Herr Schröder sagt Tschüss

Manchmal geht die Zeit so schnell vorüber. Nun haben wir schon Januar und unsere Weihnachtsnissen namens Kalle Knispel und Pelle Pupsel Schröder machen sich so langsam für ihren Abflug in den Zauberwald auf Fanø bereit. Dort leben sie von Januar bis Ende November. Der Wald ist urgemütlich, davon haben Ralf und ich uns schon ein paar Mal persönlich überzeugen können.

Pelle liebt Hülya

Aber erste einmal möchte ich euch berichten, wie die letzte Zeit mit den beiden Schlingeln war. Ihr wisst ja, dass Nisser den Menschen oft Streiche spielen, außer sie bekommen das, was sie wollen. Kalle futtert liebend gern seine Toffifeepralinen, mindestens eine am Tag. Und Pelle? Der isst alles und er spielt auch keine Streiche. Allerdings ist er oft sehr tollpatschig, was einem Streich fast gleich kommt. Wir haben herausgefunden, dass Pelle Hyazinthen liebt. Ralf hat neulich ein paar Hyazinthenzwiebeln im Topf vom Einkaufen mitgebracht und in unserer Wohnung auf den Fensterbänken verteilt. Denn auch Ralf mag den Duft der Hyacinthus gerne riechen. Als ein paar Tage später die Blumen erwachten und aufblühten, da wollte ich sie gerade gießen, als mir Pelle entgegenpurzelte. „Wo kommst du denn jetzt her?“ habe ich erschrocken gerufen und die Gießkanne schnell abgestellt, um mich um den armen Pelle, der ein wenig verwirrt aussah, zu kümmern. „Ich hab ein kleines Mittagsschläfchen gehalten“, flüstete er. „Auf der Blume?“ fragte ich. „Sie ist so schön anzusehen und duftet so wichtelfantös“, säuselte er. Dann fragte er mich, ob er sich eine Blüte abzupfen und als Hut aufsetzen dürfe, um den ganzen Tag mit Hülya zusammen sein zu können. Er hat Schwierigkeiten, ihren Namen korrekt auszusprechen, daher nennt er sie der Einfachheit lieber Hülya. Ich freute mich über einen weiteren Blumenfreund in unserem Haushalt.

Die schwarze Landebahn aus Gummi

Kalle hingegen schnarchte noch gegen Mittag in seinem Nussschalenbett hinter der Nissedør wie ein Bär im Winterschlaf. So vieles hatte er dadurch schon verpasst. Die Möwen zum Beispiel. Die Zeitungsmöwe, die ihn täglich mit dem neuesten Tratsch aus dem Zauberwald versorgt, hatte ihre beiden Freundinnen zu Besuch. Diesen hatte sie erzählt, dass es bei uns auf dem Balkon jedes Jahr zur Winterzeit ein „all you can eat dinner“ gäbe und man das Essen ohne Probleme abholen und mitnehmen könne. „Und wenn ihr kein Futter vorfindet, was sehr selten vorkommt, dann müsst ihr einfach nur einmal laut schreien und schon wird nachgereicht“, teilte sie ihren Freundinnen mit. „Manchmal sind auch Elstern und Amseln da, aber von denen dürft ihr euch nicht stören lassen.“ Die Freundinnen nickten beeindruckt und sprachen ein Tischgebet, bevor sie sich über das ausgelegte Futter, dass eigentlich nur für die Elstern und Amseln vorhergesehen war, hermachten. „Eines dürft ihr allerdings nicht machen“, rief die Zeitungsmöwe und warete, bis die anderen ihr Essen runtergeschluckt hatten, um sich ihrer Aufmerksamkeit gewiss zu sein. „Ihr dürft niemals aus Frust über fehlendes Fressen auf dem Tisch rumhacken. Das mag der Futterschenker gar nicht gerne. Glaubet mir, glaubet mir!“ krähte sie. Und ja, da hatte sie absolut Recht. Der liebe Ralf, der sich immer um alle Tiere sorgt und deswegen auch keine isst, hatte nämlich extra eine schwarze Gummimatte auf dem Balkontisch ausgelegt und an den Tischkanten mit Klammern fest gemacht. „Warum tust du das?“ habe ich ihn bei ersten Mal gefragt. „Wegen der Vögel“, sagte er. Mein Mann ist ein echter Norddeutscher. Der erzählt oft nur das Nötigste. Entweder man reimt sich zusammen, was er da macht, oder man hakt nach. Ich hake gerne nach und so berichtete er mir, dass die Vögel nicht auf dem weiß lackierten Tisch ausrutschen sollten, wenn sie sich ihr Winterfutter holten. Das fand ich schon wieder so lieb von ihm, dass mein in ihn verliebtes Herz heftig bubberte. „Aber warum denn eine schwarze Matte, Ralf?“ fragte ich zögerlich, denn auf unserem Balkon waren die Stühle und der Tisch in rot-weiß lackiert. „Damit sie aus der Luft das Futter besser finden“, erklärte er. Der Gute. Kalle hatte also die Möwen verpasst. Er hatte verpasst, wie Pelle und ich Luftballontennis im Wohnzimmer spielten und auch die gemütliche Fernsehstunde von „Janoschs Traumstunde“, die bei uns auf DVD lief, war an ihm vorbeigegangen, ohne dass er es bemerkt hätte.

