Das Labello-Debakel

Von warmen Winterjacken, spröden Lippen, fremden Schlüsseln und der große Kunst, über sich selbst lachen zu können.

Vor vielen Jahren, als Ralf und ich in Nürnberg wohnten, da hatten wir einen sehr netten, alleinstehenden Nachbarn. Mehrmals in der Woche kochte er für uns mit und gerne kam er abends mal auf ein Schwätzchen zu uns. Er war Berufskraftfahrer und hatte eine Bonussammelkarte bei einer großen Tankstellenkette. Wenn man eine bestimmte Anzahl von Punkten aufweisen konnte, durfte man sie gegen eine Prämie einlösen. Unser Nachbar hatte sich aufgrund vieler Bonuspunkte schon ein paar Prämien sichern können, als er eines Tages uns, oder vielmehr mich, überraschte: Eine neue, mit Daunen gefüllte Winterjacke. „An der Tankstelle gibt es Jacken?“ fragte ich ungläubig, bevor er mir das mit den Sammelpunkten erklärte. Wir freuten uns, denn weil Ralf studierte und wir Studiengebühren zahlten, lebten wir quasi nur von meinem Gehalt. Zwei Winter lang trug ich die Jacke, da passierte mir auf dem Heimweg etwas Komisches. Ich war gerade aus der U-Bahn ausgestiegen und schritt durch die Unterführung, da piekte mich die Jacke unter der Achsel. „Autsch!“ sagte ich leise, da piekte sie mich schon wieder. „Aua!“ sagte ich erneut und griff mir mit der Hand in die Innenjacke, wo ich allerdings nichts Pieksiges ausfindig machen konnte. Also ging ich weiter. Doch nach ein paar Metern fing es schon wieder an, es war als hätte ich ein Nadelkissen, einen Tannenzweig oder ein Igelbaby in meiner linken Achsel. Die letzten 500 Meter bis zu unserer Wohnung legte ich mit kreisenden Bewegungen meines linken Armes und vielen „Autsch!“-Ausrufen zurück. Als ich endlich zu Hause angekommen war, öffnete Ralf mir die Tür und ich schüttete ihm sogleich mein Herz aus. „Da piekt mich was die ganze Zeit in meine Achselhöhle, es tut heftig weh!“ jammerte ich. Ralf kümmerte sich sofort um das Problem. Er drehte die Jacke auf links, schnitt mit einer Nagelschere in das Innenfutter, und holte schließlich eine winzige Feder aus dem Inlett. Die Feder war so miniklein, dass er sie vor den Badezimmerspiegel halten musste, damit wir sie im hellen Licht betrachten konnten. „Wie kann so etwas so kleines so weh tun?“ fragte ich fassungslos und starrte auf den Federkiel. „Nun kann sie dich ja nicht mehr stören“, sagte Ralf und holte Nähzeug, um das kleine Loch wieder zuzunähen.

Die Jacke wird verkauft

Im dritten Winter beschloß ich, die Jacke auf dem Kindergartenflohmarkt, welcher jedes Jahr im Frühling und im Herbst stattfand, zu verkaufen. Ich arbeitete selbst in dem Kindergarten, in dem der Flohmarkt stattfand. Im ersten Stock fand der vom Elternbeirat organisierte Verkauf statt, im Erdgeschoss bildeten und betreuten wir Erzieher:innen die Kinder. „Deine Jacke haben wir verkauft, hier ist dein Geld“, sagte mir eine Elternvertreterin am späten Nachmittag. Ich freute mich darüber, dass meine Jacke nun eine neue Besitzerin hatte und wünschte mir, dass diese nicht von ihr gepiekst werden würde. Am nächsten Tag machte ich mich in unserem heimischen Badezimmer morgens für die Arbeit fertig. Meine Lippen waren, wie fast immer im Winter, rissig, spröde und trocken. Bevor ich aus dem Haus ging, steckte ich mir einen Lippenpflegestift in die Jackentasche und schmierte mir zusätzlich einen Klecks Honig auf die Lippen. „Bloß nicht abschlecken!“ sagte ich mir im Stillen gebetsmühlenartig vor und zog die Wohnungstür hinter mir ins Schloß.

