich, wenn man da auf seiner Wolke rumschwebt und von anderen, die zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs sind, beim Nickerchen machen gesehen wird. Und ich kenne ja auch so viele Leute. „Huhu Steph, was machst du denn da oben?“ „Ach, ich hänge hier so’n bißchen ab.“ Und wenn man dann vielleicht noch versehentlich sabbert im Schlaf, nicht auszumalen, wie unangenehm das wäre. Und überhaupt, halten Wolken das eigentlich aus? Nicht, dass es dann duch die Wolke durchtropft und die Leute unter mir nass werden. Ich konnte mir schon vorstellen, was sie sagen würden. „Na super, nur weil das Fräuleinchen ein Nickerchen macht und dabei Speichel verliert, werden wir hier unten nass.“ Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Zunächst müsste ich mal dafür sorgen, dass meine Wolke, die ich inzwischen liebevoll ‚Flauschi‘ getauft hatte, nicht durch die Gegend flog. Mit einem Magneten könnte ich sie an der Dachrinnne festmachen. Haha, super Idee! Doch wo würde ich einen Magneten herbekommen? Hat der Obi Baumarkt noch auf? Warum kann ich nicht zaubern, ich bin doch in meiner Phantasie? Pan Tau konnte zaubern und Bibi Blocksberg hexen. Ich kann nur denken. Haaach, wann kommt er denn, der Schlaf? Wie bekommen das andere hin? So viele Fragen und keine Antworten. Ohje, in all der Aufregung habe ich vergessen, dass ich gar kein Gitter um meine Wolke habe. Was ist, wenn ich mich von einer Seite auf die andere lege und dabei von der Wolke ‚runterfalle? Werden die Brokkolibäume mich dann auffangen? Brokkolibäume, hihi. Dem Ralf habe ich zu einem seiner Geburstage mal eine Fahrt im Heißluftballon geschenkt und er nahm die Videokamera mit, um anschließend zeigen zu können, wie unsere Stadt und das Umland aus der Höhe aussehen. Dass die Bäume wie Brokkoli aussahen, habe ich sofort bemerkt. Mist, ich habe ja Angst vor der Tiefe, wie kann ich denn da auf einer Wolke umherschweben? Schon wieder eine Frage. Ich bin total genervt von meinem Kopf. Ach halt, ich hänge ja mit einem Magneten an der Dachrinne fest. Selbstgewollt. Wo hatte ich jetzt noch den Magneten her? Grübel. Egal, so nah an meinem Wohnhaus fühle ich mich sicher. Hauptsache, die einbeinige Möwe, die uns jährlich im Winter besucht, kommt jetzt nicht vorbei und knabbert das Seil durch. Dann würde ich fallen und im Vorgarten steht mein Fahrrad, auf das ich plumpsen würde. Ach herrjeh, mein schönes grünes Pferdi Fahrrad. Erschrocken und völlig durcheinander setze ich mich auf. Das war wohl nix.

Dann kam der Sonntag. Wir frühstückten gemütlich, schauten ‚Shaun das Schaf‘ im Fernsehen und lachten über die lustigen Erlebnisse dieser Folge. Ralf räumte den Frühstückstisch ab, ich las in einem Buch und gegen Mittag überkam mich plötzlich die Müdigkeit. „Hallo, Frau Kleinäugelein“, hörte ich Ralf noch sagen, da war ich dann auch schon weg. Unterwegs im Träumeland auf meiner Schlummerwolke. Zehn Minuten später öffnete ich die Augen, schaute auf die Uhr und sah, dass ich wirklich nur kurz genickert hatte. Völlig aufgedreht war ich nach diesem Erlebnis. „Ralf, ich habe es geschafft, ich kann jetzt auch Powernappen!“ rief ich und tanzte im Wohnzimmer herum. „Ich fühl mich gar nicht matschig, ich kann jetzt endlich auch so „nappen“ wie die anderen!“ Ach, es war so herrlich. Nun habe ich keine Angst mehr vor dem Schlaf am Mittag und fühle mich nicht schlecht, wenn ich dem nachgebe. Danach bin ich gar nicht im Eimer, sondern wieder ganz frisch für neue Taten. Was für eine schöne Erfahrung, die ich als Erwachsene haben durfte. Ich bin schon sehr gespannt darauf, was ich noch so erlernen kann.

Herzliche Grüße, Eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Das Schlummerwölkchen

  1. Wunderbar geschrieben, wie immer liebe Steph. Bravoooo für den Erfolg. Dieses kurze Nickerchen gelingt mir auch nicht so oft. Ich habe das Gefühl, dass Männer das viel besser können. Die schlafen auch irgendwie abends problemlos ein, ohne noch an dieses oder jenes denken zu müssen. Wenn mein Mann sagt, ich bin müde und sich hinlegt, dann kann ich gerade mal bis drei zählen und dann ist er auch schon weg :-). Was für ein Segen. Darum beneide ich ihn wirklich sehr. Liebe Grüße, Monika

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