Fortschritt

Technischer Fortschritt ist toll, aber manchmal kann er auch nerven. Mir ging es neulich so. Ich hatte mein Handy in der Hand, weil ich meine Ärztin anrufen wollte. Sobald ich das Handy entsperrt hatte, ploppten viele Nachrichten auf. 8 Nachrichten über den Nachrichtendienst Messenger, 4 bei WhatsApp, 12 in meinem GMX Postfach und 2 über den Google Nachrichtendienst. Puh, ich war schon erledigt, bevor der Tag so richtig begonnen hatte. Wo sollte ich anfangen was zu benatworten? Früher, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, da regte ich mich regelmäßig darüber auf, dass ich nur an den PC konnte, wenn Ralf nicht auf der Festnetzleitung mit jemandem telefonierte. Und nun war alles so schnell, so viel, so… Ach, ich weiß ja auch nicht.

Immer erreichbar

Ich persönlich finde, dass es Freud & Leid beim Fortschritt gibt. „Früher war mehr Lametta!“ heißt es bei Loriots erfundener Familie Hoppenstedt. Früher war aber auch weniger Erreichbarkeit und Stress, finde ich. Bei Facebook gibt es den grünen Punkt neben dem Profilbild, der anzeigt, ob jemand gerade online ist. Ich habe ewig gebraucht um herauszufinden, wie man dieses Symbol ausschaltet, denn es birgt so manche Risiken. „Warum gehst du nicht ans Telefon, du bist doch gerade online!“ schrieb mir eine Bekannte. Tja, vielleicht liegt das daran, dass ich heute überall online sein kann. Wenn ich auf der Toilette bin, wenn ich als Beifahrerin neben meinem Mann im Auto sitze, wenn ich mich in einer langatmigen Sitzung befinde und darauf warte, ans Rednerpult gerufen zu werden und so weiter und sofort. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich auch zum Telefonieren bereit bin. Wer hat sich diesen Quatsch nur ausgedacht? Bei WhatsApp verrät der blaue Haken, ob man eine Nachricht gelesen hat oder nicht. Auch diesen kann man ausschalten, sofern man will. Ich habe zum Glück nur WhatsApp-Kontakte, die nicht sauer sind, wenn ich ihre Nachricht gelesen habe, aber erst Tage später antworte. Neulich musste ich meine GMX-App kurz mal von meinem Handy löschen, da selbiges spinnte. Ich vergaß zunächst, die App wieder auf mein Handy zu laden und hatte an diesem Tag mal ein bisschen mehr Ruhe. Warum muss man – im Bus sitzend – erfahren ob man zwei neue Spammails im Ordner hat oder Poster XXL ein neues Angebot anpreist?

Ich halte es da mit Loriot und sage: „Ich möchte hier nur sitzen!“

Fernbedienung

Als ich ein Grundschulkind in den 1980er Jahren war, da passierte an einem Tag etwas Merkwürdiges. Meine Klassenkameradin Lisa hatte gerade ihren Ranzen geöffnet, da schloß sie diesen sofort wieder. Irgendetwas hatte sie erschreckt. Ein altes, ranziges Schulbrot vielleicht? Eine zermatschte Banane, die die Lesefibel oder andere Schulbücher eingesaut hatte? Ein nicht unterschriebener Elternbrief? Mir war das alles schon passiert, deswegen lächelte ich milde und wollte ihr,- voller Mitgefühl für sie,- ein Halt sein. „Was ist denn los?“ fragte ich sie anteilnehmend. „Ich hab‘ aus Versehen den Türöffner eingesteckt“, sagte sie. Den Türöffner? Ich rätselte, was damit gemeint war. Bei uns war der Türöffner meine Mutter und wenn diese nicht zu Hause war, der Schlüssel. „Der Türöffner ist für die Garage und nun kommt mein Vati nicht dort hinein“, jammerte sie. In meinem Kopf wurden die Fragezeichen immer größer. Eine Fernbedienung für die Garage? Wir hatten nicht mal eine für den Fernseher. Obwohl, doch… das war ich. In unserer Nachbarschaft hupten die Väter, wenn sie mit ihren Autos nach einem Arbeitstag nach Hause kamen und sofort sprangen die Kinder hinaus, um ihnen das Garagentor zu öffnen. Mit ein bisschen Glück konnten die auf dem Schoß des Vaters Platz nehmen, um das Auto in die Garage zu lenken, was die Kinder allzu gerne taten. Dieses Erlebnis würde ihnen geraubt werden, wenn nun jeder dieser Väter eine Fernbedienung für die Garage hätte. Ich beschloß, dass ich das doof fand.