Wir räumen auf

Es war höchste Zeit, Kalle aus seinem Tiefschlaf zu wecken, denn wir hatten an dem Silvestertag noch einiges vor. „Zum Jahreswechsel werden die Betten frisch bezogen, neue Schlafanzüge angezogen, die Wohnung geputzt und ihr geduscht“, erklärte ich den beiden Nissen. „Ich putze nicht!“ war das erste, was Kalle Knispel dazu einfiel. Gähnend rieb er sich den Bauch und fragte, wann es Mittagessen gäbe? Was war nur mit ihm geschehen? Als er noch vor Wochen aus dem Schwabenländle heimkam, wo er bei Michi, Mabel & Peter ein paar Tage verweilte, da war er so begeistert von der Kehrwoche, die man im Süden Deutschlands gerne abhält. Und nicht nur das, er war auch plötzlich viel ordentlicher geworden und hatte nette Umgangsformen entwickelt. Er sagte „Bitte“ und „Danke“ und war auch sonst ein bisschen freundlicher. Das war nun alles wieder weg. „Vielleicht sollten wir ihn erneut zu Mabel schicken?“ flüsterte Ralf mir zu. „Warum willst du die liebe Mabel bestrafen?“ entgegnete ich ihm. „Wenn die Katze noch da ist, will ich erstmal auch nicht dorthin“, antwortete Kalle, der alles mitangehört hatte. Irgendwie muss ihm die Katze nicht ganz geheuer sein. „Egal wie, heute wird geputzt!“ sagte ich. „Erst ist die Wohnung dran und dann werdet ihr reinlich gemacht. So ist das immer bei unserem Jahreswechsel.“ Da knurrte und murrte Kalle nicht mehr, denn er sah im Hintergrund, wie Ralf schon die Silvesterkiste auspackte. In dieser Kiste waren bunte Luftschlangen, Wunderkerzen, Tischfeuerwerk und lustige Hüte enthalten. „Wir wollen auch so eine tolle Wunderkerze für unsere Wohnung!“ rief er und rannte aufgeregt im Kreis herum. „Wann zünden wir das erste Tischfeuerwerk an, wann gibt’s Raclette und darf ich zum Nachtisch zwei statt nur ein Toffifee? Ich mach‘ doch alles, was ihr wollt.“ Nervös knetete er seine rote Wichtelmütze in den Händen und schaute uns mit Dackelblick an. „Jeder hat hier seine Aufgaben und eure wird sein, eure Stube zu putzen“, sagte ich. Damit war er für’s Erste total einverstanden.

Zuckerwatte zum Putzen?

