Herr Schröder freut sich

Seit 20 Tagen wohnt er nun wieder bei uns hinter der Tür im Mauerwerk: Unser Nisse Kalle Knispel Schröder. Nach seinem kurzen Ausflug ins Schwabenländle, wo er schwäbisch schwätzen lernte und die Kehrwoche so beindruckend fand, kehrt er noch immer jeden Tag vor seiner Tür. Der schwäbische Dialekt ist ihm ein wenig abhanden gekommen, weswegen wir jeden Tag zur Auffrischung mit ihm das Lied „Auf de schwäbschen Eisenbahne“ singen.

Er ist immer noch ordentlich, auf seine Art nett und hat gute Manieren. Auf Katzen ist er nicht so gut zu sprechen, da muss im Schwabenländle wohl etwas vorgefallen sein. Aber ansonsten war es doch ein eher entspannter Dezember. Keine Streiche, keine Frechheiten und sein Gewicht hält er auch noch ganz gut.

Und dann bekam ich neulich eine Nachricht von meiner Mutter am frühen Morgen. Sie schrieb mir, dass sie morgens an ihrem Lieblingskiosk war, um sich frische Brötchen zu kaufen. Da hörte sie zwischen den Regalen ein leises Schluchzen. Sofort legte sie die Brötchentüte zur Seite und ging zu der Ecke, aus der das Weinen kam. Ein kleiner Nisse saß dort auf dem Boden. Er hatte eine große rote Mütze auf dem Kopf, einen dicke Knollennase und einen weißen Bart, der wie Zuckerwatte aussah. „Herr Schröder?“ fragte sie vorsichtig, denn der kleine Wicht sah exakt aus wie unser Kalle Knispel, nur eine Nummer kleiner. Das Schluchzen hörte auf. „Du kennst ihn?“ fragte die Stimme zaghaft. „Aber ja, Herr Schröder wohnt bei meinen Kindern“, sagte sie und strich ihm die Tränchen aus dem Gesicht. „Ich heiße Pelle und Kalle ist mein Bruder“, erklärte das rotmützige Kerlchen und schniefte kräftig in das Taschentuch, welches ihm gereicht wurde. „Ich sorge schon dafür, dass ihr wieder zusammenfindet“, sprach sie und trug ihn auf dem Arm aus dem Geschäft. Die Kioskbesitzerin war darüber sehr dankbar, denn auch sie hatte sich schon um den kleinen Nisse, der so traurig war, gesorgt. Auf der Fahrt durfte Pelle vorne im Fahrradkorb meiner Mutter sitzen. Er war so aufgeregt, nun bald seinen Bruder wiedersehen zu können, dass er die Spanung fast nicht ertrug. Der frische Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht ein wenig ab. Noch am gleichen Tag rief meine Mutter an und berichtete von ihrem spannenden Erlebnis. Und wir wiederum erzählten es natürlich gleich Herrn Schröder.