Kindersicherung

Einen Fortschritt, den ich gut fand, war die Anschnallpflicht. Ich bin so sehr damit aufgewachsen, dass es für mich schnell so zur Routine wurde wie das tägliche Zähne putzen. Meine Muter sagte mal zu meinem Bruder und mir, man dürfe nicht die Türknöpfe eines Autos runterdrücken, wenn man in einem fahrenden Auto sitzt. Denn im einem schlimmen Falle eines Unfalls hätte die Feuerwehr es schwerer einen aus dem verunfallten Auto zu bergen. Für uns ergab das Sinn und wir ließen die Finger von den Knöpfen. Dann kam der Tag, als ich mit einer Schulfreundin und deren Eltern zu einem Möbelmarkt fuhr. Dieser feierte eine Neueröffnung und neben vielen tollen Angeboten gab es für uns Kinder einen mit Helium gefüllten Luftballon plus Sonnenschildkappy, durch das man die Welt rosa sah. Eigentlich musste ich dort schon auf Toilette, aber weil ich als Kind so ungern auf fremde Toiletten ging, schob ich das auf später auf. Ich konnte nicht wissen, dass die Eltern meiner Freundin auf dem Heimweg noch in einem Supermrkt Lebensmittel kaufen wollten. Sie wiesen uns an, im Auto zu bleiben und gingen fort. Der Anschnallgurt drückte auf meinen Bauch, was meiner vollen Blase gar nicht gefiel. Meine Schulfreundin schlürfte an ihrer Capri Sonne, ein vorbeigehender Hund hob sein Bein an einem Baum, und im Kassettenfach des Autos liefen munter gesungene Lieder von Pippi Langstrumpf. Ich dachte, ich berste von innen. Mein Bauch war wie eine Trommel, wie ein volles Fass aus altem, morschen Holz. „Ich muss hier raus!“ rief ich irgendwann und griff nach dem Öffner des Fünftürerautos. Doch nichts tat sich, die Tür blieb verschlossen. Fragend schaute ich stumm zu meiner Freundin, die immer noch am Strohhalm ihrer Capri Sonne nippte, obwohl diese bereits leer gesüffelt war. „Mein Gott, das Ding ist leer (und meine Blase voll) ich muss hier raus!“ rief ich. „Kindersicherung“, sagte sie achselzuckend. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Ich kurbelte das Fenster herunter, streckte meine Hand nach draußen und öffnete die Tür zur Freiheit von außen. Dann rannte ich nach draußen und erleichterte mich im doppelten Sinn in einem Gebüsch. Kindersicherung, pah. Vor mir war nichts sicher. Selbstredend halte ich diese Einrichtung an Autotüren heute für eine wichtige Sache. Viele Jahre später, Ralf und ich waren längst verheiratet, ist uns mal ein Unfall passiert. Ein junger Mann spielte, während er seinen Audi TT fuhr, an seinem Handy herum (blöder Fortschritt!). Er war zu schnell, bekam die Kurve nicht und rauschte mit Karacho in unser geparktes Auto hinein. Unser Auto war so hinüber, da hätte auch Carglass nichts mehr richten können. Zwei Tage später bekamen wir einen Leihwagen. Mit diesem machten wir uns auf, um uns ein neues gebrauchtes Auto zu kaufen, da das andere nun einen wirtschaftlichen Totalschaden aufwies. Wir saßen kaum zwei Minuten in diesem Auto, als sich plötzlich das Auto automatisch von selbst verriegelte. Alle Knöpfe gingen wie auf Kommando herunter und versetzten mich in Staunen. Meine Mutter hatte mir beigebracht, dass man die Knöpfe nie verriegeln sollte, wenn man in einem Auto sitzt und nun war hier alles dicht. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und war froh, dass unser neues gebrauchtes Auto das nicht haben würde.

Elektronik im Spiegel

Noch ein Beispiel: Es war der Neujahrstag 2016. Die Nachbarn lagen nach einer langen Silvesternacht noch „in Essig“, als Ralf und ich – ohne Fernbedienung – zwei Polizeibeamten die Tür öffneten. Unser Auto war angefahren worden. Von einem Linienbus. Der Außenspiegel war ab. Nach dem ersten Schock sagte ich zu Ralf, dass das doch alles halb so schlimm sei. In meinen Gedanken würde man einfach zum Schrottplatz fahren, dort nach einem Außenspiegel fragen, 20 € bezahlen und gut wäre es. Früher hat so etwas nämlich immer funktioniert. Doch Ralf sagte, das ginge nicht. „In dem Außenspiegel ist die gesamte Elektronik drin. Die Heizung, die Lichter nebst Blinker und all so’n Tüdelkrams“, erklärte er mir, der Staunenden. Und ja, ich erinnerte mich, wie sich vor vielen Jahren die Berufsbezeichung des Kfz-Mechanikers in Kfz-Mechatroniker umgewandelt hatte. „Bei den Scheißkisten von heute kannste nichts mehr selbst reparieren, weil da unter der Motorhaube alles voll ist mit Elektronik“, schimpfte unser Nachbar mal. Eine Bekannte berichtete mal, wie ihr elektrischer Fensterheber nicht mehr ging, während sie gerade dabei war, in ein Parkhaus zu fahren. Weil sich das Fenster nicht mehr öffnen ließ, war sie gezwungen, aus dem Auto auszusteigen, um an den Parkschein aus dem Automaten ranzukommen. Hinter ihr hupte ein Autofahrer, dem das Ganze nicht schnell genug ging. „Du brauchst nicht auszusteigen, du kannst auch einfach das Fenster öffnen!“ brüllte er ihr zu. „War das jetzt ein Heiratsantrag?“ antwortete sie ihm genervt als Antwort entgegen. Früher war mehr Lametta…

