Adventskalender

Der Dezember stellt immer eine Herausforderung für den armen Ralf dar, denn ich würde zu gerne alle 24 Türchen meines Adventskalenders auf einmal öffnen. Dabei gibt es mehrere Stufen. Die erste ist das Betteln. „Rahaaalf, darf ich das zweite Türchen auch schon aufmachen? Bitte, bitte, bitte.“ Dabei versuche ich zu gucken wir ein kleines süßes Häschen. Leider sehe ich nach dem Aufstehen aber eher aus wie eine verwilderte Straßenkatze mit Knoten im Fell. Und Ralf bleibt stur.

Die zweite Stufe ist das flehen. „Rahaalf? Darf ich noch ein Türchen aufmachen, denn in dem heutigen war etwas, von dem ich letzte Nacht schon geträumt hatte und ich hätte gerne eine neue Überraschung. Ich flehe dich an!“ Doch Ralf bleibt stur. Er kennt mich schon so lange.

Die dritte Stufe ist das Frechsein. Dazu muss man sich sockfuß an den Kalender heranschleichen und ganz vorsichtig versuchen, die Tür seiner Wahl zu öffnen, ohne das der Ralf es mitbekommt. Doch das ist in einer Altbauwohnung mit knarrenden Dielen fast unmöglich.

Die vierte Stufe ist das Jammern. „Rahaaalf? Mir ist vorhin im Badezimmer die Shampooflasche auf den Fuß gefallen und es tut immer noch sooo weh. Wenn ich ein ein zweites Türchen am heutigen Tag aufmachen dürfte, dann würde es meine Schmerzen schon sehr, sehr lindern.“ Doch Ralf bleibt stur.

Neulich saßen wir abends gemeinsam vor dem Fernseher, um einen Film zu sehen. Die Werbepause war wenig abwechslungsreich, Immer und immer wieder gab es Reklame für Parfüm. Christian Dior, Calvin Klein, Chanel & Chloé boten ihre teuren Düfte an. „Sei mal froh, dass ich kein Parfüm von dir will“, sagte ich. „Du hattest ja auch erst gestern eine neue Uhr in deinem Adventskalender“, antwortete er. Oh ja, die Uhr. Während ich noch überlegte, wie ich schon jetzt an mein morgiges Türchen käme, tauchte eine Erinnerung in meinem Kopf auf. In meinem Kopf geht es machmal eben auch zu wie in einem Werbefilm. Der eine Gedanke ist noch gar nicht fertig mit reifen, da kommt schon der nächste angerauscht.

Wie konnte ich nur zu so einem Adventskalendernervi werden. Das war doch früher nicht so?

Als ich Kind war in den 80er Jahren, da gab es für meinen Bruder und mich einen Adventskalender, in dem Schokoladentäfelchen darauf warteten, von uns entdeckt zu werden. Die beiden Kalender hingen an der Wand über unserer Eckbank in der Küche. Ich liebte es, mir den Kalender als Ganzes anzusehen, denn es waren immer ein schönes großes Bild. Engel bliesen in ihre Trompeten, ein Schlitten fuhr durch einen schneebedeckten Winterwald, Kinder mit roten Wangen stapften durch die Landschaft und motzten nicht über bommelige Mützen, ein Stern erhellte den Himmel. Das Türchen mit der magischen 24 brauchte man nicht lange zu suchen, denn es war immer das, auf der der Weihnachtsmann zu sehen war. Ich weiß noch, dass ich mich immer sehr über das sich in jedem Kalendertürchen befindlichen Schokoladentäfelchen im Miniformat freute. Ein Schaukelpferd aus Schoko konnte mich genauso in Verzückung bringen wie eine Schokoglocke. Mit den Kindern aus der Nachbarschaft, die in etwa meinem Alter waren, tauschte ich mich beim Spielen im Schnee aus. Alle hatten diesen Schokoladenadventskalender unseres Edekamarktes, den es dort in vier verschiedenen Ausgaben gab. „Was hattest du heute für ein Schokoladentäfelchen in deinem Kalender drin?“ war das Eröffnungsgespräch bei jeder unserer Begegnungen.

