Der Blaue Osterhase

Das Osterfest im Kindergarten stand vor der Tür. Bevor ich meine Arbeitsstätte betrat, atmete ich noch einmal tief durch, denn heute würde die Luft flimmern von der Aufgeregtheit der Kinder. Ein Zustand, den ich gerne mochte, denn es war schön zu sehen, wie die Kinder sich freuten. Allerdings verlangte dies uns Erzieherinnen auch allerhand ab. Drei Kinder aus der Frühgruppe stürmten auf mich zu und umklammerten meine Beine, als sie mich sahen. „Heute kommt der Osterhase!“ riefen sie und kriegten sich darüber gar nicht mehr ein. „Lasst ihr mich bitte erst einmal meine Schuhe und Jacke ausziehen?“ bat ich sie und schickte sie zurück in die Frühgruppe, von der ich sie gleich abholen würde.

In der Küche traf ich auf meine Kollegin und Zweitkraft Anita. Sie stellte auf einem Teewagen das Frühstücksgeschirr für die Kinder zusammen. Teller, Tassen, Löffel und Müslischälchen. „Wo ist Katja?“ fragte ich sie, nachdem ich ihr einen guten Morgen gewünscht hatte. Katja war unsere Jahrespraktikantin. Anita schaute sich links und rechts um, bevor sie mir eine flüsternde Antwort gab. „Die Katja ist im Garten und versteckt dort die Osternester für die Kinder. Ich hab‘ die Jalousinen im Gruppenraum heruntergelassen, damit die Kinder sie nicht sehen können“, sagte sie. „Oh super, dann hole ich mal unsere Kinder aus der Frühgruppe“, sagte ich und entfernte mich aus der Küche.

Zu viele Eier

Im Flur ging plötzlich die Tür des Arbeitszimmers auf. Ein Arm streckte sich heraus und zog mich in das Innere des Zimmers, noch bevor ich „Hilfe, ich werde entführt!“ rufen konnte. Es war meine Chefin. Im Zimmer, in das sie mich zog, war kaum Platz für uns beide, denn es stand ein meterhoher Palettenturm voller Eier dort. „Das sind aber viele Eier“, staunte ich. „Zu viele“, raunte meine Chefin. Ich verstand nicht, was sie meinte. Und dann erzählte sie mir, wie sie 130 Eier für 100 Kindergartenkinder bestellt hatte. „Es geht ja immer mal eins kaputt, deswegen wollte ich eine Reserve haben“, erzählte sie. „Aber nun ist die Hälfte der Kinder wegen eines Magen-Darm-Virus krank, es werden heute nur 80 Kinder kommen. Was machen wir denn jetzt?“ Puh. Ich starrte auf den Palettenturm und überlegte. Stille im Eierzimmer. „Ich hab´s!“ rief die Hasenchefin schließlich. „Wir legen jedem Kind einfach ein zweites Ei ins Nest, oder, noch besser, wir sagen einfach, der Osterhase hat noch ein paar Eier für uns ins Arbeitszimmer geliefert.“ „Das geht überhaupt nicht!“ rief ich empört, worauf meine Chefin sich den Zeigefinger auf die Lippen legte, damit die Kinder mich nicht hören konnten. „Katja hat bereits alle Osternester versteckt, ich kann sie jetzt nicht noch einmal durch die Walachei schicken, damit sie in 80 Nester ein zusätzliches Ei legt. Und überhaupt. Was willst du den Kindern denn erzählen? Etwa, der Osterhase kam eben mit einem Gabelstabler und hat uns eine Europalette Eier hinterlassen, weil er unter Zeitdruck stand?“ Wir stöhnten beide genervt. Das konnte ja ein toller Tag werden. „Ich muss jetzt in meine Gruppe, ich überlege aber weiter“, sagte ich und verschwand durch einen kleinen Türspalt.

Blau und dick

„Wann kommt der Osterhase?“ wurde ich von nicht nur einem Kind gefragt, als wir uns im Gruppenraum befanden. „Wer weiß, vielleicht war er ja schon da?“ sagte ich geheimnisvoll und berichtete lügnerisch, dass ich etwas mit langen Ohren und buschigem Schwanz durch den Garten habe flitzen sehen, als ich zur Arbeit kam. „Machste uns die Jaluosie vom Fenster weg, damit wir besser Ausschau nach ihm halten können?“ fragte mich Mia (4). Ungewiss, ob Katja schon alle Nester im Garten versteckt hatte, betätigte ich – alles auf’s Ganze setzend – den Schalter, der unser Rollo automatisch hochfahren ließ. „Da ist er, da ist er!“ jappste Mia und wedelte aufgeregt mit den Armen. Sie machte, auf der Fensterbank sitzend, Platz für die anderen Kinder, die nun aus allen Ecken des Zimmers zu ihr gerannt kamen. Mir wurde ganz flau im Magen. Würden sie nun tatsächlich Katja im Garten entdecken? „Er ist blau und dick“ freute sich Mia. „Boah, ja, der is‘ voll dick!“ stimmte ihr Sven (4) zu. Ich konnte nicht hinsehen, da mich in diesem Moment Karo (3) bat, ihren Hosenknopf zu öffnen, da sie auf Toilette musste. Ein blauer Osterhase also, soso. „So ein Quatsch, dass ist Herr Heinsen vom Werkstoffhof“, rief da Ole (6) lässig. Und ja, Herr Heinsen wollte heute vorbeikommen, um das kaputte Gartentor zu reparieren. Puh, noch einmal Glück gehabt, die Kinder hatten Katja nicht im Garten gesehen.

