Herr Schröder geht baden

Ich war gerade dabei, gelesene Bücher wieder in den Bücherschrank im Esszimmer zu räumen, da verdunkelte sich plötzlich der Raum. Es war so dunkel, dass ich die Bücher in meiner Hand nicht mehr sehen konnte. Seit ein paar Tagen haben wir hier im Norden ein sehr abwechslungsreiches Wetter. Es hagelt, graupelt, schneit und scheint. Alles drin im Aprilpaket. Perlipopwetter nenne ich das, wenn der Hagel aus den Wolken auf unsere Fensterbank ploppt und wie ein Flummi weiterspringt. Ach, ein Perlipop könnte ich jetzt auch essen. Aber ein Eis bei eisigen 6 Grad Außentemperatur? Aber warum war es denn plötzlich so dunkel bei uns? Ich vermutete, dass ein neues Tief im Anmarsch war. Doch als ich mich umdrehte, um zum Fenster zu schauen, da sah ich mich plötzlich Auge in Auge mit etwas Großem….

Karl Kolumna

„Mensch Karl, was machst du denn hier?“ fragte ich und riss die Balkontür eilig auf. „Och ja, ich war gerade in der Nähe und da ich noch einen Brief für euch habe, dachte ich, ich bring den euch mal schnell vorbei.“ Ich freute mich. Ein fliegender Postbote ist doch wahrlich etwas ganz Wunderbares. Karl ist eine Möwe. Ein großer Vogel mit weißem Gefieder. Sein Schnabel ist gelb mit ein bisschen rot an der Spitze. Am Anfang dachte ich, er hätte Pommes mit Ketchup schnabuliert, aber der rote Fleck ist immer da. Wir nennen Karl stets die Journalistenmöwe, denn er bringt uns nicht nur Post aus dem Zauberwald, er interessiert sich auch sehr für Geschichten. Ganz gleich ob Klatsch & Tratsch oder wahre Begebenheiten. Er ist, was das angeht, eine sehr gebildete Möwe. Im Zauberwald wohnt unser Weihnachtsnisse. Dieser heißt Kalle Knispel Schröder und sieht aus wie ein Zwerg. Er hat eine große rote Mütze auf und wohnt von Dezember bis Januar bei uns. Dabei spielt er uns oft lustige Streiche. Herr Schröder liebt Toffifee über alles und wenn er nicht bei uns ist, dann lebt er im Zauberwald auf Fanø/Dänemark. Er lebt dort allerdings nicht alleine. Mit vielen anderen Nissen und Tieren verbringt er inmitten dieses Waldes von Mitte Januar bis Ende November dort seine Zeit. Nun hatte Karl also Post für uns. Von Herrn Schröder. Ich bereitete Karl einen kleinen Möwenteller mit Futter, das er liebt und stellte ihm eine Schale Wasser dazu. „Melde dich, wenn du was brauchst“, sagte ich und schloß die Balkontür wieder, denn es ist zurzeit wie schon geschrieben ungemütlich kalt. Ich kochte mir einen Johannisbeertee, setzte mich an den Tisch und begann zu lesen….

Hallo Menschen,

bin grantig, denn das Toffifee ist alle. Sonst kommen doch immer Touristen, um mir was davon zu bringen, aber es ist wie abgeschnippelt, zur Zeit gibt’s kaum Besucher hier. Als ich im Januar hier ankam, war meine Baumhütte zerstört. Wegen Sturm. Auch die anderen Hütten sahen schlimm aus. Abends haben wir alle am Lagerfeuer gesessen und uns beraten. Die liebevolle Libelle Lieselotte (Lila), der Waiblinger, die adrette Anneliese (eine bezaubernde Wichteline) und Forstinspektor Herr Wichtig. Die anderen Waldbewohner:innen würden erst im Februar kommen, hieß es. Wir saßen also da und beratschlugen uns. Dabei war die Sache klar wie Kloßbrühe. Wir würden uns gegenseitig helfen, unsere Hütten wieder schön zu machen. Aus heruntergefallenen Ästen bauten wir alles wieder auf. Wenn uns das Holz zu schwer wurde, half Lieselotte. Es wurde sogar noch viel schöner als vorher. Meine Hütte im Baum hat nun einen großen Balkon, auf dem ich sitzen und Toffifee…. ach menno, warum ist das Toffifee alle? Ich bin so grantig deswegen! Ja, ähm was wollte ich schreiben? Ach ja, auf dem Balkon kann ich sitzen und morgens meinen Kräutertee schlürfen. Außerdem habe ich jetzt eine sehr lange Rutsche. Wenn ich aus dem Haus muß, dann setze ich mich auf die Rutsche und Rabimmel Rabummel bin ich in Nullkommanix unten angelangt. Cool, nee?