Und auch in unserem Kindergarten gab es einen Adventskalender. Wenn wir nach Ankunft dort aus unseren Schneeanzügen gepellt wurden, dann standen vor der Heizung im Gruppenraum schon ein paar Stühle für uns zurecht. „Setzt euch mal hin und legt die Füße auf die Heizung“, sagte unsere Kindergärtnerin dann. Oh, wie wir das genossen haben. Zuhause durften wir die Füße nicht auf den Tisch legen und hier war es ausdrücklich erwünscht, seine in Wollstrumpfhosen befindlichen Füße ausgetreckt auf der Heizung für einige Minuten ruhen zu lassen. „Ich wünschte, ich wäre heute dran“, sagte ich dann, wenn ich mit meiner besten Freundin meine Füße wärmte. Zusammen betrachteten wir das Fenster, das uns zu Füßen lag und auf dem 24 Sterne an der Fensterscheibe hingen. Die Sterne waren aus Filz gebastelt und klebten mittels Tesafilm an der Scheibe. Es waren keine einfachen Sterne, sie waren besonders gefaltet und in ihrer Mitte mit einer Holzperle zusammengefasst. Es gab in diesem Stern keine Schokolade, keine kleinen Figuren oder sonstiges. Einfach nur den Stern. Manche waren rot und manche gelb. Jeden Tag im Dezember öffnete unsere Kindergärtnerin das große Heft, in dem sie unsere Anwesenheitslisten führte. Wir hielten den Atem an, wenn sie ihre Augen schloß und mit dem Finger so lange über die Liste ging, bis der- oder diejenige, die am Vortag einen Stern haben durfte, laut „Stopp!“ rief. Die Spannung, bis sie einen Namen sagte und das zugehörige Kind sich einen Stern von der Fensterscheibe klauben durfte, war unermesslich.

Auch Ralf hatte solche Adventskalendererlebnisse. In der Grundschule, zu der er als Kind ging, brachte seine Lehrerin einen Kalender mit und hängte ihn ans Fenster. Jeden Tag durfte eines ihrer Schulkinder dann ein Türchen öffnen und alle ein durchs Fenster leuchtendes Bildchen bestaunen.

Als ich fünf Jahre alt wurde, kaufte meine Mama auf einem Weihnachtsbasar eine große hellblaue Wolke aus Holz. Sie passte perfekt in mein Kinderzimmer mit der „glückliche Wolken“-Tapete. Auf der Holzwolke waren 24 Nägel angebracht. Wenn dann der Dezember kam, dann packte meine Mutter 24 kleine Geschenke in weiße Taschentücher ein und hängte diese an die Nägelchen. Ich glaube, da fingen meine Probleme mit dem Adventskalender, meine Fixiertheit an, denn nachdem ich das erste kleine Wölkchen geöffnet und darin einen Goldtaler und eine Haselnussschnitte fand, war ich infiziert mit Vorfreude, die ich am liebsten säckeweise sofort über mich ausgeschüttet haben wollte. Nach dem Abendgebet mit meiner Mama an meiner Bettkante lag ich alleine in meinem kuscheligen Bett und überlegte mir in krimineller Aktivität, wie ich am schnellsten alle Türchen auf einmal öffnen konnte, statt nur jeden Tag eines. Danach betete ich nochmal wegen meiner garstigen Gedanken und bat den lieben Gott um Entschuldigung. Man könnte meinen, es sei meinem damaligen kindlichen Gemüt geschuldet, sofort 24 Überraschungen auf einmal haben zu wollen, aber es hörte auch im Erwachsenenalter einfach nicht auf.

Jahrelang hat Ralfs Mutter uns einen Adventskalender gebastelt und ins 700 km entfernte Nürnberg geschickt. Der Ralf hat ihn dann versteckt und erst am Vortag des 1. Dezember hervorgeholt und aufgehängt. Er wusste, dass nun eine quälende Zeit vor ihm lag, denn ich würde ihn jeden Tag anbetteln, flehen, jammern und nerven. Wie gut, dass mein Mann so viel Humor besitzt. So sagte er einmal, ich solle mich mit der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung vor den Kalender setzen. „Du musst die Zeitung höher halten!“ wies er mich an und dann knipste er ein Beweisfoto für seine Eltern (die das im übrigen nie verlangt hätten), um aufzuzeigen, dass ich noch nicht alle Päckchen aufgefetzt hatte. Jegliche Versuche, mich pädagogisch zu überzeugen, dass es doch viel schöner wäre, jeden Tag eine kleine Überraschung zu haben, schlugen fehl. Ich wollte unbedingt wissen, was in dem eckigen Paketle war und wenn ich es an besagtem Tag öffnete, dann stierte ich schon nach dem runden, dem ovalen, dem dreieckigen. Am 24.12. atmete der Ralf dann so inbrünstig und erschöpft aus, dass die Fenster unserer Wohnung beschlugen. Der Arme. Einmal habe ich ihm einen gekauften Kalender geschenkt. Der war von den Machern der Buch- und Hörspielreihe „Die drei Fragezeichen“, deren Fan Ralf seit Kindheitstagen ist. Jeden Tag musste er ein Rätsel lösen, um ein Türchen öffnen zu können. So etwas wäre ja mal überhaupt nichts für mich, aber der Ralf, der freute sich jeden Tag geduldig auf die Rätselei. Das war wenigstens lösbar. Denn warum mein Kleiderschrank nur einen Tag, nachdem Ralf die Wäsche sorgfältig sortiert hineingelegt hatte, schon wieder ausah, als hätte er geniest und alle Kleiderstücke von sich gestoßen,

ist ihm nach eigenen Angaben bis heute ein großes Rätsel.