Mein werktäglicher Arbeitsweg sah wie folgt aus: Aus dem Haus heraus ging es durch die Etepetetestrasse zur U-Bahn, mit der ich drei Stationen bis zum Hauptbahnhof fuhr. Am Hauptbahnhof stieg ich dann in die S-Bahn und fuhr mit ihr fünf Stationen. Von dort hatte ich noch sieben Minuten Fußweg bis zu meiner Arbeitsstelle. In der S-Bahn traf ich immer auf die gleichen Menschen. Der Mann im langen Mantel und der Aktentasche zum Beispiel. Für mich sah er aus wie ein Bänker, der ganz wichtige Geschäfte zu erledigen hatte. Der Geologe mit seinem weissen Bart und den lustigen Augen fuhr ebenfalls werktags mit. Bei ihm handelte es sich wirklich um einen Geologen, ich hatte mich schon oft mit ihm unterhalten. Und dann war da noch die Frau mit dem Hut, welcher aussah wie ein Puddingteilchen. Im Kindergarten angekommen freute ich mich, „meine“ Kinder zu sehen und mit ihnen einen schönen Tag mit spielerischem Lernen, Bilderbuchgeschichten, Basteln und Singen gestalten zu können. Gegen Mittag bemerkte ich, dass die ganze Heizungsluft, die durch den Gruppenaum waberte, meinen rissigen Lippen nicht gut tat. Sie fühlten sich sehr rauh und völlig trocken an. „Ich hole kurz etwas aus meiner Jacke im Garderobenschrank des Flurs. Wenn ihr bis zehn gezählt habt, bin ich wieder da“, sagte ich. Meine pädagogische Zweitkraft war nämlich mal wieder krank und ich alleine für die 25 Kinder verantwortlich. „Ich passe schon auf, dass hier keiner leise ist“, sagte mir die sechsjährige Filippa selbstbewusst und sehr vertrauenswürdig. Schnell rauschte ich ab in den Flur, riss die Schranktür, in der wir Erzieher:innen unsere Jacken verstauten, auf und griff in meine Jackentasche. Doch da war kein Lippenpflegestift! „Das gibt’s doch gar nicht, der muss doch hier sein“, schimpfte ich leise, doch der Stift blieb verschollen. Da ich zurück in den Gruppenraum musste, bevor dort Halligalli herrschte, blieb die Situation erst mal so, wie sie war.

Jetzt aber schnell

Im Laufe der Stunden trockneten meine Lippen immer mehr aus. Das Teetrinken tat weh und auf meine mitgebrachte Apfelsine zur Nachmittagsvesper verzichtete ich lieber. Allein der Gedanke, wie der halbsaure Saft meine blutigen Lippen berührte, ließ mich schaudern. Ich schälte die Apfelsine und legte aus ihr eine große Sonne, damit die Kinder sie essen konnten. Das letzte Kind meiner Gruppe war um 16:30 Uhr gerade abgeholt, da stellte ich in einem rasantem Tempo die Stühle auf die Tische, kehrte den Gruppenraum schnell durch und überprüfte, ob alle Fenster geschlossen waren. Von meiner Kollegin aus der Nachbargruppe, die noch länger blieb, da sie ein Elterngespräch hatte, verabschiedete ich mich mit lieben Grüßen, dann ging ich zum Garderobenschrank, um meine Jacke zu holen. Der Grund dafür, dass ich so schnell handelte, war der, dass ich nach meinem Feierabend noch unbedingt zur Drogerie gehen wollte, um mir einen neuen Lippenpflegestift zu kaufen. Die Drogerie befand sich beim Bahnhof, wo mich die S-Bahn wieder fünf Stationen zum Hauptbahnhof bringen würde. Es mag übertrieben klingen, aber wer selbst einmal unter extrem rissigen Lippen litt, der weiß, wovon ich schreibe. Ich fühlte mich inzwischen wie ein völlig ausgetrockneter Schwamm dem die Sporen bluteten. Ich wußte nicht, wie lange der Drogeriemarkt im Bahnhof eines kleinen Vorortes von Nürnberg seine Türen offen hat, deswegen rannte ich Teile des Weges. Hoffentlich sahen mich dabei nicht irgendwelche Kindergarteneltern. Es sähe ja aus, als könnte ich es nicht erwarten, vom Kindergarten weg zu kommen, dabei war doch alles ganz anders. Während ich lief, erschien der Bahnhof ruckelnd in meinem Blickfeld. Das Licht in der Drogerie leuchtete noch, juchuuh. Ich weiß nicht, warum ich just in diesem Moment in meine Jackentasche griff, aber im Nachinein war das schon gut so, denn ich bekam plötzlich einen Schlüssel zu fassen. Der Schlüssel fühlte sich merkwürdig an. Können Schlüssel sich merkwürdig anfühlen? Ja, denn wenn man seit Jahren seinen eigenen Schlüsselbund oft in den Händen hält, dann merkt man wie ich schnell, dass DAS NICHT MEIN SCHLÜSSEL WAR! In meinem bis dato rasantem Laufweg blieb ich sofort stehen und schaute den Schlüsselbund an. Da baumelte unter anderem ein Autoschlüssel für einen Mercedes am Schlüsselring. Ich hatte aber keinen Mercedes, ich fuhr doch S-Bahn! Was war denn hier los, was war geschehen? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Jacke die ich hier gerade trug …es war meine alte Pieksi-Daunenjacke, die ich tags zuvor auf dem Flohmarkt verkauft hatte. Eine meiner Kolleginnen hatte sie gekauft und in den Schrank gehängt. Aus Gewohnheit hatte ich nach meiner „alten“ Jacke gegriffen. Au Backe! Na gut, nun war mir auch bekannt, warum mein Lippenpflegestift nicht aufzufinden war. Leicht entsetzt, mir die falsche Jacke gegriffen und mir fremdes Eigentum angeeignet zu haben, rannte ich erneut die Strecke zum Kiga zurück. „Hoffentlich dauert das Elterngespräch noch an und die Kollegin steht nun nicht verzweifelt am Garderobenschrank und sucht ihre Jacke – mit Autoschlüssel darin!“ dachte ich und rannte, bis meine Lunge brannte. Atemlos kam ich im Kiga an, wechselte ihre Jacke gegen meine, verabschiedete mich winkend von der Reinigungskraft und hetzte wieder los zum Bahnhof.