Waldbaden

Wir haben uns neue Stühle gebaut, damit wir abends zusammensitzen können und der kleine Borkenkäfer namens Boris hatte sich eine Hängematte zwischen den Bäumen gespannt. Dort schaukelte er gemütlich vor sich hin und nannte das „Waldbaden“. Es sei nämlich erwiesen, sagte Professor Donnerknall, dass man, wenn man gestresst ist, der Natur zuhören soll, weil das entspannt. Amsel, Drossel, Fink und Star sind bei uns ja täglich zu Gast. Und wenn man denen mal zuhört, statt sich aufzuregen, dass das Toffifee alle ist… Ach Menno, warum muss ich immer daran denken? Ich bin so grantig! Äh, wo war ich? Ach so, beim Waldbaden. Der kleine Borkenkäfer Boris war auf einmal wie ausgewechselt. Voll lässig und easy peasy entspannt. Das wollten wir anderen natürlich auch. Also ich eigentlich nicht, denn ich bin die Entspanntheit in Person, aber das wisst ihr ja. Die anderen haben dann aber gesagt, ich soll mal mitkommen, denn ich wäre in letzter Zeit so grummelig. Pah. Anschauen kann ich mir das ja mal, sagte ich mir und so bin ich mit den anderen mitgegangen. Die waren auf dem Weg zur Blütenmarie. Ihr kennt doch noch die Blütenmarie? Sie ist eine zauberhafte Nissenfrau, die mit Hingabe Kleidung näht. Ach, was red‘ ich, alles näht sie, alles! Gardinen, Tischtücher, Servietten, Stuhlkissen, Halstücher und all so’n schicken Krams. Nun sollte sie für alle von uns eine Hängematte nähen, denn ein jeder wollte nun auch täglich eine Stunde Waldbaden und so entspannt sein wie der Borkenkäfer Boris. Aber weil es dauert, bis ihre Lieferantin, die süße Spinne Spina, ihr gewebte Stoffe bringt, müssen wir noch ein bisschen warten…

Bernstein aus der Lagerhalle

Im Februar waren wir alle wieder beisammen. Da waren wirklich alle anderen Nisser wieder da. Mensch, was haben wir gefeiert, uns wiederzusehen. Gerade als es am Gemütlichsten war an unserem Lagerfeuer mit den neuen Stühlen, da wollten die beiden Zwillingsnissen „Krümelchen & Bollchen“ aufstehen und losgehen. „Wo wollt ihr denn jetzt hin, es ist doch gerade so schön, hier gemeinsam zu sitzen“, haben die anderen gerufen. Da haben Krümelchen & Bollchen mit den Schultern gezuckt. „Arbeit ist Arbeit!“ hat Krümelchen gesagt. „Ihr wisst doch, dass wir jede Nacht Bernstein aus dem Lagerschuppen holen und am Strand verteilen, damit die Touristen und Einheimischen sich freuen“, ergänzte Bollchen. „Setz dich wieder hin, es sind kaum Touristen auf der Insel und die Einheimischen sind selbst eifrig mit ihrer Arbeit beschäftigt“, rief Rumpel von Pumpel. Ihm gehört der Lagerschuppen. Er ist Baggerfahrer aus Leidenschaft. Seine Nissenmütze leuchtet orange und er ist immer da, wenn schweres Gerät benötigt wird. Da schauten sich die Zwillinge Krümelchen und Bollchen kurz an, nickten sich zu und setzten sich wieder auf die gemütlichen Stühle. Die Feier konnte weitergehen. Ich war so gut drauf, ich hätte jedem ein Toffifee spendiert, aber es war ja keines mehr dahahahaha (schluchz). Man, war ich da grantig. Das verging aber schnell, denn einer aus unserer Truppe hat eine aufregende Geschichte erzählt. Irgendwo auf der Insel soll sich ein – Achtung! – riesengroßer Troll befinden. So groß, dass sogar die Menschen, die wir kennen, ganz klein davor stehen. Wir verabredeten, uns am nächsten Tag auf die Reise zu diesem Troll zu wagen.

Licht im Tunnel

Professor Donnerknall, unser schlauester Nisse sagte, er hätte von den Menschen gehört, dass man, wenn man den Weg zum Troll kennt, diesen keinem anderen verraten dürfe. Denn ein jeder muss selbst herausfinden, wo er steht. Kleine Rätsel helfen einem dabei. Wir mussten auch Rätsel lösen, aber die verrate ich nicht. Darf ich nicht und ich halte mich immer sehr an Regeln. Hihi. Für eine Packung Toffifee allerdings könnte ich…. Halt nein, ich darf nicht schwach werden. Ich verrate nix! Professor Donnerknall sagte, der Troll sei sieben Meter hoch und ist aus – hach, jetzt kommt das schwierige Wort. Ähm, der Troll ist aus recyceltem Holz hergestellt. In seinen Händen hält er einen Traumfänger und die Dänen nennen ihn deshalb auch Anker Drømmefanger. Sieben Meter hoch, das ich nicht lache. Der Kerl war bestimmt siebentausend Meter hoch. Wir sahen ihn schon vom Weitem und als wir dann vor ihm standen, da haben wir ordentlich gestaunt. Die Libelle Lila ist wie eine Drohne darüber geflogen und als wir mit Staunen über den Troll fertig waren, da haben wir sie überall gesucht. Sie ist dem Troll durch’s Nasenloch geflogen und hat den Ausgang nicht gefunden. Von innen haben wir sie rufen gehört. Wie gut, dass wir unsere Laternen mit hatten. Wir sind auf den Troll gestiegen, haben mit den Laternen vor der Nase rumgefuchtelt und schon konnte Lila am Ende des Tunnels wieder Licht sehen. Man, waren wir erleichtert. Dann sind wir alle auf den Traumfänger gestiegen und sind darin ein bisschen herumgekraxelt. Pauli Nisse hatte eine tolle Idee und der sind wir gefolgt. Wir hatten nämlich keine Lust auf eine lange Rückreise per pedes und haben uns alle in das Netz (Traumfänger/ Anmerkung der Redaktion) gesetzt. Lila hat die Seile des Netzes ein bisschen nach hinten gezogen und Huuuuuuuuuuuiiiiii sind wir alle wie mit einem Katapult wieder zuück in den Zauberwald geflogen. Das war ein toller Flug. Wenn das der Seeadler Klaus gesehen hätte, er hätte sich bestimmt auch gefreut über unseren Spaß.