Ich weiß, wo du wohnst

Zurück zum Telefon. Früher wussten wir wo unser Telefon stand. Nämlich auf einem gehäkelten Deckchen auf einem Flurtisch. Heute weiß unser Telefon, wo WIR stehen. Und nicht nur das. Mein Handy sendet mir einmal im Monat ungefragt ein Bewegungsprotokoll. Es zeigt mir dann auf, wieviel Kilometer ich zu Fuß, mit dem Rad oder Auto unterwegs war. Ich kann mich nicht mal erinnern, was ich vorgestern gegessen habe und mein Handy fragt mich, ob ich die neuen drei Orte, an denen ich neulich war, bewerten will. Fünf Sterne für den Stadtpark, drei für ALDI? Ich bin wahrlich ein Mensch, der sehr gerne kommuniziert, aber mein Handy „spricht“ manchmal zu viel zu mir. Neulich abend saß ich mit Ralf auf dem Sofa. Ein Fernsehabend am Wochenende. Plötzlich musste ich dreimal laut niesen. Anstatt mir Gesundheit zu wünschen, sprang der Google Assistent in meinem Handy an und fragte mich, ob ich Herbert Grönemeyer hören wollte? Nein, möchte ich nicht. Ich möchte hier nur sitzen! Ich kenne Menschen, die haben für alles eine App. Eine, die an Geburtstage und Hochzeitstage erinnert, eine, in deren Kalender man seinen Menstruationszyklus eintragen kann, eine App, die an Rückrufe erinnert oder die, auf der man seine To-Do-Listen eintragen kann. Das sind Menschen, die besonders laut fluchen, wenn das Handy plötzlich nicht mehr funktioniert. Zum Glück gehöre ich zu den Menschen, die sich Geburtstage merken können. Zur Sicherheit stehen sie alle in unserem Küchenkalender. Unsere To-Do-Liste ist eine schwarze Tafel im Flur, auf der wir mit Kreide vermerken, was die Woche über wichtig ist. Nach 30 Jahren mit Menstruation weiß ich einfach, wann diese eintritt und an Rückrufe musste mich noch nie jemand erinnern. Für mich als an einer Depression erkrankten half die Robert-Enke-App, und auch sonst gibt es sicherlich viele wirklich nützliche Apps, bei denen es nicht im Vordergrund steht, uns etwas vergessend zu machen und somit abhängig von einem Computer zu werden.

Handy im Taufbecken

Bitte versteht mich nicht falsch, ich urteile nicht über Menschen, die solche Apps benutzen. Ich für meinen Teil bin halt nur einfach gerne unabhängig von meinem Telefon und setze lieber auf meinen Kopf als auf eine App, weil ich das Gefühl habe, dass diese Bequemlichkeit mich mehr kostet als nützt. So kenne ich zum Beispiel noch die Telefonnummer unseres Festnetzanschlusses in meiner Kindheit. Ich weiß auch ohne App, an welchem Tag meine Grundschullehrerin Geburtstag hatte und die allerschönsten Momente hatte ich, wenn ich nicht mein Telefon in der Hand hielt. Ich kann mich noch gut an einen Kindergottesdienst meiner Kindergartenkinder erinnern. Ein Kind wurde getauft. Von diesem eindrücklichen Erlebnis bekam ich – in Kirchenbankreihe drei sitzend – allerdings nichts mit, da der Gottesdienstbesucher, der eine Reihe vor mir saß, ständig sein Handy in die Luft reckte, um Fotos zu knipsen. Als er schließlich nach vorne an das Taufbecken ging und sein Handy über das zu taufende Kind hielt, wurde er von der freundlichen Pfarrerin gebeten, dies zu lassen. Schöne Momente behält man im Herzen und nicht in seinem Handy fest. In einem schönen Spruch heißt es: Immer wenn ein Kind vor einem Smartphone sitzt, stirbt irgendwo auf einem Baum ein Abenteuer. Das ist so ein bisschen wie mit dem Garagentüröffner. Wenn Bequemlichkeit ein schönes Erlebnis gar nicht erst stattfinden lassen. In diesem Sinne, ich muss jetzt an mein Handy, um zu sehen, wie ich den Bewegungsprotokollschreiber und den Google Assistenten ausgeschaltet bekomme.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende. Bleibt gesund oder werdet es. Herzliche Grüße, Steph ❤

4 Kommentare zu „Fortschritt

  1. Je mehr ich gerade von Deinem Text las, liebe Steph, um so öfter musste ich zustimmend nicken. 🙂
    Als die Handy-Flut über uns hereinbrach, bemerkte mein Vater ganz lakonisch: „Nur Dienstboten müssen immer erreichbar sein!“ Mein Handy nutze ich nur zum telephonieren. Es war ganz billig. SAMSUNG von Saturn für 14,99 Euro. Und nix WhatsApp oder so´n Kram. Dafür hält der Akku ungefähr eine Woche! 😎

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