Der Fernfahrerteller

Samstagmorgen 7:00 Uhr. Wie gerne würde ich noch ein wenig in unserem kuscheligen Bett liegen, aber der Maler hat sich für 8:00 Uhr angekündigt. Ralf ist schon in der Küche mit Kaffee kochen beschäftigt, und ich versuche, dass Sandmännchen, was sich scheinbar mit seinem Po auf meine Augen gesetzt hat, zu vertreiben. Warum ein Maler nur samstags kommen kann? Tja, ich weiß nicht. Ist mir auch egal, ich bin nicht die Auftraggeberin, ich will nur, dass alles wieder schön wird. Der Grund für den Malerauftrag liegt darin begründet, dass der Nachbar über uns einen Wasserschaden verursacht hat und es bei uns durch die Decke tropfte. Sofort hat sich unser Vermieter um einen Handwerker gekümmert und dieser soll nun in einer Stunde bei uns sein.

7:45 Uhr: Ralf geht schnell zum Bäcker, Brötchen holen, damit die Maler was zu essen haben, wenn sie da sind. Unfassbar: Obwohl ich schon beim Zähne putzen bin, sitzt mir das Sandmännchen immer noch quer im Gesicht.

8:00 Uhr: Ich will am Wohnzimmerfenster schauen, ob die Maler schon im Anmarsch sind. Was sonst ein Weg von zehn Sekunden ausmachte, wird nun zum minutenlangen Gang, denn ich muss mich durch das nun voll gestellte Wohnzimmer quälen und komme mir dabei vor wie in einem Computerspiel, weil immer ein Hindernis (Regal, Stock, gestapelte Stühle, meterhohe Pflanzen) im Weg stehen. Kopf runter, wieder hoch, links ausweichen, rechts vorbei schlängeln, ducken, kriechen, hochkrabbeln… SO muss sich Klempner Mario gefühlt haben, als er die hübsche Prinzessin Peaches befreite. Am Fenster angekommen, merke ich, wie doof das jetzt ist, hier zu stehen, denn wenn ich sie wirklich kommen sehen würde, müsste ich den Weg wieder zurück und das würde dauern…. Und Ralf ist ja noch beim Bäcker. Ich trete also sofort nach Erreichen des Ziels wieder den Rückgang an und bin genau um

8:15 Uhr an der Tür, als es klingelt. „Joah, da sind wir, nech?“ sagt der Maler, als er mit seinem ganzen Arbeitsmaterial die Stufen hinaufkommt. Hinter ihm erscheint eine deutlich jüngere Ausgabe von ihm, vermutlich der Geselle.

8:30 Uhr: Nachdem wir eine kleine Einweisung der zwei Arbeitsstufen, die er heute durchführen wird („Wir legen hier erst mal überall Vlies und Folie aus und dann streichen wir!“) bekommen haben, gehen Ralf und ich in die Küche, um Brötchen für die beiden zu schmieren. Hurra, Ralf hat sogar „Bauarbeitermarmelade“ in Form einer Mettwurst besorgt, die ich sogleich auf die Brötchen verteile. Zum Glück hatte ich noch Zwiebeln im Schrank. Während wir da so stehen und aussehen, als wären wir Jugendherbergseltern, die ihren Schützlingen sehr viel Verpflegung für die Tour durch die Rocky Mountains herrichten, lauschen wir angespannt, was da im Esszimmer vor sich geht.

„So’n Schiet, dass wir kein Radio dabei ham, ne?“ sagt der eine. Ralf und ich schauen uns stumm an. Mein Blick sagt zu seinem: „Hej, ich hab alles versucht, die Musikanlage ist komplett zugestellt, das geht jetzt nun mal nicht.“ Sein Blick sagt: „Ich geh mal auf den Dachboden, ich finde schon eine Lösung!“

8:50 Uhr: Leise dudelt Musik aus dem Radio, das Ralf noch irgendwo auf dem Speicher gefunden hat. Er fragt, welchen Sender die beiden gerne hören möchten und versucht alles, um den gewünschten Sender zu finden. Derweil stehe ich mit knurrendem Magen in der Küche, schneide Radieschen zu einer Blume für den „Handwerkerteller“ und frage mich, wie lange das heute wohl dauern wird. „Kann ja nicht so schwer sein für einen Maler, ein Zimmer zu streichen, geht vielleicht in zwei Stunden“, beruhige ich mich selbst und hole Servietten heraus. „Malerfinger brauchen bestimmt keine Servietten“, denke ich dann und lege sie zurück in den Schrank. Ralf schenkt den beiden Kaffee nach und ich bin mit dem Tellerchen fertig. Obwohl Tellerchen nicht der richtige Ausdruck ist. DAS war ein Fernfahrerfrühstück!