Die letzten Jahre bin ich ein wenig ruhiger geworden, was die Kalendersache angeht und ich glaube, dass meine Schwiegereltern dazu beigetragen haben. Sie schenken uns nämlich seit Jahren einen Zonta-Kalender. Zonta international ist ein Verband berufstätiger Frauen, die sich dafür einsetzen, die Lebenssituation von Frauen in rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher, beruflicher und gesundheitlicher Hinsicht zu verbessern. Auch in Lübeck sind sie vertreten. Mit dem Kauf eines Kalenders, der fünf Euro kostet, nimmt man automatisch an einem Gewinnspiel teil, denn auf jedem Kalender steht eine Losnummer. Man kann Lübecker Marzipan gewinnen, einen Friseur- oder Fototermin, Schmuck, Bilder, Wein, Massagen und noch vieles mehr. Das Allerschönste allerdings ist, dass man mit dem Kauf eines Kalenders regionale Frauenprojekte unterstützt. Ist das nicht einfach toll? Ich freue mich, der Ralf freut sich und viele Frauenprojekte in Lübeck freuen sich auch.

Gestern Abend, als ich Ralf davon berichtete, dass ich über die Adventskalendererlebnisse in meinem Blog schreiben würde, da kamen wir darüber ins Gespräch, wie sich alles in den Jahren so verändert hat. Früher war man glücklich über ein Schokotäfelchen mit Glocke. Warum ist das nicht mehr so? „Ich kann ja nur für mich sprechen“, sagte ich. „Mir hat es als Kind und junge Erwachsene einfach zu sehr gefallen, wie man mich beschenkt hat. Wenn in unserem gemeinsamen Kalender von deiner Mutter ein paar Pünktchensocken für mich waren, dann ist mir das Herz aufgegangen, weil ich dachte, dass sie bereits im Oktober/November auf ihren Einkaufswegen an mich gedacht hat. Es ist einfach nur schön, wenn man sieht, wie andere einen sehen und genau das schenken, was man wirklich gerne hat. Individuell eben,“ „Früher gab es zu Ostern auch nur ein Osternest und kein Fahrrad mit Gangschaltung wie heute“, pflichtete er mir bei. „Früher haben wir uns am Nikolaustag über eine Apfelsine, Nüsse und einen Schokoweihnachtsmann gefreut, da war kein neues Spiel für die Playstation im Schuh oder ein Gutschein für neue Sneakers“, ergänzte ich. Ach ja.. da saßen wir beiden Alten dann da und seufzten.

Nun fragt ihr euch sicher, wie das zusammenpasst, denn ich hatte in diesem Jahr ja eine neue Uhr in meinem Adventskalender. ICH glaube ja, dass der Ralf es in all den Jahren ein wenig vermisst hat, dass ich ihn anflehe, bettele, jammer und nerve, denn wie ist es sonst zu erklären, dass er mir tatsächlich doch noch einen Adventskalender gekauft hat? Es ist vielleicht damit zu erklären, dass es ein Kalender ist, in dem sich ganz viele Süßigkeiten aus meiner Kindheit in den 80er Jahren befindet. Neulich hatte ich einen marmorierten Lutscher in meinem Türchen und dann kam die Uhr. Auf ihrem Ziffernblatt ist es immer 3 Uhr 45. Das Armband bilden viele kleine bunte Perlen, die auf einem Gummiband aufgefädelt sind. Den ganzen Abend habe ich sie bewundernd und nostalgisch angeschaut. Dann habe ich schließlich die Uhrzeit des Ziffernblatts abgeschleckt, alle Perlen abgeknabbert und selig geschaut. Zum Schluß hing nur noch das gelbe Ziffernblatt ohne Uhrzeit und ohne Perlen an meinem Arm. „Rahaaalf? Jetzt, wo ich so viel Freude hatte, da könnte ich doch…?“ Aber Ralf blieb stur. Und irgendwie hat er ja auch recht. Es ist viel schöner, jeden Tag eine Überraschung zu haben, statt in die Röhre zu gucken.

Ich wünsche euch allen schöne Adventszeit in Frieden und Gesundheit.

Herzlichst eure Steph ❤

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