Im Himmel braucht man keinen Führerschein – Teil 2

Lieber Papi, liebe Mami,

soll ich euch mal was sagen? Ich hab ja gar nicht gewusst, was für ein Zirkus veranstaltet wird, wenn man 18 Jahre wird. „Hat die 18 irgend ’ne Bedeutung?“ habe ich meinen Onkel Michael gefragt. „Aber natürlich“, hat er geantwortet. „Auf Erden ist es so, dass man mit 18 erwachsen ist. Dann darf man einen Führerschein machen, um ein Auto zu lenken, man darf in der Politik Parteien wählen, hat also ein Wahlrecht, und man darf nach Hause kommen, wann man will. Man kann sich selbst Entschuldigungen schreiben, wenn man nicht zur Schule gehen will und ist für alles selbst verantwortlich.“ Uuuaaargh, das war mir echt zuviel. „Im Himmel braucht man keinen Führerschein!“ habe ich gerufen „und wenn wir wählen könnten, würden wir uns immer für die Liebe entscheiden. Dann hab ich mir meine Rollschuhe angeschnallt, um mal wieder durch die Gegend zu düsen.

Ich habe ja jetzt schon so viele Geburtstage im Himmel gefeiert und jeder war unendlich schön. Aber vor meinem 18. benahmen sich alle irgendwie komisch. Der Uropa zum Beispiel. Tagelang hat er heimlich ein Lied auf seinem Akkordeon eingeübt und immer wenn ich ihn sah, hat er so getan, als wäre nichts. Hahaha. Ist ja üüüüberhaupt nicht schwer, ein so großes Musikinstrument mal eben zu verstecken, ne? „Lass den Uropa mal, er will dir eine Freude machen“, hat die Uroma gesagt und „weil du bald Geburtstag hast“ hinterhergeschoben. „Aber Uromili, der Uropa kann doch alles spielen und braucht dafür nicht zu üben. Oder wird er tüdelig?“ hab‘ ich sie gefragt. „Nanana, werd mal nicht so frech!“ hat sie geantwortet. Tüdelig ist so ein superwitziges Wort. Ich habe es neulich gelernt, als ich an der Pforte einen Mann abholen durfte. Auf Erden war er wohl schon alt und krank, hier aber war er pudelmunter. „Ich kenne dich nicht“, hat er gesagt. „Das macht doch nix!“ habe ich geantwortet. „Du hast aber tolle Schuhe an“, hat er gesagt und auf meine bunten Fußflitzer gezeigt. „Mit Glitzerrollen sogar!“ hab ich gesagt. Fand er toll. Ich auch. Dann hat er mir erzählt, dass er auf Erden zum Schluß krank war und ganz lange im Bett liegen musste. „Ein Wolkenflauschibett?“ wollt‘ ich von ihm wissen. „Leider nein“, hat er geantwortet. „Das macht doch nix!“ hab ich gesagt. „Hier gibt es ganz viele davon. Man kann sich einfach ein Tolles aussuchen und so richtig schön drin rum knuddeln.“ Fand er toll. Ich auch. Dann wollte er gerne durchs Wolkenfenster nach unten auf die Erde schauen. Er wusste nicht, dass man das nur zu bestimmten Zeiten machen darf. Wenn jemand, den man liebt, Geburtstag hat oder wenn jemand, den man liebt, gerade Kraft braucht oder an Weihnachten und Ostern und so. „Ich möchte aber gerne wissen, wie es der Frau nun geht, die mich jahrelang gepflegt und liebevoll betreut hat“, sagte er. Und dann hat er mir ganz viel über diese Frau erzählt. Wie sie ihm Gute-Nacht-Lieder vorgesungen hat und im Rollstuhl durch den Park fuhr, wie sie ihm das Löschschiff am Hafen gezeigt hat und über das Gesicht strich, wenn er Schmerzen hatte. „Schmerzen kenn‘ ich nicht, aber die Frau, von der du erzählst, die kenne ich ganz sehr gut genau!“ sagte ich. „Das ist nämlich meine Mamaoma, meine Omili,“ „Wirklich?“ fragte er und freute sich volle Pulle. Volle Pulle soll ich eigentlich nicht sagen, meint Uroma. Das klänge nicht schön. Aber ich kann nicht anders, ich finde, es ist ein so tolles Wort. Manchmal schreibe ich neue Wörter, die ich lustig finde, auf eine Wolkentafel. Tüdelig kommt jetzt hinzu. Der liebe Mann, der sich nun pudelwohl fühlte, sagte nämlich, dass manche Menschen im Alter tüdelig werden. Tüdelig, tse. Wir hatten dann auch keine Zeit mehr zu reden, denn plötzlich kam eine Frau auf ihn zu und er ist so übergesprudelt vor Freude und Liebe, dass man nur staunen konnte. Die beiden waren wohl lange verheiratet und sahen sich nun wieder. Fand ich voll toll. Die beiden auch. „Nele mit den Glitzerrollschuhen!“ rief mir der Mann dann noch hinterher, als ich gerade am Goldtopfweg an der Regenbogenkreuzung war. „Wenn du mal reiten willst, ich habe einige Pferde, die nun auch hier oben im Himmel sein müssten. Früher war ich sogar mal Meister im Springreiten. Du darfst auf jedem meiner Pferde reiten.“ Boah, was für ein tolles Geschenk.