9:20 Uhr: Wir kommen uns so fremd in unser eigenen Wohnung vor. Schon dreimal wollte ich mal eben schnell auf die Toilette gehen, aber immer, wenn ich mein Vorhaben umsetzen wollte, kam einer der beiden mit einem riesigen Eimer um die Ecke und verschwand vor mir im Bad, um Wasser zu holen. Jedenfalls vermute ich das. Was machen die sonst mit einem Eimer auf dem Klo?

Ralf und ich stehen in der Küche und wissen nicht so recht was mit uns anzufangen. Frühstücken wollen wir gerade nicht, weil die Herren im Esszimmer das auch noch nicht machen. Just in dem Moment, als Ralf sagt, dass das doch Quatsch sei und wir uns zum Essen hingesetzt haben, erscheint der Jüngere und sagt (deutlich zu Ralf gewandt): „Können sie mal kommen?“ Ralf folgt ihm und löst mal wieder irgendein Problem.

Fünf Minuten später sitzt er wieder bei mir am Küchentisch. Wir lesen die Tageszeitung, haben aber dennoch immer ein Ohr für das, was da aus dem Esszimmer kommen könnte. Ich bin gelernte Erzieherin, ich kann so etwas! Ralf beisst genüsslich in sein Brötchen, während ich mich nicht traue. Sein wir doch mal ehrlich: Genau in dem Moment, in dem ich mit vollen Wangen mein Frühstück genieße, kommt womöglich einer der Maler wieder herein und ich sehe aus wie die Diva in der Villa mit ihren fünf Corgi-Dogs. Frei dem Motto nach: „Während das Personal arbeitet, löffle ich Kaviar aus meinem Goldschälchen. Außerdem muss ich immer noch auf Toilette. Also schnell wieder in die Zeitung vertiefen, um mich abzulenken. Ein Artikel weckt mein Interesse besonders: In der Marienkirche haben sie einen Goldschatz, ein hunderte Jahre altes Bild, gefunden. Bei Renovierungsarbeiten…

Der Malerchef sagt laut: „Ohhauhahauaha!“

Wir wissen, was das übersetzt heißt. Nämlich nichts Gutes. Es gibt das „Ohauaha!“ Und die Steigerung, nämlich Ohauahauaha. Ralf und ich schauen uns wieder an, ohne was zu sagen. „Was könnte das sein?“ fragen Ralfs Augen. Meine antworten: „Vielleicht ist das Frühstück schon alle?“

Der Jüngere erscheint wieder in der Tür und sagt zu Ralf: „Können sie mal kommen?“

Mein Blick fällt auf den Artikel und ich denke, dass sie vielleicht ein hunderte Jahre altes Bild unter der Tapete gefunden haben? Eine Freske? Schließlich ist das Haus, in dem wir wohnen, auch schon hundert Jahre alt. Ich überlege, welchen Redakteur unserer lokalen Tageszeitung ich anrufen sollte, als mich die Realität einholt. Wieso unter der Tapete? Sie sollten doch nur streichen. Ich flitze ins Esszimmer und sehe dort drei Männer, die alle an die Decke starren. Ralf hält sich die Hand vor den Mund, wie es Leute tun, die damit ihr Entsetzen zum Ausdruck bringen wollen. Der Maler grinst in sich hinein, der Jüngere staunt. Ich reihe mich in den Club der „Hochgucker“ mit ein und kann nicht fassen, was ich dort sehe. Ein Stück der Deckentapete knickt wie ein Eselsohr hoch und darunter ist alles schwarz. Mit einem Bein auf der Leiter und einer Hand in die Hüften gestemmt erklärt uns der Maler, was das ist. Schimmel! Keine weißen Fleckchen mit ein bisschen schwarz, sondern alles schwarz. „…und ich will erst gar nicht wissen, wie’s unter der gesamten Deckentapete aussieht!“ sagt der Maler und wischt sich mit dem Zeigefinger einmal unter der Nase entlang. Wir bekommen den Auftrag, unseren Vermieter anzurufen, dieser soll entscheiden, was nun getan werden soll. Hatte ich schon erwähnt, dass ich dringend mal auf Toilette muss? Mit zittrigen Fingern tippe ich auf dem Display meines Handys rum, um Kontakt zu unserem Vermieter herzustellen. Als er dran geht, gebe ich den Hörer schnell an den Maler weiter, der nun die Hände aus der Hüfte nimmt und dem Vermieter das Dilemma schildert.