Die nächsten 30 Minuten liefen unspektakulär ab. Die Kinder spielten, sie frühstückten und freuten sich auf den Gottesdienst, den wir gleich zusammen besuchen würden. Gestern erst hatten sie von mir die Geschichte vom Garten Gethsemane gehört, in dem sich Jesus nach dem Abendmahl zum Beten zurückzieht. Am nächsten Tag würde er sterben und dabei doch unsterblich werden. „War Jesus ganz alleine?“ fragte Soraya (6) und sah ganz traurig aus, als ich ihr zunickte. „Und wo war seine Mama?“ fragte Amalia. Ist es nicht rührend, wie Kinder diese Frage oft zuerst stellen? „In ihrem Herzen war sie bei ihm“, sagte ich und legte meine Hand auf mein eigenes Herz, um ihnen das vermutlich Abstrakte visuell ein wenig näher zu bringen. Einen Stuhlkreis zu gestalten, war da schon schwieriger. Immer wieder jappste eines der Kinder, weil es meinte, den Osterhasen gesehen zu haben, was alle anderen Kinder dazu brachte, die Augen gen Garten zu richten. Ich schaute nervös auf die Uhr. Der Gottesdienst würde in Kürze beginnen und die Kinder müssten sich alle noch anziehen. Es war angedacht, dass wir erst in die Kirche gehen und dann die Nester suchen. Doch meine Kolleginnen und ich hatten in den vorösterlichen Vorbereitungen alle vergessen, dass die Straße, die wir nutzen würden, wegen einer Baustelle gesperrt war. Wir müssten also durch den Kindergartengarten gehen und das würde dazu führen, dass…

Wir feiern das Leben

„Ich hab‘ ein Nest gefunden!“ kreischte Nick und da war es mit der Beherrschtheit der Kinder endgültig vorbei. „Ich auch, ich auch!“ ertönte es aus allen Ecken. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Strahlende Kinderaugen weit und breit. In den Nestern befanden sich ein Springseil, ein Schokohase und ein hartgekochtes, buntes Ei. Glücklich und zufrieden betraten wir gemeinsam mit Verspätung die Kirche. Dem Gottesdienst zu folgen war fast unmöglich. „Die Pia hat mein Ei geklaut!“ „Stimmt ja gar nicht, das war meins!“ „Warum hat Maja ein gelbes Springseil und ich ein blaues, ich will auch ein gelbes“, jammerte Sonja. Es war zum Haare raufen. Ich schlichtete hier, ich tröstete da und als die Augen der Pfarrerin und meine sich trafen, da zog ich die Schultern hoch. „Es tut mir leid!“ formte ich lautlos mit meinem Mund. „Heute feiern wir das Leben und dazu gehören freudig aufgeregte Kinder unbedingt dazu“, sagte sie schließlich von der Kanzel aus. Ich wollte gerne beruhigter sein, aber mir fiel siedendheiß ein, dass meine Chefin ja noch das Eierproblem hatte und ich ihr helfen wollte. Nur wie? Nach dem Gottesdienst spielten meine Häschen noch ein bisschen im Garten, bevor wir zum Mittagessen wieder rein gingen. In der Küche traf ich auf meine Chefin. „Ich habe eine Lösung gefunden“, sprach sie und zeigte auf den Küchentisch. Dort hatte sie für das gesamte Personal, also alle Kolleginnen, Hausmeister, Reinigungs- und Küchenkraft kleine Eiertütchen zusammengestellt. „Das ist ja nett von dir“, sagte ich und schaute auf die Eiertüten. Jeweils fünf Eier waren darin enthalten.

