Der Esskasper

„Kind bei Tisch, stumm wie Fisch!“

„Ist das Brot so schwer, dass du es mit beiden Händen halten musst?“

„Schlürfen verboten!“

„Mit dem Essen spielt man nicht!“

So viele Regeln, wie soll man sich die als Kind nur merken? Ich war vier Jahre alt und ging in den Kindergarten. Meine Kindergärtnerin war krank, weswegen wir nun eine Vertretung hatten. Frau Mecker war sehr streng und ließ uns wenig durchgehen. Sie sagte immer, wir sollen bitte und danke sagen, aber sie selbst tat es nie. „Holt eure Brottaschen, wir wollen frühstücken!“ befahl sie und schon liefen wir in den Flur, um unsere Taschen zu dem Frühstückstisch zu bringen. Folgsam setzten wir uns hin und warteten auf das Tischgebet, welches wir gleich zusammen aufsagen würden. „Piep, piep, Mäuschen, komm aus deinem Häuschen. Frisst du mir mein Butterbrot, kommt die Katz‘ und beißt dich tot. Piep, piep, piep, guten Appetit.“ Ich fand den Spruch ganz schlimm. In meiner Phantasie war das kleine Mäuschen eine Heldin, die nicht totgebissen wurde, sondern die selbst biss. Hihi. „Bevor ihr zu essen beginnt, wartet ihr, bis ich allen von dem warmen Pfefferminztee eingeschenkt habe!“ sagte sie und schaute streng in die Runde. Da hatte ich allerdings schon meine Brotbüchse geöffnet und sowohl gesehen als auch gerochen, dass meine Mama mir meinen Lieblingsaufstrich auf das Brot geschmiert hatte. Leberwurst. Für Leberwurst hätte ich als Kind meinen eigenen Bruder, für den ich stets voller Liebe war, verkauft. Beim Metzger wollte ich keine Scheibe Wurst auf die Hand, ich wollte Leberwurst am Stück. Verstohlen schaute ich auf das Brot, welches ich unter dem Tisch in der Hand hielt. Dann drehte ich mich herum, um zu sehen, wo Frau Mecker war und als ich sah, dass sie noch drei Tische entfernt war, da puhlte ich mit dem Finger ein Loch in mein Brot und leckte an meinem Finger. Keiner verpetzte mich, denn ich hatte erzählt, dass Bud Spencer mein Onkel und oft bei uns zu Besuch sei.

Außerdem hätte ich wegen meiner roten Haare Zauberkräfte und keine Hemmungen, sie einzusetzen. „Die Hände liegen auf dem Tisch, die Ellebogen nicht!“ rief Frau Mecker und sofort zuckten viele Hände unter den Tischen hervor und legten sich brav neben den Frühstücksteller aus Plastik. „Auch du!“ sagte sie. Ich wusste immer nicht, ob sie mich anschaute, denn sie hatte einen Sehfehler, bei dem das eine Auge in die andere Richtung als das andere schaute. „Du da!“ sprach sie erneut und meinte wohl mich. Weil sie nur zur Vertretung kam, konnte sie sich nie unsere Namen merken. Ich steckte in einem Dilemma, denn meine Hände hielten unter dem Tisch die geöffnete Brotbüchse auf den Knien fest. Ein zweites Loch war in dem Brot entstanden und ich hatte meinen Leberwurstfinger noch nicht abschlecken können. Musste ich nun Angst haben vor der Reaktion von Frau Mecker? Ich wusste es nicht, fühlte aber, dass sie das bestimmt nicht gutheißen würde. Die kleine Mandarine in meiner Brotbox tröstete mich, denn sie strahlte mich an. Meine Mutter hatte ihr mit Kugelschreiber zwei Augen, eine Nase und einen lachenden Mund aufgemalt. „Hände auf den Tisch!“ befahl Frau Mecker und weil alle meine Freunde ihre auf dem Tisch hatten, musste tatsächlich ich gemeint sein. Langsam wie ein Räuber, der sich ergibt, holte ich meine Hände und die geöffnete Brotbüchse hervor und legte alles auf den Tisch. „Das kann ja wohl nicht wahr sein, du hast ja schon gegessen!“ polterte Frau Mecker. Im Zimmer war es still wie in einem Saloon zum High Noon. „Das war ich jawohl mal gar nicht!“ rief ich mutig und schaute sie direkt an. „Und wer soll das sonst gewesen sein?“ fragte sie, die Kanne mit dem warmen Tee in der Hand schwingend. Meine Kindergartenfreunde schauten mich atemlos an. Wären wir wirklich in einem Westernfilm, dann wären sie der Klavierspieler, der verstummt, der Barmann, der die Theke poliert, die Showtanzgruppe, die aufhört zu tanzen.