Was für eine Freude! Herr Schröder war ganz außer sich. Er sprang hoch, klatschte in die Hände, drehte sich im Kreis und knutschte den Ralf und mich ins Gesicht. Sowas hatte er sonst noch nie getan. Seine Küsse schmeckten nach Schokolade und Karamell. „Noch so ein Frechdachs bei uns im Haus?“ fragte der Ralf und zog die Augenbrauen hoch. „Aber Herr Schröder ist doch jetzt nicht mehr so wie früher, wo er tonnenweise Toffifee futtert, angebissene Gürkchen in den Kühlschrank zurücklegt und weiße Gummibärchen in Preiselbeermarmelade wälzt, weil er die weißen Gummibärchen nicht so gerne isst. „Alles, was du da gerade aufgezählt hast, betrifft nur das Essen“, stellte Ralf fest. „Ja, aber er hat doch auch sonst keinen Unsinn mehr gemacht, vielleicht hält das ja jetzt an.“ „Na gut“, sagte Ralf und wurde gleich nochmal vom lieben Schröderlein ins Gesicht geküsst. Dieser rannte sogleich durch seine kleine Wichteltür, polterte dort ein wenig herum und kam mit einem Affenzahn wieder herausgerannt. Er hatte seinen roten Wintermantel an, den er sonst nur auf Reisen trägt und rief: „Wann geht’s los, wann holen wir Pelle ab?“ Während er das sagte, hüpfte er wie ein Flummi auf und ab, sodass uns beim bloßen Zusehen ganz schwindelig wurde. „Wir haben noch nicht einmal gefrühstückt!“ empörte ich mich. „Dann mach ma‘ hinne, ich will los!“ quakte er. „Wer hat überhaupt davon gesprochen, dass du mitkommst?“ fragte ich ihn. Oh, das war böse. Er schob sich seine Wichelmütze hoch, pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute mich mit einem traurigen Dackelblick an. „Nümmst du mich mit?“ fragte er und knetete seine Hände. „Wir sollten ihn, so aufgeregt wie er ist, jetzt nicht allein zu Hause lassen“, flüsterte der Ralf mir zu und ich nickte.

Im Treppenhaus rutschte Kalle Knispel auf dem Geländer herunter bis ins Erdgeschoss. Ein bisschen beneidete ich ihn dafür, denn man konnte ihm ansehen, dass es einen riesigen Spaß machte. Als Kind habe ich das in unserem Treppenhaus auch oft getan, aber hier in unserem Altbau von 1910 würde ich mich das nicht mehr trauen. Wenn unser Vermieter mich dabei sähe – nicht auszudenken. Ich musste kurz schmunzeln, da ich ihm tatsächlich mal ein Bild von einer Treppenhausrutsche geschickt und gefragt habe, ob er so etwas Tolles nicht auch bei uns einbauen könnte. Er fand das lustig, bei mir war es ernst gemeint.

Herr Schröder war längst unten angekommen und krakeelte durch das Treppenhaus. „Wo bleibt ihr denn ihr, langsamen Schnecken? Das kann ja wohl alles nicht wahr sein!“ Irgendwie bereuten wir es schon jetzt, ihn mitgenommen zu haben. Zappelig hüpfte er herum und versuchte vergebens an die Türklinke zu kommen, die eindeutig zu hoch für ihn war. Ein paar Minuten später standen wir zu dritt an der Ampel und warteten, bis sie grün leuchtete, um die Straße zu überqueren, denn unser Auto stand weiter entfernt. Am Auto angekommen rief Kalle „Ich sitze vorne!“

und sprang sogleich auf den Beifahrersitz. „Alle kleinen Leute sitzen hinten“, sagte der Ralf und öffnete die hintere Tür unseres Autos für unseren Wichtel. Wenn es nach der Größe ginge, müsste ich auch hinten sitzen, dachte ich. „Was lachst du?“ fragte der Ralf, während er das Auto startete. „Ach nichts“, antwortete ich ihm. Dann fuhren wir zu dritt durch die schöne Hansestadt. Am Wahrzeichen des Holstentors vorbei, links herum an der Untertrave, dann über eine der vielen Brücken und rechts herum und dann waren wir schon bald da. „Lübeck ist nämlich, und das wissen manche Menschen nicht, eine Insel. Man kann die Altstadt nur erreichen, wenn man über Brücken fährt. Früher waren die Brücken sogar mit Pfosten, die im Asphalt versenkt waren, ausgestattet. Diese konnte man, falls die Hansestadt sich vor Eindringlingen schützen musste, aus dem Boden herauffahren, sodass keiner mehr über die Brücken kam“, erklärte ich unserem Nissen auf dem Rücksitz. Dieser rollte gelangweilt mit den Augen. „Wann sind wir endlich dahaaa?“ fragte er. „Ich muss mal Pippi!“ rief ich und Ralf ergänzte: „Ich will Pommes und Geschenke!“ Das ist ein lustiger Spaß, den wir uns immer wieder machen. Sowohl Ralf als auch ich haben im Auftrag des Jugendamtes als Sozialpädagogische Familienhelfer:in gearbeitet und unter anderem Kinder in unserem Auto zu Freizeitaktivitäten gefahren. Wir kennen uns aus! 😉