Das Eselsohr knickt immer noch schwarz aus der Deckentapete. Fast habe ich das Gefühl, es lebt. Es grinst mich an und sagt: „Hast du im Ernst gedacht, mit ein paar Stunden Pinselei wäre das hier erledigt? Harrharrharrrrr!“ Während ich noch überlege, ob ich meinem Therapeuten berichten soll, dass die Tapete zu mir spricht und dabei hämisch lacht, ist das Gespräch beendet. „Tja, Vermieter sacht, soll alles runter, ne. Er will aber vorher noch mal selbst vorbei kommen und gucken. Hab ihm gesacht, er soll ’ne Kamera mitbringen.“

Dann reibt er sich die Hände und sagt, dass nun ja genug Zeit für Frühstück da sei….

10:30 Uhr: Unser Vermieter kommt vorbei. Mit seiner Kamera, die an einem Gurt um seinen Hals baumelt, sieht er aus wie ein Tourist. Wahrscheinlich würde er jetzt auch viel lieber Sonnenuntergänge oder ein Rudel Rehe fotografieren, statt einem pechschwarzen Schimmelfleck. Er tut mir leid, und irgendwie sieht man das meinem Gesicht an. Ralf jedenfalls knufft mich in die Seite. Das heißt soviel wie „stark bleiben, kein Mitleid haben, wir zahlen Miete“. Ich setze umgehend mein „Mit-mir-nicht-Herr Vermieter!“-Gesicht auf und stemme, um das zu unterstreichen, meine Hände in die Hüfte. Sieht aber keiner, denn nun starren schon vier Männer an die Decke. Es kommt mir vor, als würden Minuten in Stunden vergehen… Oder liegt das daran, dass ich immer noch auf Toilette muss?

10:50 Uhr: Es ist beschlossene Sache. Es wird nicht nur gestrichen, sondern die gesamte Deckentapete runtergenommen, neu tapeziert und dann alles gestrichen. Der Vermieter fragt den Maler, wie lange diese Arbeiten denn dauern würden und ich halte die Luft an, um die Antwort ja nicht zu verpassen. „Noajaaaaa, ne, ich sach ma‘ so … drei Wochen, waa?“

Ist das sein Ernst? Drei Wochen? Er erläutert im Einzelnen, was er alles tun muss und dass er nur samstags kann.

Während er das sagt, grinst er uns an und gibt mir zwinkernd den leeren Frühstücksteller in die Hand. Ich gehe mit hängenden Schultern und lahmenden Schritt in die Küche und möchte schreien. Ich hatte tatsächlich gedacht, dass dieses Projekt hier und heute fertig wird, und dann sowas. Im Flüsterton unterhalte ich mich mit Ralf in der Küche.

„Weißt du was das heißt?“ keuche ich. „Wir werden die nächsten drei Samstage um 6:30 Uhr aufstehen müssen und Brote schmieren, auf Toilette zu gehen und hier leben wie auf einer Baustelle.“ „Mach dir keine Sorgen, ich finde schon eine Lösung“, antwortet er.