Staubige Teppiche

Im März haben wir Blumensamen verstreut, unsere Häuser gestrichen und ein paar Tiere aus dem Winterschlaf geweckt. Ich bin auf einem Marienkäfer zu Spina Spinne geritten, um zu erfahren, ob unsere Hängematten schon in Arbeit seien. Spina hatte gerade ihren Moosteppich auf eine Stange gehängt und ausgeklopft. Puh, hat das gestaubt. Ich konnte ihr Gesicht erst zehn Minuten wieder sehen, so staubig war es. „Der Wald ist das größte Einrichtunghaus der Welt, warum holst du dir nicht mal ’nen neuen Moosteppich?“ habe ich sie gefragt. „Den hat mir meine Großmutter geschenkt, ich hänge dran“, hat sie gesäuselt. Na dann. Die Hängematten waren noch immer nicht fertig, da war ich so enttäuscht. Kein Toffifee, kein Waldbaden, keine Touristen, die mir Geschenke bringen. Ich habe seufzend auf einem Steinpilz gesessen und mich bemitleidet. Da kam Berta, die Eule mit Beule angeflogen und setzte sich neben mich. „Macht es deine Situation besser, wenn du hier jetzt rumjammerst?“ fragte sie. „Ein bisschen schon“, sagte ich. „Geh und hilf den anderen. Denn wer anderen hilft, macht sich selbst auch eine Freude!“ „Na gut“, sagte ich und trottete wieder in den Zauberwald. Auf dem Marienenkäfer reiten wollte ich nicht, denn Bewegung tut gut und lenkt von blöden Gedanken ab. Anschließend half ich den anderen beim Gardinen aufhängen, beim Babysitten und Nägel einschlagen. Holz hab‘ ich gehackt und die kaputten Dachschindeln bei Sverre ausgetauscht. Mit Krümelchen & Bollchen war ich Bernstein verteilen am Strand und einem Menschenkind habe ich ein Geschenk unter’s Kissen gelegt, weil die Zahnfee unpässlich war. Mit Stuart MacLeod und Thore habe ich Whiskey probiert. Danach waren wir ganz lustig. Das Beste ist, dass ich nicht mehr an Toffifee denken musste. Ach Mist, nun ist es doch wieder passiert. Ich gehe besser schlafen.

+++UPDATE+++ Gerade kam ein Anruf von der Blütenmarie. Unsere Hängematten zum Waldbaden sind fertig. Wir fahren gleich alle zusammen im Wichtelbulli zu ihr und holen die tollen Stücke ab. Dann essen wir dort vermutlich noch Streuselkuchen mit Puddingcreme und trinken leckeren Kaffee zusammen. Mein Herz hüpft, ich kann es kaum erwarten, in der tollen Matte zu hängen und den Wald zu inhalieren. Wir sind alle in großer Freude und haben jetzt leider keine Zeit. Tschüssi euer K.K. Schröder. ❤

Ich faltete den Brief wieder zusammen, schaute aus dem Fenster und freute mich, dass Herr Schröder sein Lächeln wiedergefunden hatte. Wir haben alle mal schwere Zeiten. Da ist es gut, wenn man liebe Menschen um sich herum hat, die einem wohlgesonnen sind. Auch wenn man sich aus Schwermut manchmal nicht bewegen mag, ist dieses doch ein gutes Mittel, um nicht länger rumzugrübeln. Anderen etwas Gutes tun und sich nicht selbst bemitleiden, ist auch ein gutes Rezept. Hauptsache, man vergisst sich darüber nicht selbst. Ich finde, Herr Schröder hat alles richtig gemacht.

Herzliche Grüße Steph ❤

Vielen lieben Dank an Klaus Drummer, Ole Olsen und Ralf Kaßler für das Bereitstellen der tollen Trollbilder. Das finde ich sehr nett von euch.

Hier noch drei Links zu den Trollskulpturen in Dänemark:

https://www.nationalgeographic.de/umwelt/2020/06/daenische-sperrmuell-trolle-verweben-mythologie-und-umweltschutz

11 Kommentare zu „Herr Schröder geht baden

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