Das einzelne, einsame Ei

Inzwischen war es Mittagszeit. Die Kinder aßen Sauerbraten mit Kloß und wussten mich zu beschäftigen, indem sie mich hin und her schickten, um ihnen etwas zu trinken einzugießen. „Früchtetee“, „Leitungswasser“, „Pfefferminztee“, „Sprudelwasser“, riefen sie durcheinander . Im Zick-Zack trippelte ich um die einzelnen Tische und goß den Herrschaften ihre Bestellungen in die goldenen Becher.„Früchtetee“, quäkte Lara an Tisch 8 und ich hätte ihr gerne gesagt: „Früchtetee ist aus.“ Dabei war das nicht einmal gelogen. Ich hielt nur noch eine leere Kanne in der Hand. Aber da ich eh der Meinung bin, dass Kleinkinder zuwenig trinken, machte ich mich auf den Weg zur Küche, um die leere Kanne wieder zu füllen. Dabei überlegte ich mir, dass es mal wieder an der Zeit war, meine Kinder an das gute Benehmen zu erinnern. Früchtetee, pah. „Ich hätte gerne noch Früchtetee“ sollte es doch wohl heißen. Während ich die Kanne auffüllte, fiel mein Blick erneut auf die Eiertütchen, die die Chefin auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Senf-Eier kam es mir in den Sinn. Senf-Eier. Ja genau. Ich könnte Senf-Eier kochen. Ralf würde sich freuen. Beim Verlassen der Küche fiel mein Blick nochmals auf die Eiertüte. Waren da nicht anfangs fünf Eier drin gewesen? Nun war es nur noch eins. Ein Ei, na klasse. Ich würde Ralf heute Abend ein Senf-Ei kochen können. Was für ein Festmahl. „Schatz, was gibt es heute zu essen“? „Ein einzelnes Senf-Ei – aber seien wir ehrlich, wir sind doch dankbar, dass wir uns haben, gell?“ Ich linste in die Eiertüten der Kolleginnen und eiderdaus, auch dort hatten sich die Eier minimiert. Erst haben wir zuviele Eier und nun verschwanden sie auf rätselhafte Weise. Ich müsste wohl meine Miss Marple Detektivmütze aufsetzen, um das Rätsel zu lösen.

Die schwere Tasche

Nach dem Mittagessen trafen wir uns erneut im Stuhlkreis. Wir lasen das Buch „Das schönste Ei der Welt“, spielten „Häschen in der Grube“ und besprachen noch einmal den erlebten Gottesdienst vom Vormittag. „Ich möchte, dass ihr nun alle eure Brottaschen reinholt, denn ich habe hier einen Brief für eure Eltern. Das ist eine Einladung zum Elternabend“, sagte ich zum Ende des Stuhkreises. Die Kinder rannten los und waren flugs wieder im Gruppenraum. Alle? Nein! Bea (5) hatte ihren Rucksack geschultert und sah aus wie Quasimodo vor dem nächsten Glockengeläut. „Warum gehst du denn so krumm?“ wollte ich von ihr wissen. Statt einer Antwort bekam ich von ihr ein Lächeln geschenkt. „Hast du Schmerzen?“ fragte ich. Wieder nur ein Lächeln. „Kind Gottes in der Hutschachtel, sprich doch bitte mit mir!“ sagte ich. Da wurde aus ihrem Lächeln ein großes Lachen und sie hievte mir ihren Rucksack auf den Schoß. Uff, war das schwer. „Was hast du denn da drin, zehn Kilo Steine?“ wollte ich wissen. Doch dann sah ich den gwichtigen Grund dafür, warum sie den Rucksack kaum tragen konnte. Die Tasche war über und über voll mit bunten, hartgekochten Eiern. „Wolltest du dem Osterhasen helfen oder hast du sie dir genommen, weil du sie für dich haben wolltest?“ fragte ich sie, nachdem ich die anderen Kinder mit Anita & Katja in den Garten geschickt hatte. „Ich finde die Eier so schön“, säuselte sie und schaute ganz beschämt. Das arme Kind. Wir besprachen, was und warum ihr Verhalten falsch war und gingen anschließend gemeinsam in die Küche, um die Eier zurück in die Tüten zu legen. Um Bea, die sich ganz doll schämte, ein bisschen aufzuheitern, holte ich mein Schaupieltalent hervor und tat so, als seien wir beide die Helferinnen vom Osterhasen. „Psssst, wir müssen leise sein!“ flüsterte ich. Wir versteckten uns neben dem Garderobenschrank, als wir hörten, dass eine Gruppentür im Flur aufging. Puh, es war nur Jannis. Der musste immer zur gleichen Zeit auf’s Klo. In der Küche angekommen, legten wir die Eier wieder an ihren Platz, klatschten uns gegenseitig ein High-Five in die Hände und dann entließ ich sie zum Spielen in den Garten. Miss Marple hatte also doch noch ihren Fall gelöst. Ob es dafür eine Prämie vom Träger des Kindergartens gab. Lachend zog ich meine Jacke an und folgte den Kindern in den Garten.

Ich wünsche euch allen ein friedliches und gesegnetes Osterfest. Bleibt gesund und behütet. Herzliche Grüße, Steph ❤

2 Kommentare zu „Der Blaue Osterhase

  1. Ha Ha Ha. Mir gefällt es so, dass du den Kindern hier eine Stimme gibst. Ihre Fragen und ihre Antworten sind so liebenswert. „War Jesus ganz alleine?“ oder „Ich finde die Eier so schön“. Da kann man diese Kinder einfach zur lieb haben.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für die schöne Rückmeldung liebe Monika. Es ist mir immer wichtig die Sicht der Kinder zu sehen. Vor einiger Zeit fuhr ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und sah eine Mutter mit ihrer ca vierjährigen Tochter. Die Mutter telefonierte , während ihre Tochter eine Kirche sah an der wir mit dem Bus vorbeifuhren. „Mama schau, die Kirche fährt an uns vorbei“ rief das begeisterte Kind. Ich musste schmunzeln. Das eintauchen in die Welt der Kinder ist für mich immer wieder so schön.

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