„Das war das kleine Mäuschen“, antwortete ich. „Das wohnt in meiner Brottasche und frisst mir kleine Löcher in mein Brot!“ Frau Mecker stieß einen spitzen Schrei aus, knallte die Kanne auf den Tisch und nahm mir mit dem Pinzettengriff die Brottasche weg, um sie angeekelt auf die Außenfensterbank unseres Gruppenraumes zu legen.

Genervt kam ich nach Hause und hatte so schlechte Laune, dass meine Mutter mich am liebsten zum Mittagsschlaf ins Bett gesteckt hätte. Aber es gab ja erst noch Mittagessen. „War irgendwas im Kindergarten?“ fragte sie und rührte in den Kochtöpfen herum. Mir saß die humorlose Begegnung mit Frau Mecker noch so in den Knochen, dass ich die Situation nicht schon wieder in meinem Kopf haben wollte, also sagte ich: „Nö, nichts!“ Selbst wenn ich wollte, wie sollte ich beschreiben, was da passiert war? „Mit dem Essen spielt man nicht!“ hatte Frau Mecker gesagt, als sie bemerkt hatte, dass ich kein Kleintier in meiner Tasche beherberge und das gefrässige Mäuschen ich selbst war. Es war nämlich so, dass wir daheim ganz oft mit dem Essen spielten und unsere Mama das nicht schlimm fand.

Wenn es bei uns daheim Kartoffelbrei mit Rührei und Spinat gab, dann beförderte ich mit meier Kindergabel zunächst den Spinat auf den Kartoffelbrei, um anschließend „Mähdrescher“ zu spielen. Beim Mähdrescherspiel musste das Kartoffelfeld abgeerntet werden. Die Gabel war dabei das große landwirtschaftliche Gerät, welches durch den Kartoffelbreiacker pflügte und die Ernte gleich beim Endverbraucher, also bei mir im Mund, ablieferte. Das Rührei war der Feldweg. Gab es Rouladen mit brauner Sauce, Rotkohl und Kartoffeln, dann baute ich mit den Kartoffeln stets einen Soßendamm, der verhindern musste, dass die Soße sich mit dem Rotkohl vermischte. Ich liebte es, kleine Erbsen auf die Zinken meiner Gabel aufzuspießen, um anschließend zu rufen, ich sei eine Königin mit Dreizack. „Den hat nur Neptun“, sagte mein Bruder. „Na dann bin ich eben König Neptun!“ Wenn wir in meiner Familie miteinander aßen, dann war das nicht nur pure Nahrungsaufnahme. Dann saßen wir gemeinsam bei Tisch, lachten, erzählten uns vom Tag und genossen.