Augen auf beim Lippenpflegekauf

Das Licht im Drogeriemarkt brannte immer noch. Gott sei Dank. Dank meiner Rennerei hatte sich Schweiß über meinem Mund gebildet und lief salzig auf meine Oberlippe. Ja, das tat weh, aber Rettung war ja in Sicht. Schnellen Schrittes betrat ich den Laden, griff mir den ersten Labello, den ich sah, bezahlte und verließ die Drogerie wieder. Vor der Tür packte ich den Stift aus und schmierte ihn mir großzügig auf den Mund und rundherum. Aaaahhh, tat das gut. Was für eine Wohltat. Das Glück kann so klein sein. Bestens eingecremt betrat ich anschließend die S-Bahn und fand zum Glück noch einen leeren Platz, auf den ich mich setzte. Ein paar Reihen vor mir entdeckte ich den Geologen, der mich mit seinen lustigen Augen anstrahlte. Nicht nur das, er schmunzelte sogar. Was für ein freundlicher Mann. An der nächsten Station stieg der Bänker ein und setzte sich mir gegenüber. Dann nahm er seine Financial Times aus dem Aktenkoffer, las darin und blickte kurz zu mir auf. Kopfschüttelnd widmete er sich anschließend wieder seiner Lektüre. Der Arme, wahrscheinlich war der Aktienmarkt im Keller. Wie sonst wäre sein Kopfschütteln zu interpretieren? Die Frau mit dem Plunderteilchenhut fuhr auch wieder mit.

Als sich unsere Blicke kreuzten, fuhr sie sich mehrmals mit dem Handrücken über den Mund. Ob sie wohl auch ihren Labello daheim vergessen hatte? Die Arme. Den Rest der Fahrt schaute ich aus dem Fenster, wo die Landschaft in schnellem Tempo an mir vorbeirauschte. Die U-Bahn war zum Glück fast leer, ich mag so vollgestopfte Waggons nicht sehr. Als ich durch die Etepetetestrasse ging, schaute mich die Gucci-Verkäuferin schräg an und auch der Juwelier rümpfte seine Nase, als er mich sah. Alles wie immer.

Der Horrorclown hat Feierabend

Ich stieg die Treppen zu unserer Wohnung hinauf und freute mich darüber, dass ich den Türschlüssel nicht lange suchen musste, denn Ralf öffnete mir die Tür und nahm mir meine Tasche ab. „Wie siehst du denn aus?“ fragte er, während er mir aus der Jacke half. Was für eine liebenswerte Begrüßung nach einem harten Arbeitstag. „Gab es Brombeeren im Kindergarten?“ hakte Ralf nach und hing meine Jacke an die Garderobe. „Nööö wieso?“ antwortete ich und betrat das Bad, um mir die Hände zu waschen. Da sah ich plötzlich mein Spiegelbild und erschrak. Ich sah ja aus wie ein Horrorclown! Ringsherum um meinen Mund war ich komplett lila. „Was zum…“ rief ich, dann schnappte ich mir meine Tasche und holte den Labello hervor. Der war auch lila und hatte einen Namen. Blackberry Shine. Mit Schimmerpigmenten und Brombeeraroma. „Ach du grüne Neune!“ stöhnte ich. „Lila passt wohl eher“, lachte der Ralf. „Herrjeh, ich werde mich nie wieder in der U- oder S-Bahn sehen lassen können“, sagte ich. Ob ich mich wohl für ein halbes Jahr krank schreiben lassen könnte? Abends war das Debakel allerdings schon wieder so lustig, das der Ralf und ich immer wieder zu lachen anfingen. Seit dem achte ich sehr darauf, was ich kaufe. Und fremde Jacken ziehe ich mir auch nicht mehr ohne Weiteres an. Gerade hat mir meine Tante selbst gesiedete Seife und Lippenpflege in einem Weihnachtspaket geschenkt. Ohne Brombeer und Schimmerpartikel. Dabei wußte sie von dieser Sache noch gar nichts. Man braucht eine ordentliche Portion Humor im Leben und ich bin so froh, dass ich herzhaft über mich selbst lachen kann.

Habt alle eine gute Zeit. Bleibt gesund oder werdet es. Ich wünsche euch eine angenehme neue Woche und grüße euchherzlichst.

Steph ❤

4 Kommentare zu „Das Labello-Debakel

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