Endlich konnte unser neuer Staubwedel zum Einsatz kommen. Wir leben in einer Altbauwohnung mit hohen, teils stuckverzierten Decken, die so hoch sind, dass man da nicht so einfach dran kommt. Der neue Staubwedel war sehr groß und hatte einen langen Stiel. „Was machst du mit der Zuckerwatte?“ hatte Kalles Bruder Pelle mich gefragt. „Aber Pelle, das ist doch keine Zuckerwatte, das ist ein Staubwedel, damit wedelt man den Staub hinweg“, habe ich ihm erklärt. „Er sieht ein bisschen aus wie meine Hülya, aber er duftet nicht so gut“, gab er von sich. Es war zu süß, wie er da vor mir stand. Immer noch trug er ein Blütenblatt der lilanen Hyazinthe als Hut auf seinem Kopf. Er hatte recht, die flauschigen Büschel des Staubwedels sahen wirklich ein wenig aus wie unsere Hyazinthen in den Töpfen. „Ich kann nicht putzen!“ jammerte Kalle extra laut, damit wir ihn auch ja hörten. „Herr Kann-Nicht wohnt in der Ich-will-nicht-Straße“, war meine knappe Antwort dazu. „Jeder muss im Haushalt helfen und zusammen geht das auch viel schneller. Wir leben schließlich auch nicht nicht in einem Schloß mit zwanzig Zimmern, sodass wir das zusammen gut erledigt bekommen, bevor das Fest beginnt. Um ihn zu motivieren, zündete ich ihm vorab schon mal eine Wunderkerze an. Und noch eine. Und noch eine. In zwei Stunden hatten wir alle Zimmer gereinigt und auch vor dem Wichtelhaus in unserer Hauswand strahlte es blitzsauber. Dann wuschen wir uns alle selber noch und freuten uns auf frisch bezogene Betten. Der Silvesterabend war so schön. Der MuPS Matze, Ernie, Mutter Hase die eigentlich ein Schaf ist, Einhorn, Pelle und Kalle saßen um unseren Esszimmertisch herum. „Pelle hat gepupst!“ teilte Ernie uns mit und lachte. „Iiih, das stinkt!“ rief das Einhorn. „Wir sollten noch eine Wunderkerze abbrennen, um den Geruch zu übertönen“, sagte Kalle begeistert und lief auf seinen kurzen Beinen zum Schrank, in dem die Wunderkerzen lagen. Pelle Pupsel muss halt immer pupsen, wenn er aufgeregt ist, da kann man leider gar nichts machen. Die Tischkanonen feuerten Konfetti und Spielzeug in die Höhe, die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten festlich herunter und Mutter Hase, die eigentlich ein Schaf ist, gewann gleich drei mal beim Kartenspielen. Beim jährlichen Raclette essen waren Ralf und ich dann wieder alleine, denn die bunte Bande wollte im Wichtelhaus noch weiterfeiern. Wir brachten ihnen Minidonuts aus unserer Donutmaschine und essbare Raketen. Dazu hatten wir Wiener Würstchen in Pizzateig eingewickelt und im Backofen warm gemacht. Es war ein richtig tolles Fest.