Man kann echt nix machen, wenn man mit Handwerkern zu Hause ist. Ständig fühle ich mich beobachtet, dabei ist das Quatsch. Blumen gießen geht nic – sind alle durch diverse Möbelstücke zugestellt. Fenster putzen entfällt ebenfalls aus gleichem Grund. Wäsche ist schon in der Waschmaschine. Kaffeemaschine entkalken geht auch nicht – wird ja ständig gebraucht an diesem Tag. Ich bin so erschöpft vom Nachdenken, dass ich mich auf kurz auf das Sofa setze. Ralf tut es mir gleich. Just in dem Moment kommt natürlich einer der Malers zu uns herein und fragt nach einem Lappen. Inzwischen ist es 15:00 Uhr.

Die beiden sind sehr nett. Sie lachen, machen Späße und bedanken sich für die leckere Bewirtung. Warum das dennoch ein Problem ist? Weil sie plötzlich gar nicht mehr gehen wollen.

Um 15:30 Uhr sitzen sie in unserer Küche, schlabbern Kaffee und essen die Brötchen, die ich nachbereitet habe. Dass die Radieschen ein bissi müde aussehen, ist ihnen egal. Dass ich müde aussehe, merken sie nicht. Ralf trinkt ein Käffchen mit und der Malermeister ist in Gesprächslaune. Ich befinde mich währenddessen im Bad und tue so, als würde ich putzen. In Wahrheit versuche ich nur den richtigen Zeitpunkt herauszufinden, an dem ich mich jetzt mal in Ruhe auf die Toilette setzen kann, ohne dass es jemand mitbekommt.

Deswegen bin ich gerade mal froh, dass der Maler Ralf viel erzählt. Sie reden über Politik, bescheuerte Sachbearbeiter beim Jobcenter, Sport und das Wetter. Der Maler erzählt von seiner Familie, dass er unser Bad so schön findet, wo er am liebsten Urlaub macht und dass er letzten Sommer bei 35 Grad im Schatten eine Aussenfassade ganz alleine streichen musste.

Mir wird es im Bad langsam zu bunt. Der Mann ist nett, keine Frage, aber er redet und redet und redet. Vor lauter Wut über das Sitzfleisch der beiden, putze ich jetzt tatsächlich das Bad! Und dann kommt mir eine Idee…. Ich lasse den Duschkopf einfach in die Dusche fallen. Der Plan geht auf, denn mein überaus stets um mich besorgter Ehemann steht sogleich bei mir im Bad. „Ist was passiert, hast du dir wehgetan?“ ruft er und ich ziehe ihn mir zur Seite.

„Ralf, so geht das nicht, der quatscht einfach zu viel“, sage ich. „Aber er ist nett“, antwortet er. „Das ist mir jetzt egal, es ist hier zum arbeiten! Und sag ihm bloß, dass er nächste Woche ein bisschen später kommen soll, wir wollen am Wochenende doch auch mal ausschlafen!“ Ralf nickt, er findet schon eine Lösung. Als wir mit roten Köpfen das Bad verlassen, sind die beiden Männer wieder bei ihrer Arbeit und nach einer weiteren Stunde sind sie erst einmal fertig. Wir stehen mit ihnen im Flur, um sie zu verabschieden.

„Na gut, dann bis nächste Woche, ne?“ sagt der Malermeister und Ralf setzt an und sagt: „Also wegen der Uhrzeit, wir dachten, dass ihr….“ „Nee, nee, nee, ich komme immer um 8:00 Uhr! Das muss so sein, sonst schaffe ich die Arbeit nicht! Also dann, bis nächste Woche.“

Verdutzt stehen wir da und winken ihnen schlaff hinterher.

Die nächsten drei Wochen gestalten sich ähnlich. Wir schmieren Brötchen, hören uns des Malers Geschichten an und sitzen abends, wenn die beiden weg sind, erschöpft in unserem Wohnzimmer, in das wegen der Möbel aus dem Esszimmer keine Sonne mehr scheint.

Dann nach Woche 3 ist alles tapeziert und neu gestrichen. Der Maler und sein Geselle sind weg. Ralf und ich fassen uns an den Händen und tanzen Ringelreihen durch unsere Wohnung. Und eines ist schon jetzt mal klar. Beim nächsten Handwerkerbesuch gibt es nur einen Kaffee. Nächste Woche kommt der Heizungsbauer um unsere Heizung zu reparieren. Wir werden uns am Riemen reißen. 😉

Herzlichst eure Steph

3 Kommentare zu „Der Fernfahrerteller

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