Dann bogen wir mit unserem Auto in die Straße meiner Mutter ein. Sobald wir hielten, sprang Herr Schröder vom Sitz aus dem Auto heraus, schaute vorbildlich nach links und nach rechts und überquerte die Straße. Vor dem Haus meiner Mutter sprang er auf den Blumenkübel und klingelte Sturm. „Wie war das noch mit den guten Manieren?“ fragte ich den Ralf genervt. „Lange gehalten hat es nicht“, antwortete er schulterzuckend. Wir beeilten uns auch, zum Haus zu kommen, denn eine Begegnung der beiden Brüder wollten wir auf keinen Fall versäumen. Und ja, es war in der Tat herzlich. Sie nahmen sich in die Arme, sie küssten sich auf die Wangen, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und umarmten sich erneut. „Groß bist du geworden“, sagte Herr Schröder anerkennend, worauf Pelle stolz nickte. Neben einer Wundertüte, die uns von meiner Mutter geschenkt wurde und die voll war mit Obst und anderen tollen Sachen, nahmen wir nun also auch Pelle mit. Wir waren sehr gespannt darauf, ihn näher kennenzulernen. Dummerweise musste er gleich erst einmal getröstet werden, denn zum einen hatte er sich die Zipfelmütze in der Autotür eingeklemmt und zum anderen war er traurig, nun von seiner Herbergsmutter getrennt zu sein. „Aber hej, nun haben wir doch uns“, sagte Herr Schröder aufmunternd und ja, dass fand Pelle auch ganz prima.

„Pelle ist ein bissschen…nun ja, wie sag‘ ich es… Pelle ist…also ähm, Pelle ist ein bisschen tollpatschig“, warnte Kalle mich vor. Mit einem langgezogenen „Ooookay“ nahm ich es zur Kenntnis. Der eine ist gefrässig, faul und frech und der andere eben tollpatschig, was soll’s? „Sag mal, Kalle“, begann ich eine Unterhaltung im Auto, „hast du denn auch einen Zweitnamen wie dein Bruder?“. „Oh ja“ sagte dieser. „Ich heiße mit vollem Namen Pelle Pupsel Schröder.“ Ralf und ich schauten uns stumm an. Wir mussten uns sehr anstrengen, um nicht vor Lachen loszuprusten. Kalle Knispel und Pelle Pupsel also. Wir wollten lieber nicht erfahren, woher Pelle seinen Zweitnamen hatte. Man muss ja auch nicht alles wissen.