Der Abschied ist da

Und dann war es in der letzten Woche soweit. Für Kalle & Pelle Schröder stand die Abreise in den Zauberwald an. Da sich die beiden Brüder erst in diesem Jahr nach langer Zeit wieder gefunden hatten, kennt Pelle den Zauberwald noch gar nicht. Aber er freut sich wie Bolle darauf, dort mit seinem Bruder zu wohnen. Dieser hat ihm schon so viele aufregende Abenteuer erzählt, dass Pelle schon wieder das Pupsen begann. Es war zwar schön, die beiden so voller Vorfreude zu sehen, allerdings war ich auch sehr traurig darüber, dass wir sie nun erst im Dezember wiedersehen würden. Während die beiden eifrig ihre Koffer packten, hatte ich mit meinem Abschiedsschmerz zu kämpfen. Da musste ich plötzlich an ein Buch von Elisabeth Kübler-Ross denken. Ich habe viele ihrer Bücher gelesen, sie haben mir in schweren Zeiten oft geholfen. In einem schreibt sie davon, dass unser ganzes Leben Abschied bedeutet und wir seit frühester Kindheit damit konfrontiert werden, ohne das es uns groß bewusst ist. Man verliert sein Kuscheltier, den Schnuller, die Milchzähne und so geht das immer weiter. Ich weiß noch genau, wie ich als Kind ein kleines Holztöpfchen geschenkt bekam. Die Zeichnung eines Zahns war in das Holz eingeritzt. Es war als Aufbewahrungsbehältnis für die ausfallenden Milchzähne gedacht. Immer wenn ein Zahn meinen Mund verließ, dann säuberte ich ihn und legte ihn hinein ins Töpfchen mit dem Zahn. Es kamen noch einige Zähne dazu und ich fühlte mich, als hätte ich einen Schatz. Doch dann fiel mir das Töpfchen eines Tages just in dem Moment herunter, als meine Mutter den neuen Kobold Staubsauger aus dem Hause Vorwerk ausprobierte. Die Zähne waren schneller weg, als sie mir ausfielen und weil meine Mutter so sehr beschäftigt war, mich anschließend zu trösten, vergaßen wir beide die Möglichkeit, den Staubsaugerbeutel zu öffnen und die Milchzähne dort wieder herauszuholen. Das war alles ziemlich traurig damals, allerdings habe ich auch die Kraft des Trostes kenengelernt und dieser tat unendlich gut. Manche Dinge sind eben wie sie sind und nicht mehr zu ändern. Es ist kräfteraubend, an dem Schmerz festzuhalten und ihn nicht annnehmen zu wollen, außerdem vergisst man dadurch die wunderbare Kraft des Trostes lieber Menschen. Ralf riss mich aus meinen Gedanken, als er plötzlich „Da kommt Klaus!“ rief. Klaus, der Seeadler kommt jedes Jahr vorbei und holt Kalle Knispel ab, um ihn sicher und gemütlich in den Zauberwald nach Fanø zu bringen. Wir machten schnell Platz auf dem Balkon, denn ein Seeadler ist um ein vielfaches größer als eine Möwe. „Deine Augen glitzern“, bemerkte Pelle und fragte, warum das so ist. „Weil ich mich schon jetzt so sehr darauf freue, wie dir der Zauberwald gefällt und was ihr beiden uns im Dezember erzählen werdet“, habe ich ihm geantwortet. Um es mit Janoschs Worten zu sagen: „ …und das war nicht gelogen!“

Der Ralf glaubt, dass es nun ein bisschen ruhiger bei uns wird und freut sich darauf. Er weiß noch nicht, dass mir vorhin beim Putzen im Bad der neue Zuckerwattenstaubwedel ins Klo gefallen ist und ich vermutlich einen seiner Lieblingsaufkleber ausversehen mit ins Altpapier gegeben habe. Wenn er Trost braucht, bin ich da, das ist gewiss.

Herzlichst eure Steph ❤

5 Kommentare zu „Herr Schröder sagt Tschüss

  1. Moin liebe Steph. Habe mir die Geschichte für meinen zweiten Kaffee aufgehoben und sehr genossen :-). Der Satz „…Nisser den Menschen oft Streiche spielen, außer sie bekommen das, was sie wollen.“ erinnert mich an unsere Katze :-). Sicher sind die irgendwie miteinander verwandt.
    So wie ich dich bisher hier kennenlernen durfte, wird es euch nicht langweilig werden, wenn eure Gäste wieder weg sind.
    Elisabeth Kübler-Ross müssen wir für ihre Arbeit sehr dankbar sein. Ich habe auch ein Buch von ihr und es hat mich stark beeinflusst. Ich hatte es mir schon 2007 bestellt und nach Istanbul schicken lassen. Da hatte ich noch nichts mit Yoga zu tun. Wahrscheinlich kaufte ich es, weil ich ein paar Jahre zuvor meine Freundin und ihre Tochter verloren hatte. Dieses Buch hat mir geholfen, besser Abschied nehmen zu können.
    Ich fände es gut, wenn alle Ärzte mal einen Blick in Ihre Arbeit werfen würden.
    Danke für deine süße Geschichte und die viele Arbeit, die ihr euch immer damit macht. Das Ticktet und die Koffer. Einfach wunderschön anzuschauen. Alles Liebe und ein schönes Wochenende, Monika

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    1. Moin Monika,
      ich danke dir für deine lieben Zeilen die mich durch den Tag tragen.
      Mein erstes Buch von Elisabeth Kübler- Ross war “ Über den Tod und das Leben danach“. Ich bekam es von einer Freundin nach dem Tod unserer Nele geschenkt. Anschließend las ich mich durch viele ihrer anderen Bücher die mir unglaublich gut taten. Das „Rad des Lebens“ zum Beispiel. Ja wir können ihr dankbar sein. Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag. Liebe Grüße Steph

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