Herr Schröders Weihnacht

Ralf und ich waren am Vormittag damit beschäftigt, alles für den Weihnachtsabend fertig zu stellen und haben daher zunächst nicht gemerkt, dass wir von unserem Nissen Herrn Schröder noch nichts gehört hatten. Sein Bruder Pelle war frühmorgens schon aus dem Haus gestiefelt, er wollte am Ostseestrand ein paar Hühnergötter für Suchende am Strand verteilen. Damit diese sich freuen. Damit sie Glück haben und Hoffnung gewinnen. Dazu nahm er die vielen gesammelten Hühnergötter, die Ralf bereits gefunden und auf dem Balkon gelagert hatte. Herr Schröder aber schien noch zu schlafen. Das glaubten wir zumindest und wir hatten noch viele Vorbereitungen zu treffen, sodass wir nicht gleich nach ihm sahen. Ein bisschen waren wir ja auch froh, dass er, der grummelige kleine freche Wicht, uns noch nicht genervt hatte.

Aber irgendwann war die Ruhe schon ein wenig trügerisch und ich fragte Ralf, ob er Herrn Schröder am heutigen Tag schon gesehen hätte? Er schüttelte den Kopf und steckte am Weihnachtsbaum die Kerzen in die Halter. „Mir soll’s recht sein, wir haben noch genug zu tun“, sagte er. Und ja, es musste noch so einiges getan werden. Für müssten die Geschenke für das jährliche Schrottwichteln noch in Zeitungspapier verpacken, den Kartoffelsalat abschmecken, die Tischdecke bügeln, den Teppich saugen, Brettspiele für den Abend heraussuchen, den Tisch dekorieren und noch vieles mehr. Ich wollte gerade die Teller aus dem Küchenschrank holen, da klingelte es an der Tür. Nanu, wer konnte das denn nur sein? Es war unser Vermieter, der sich mit einem Geschenk in der Hand dafür bedanken wollte, dass wir seine Schwiegermutter, die mit im Haus lebt, das Jahr über unterstützen. „Und der gehört doch auch zu Ihnen, oder?“ fragte er und griff sich in die Jackentasche, wo ein kleiner Pelle zum Vorschein kam. „Wo haben sie den denn gefunden?“ fragte ich und nahm Pelle sofort entgegen. Er saß auf dem Briefkasten und zitterte wie Espenlaub. Seine Zähne klapperten so laut, dass man nicht verstehen konnte, was er sagte. Aber ich weiß ja, dass sie jedes Jahr einen Nissen bei sich wohnen haben, daher…“. Ich bedankte mich ganz herzlich bei unserem Vermieter und als ich die Tür schloß, ließ ich sofort warmes Wasser ins Waschbecken, damit Pelle ein Bad nehmen und sich aufwärmen konnte. Anschließend legte ich ihn, eingewickelt in einen kuscheligen Frotteewaschlappen, in unser Ehebett neben das Einhorn und Mutter Hase, die eigentlich ein Schaf ist.

„Was war denn los?“ fragte Ralf, der inzwischen beim Baum schmücken war. „Ach, das erzähl ich dir lieber später“, sagte ich und schaute auf unsere To do-Liste. Schließlich gab es noch einiges zu tun.