Dann war ich noch Glücksklee ernten auf der der großen Glückskleewiese. Die wollte ich nämlich trocknen und mir eine Girlande daraus basteln. Macht sich voll gut in meinem Wolkenzimmer. Sag Papa bitte, dass dort keine Justin Bieber-Plakate hängen, ich weiß, dass das eine große Sorge von ihm ist. Aber die Musik von ihm höre ich auch nicht, außer die von den Red Hot Chili Peppers. Am liebsten singe ich selbst. Ganz laut. Volle Pulle laut. Dir, liebe Mama, habe ich neulich auch aus dem Himmel heraus einen Hinweis darauf gegeben. Ein Mann, der früher mal Psycholodingsel war, hat mir nämlich mal gesagt, dass das Angstzentrum im Gehirn blockiert wird, wenn man singt. Dideldummunddideldei. Singen könnte ich den ganzen Tag. Was mir gerade so in den Sinn kommt. Auf dem Heimweg von der Glückskleewiese habe ich Uropa getroffen. Er hat wieder ganz schnell versucht, dass Akkordeon vor mir zu verstecken. „Was willst du an deinem Geburtstag gerne zum Frühstück essen?“ hat er mich gefragt und „Schreib’s mir doch bitte auf die Liste“ gesagt. „Ach Uri, am liebsten würde ich an dir rumknabbern“, habe ich geantwortet. Der Uri hat so ein herrliches Rasierwasser. Er duftet damit immer ganz toll.

Als ich meine selbstgebastelte Glückskleegirlande aufgehängt hatte, hat der Volker mich gerufen. Ob ich mit ihm zur Funkelwiese komme, hat er gefragt.„Oh ja!“ habe ich gesagt. Mir fällt gerade ein, dass ihr den Volker gar nicht kennt, ne? Der Volker ist der Bruder eurer Freundin Anja. Hier im Himmel hat er einen riesengroßen Spielplatz für alle Kinder gebaut und wird nie fertig, weil immer etwas Neues hinzukommt. Angefangen hat alles mit einer bunten Rolltreppe. Wenn man sich mit der hinauffahren lässt, kann man auf einer Regenbogenrutsche hinuntersausen. Es gibt eine Sternenschaukel, eine Skaterbahn, ein Bällebad mit Glitzerkugeln und noch viel, viel mehr. Jede Woche macht der Volker eine Besprechung mit den Kids und dann entscheiden sie gemeinsam, welches Projekt sie für den Spielplatz in Angriff nehmen. Ich helfe ihm oft bei kleinen Details. Vielleicht bastel ich noch eine Glückskleegirlande, dann können Volker und die Kinder diese in ihrem Besprechungsplanungszimmer aufhängen. An diesem Tag haben wir die Sitze auf der Wolkenwippe mit Fluffistoff bezogen. Fluffistoff ist ganz einfach herzustellen. Man nimmt ein paar flauschige Wolken, knetscht sie ordentlich zusammen, streuselt ein wenig Baumharz mit rein, damit es gut zusammen hält und schon hat man einen tollen kuschelweichen Stuhl.

Aber hej, ich wollte ja sagen wie mein Geburtstag war! Geweckt hat mich der Uri mit einem selbst komponierten Lied. Den Text des Liedes schreib‘ ich euch mal, wenn ich mehr Zeit hab‘. Dann gab es ein tolles Geburtstagsfrühstück mit allem, was ich gerne mag. Uri hat mir meine Lieblingsbrötchen backen lassen und Uroma hat mir eine Krone auf den Kopf gesetzt. Ganz viele Herzen waren da drauf. Von Onkel Michael gab es eine Konzertkarte seiner Lieblingsband. Fand er toll, ich auch. Dann habe ich die Wolken zur Seite geschoben und alle meine Freunde eingeladen. Wir haben getanzt, gesungen und vom Buffett gegessen. Es war so ein großes Fest mit so vielen unglaublich schönen Erlebnissen, dass ich gar nicht alles aufzählen kann. Ich war soooo glücklich, dass ich hundert Räder hätte schlagen können, statt wie sonst nur 10. Am Abend habe ich eine kurze Verschnaufpause eingelegt und mit Steffi auf einer meiner Lieblingswolken ausgeruht. Meine Katze Jule schnurrte zufrieden. Ich hatte ihr meine Geburtstagskrone aufgesetzt und bunte Krepppapierstreifen an ihren buschigen Schwanz gehängt. Fand sie toll, ich auch. „Schau mal, da unten!“ hat Steffi plötzlich gerufen und mit ihrem Finger durchs Wolkenfenster nach unten auf die Erde gezeigt. „Sind das nicht deine Eltern?“ „Oh ja!“ habe ich gerufen und bin sofort aufgesprungen, um Uris großes Fernglas zu holen. Da habe ich euch dann gesehen, wie ihr auf dem Balkon standet, um mich mit einem Wunderkerzenblumenstrauß zu grüßen. Meine Liebe zu euch ist auch unendlich und wenn wir uns eines Tages wiedersehen, dann feiern wir eine Party, die noch größer ist als die zu meinem 18. Ich find’s toll. Ihr auch?

Hundertausend Schmatzer, eure Nele. ❤ ❤

Ich widme diese Geschichte meiner Freundin Steffi, die am 23. Oktober 2020 ihrem schweren Krebsleiden erlegen ist. Sie mochte meine Geschichten immer so sehr. Nun zeigt Nele ihr den Himmel und das tröstet mich. Habt alle einen ruhigen und schönen Advent. Bleibt gesund oder werdet es. Ich grüße euch herzlichst

Eure Steph ❤

3 Kommentare zu „Im Himmel braucht man keinen Führerschein – Teil 2

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