Vielleicht war ich deswegen ein bisschen verschreckt, als ich bei meiner Kindergartenfreundin Heidi zu Besuch war. Dort durfte man bei Tisch nicht reden und auch nichts trinken! „Kind bei Tisch, stumm wie’n Fisch!“ machte mir ihr Vater klar, als ich während des Essens aufgeregt erzählen wollte, was wir zuvor Lustiges auf dem Spielplatz erlebt hatten. Diese Regel war mir völlig neu und kam mir auch sehr komisch vor. Bei uns daheim freute sich meine Mama immer, wenn ich was erzählte und mein Bruder lachte oft über meine Geschichten. Hier allerdings kam keine Stimmung auf. Gabeln kratzten über das Geschirr, man kaute, schluckte und schaute nur auf seinen eigenen Teller. Ich passte mich den Umständen an und schaute auf meine Portion, die irgendwie nicht weniger werden wollte. Der Drang zu reden, dieses viel Erlebte, das ihn mir steckte, loszuwerden, aber nicht zu dürfen, blies sich in mir auf und durfte dennoch nicht raus. Völlig unkontrolliert wollte es aber nunmal raus. Meine Beine zappelten unter dem Tisch der Stummen hin und her. Wie damals, als ich bei der Beerdigung meines Urgroßvaters in der Kirche still sein sollte. Klong, klong, klong stießen meine Beine unter dem Tisch bei meiner Kindergartenfreundin immer wieder vor und zurück. Ich bemerkte das selbst überhaupt nicht. Dann aber legte der Vater seine Gabel zur Seite und fragte leicht verärgert: „Wer stößt mir denn ständig seine Füße in die Knie?“ Hmmm. Er schien seine Familie ja scheinbar noch nicht so gut zu kennen. Denn seine liebvoll dressierte Tochter machte sowas wohl nicht, es musste also der freche Gast sein. Hätten sie bei den diversen Mahlen mal geredet, statt das Essen stumm in sich hineinzuschlingen, dann wüsste er als König der Regeln das. Ich war sichtlich erschrocken, aufgeflogen zu sein. Zum einen wollte ich das wirklich nicht, es war einfach so, dass meine Beine mein Redeverbot kompensieren mussten. Ich war voll wie das Flusensieb einer Waschmaschine und suchte mir ohne Absicht andere Möglichkeiten, diese Energie, die ich in mir hatte, loszuwerden. Ablenkung wäre eine gute Idee, also fragte ich, ob ich etwas zu trinken haben dürfte? „Trinken gibt’s nach dem Essen“, sagte der Verbotspapa und ich wusste ab sofort, dass ich da niemals nie wieder hingehen und essen wollen würde.

Meine liebe Omi mütterlicherseits hatte zwar auch ihre Tischregeln, aber die waren erstens nicht so schlimm und zweitens bemerkte ich, wie recht sie doch hatte. „Man isst nicht nur von einer Sache, sondern von allen Lebensmitteln gleich viel“, sagte sie und schaute zu meinem Teller, auf dem noch ein ganzes Stück Bratenfleisch lag und vom Sellerie kaum noch was zu sehen war. „Nee, ich will erst das Eklige vom Teller haben“, sagte ich zu ihr und hob die vorletzte Gabel Sellerie zu meinem Mund. „Eklig sagt man nicht zu Lebensmitteln“, erklärte sie. Ich wollte mir das Leckerste halt einfach gerne bis zum Schluß aufheben. Ein großer Fehler, denn noch bevor ich zu dem Bratenstück kam, war ich so pappsatt, dass ich nichts mehr essen konnte, was für ein Jammer.