„Ich finde es ein bisschen komisch, dass wir noch gar nichts von Herrn Schröder gehört haben, ich schau‘ jetzt mal nach ihm“, sagte der Ralf und ging in das Esszimmer, wo Kalle Knipsel & Pelle Pupsel Schröder in der Hauswand hinter ihrer Wichteltür den Dezember über leben. Wir gut, dass Ralf nach ihm geschaut hat, denn Herr Schröder befand sich tatsächlich in einer kleinen Notlage. „Komm mal bitte!“ rief der Ralf und schon stand ich neben ihm. „Fällt dir was auf?“ fragte er lachend. Ich bückte mich ganz dicht heran an die Wichteltür. „Der Tannenbaum hat Beine“, stellte ich fest und wollte ihn gerade mit Zeigefinger und Daumen hoch heben, da schrie es „Autsch!“. „Nicht nur das, der Tannenbaum spricht auch“, erklärte Ralf und lachte schon wieder. Ich verstand das nicht und hob den Baum erneut an. „Autsch!“ tönte es da schon wieder. „Wir sollten die Zeitung anrufen, denn wir sind bestimmt die einzigen, die einen Baum haben, der sprechen kann. Ob er wohl auch einen Namen hat? Hallo Baum, wie heißt du denn?“ fragte Ralf. „Herr Schröder“, antwortete der Baum. Ich rollte genervt mit den Augen, denn bestimmt war da wieder etwas gehörig schief gelaufen bei unserem kleinen Wicht. „Wir befreien dich jetzt. Es wird nun kurz mal weh tun und dann geht es dir schon bald besser“, erläuterte ich Herrn Schröder die Szenerie. „Ich wollte doch nur den Baum schmücken und dann ist er umgekippt“, jammerte dieser. Mit einem kleinen Hauruck stellten wir den Baum wieder auf. Ich hielt meine Hand darunter, damit Herr Schröder, wenn er fiel, weich landete. „Du siehst aus wie ein Ingolf, der Igel“, sagte Ralf und schmunzelte. Herr Schröder konnte nichts erwidern, denn ich trug ihn bereits ins Badezimmer, um ihm die Baumnadeln aus dem Bart, der Hose und der Mütze zu zupfen. Anschließend badete ich auch ihn im Waschbecken mit warmen Wasser. Ich wollte gerade ein wenig Badezusatz ins Wasser kippen, da jaulte Herr Schröder laut auf. „Nicht das, nicht das!“ rief er und zeigte entgeistert mit ausgestrecktem Arm auf die Flasche mit dem Badezusatz. Ich verstand erst nicht, doch dann sah ich das Bild auf der Flasche. Tannennadeln waren darauf abgebildet und „Fichtennadelbad“ stand darüber geschrieben. Von Tannennadeln hatte Schröderlein nun also erst einmal genug. Nach seinem Bad mit Prinzessinnenshampoo, welches ihm lieber war, legte ich ihn neben seinen Bruder in unser Ehebett, wo auch das Einhorn und Mutter Hase, die eigentlich ein Schaf ist, schliefen und vom Weihnachtsmann träumten.

Auf unserer To do-Liste konnte ich erneut nichts abhaken, denn diese Zwischenfälle standen gar nicht darauf. Während die Schröderbrüder ein wenig schlummerten, konnten wir wenigstens noch einiges zusammen erledigen und als meine Mutter dann zum Kaffee trinken kam, war alles fertig. Wir aßen Schneemannkekse, unterhielten uns und spielten Memory. „Hast du an den Senf gedacht?“ fragte mich meine Mutter lachend. Vor Jahren hatte ich mal vergessen, welchen zu kaufen, dabei gehört er doch einfach dazu, wenn man Kartoffelsalat mit Würstchen isst. „Selbstverständlich!“ sagte ich und rollte schon wieder mit den Augen. „Als ob ich das jemals wieder vergessen würde“, ergänzte ich. „Ich werde mal Kalle und Pelle wecken, sonst verpassen sie das Fest“, sagte Ralf und ging ins Schlafzimmer, aus dem er nach wenigen Minuten wieder heraus kam und uns mitteilte, dass die beiden nicht da sein. Ich atmete tief aus. Da sah ich plötzlich, wie hinter der Wichteltür Licht brannte. „Feiert ihr schon?“ rief ich in die Hausmauer hinein. „Pssst, Ruhe, wir wollen Pippi Langstrumpf gucken!“ grummelte Kalle. Na, dann war ja alles gut.

Wir konnten zwar an diesem Weihnachtsfest aufgrund der Pandemie nicht in die Kirche gehen, aber die Kirche kam zu uns nach Hause. Zu unserer großen Freude hielt unser Freund und Pfarrer aus dem Nürnberger Land die Christvesper und diese wurde im Radio bei Bayern 2 übertragen. Dieser wunderbare Freund, der uns mit seiner Frau im Sommer an der Ostsee besucht hatte. Der Mann, der unserer Tochter damals das letzte Geleit gab. Wir freuten uns den ganzen Tag schon darauf, seine Predigt hören zu können. Ralf hatte extra den Laptop im Wohnzimmer aufgebaut und an die Stereoanlage angeschlossen. Doch es funktionierte nicht. „Gestern ging doch noch alles“, sagte Ralf und probierte alles mögliche aus. Doch es rührte sich nichts. Die Kekskrümel auf der Anlage verrieten den Verursacher. „KALLE KNISPEL SCHRÖDER, ich glaub‘, ich muss mal ein ernstes Wort mit dir reden!“ rief ich hinein ins Wichtelheim. „Wir haben gestern abend eine Disco veranstaltet“, sagte dieser sofort. Das tat er allerdings auch nur, weil er mit Pelle weiterhin Pippi Langstrumpf im TV sehen wollte, der Schelm. „Dann müssen wir uns schnell etwas anderes ausdenken, die Predigt fängt gleich an“, sagte ich nervös und holte mein Handy und einen Glasaschenbecher. Schnell gab ich in der Suchmaschine Bayern 2 ein, schob den Lautstärkeriegel auf volle Pulle und lehnte das Handy an den Aschenbecher um den Ton nochmals zu verstärken. Gerade noch rechtzeitig hörten wir Eberhards Predigt, in der er davon sprach, dass Gott die kleinen Dinge liebt. Die unsichtbaren Dinge, die man für andere tut, ohne es herauszutönen, zum Beispiel. Gespannt lauschten wir seinen Worten, hörten die Lieder, die zwischendurch gespielt wurden und waren andächtig. „Ist es nicht toll, dass wir den Eberhard im Wohnzimmer haben?“ fragte meine Mutter und ja, das fanden wir auch.