Die nächsten Tage waren – gelinde gesagt – ein klein wenig anstrengend. Pelle war nicht nur ein bisschen tollpatschig, er war sehr tollpatschig. Am Montag wollte er seinem Bruder beim Kehren vor der eigenen Wichteltür helfen. Zu zweit geht alles schneller, das wusste er. Doch just in dem Moment, an dem sie fertig waren, musste Pelle wegen des aufgewirbelten Staubes niesen und sie mussten wieder von vorne anfangen. Am Dienstag ist er beim Sprung aus dem Küchenschrank auf meinem Honigbrot gelandet und klebte dort mit seinen Hosenbeinen fest. „Wie kommt man dazu, aus einem Küchenschrank zu springen?“ fragte ich ihn leicht ärgerlich, während ich seine Kleidung im Waschbecken mit Seife reinigte. „Kalle hat gesagt, ich solle etwas aus dem Schrank holen.“ „Lass mich raten, du solltest bestimmt Toffifee für ihn besorgen“, sagte ich und schrubbte weiter an der mit Honig verschmierten Hose. „Aber wenn er die doch so gerne isst?“ sagte der liebe Pelle und schaute wie ich, wenn ich etwas von Ralf möchte. „Er darf nicht so viel davon essen, sonst wird er zu dick“, gab ich in erzieherischem Ton von mir. Am Mittwoch hat Pelle sich an einem Toffifee (!) verschluckt. Kalle hatte ihn dazu angestachelt, noch eine „Ladung“ der braunen, karamelligen Süßigkeit mit Haselnusskern aus dem Küchenschrank zu holen. Bei einem gemeinsamen Wettessen wollte Kalle seinem kleinen Bruder zeigen, wie schnell er Süßigkeiten verspeisen kann, bevor sich Pelle daran verschluckte. Es ging zum Glück alles gut aus. Am Donnerstag wollte Pelle sich meine Elfensocken in meinem Kleiderschrank anschauen, sagte mir dies aber nicht. Als ich die Betten, die zum Lüften aus dem Fenster hingen, wieder hereinholen wollte, wunderte ich mich über die offene Kleiderschranktür und schloß sie, ohne zu wissen, dass der kleine Wicht sich noch da drin befand. Zusammen mit Kalle haben wir die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, um Pelle zu finden. „Puh, hier riecht es aber komisch“, sagte Ralf, als er im Schlafzimmer stand. Mit seinen Händen wedelte er sich vor der Nase herum. „Es riecht pupsig“, stellte ich fest. „Dann ist Pelle nicht weit weg“, freute sich Herr Schröder und klatschte freudig in die Hände. Wir verstanden nicht, was er damit meinte. „Na, der Pelle muss immer pupsen, wenn er aufgeregt ist!“ erklärte er uns. „Damit ist dann wohl auch klar, woher sein Zweitname kommt“, rief ich lachend und öffnete mit zugehaltener Nase die Schranktür. Am Freitag wollte Pelle sich die Augenbrauen färben. Er dachte, dass man das am besten mit weißer Zahnpasta machen kann. Aber unsere Zahnpasta hat blau-weiße Streifen und so sah er schon sehr lustig aus. Am Samstag haben wir dann alle einen Hausputz veranstaltet, als ich anschließend ein lautes Plätschern aus dem Bad vernahm. In Erinnerung an einen Wasserschaden vor Jahren riss ich die Badezimmertür auf und konnte plötzlich nichts mehr sehen. Der Spiegel war beschlagen, heiße Luft waberte in dichten Wolken durch’s Badezimmer und immer wieder funkelten Seifenblasen vor meinen Augen.

„Was ist denn hier los?“ rief ich entgeistert und schaltete die Lüftung an, damit der Wolkendunst verschwinden konnte. „Wir baden“, antwortete Kalle. Oh ja, sie badeten. In unserem Waschbecken. „Ich finde es toll, dass ihr so reinlich seid und ich freue mich über euer spaßiges Bad, aber was in aller Welt habt ihr denn da als Badezusatz genommen?“ Dabei hätte ich diese Frage gar nicht stellen müssen. Denn sobald die Spiegel wieder frei vom Nebel waren und sich alles im Badezimmer ein wenig lichtete, konnte ich meine große Seifenblasenflasche mit Fassungsvermögen von einem Liter ausgekippt neben dem Waschbecken liegen sehen. „Die ist dem Pelle umgekippt und da dachten wir, wir machen das beste draus!“ sagte ein fröhlicher Herr Schröder. Ach herrjeh, man kann ihnen nicht sauer sein. Eher sollte man sie dafür bewundern, dass sie für alles eine Lösung finden und ihren Spaß niemals nie nicht verlieren. Wir bleiben am Ball und ich werde weiter berichten.

Habt alle weiterhin eine schöne Adventszeit, passt gut auf euch auf und bleibt gesund oder werdet es.

Herzlichst eure Steph ❤

5 Kommentare zu „Herr Schröder freut sich

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