„Man spielt nicht mit dem Essen!“ Diesen Satz hörte ich als Erwachsene von einer meiner Kolleginnen, die mir als Zweitkraft im Kindergarten zuarbeiten sollte. Ich hörte ein Kind reden und meine Kollegin folgendes antworten: „ Kind bei Tisch, stumm wie’n Fisch!“ Das konnte doch nicht wahr sein? Das, was ich als Kind bei Frau Mecker erlebt hatte, sollten die mir anvertrauten Kinder nicht durchmachen müssen. Ich wollte keine angstmachende Stimmung in meinem Gruppenraum und keine Redeverbote beim gemeinsamen Mittagessen haben und machte das der Kollegin auch in freundlichen Worten klar. Es war ja nun mal nicht so, dass ich lachend zuschaute, wenn Kinder mit der Gabel neben dem Teller Soßenkreise malen, sich Spaghetti auf den Kopf legten oder sich Hagebuttentee in den Rotkohl kippten. Aber sich einen Soßendamm zu bauen und Kartoffeln mit der Gabel zu knetschen, fand ich nun wirklich nicht schlimm. „In vielen Familien wird überhaupt nicht mehr gemeinsam gegessen und wenn, dann vor dem Fernseher“, sagte ich zu meiner Kollegin. „Es findet überhaupt kein Austausch mehr statt, keiner weiß, wie es dem anderen geht, was er am Tag erlebt hat oder worauf er sich freut. Ich möchte gerne, dass die Kinder beim Essen miteinander in angemessener Lautstärke reden können“, unterstrich ich meine Bitte und hoffte auch diesbezüglich auf eine gute Zusammenarbeit. Und auch das zwanghafte Aufessen müssen gehörte in meiner Gruppe der Vergangenheit an. „Waren die Augen mal wieder größer als der Hunger?“ war ein Satz, den ich schon immer sehr blöd fand. Als ob es uns als Erwachsene nicht auch mal passiert, dass der Appetit größer als der Hunger ist. Passiert eben mal. Wenigestens der Essensanbieter, der unsere Kinder werktäglich mit warmen Mittagessen versorgte, verstand die Welt der Kinder. Sie liebten das Hühnerfleisch, welches in Dinosaurierform angeboten wurde und die Ketchupwürstchen waren der Hit bei den Kids. Dabei wurde zuvor ein Loch in die Wiener Würstchen gebohrt und mit Ketchup gefüllt. Einmal, als ich einem Kind die Wurst schneiden sollte, spritzte mir plötzlich der Ketchup aus der Wurst auf meine Nase, die Stirn und die Haare. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr wir alle gelacht haben. Wenn ich in den darauf folgenden Monaten mit den Kindern den künftigen Essensplan für die nächste Woche besprach und fragte, was sie mal wieder gerne essen würden, dann hieß es ständig „Ketchupwürstchen“, denn damit hat sich die Steph so herrlich eingesaut. Wir einigten uns darauf, dass man auch mit Rosenkohl, Blaukraut und Möhrensalat eine Menge Spaß beim Essen haben kann und die Ketchupwürstchen etwas für besondere Tage waren.

Der Ralf und ich, wir spielen auch gerne mit dem Essen. Über meinen Partywürstchenexpress hat Ralf, der Vegetarier, herzhaft gelacht und den Leuchtturm aus Tomaten und Mozzarella fanden wir so toll, dass wir uns erst nicht getraut haben, ihn zu essen. Als ob er (der Leuchtturm) darüber beleidigt gewesen wäre, ist er nach einem Tag im Kühlschrank ein wenig in sich zusammengesackt und schaute nun aus wie der schiefe Turm von Pisa. Wir haben uns gefreut, ihn zu essen und abends hat Ralf mir im Bett noch die Geschichte vom dicken fetten Pfannekuchen vorgelesen.

Habt alle eine gute Zeit.

Herzlichst eure Steph ❤

6 Kommentare zu „Der Esskasper

  1. Ich bin ganz deiner Meinung, was das Verhalten bei Tisch angeht. Ich will doch wissen, was die Kinder so zu erzählen haben. Meine Kinder hatten immer viel Gäste, die von mir verköstigt wurden und deren Unterhaltung war einfach immer herrlich.
    Ich habe auch ein doofes Kindergarten Erlebnis. Wir habe auch immer unsere Brote zusammen gegessen und dazu, wie ich finde, unleckeren Tee getrunken. Einmal hatte ich mal wieder grobe Mettwurst auf dem Brot, die fand ich einfach nur eckelig und kaute ganz langsam auf meinem Brot rum. Das End vom Lied war, alle waren fertig und durften raus zum Spielen, ich musste sitzen bleiben bis ich aufgegessen hatte. Als ich dann endlich draußen war, musste ich so dringend auf Toilette, aber ich durfte nicht, weil ich ja solange rum getrödelt hatte. Ergebnis, ich habe mir in die Hose gemacht. Ich weiß das noch, als wäre es gestern gewesen. Ansonsten habe ich den Kindergarten geliebt, vor allem das Basteln.
    Liebe Grüße und pass auf dich auf.

    Gefällt 1 Person

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