„Jetzt mach‘ ich aber mal die Würstchen heiß“, sagte Ralf, als wir nach der Predigt diese noch auf uns wirken liessen und darüber redeten. Ich deckte derweil den Tisch. Meine Mutter lugte zur Wichteltür hinein, wünschte den beiden Nissen ein schönes Weihnachtsfest und legte eine Schachtel Toffifee neben die Tür. „Eine ganze Packung?“ japste ich, als ich das sah. „Weihnachten ist nur einmal im Jahr“, antwortete sie mit gütigem Blick. Ralf stellte die Schüssel mit dem Kartoffelsalat auf den Tisch und ging noch einmal in die Küche, um die Würstchen zu holen. Meine Mutter hatte für ihn die vegetarische Variante besorgt und mitgebracht. „Der Senf fehlt!“ stellte ich laut lachend fest und ging zum Kühlschrank. Dieser Faux-Pas von vor Jahren würde mir nie wieder passieren, das war mal klar. Doch als ich das Senftöpfchen öffnete und hineinsah, da war nur noch ein Klecks Senf darin enthalten. Wo war der Senf hin? Ich konnte es nicht fassen. Da betrat Herr Schröder himself die Küche. „Pelle fragt, ob noch was von dem Salat da ist, er hat schon zwei Portionen gegessen und auch in meinem Bauchi ist noch Platz.“ Während er das sagte, rieb er sich genüsslich den Bauch und hielt mir zwei kleine Tellerchen vor die Nase. Da wurde mir schlagartig klar, wo der Senf abgeblieben war. Zum x-ten Mal rollte ich an diesem Tag mit den Augen. Dieser Herr Schröder! Erst ist der Tannenbaum auf ihn gefallen, dann hat er die Anlage manipuliert, das Senftöpfchen ausgelöffelt, um seine Würstchen zu würzen und bestimmt hatte er auch schon die halbe Packung Toffifee vernascht….

„Wo bleibst du denn, wir wollen doch jetzt gemütlich sein?“ tönte es.War das Loriot aus dem Fernsehen oder meine Familie aus dem Esszimmer? „Ach, Weihnachten ist nur einmal im Jahr und über solche Kleinigkeiten wie den fehlenden Senf oder alles andere rege ich mich jetzt nicht auf!“ sagte ich selbst zu mir und gesellte mich wieder zu Ralf und meiner Mutter. Pelle spielte an meinem Handy herum und suchte nach neuen Folgen von Pippi Langstrumpf, die er sich mit seinem Bruder ansehen wollte. Meine Mutter bewunderte den mit Kerzen erleuchteten Baum. Ralf legte eine CD mit Weihnachtsliedern in den CD-Player. Da saß ich plötzlich alleine am Tisch und dachte über Weihnachten nach. Warum macht man alles das, was man an Weihnachten macht, nicht das ganze Jahr über? Gütig sein, sich nicht so viel aufregen, andere Menschen beschenken mit dem, was man hat, und sei es mit Freude, Optimismus und Liebe? Die Welt ist so hart geworden. Ralf und ich versuchen tatsächlich, das ganze Jahr über andere Menschen mit einem offenen Ohr, einem warmen Herzen und Zuversicht zu beschenken, aber was macht man, wenn man dennoch so einige Menschen damit nicht erreicht? Grübelgedanken an Heiligabend. Genau das hatte ich noch gebraucht! Ich ärgerte mich über mich selbst. Da rutschte mir ganz unverhofft Herr Schröder über die Schulter, küsste mich auf die Nase und flüsterte mir ins Ohr: „Heute habe ich was ganz Tolles erfahren, und das solltest du auch wissen: Gott liebt die kleinen Dinge.“ ❤

Ich habe dem nichts hinzuzufügen und grüße euch alle lieb. Oft lohnt all die Aufregung nicht. „Et löppt sich all’ns torecht!“ sagt man bei uns im Norden. „Es wird sich schon alles regeln“ heißt das übersetzt. Im diesem neuen Jahr werde ich mich in Zuversicht und Gelassenheit üben. Ich werde euch berichten wie es damit läuft. Habt eine gute Zeit.

Herzlichst, eure Steph ❤

4 Kommentare zu „Herr Schröders Weihnacht

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